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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Zweiter Akt

Erste Szene

Eine Halle im königlichen Schlosse zu Upsala. – Es ist noch früher Morgen

(Der Kanzler Friedrich von Gothland und der Graf von Arboga begegnen einander.)

Arboga.
Herr Kanzler!

Kanzler.
Was soll ich?

Arboga. Bin ich im Ernst
Verurteilt tausend Goldstück Strafe zu
Erlegen?

Kanzler.
Ja, im vollsten Ernste. Freut Euch,
Daß Ihr auch diesmal gut davongekommen!

Arboga.
Ei! gut davongekommen!

Kanzler.
Gnade ist für Recht
Ergangen! dankt es Euren milden Richtern!

Arboga.
Mein Dank soll sein wie ihr Geschenk!

Kanzler.
Sacht, Herr, sacht!
Tobt nicht zu laut; erweckt nicht das
Gedächtnis Eurer Taten!

Arboga.
Was wüßtet Ihr von meinen Taten?

Kanzler.
Neun Jahre sind es nun, daß der Graf Sture
Erschlagen ward im Föhrenwalde bei
Stockholm!

Arboga (mit grinsendem Lächeln).
Ja, dort biß er ins Gras! – – Was soll
Der mir?

Kanzler.
Fluch seinem Mörder!

Arboga.
Kennt Ihr den?

Kanzler (faßt ihn bei der Schulter).
Ja, Graf, wir kennen ihn!
(Da Arboga ruhig stehen bleibt.) O deine Seele
Ist dumpf und dein Gewissen ist an Blut
Gewöhnt! – Zahl' ohne Murren deine Strafe,
Und freu dich, daß des Königs Gnade dir
Die Regimenter ließ!

Arboga.
Des Königs Gnade!
Des Königs Not! – Da sich der Herzog Gothland,
Eur Bruder nicht zu rühren scheint, so bin ich
Der Einzge, der die Finnen hemmen kann;
Das zwang Euch, mir den Feldherrnstab zu lassen;
Drum neckt mich nicht, sonst möcht ich ihn Euch vor
Die Füße werfen, und ich fürchte, daß
Sich niemand finden würde, der ihn aufnähm!
Bedenkt das! (Er geht ab.)

(Der Kanzler bleibt nachsinnend im Vordergrunde stehn; der Herzog Gothland tritt im Hintergrunde auf.)

Gothland.
Bruder!

Der Kanzler (aufblickend).
Theodor! Sei mir Willkommen!

Gothland (des Kanzlers Umarmung abwehrend; halblaut).
Schwerlich bin ich das. – – Warum
Erschrakest du, als du mich sahst? Scheu ist
Die Sünde!

Kanzler.
O es war der Freude Schrecken! –
Dich hatt ich nicht erwartet! – Sieh, noch ists
Nicht Tag; woher kommst du so früh?

Gothland.
Ich komme – – – Still davon! – – Gedenkst du auch
Noch oft der feierlichen Stunde, als wir
Drei Brüder, Manfred, du und ich, auf
Der Morawiese, unter Denkmälern
Der Urzeit stehend, hochbegeistert,
Im Angesichte der gestirnten Nacht,
Uns Freundschaft schwuren für die Ewigkeit?
Wir streckten betend unsre Hände zu
Dem großen Vater aller Liebe aus,
Ihm dankend, daß er uns zu Brüdern schuf!

(Er hält ihn fixiert.)

Kanzler.
Es war 'ne schöne Stunde!

Gothland.
'Ne schöne Stunde!
'Ne schöne Hure! Mehr war es
Dir nicht? Also 'ne schöne Stunde nur?
Ha, wo ist Manfred?

Kanzler.
O frage nicht!
Er ist dahin!

Gothland.
O Friedrich, Friedrich, wo
Ist Manfred, unser Bruder?

Kanzler.
Tröste dich;
Er harrt auf uns im beßren Lande.

Gothland.
Sahst du
Ihn sterben?

Kanzler.
Leider sah ichs!

Gothland.
Und du lebst?

Kanzler.
Im Trau'rgewande!

Gothland.
Manfred hatte Geld;
Wo ist sein Geld geblieben?

Kanzler.
Geld?

Gothland.
Wo blieb
Sein Geld?

Kanzler.
Ich weiß von keinem Gelde.

Gothland.
Was
Geschieht mit seinen Schlössern? seinen Gütern?

Kanzler.
Vorläufig habe ich sie in Besitz
Genommen.

Gothland.
Ei, da hast du sehr geeilt;
Du scheinst nach ihnen große Gier
Zu haben!

Kanzler.
Bruder!

Gothland.
O verzeihe; – gib
Mir deine Hand! (Des Kanzlers Hand betrachtend.) Daß manche Wölfe
Doch so zarte Klauen haben!

Kanzler.
Ich versteh
Dich nicht!

Gothland.
Ich frage dich, wo Manfred blieb;
Gib ihn mir wieder!

Kanzler.
Kann ich
Die Toten auferwecken?

Gothland.
Nein! –
Das solltet ihr bedenken, wenn
Ihr mordet!

Kanzler.
Mordet?

Gothland.
Fürchte mich,
Denn ich bin Manfreds Bruder!

Kanzler.
Und ich auch!
– – Ich habe stets gewähnt,
Der große Gothland, der die Völker all
Besiegte, könne auch sich selbst,
Das eigne Herz besiegen!

Gothland.
Freilich, du hast
Das dein'ge bald besiegt! – – – Wehrt' er sich lange?

Kanzler .
Wer?

Gothland.
Ich hätt es wenigstens schnell abgemacht;
Doch langsam töten alle Katzen!

Kanzler.
Jetzt will ich wissen, was du meinst!
Wird endlich die Erklärung dir belieben?

Gothland.
Fragst
Du mich? Du magst
Die Wände deiner Burg zu Northal fragen,
Wo du mit Manfreds Blute angeschrieben,
Daß Bruder durch den Bruder ward erschlagen!

Kanzler (hochentrüstet).
Ein Bösewicht hat das gesagt,
Ein Bösewicht hats ihm geglaubt!

Gothland.
Die Schmähungen verzeih ich;
(mit abgewandtem Gesicht) nur rat ich dir,
Flieh fort, eh sich die Morgenwolken röten;
Besteig dein Roß – Mir grauet, dich zu töten!

Kanzler.
Mich töten?

Gothland.
Flieh!

Kanzler.
Vor 'nem Verrückten?

Gothland.
Flieh!

Kanzler.
Weshalb?

Gothland.
Weil ich dich drum beschwöre!
Du weilst? – Wohlan denn, hör mich, Schweden, höre!
Auf, Schwedenkönig, komm mit deinen Grafen!

(Der König Olaf, Holm, Arboga, Skiold und andere treten auf.)

König.
Was gibts?

Gothland.
Es gilt die schwärzste Untat zu bestrafen!

König.
Ihr, Gothland, seids? Willkommner ist mir
Niemand. Nehmt ein den Platz, der Euch gebührt,
Dem ersten Feldherrn meines Reiches.

Gothland.
Nicht
Als Feldherr, – als ein Kläger steh ich jetzt
Vor dir. Der Kön'ge höchste Ehre
Ist die Gerechtigkeit; Gerechtigkeit
Ists, die ich von dir fodre!

König.
Fodre sie.

Gothland.
Im Namen Manfreds, des Ermordeten –

Alle.
Ermordeten?

Gothland.
Entsetzt euch nicht zu früh,
Denn das Entsetzliche ist noch zurück!
(Auf den Kanzler deutend.)
Der da, mein Bruder und der seinige,
Doch in der Tat
Ein Eingeweidewurm im Herzen der Natur,
Hat ihn um Mitternacht,
In Gier nach Ländern, Geld und Gütern
Auf seiner Burg zu Northal mit der Axt
Erschlagen!

König.
Was? der Kanzler?
Er hätte –!

Gothland.
Ich klag – – – Ich klag
Ihn an auf Brudermord!

Kanzler.
Er ist toll
Geworden! Sperrt ihn ein, damit er keinen
Beißt!

Gothland.
Hört ihr seine kecke Zunge?
Erkennt ihr nicht die Frechheit des Verbrechers?
– Gebt mir Gericht!

König (nach kurzem Nachdenken).
Das weigre ich fürerst.

Gothland.
Du weigerst es? Du weigerst mir, was man
Dem Bettler nicht versagt? Denk, Herrscher, denk
An deine Pflicht! Ihr Könige seid die
Gewaffneten Erklärer der Gesetze, –
Ihr habt das Schwert, um sie mit ihm zu schützen, –
Mißbraucht es nicht, um die Bedürftigen
Von ihnen abzuwehren!

Skiold.
O mein Sohn!
Gedenke deines Weibes, meiner Tochter;
Du stürzest sie und dich in das Verderben!

Gothland (zu Skiold).
Gerechtigkeit, stürzt auch der Weltbau ein!
– Gebt mir Gericht!

König.
Ich weigere dein Unglück!

Gothland.
Unselges Schwedenland! sein König hat
Mit Brudermördern sich verbunden
Und schweigend stehen seine Großen da
Und dulden es!

Holm (zum Könige).
Herr, diesen Vorwurf
Kann ich nicht tragen, drum gewährt ihm sein
Begehr.

König (zum Kanzler).
Ihr schweigt?

Kanzler (düster).
Ich fürchte kein Gericht.
Gebt ihm, was er verlangt.

König (zu Gothland).
Ihr wollt es noch?

Gothland.
Ich kann nicht anders! ja!

König.
So habt es denn!
– Doch nochmals warn ich Euch;
Denn ungeheur ist Eur Beginnen
Und meistens ist das Ungeheure
Zugleich auch sündlich!

Gothland.
Nur nicht hier!
Er hat den Bruder mir erschlagen,
Damit hat er auf Bruderrecht verzichtet!
Wie ich jetzt handle, werde ich gerichtet!

König.
Es ehrt der Mensch des Blutes heilge Bande!

Gothland.
Die Freveltat zerreißt ein jedes Band!

König.
Ihr stürmet aus dem Gleise der Natur!

Gothland.
Dein Kanzler ging vorauf, ich folg ihm nur!

König.
Genug!
(Zu den schwedischen Großen.) Seid Richter! Schwört gerecht zu richten,
So weit es schwache Sterbliche vermögen!
Ich schwöre es bei meiner Königspflicht!

Holm, Arboga, Skiold und andere.
Wir schwören es!

König.
Beginne, Kläger.

Gothland.
Ihr kennt doch des Orestes traurig Los?
Es ist das meine! – Laßt mich
Mein unglückseliges Geschäft so schnell
Vollenden, als mir möglich ist; ich will
Die vielen Anzeigen verschweigen,
Die nach und nach in mir Verdacht erregten
Und gleich zu der Entscheidung eilen. –
– Der Kanzler war mit einem einzgen Knechte,
Mit Rolfen nur bei Manfreds Tod zugegen –

König.
Ists so?

Kanzler.
Ja.

Gothland.
Manfred muß also von ihnen
Ermordet sein, wenn er wirklich ermordet ist,
Und daß ers ist, hab ich gesehn.
Denn hört: als ich – –

König.
Was zauderst du?

Gothland.
O könnt ich hier doch ewig zaudern!

König.
Jetzo kommt das zu spät; fahr fort!

Gothland.
An den beeisten Nordpol stellt
Mich hin, wo nichts mehr grünet, nichts mehr lebt,
Wo Meer und Menschenherzen, welche sonst
Sich stets bewegen, aufgehört zu schlagen;
Dort, wo Erdteile von Eisfeldern
Jetzt allgewaltig ineinander wachsen,
Als wollten sie auf Ewigkeiten sich
Vereinen, und im nächsten Augenblicke
Sieh wieder voneinander donnernd trennen
Und wechselseitig sieh zermalmen, ganz
Wie Menschenherzen, dort nur möcht es sein, wo
Ich für die grause Mär, die ich erzählen
Soll, Glauben fände bei des Eismeers Schrecken!
(Gegen die Tür gewendet.) Erik!

(Erik tritt ein.)

Gothland (zum Könige).
Gewiegt von Zweifeln zwischen Höll und Himmel
Mach ich mich gestern abends auf
Und reite bei Kometenschein nach Northal,
Um selber Manfreds Leichnam anzuschaun.
Mich griff Entsetzen, als ich ihn erblickte!
Vom Mörderbeil sah ich sein Haupt zerschmettert!
Mein Zweifel schwand, der Brudermord ward mir
Gewiß, mein Glaube an das Heiligste
Verließ mich – und der Neger weinte!

Holm.
Was für ein Neger?

Gothland.
Der Berdoa.

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