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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Dritte Szene

Das Innere des Domes zu Northal. Im Hintergrunde ist die Eingangstür; rechts führt eine andere Tür in das Stammbegräbnis der Herzoge von Gothland

(Die Eingangstüre wird aufgeschlossen; Berdoa, welcher eine Axt in der Hand hält, Irnak und Rolf treten ein.)

Rolf.
Wir sind im Dome.

Berdoa.
Leise, wie die Schlangen!

Rolf.
Horcht! horcht!

Berdoa.
Was bebst du?

Rolf.
Greulich heult der Wolf
Im Waldgebirge!

Berdoa.
Passende Musik
Zum greulichen Geschäfte! – Zeige mir
Das Grabgewölb.

Rolf .
O bleibt davon! Es schlug
Schon zwölf; die Toten steigen aus den Särgen
Und wandern durch die Erde, eingehüllt
In Mitternacht!

Berdoa.
In Mitternacht? So ist
Die düstre Stunde wieder da, worin
Ich mein Gelübd erneuere. – – Der Glanz
Des Mondes und der Sterne ist erloschen
Und Finsternis bedeckt die weiten Räume,
Als hätte sich der Satan aufgerichtet
Und würfe seinen Schatten durch das All!
(Die Hand zum Schwur ausstreckend.)
Nie will ich mich erfreun, nie will ich lachen,
Als wenn ich Europäer leiden sehe!
Kein Schlaf soll mir am Abend jenes Tages nahn,
An welchem ich nicht Einen dieser Brut
Erwürgte! Auf jedes, jedes Glück
Des Himmels und der Erde leiste ich
Verzicht, Ermordung nur der Europäer
Sei meine Seligkeit! Ihr Wimmern sei
Mir Wonnelaut; ihr Blut mein Wein; ihr Tod
Mein Leben, ihre Freude meine Hölle!

Irnak.
Ein schreckenvoller Schwur; schwer müssen Euch
Die Europä'r beleidigt haben!

Berdoa.
Ja,
Das haben sie! – Um meine Wut zu stacheln
Und sie von neuem anzufrischen, will ich
Die schändliche Geschichte dir erzählen!

Ich war von Afrika, dem Land der Sonne,
Gen Asien geschifft; es griffen uns
Italische Korsaren, – (es war grad
Um Mitternacht, wie jetzt, nur schien damals
Der Mond dazu;) sie schlugen uns in Ketten
Und hießen mich 'nen Sklaven! – Da begann ich
Mit meinen Zähnen Zorngesang zu singen;
Mit meiner Kette schlug ich den zu Boden,
Der sich zu meinem Herrn aufwarf, und mit ihm
Seine Gesellen! – Leider ward ich nur
Zu bald durch Vieler Übermacht bezwungen, –
Nun marterten und geißelten
Die weißen Teufel mich bis auf das Blut;
Ich bat, ich schrie, ich wimmerte
Um Menschlichkeit! Umsonst! Ich wand mich vor
Dem Abschaum unseres Geschlechts im Staube, rief:
Erbarmet euch! ich bin ein Mensch! »Du wärst
Ein Mensch?« (hohnlachten sie mich an) »du bist nur
Ein Neger!«
und wütger als zuvor
Verdoppelten sie meine Qual! Vor Schmerz,
Vor Angst, vor Zorn quoll feuersprühnd der Schaum
Aus meinen Lippen, und
Wie kochend Wasser sprudelte der Schweiß
Aus meinen Poren! Als sie das bemerkten,
Statt Mitleid zu empfinden, jauchzten sie
Und trieben meine Qual ins Ungeheure,
Damit ich nur noch mehr, noch wilder geifre!
Und als ichs tat, da fingen sie den Geifer
In ihren Schalen lechzend auf, um nun aus ihm,
Den die Erbosung eines Menschen würzte,
Das tödlichste von allen Giften, die
Erfunden sind, Aqua Toffana zu
Bereiten! – Wäre ich ein Teufel,
So hätte diese Stunde mich dazu gemacht! –
Die Weißen haben mich für keinen Menschen
Erkannt, sie haben mich behandelt, wie
Ein wildes Tier; wohlan, so sei's denn so!
Ich will 'ne Bestie sein! die Schuld
Auf ihre Häupter, wenn ich sie nun auch
Nach meiner Bestienart behandle! – – –

Kurz sag ich, wie's mir später ging. Ich ward
Verkauft an einen Griechen, der mit mir
Durch seine Heimat und nach Rußland zog –
Er hatte seinen Tod gekauft! er erfuhrs
Als wir bei Moskau einsam durch die Heide ritten! –
(Zu Irnak.) – Jetzo hast du den Grund von meinem Haß
Auf Europä'r gehört – (Zu Rolf.) Wer sträubt sich, wenn
Ich diesen höchst gerechten Haß vollstrecken will?
Zeig mir das Grabgewölb!

Rolf (auf die Tür rechter Hand deutend).
Die Tür führt Euch
Hinein.

Berdoa.
Schließ sie auf.

(Rolf tut es.)

Berdoa (zu Irnak).
Wach indessen an
Des Domes Eingang. (Zu Rolf.) Geh voraus und zeig
Mir Manfreds Leichnam.

(Rolf, vor Furcht zitternd, geht mit Berdoa ins Grabgewölbe. Eine bedeutende Pause tritt ein; dann stürzt Rolf voller Schrecken wieder hervor.)

Rolf .
Totenschlächter! Grauser,
Entsetzenvoller Totenschlächter!

Berdoa (auf einen Augenblick an der Tür des Grabgewölbes erscheinend).
Laß
Den Buben nicht entwischen, Irnak!

Rolf .
Hinweg!
Die Leichen röcheln!

Irnak.
Halt! zurück! Was gibts?

Rolf.
Wahnsinn ergriffe mich, wenn ichs erzählte!
O zürnt nicht mir, entweihte Toten!

Irnak (ruft).
Feldherr,
Ich höre Rosseshufen! Gothland kommt!

Berdoa (kommt aus dem Gewölbe).
Er naht zur rechten Zeit! – Die Türen in
Das Schloß geworfen! Wissen darf er nicht,
Daß jemand vor ihm hier gewesen!

Herauf, du Hölle! steh mir bei und hauch
Ihn an! umneble ihn mit deinem Dampfe!
Fort!

(Er geht mit Irnak und Rolf ab; die Eingangstür wirft er hinter sich ins Schloß. Pause.)

Gothland (hinter der Szene, an die Eingangstür schlagend).
Sprengt die widerspenstgen Pforten!

(Die Tür fliegt auf, Gothland tritt rasch ein; hinter ihm Diener mit Fackeln, unter denen man auch den Erik bemerkt.)

Gothland (auf die Tür des Grabgewölbes zeigend).
Dort ist
Das Stammbegräbnis meines Hauses! Gebt mir
'Ne Fackel! – Sollt ichs finden, wie ich fürchte,
Dann Blitze tötet mich noch jetzt, bevor
Ich es gesehen habe! –

(Gothland geht in das Grabgewölbe; Erik folgt ihm; nach einer kurzen Pause kehren beide zurück; Gothland, ohne Fackel, hat ein bloßes Schwert in der Hand, sein Gesicht ist vor Schrecken und Zorn entstellt, seine Augen rollen.)

Gothland.
Flucht eurem Lose, daß ihr Brüder habt!
Ihr habt sie, daß ihr Brudermord erlebt!
Preist selig euch, ihr Blindgebornen! euch
Verschonte eine gütge Gottheit mit
Dem Anblick menschlicher Verruchtheit!
(Trompetenstöße hinter der Szene.) Was
Bedeutet diese Kriegsmusik?

Erik (der an den Eingang des Domes getreten ist).
Der Vortrab
Der finn'schen Reiterei, begriffen auf
Dem Marsche nach Upsala, sprengt in Northal
Ein.

Gothland.
Geh, frag ob der Mohr dabei ist; ist ers,
So ruf ihn her zu mir!

Erik.
Wie, Herr?

Gothland.
Fürcht dich nicht!
Geh und ruf ihn! (Erik geht.) Das tat ein Bruder! Was mag
Nun Einer, der kein Bruder ist, erst tun?
Ich lange an mich vor mir selbst zu fürchten!

(Berdoa, Irnak, Rolf und Erik.)

Berdoa (beiseit; den Herzog betrachtend).
Ha, dieses ist ein anderes Gesicht
Als das, mit welchem er hineingegangen!
Dies aufgerißne Auge lechzt nach Mord!
(Heimlich zu Irnak.)
Ist mein Befehl vollzogen? Ist das Leichenweib
Erdrosselt?

Irnak.
Ihre hagre Kehle ward
Auf ewig zugeschnürt.

Berdoa.
Gut; das
Soll späterhin noch seinen Nutzen stiften!

(Er tritt vor; Irnak bleibt mit Rolf im Hintergrunde.)

Gothland (erblickt den Berdoa).
Mohr, lach mich aus; ich war ein Dummkopf in
Der Wissenschaft der Menschenbosheit.

Berdoa.
Herzog,
Ich habe mich bedacht. Jetzt glaub ich selbst
Nicht mehr die Sage, die ich Euch erzählte!

Gothland.
Wie? Haben wir die Rollen umgetauscht? Nun
Muß ich dich überzeugen?
(Auf die Tür des Grabgewölbes deutend.) Geh hinein
Und siehs mit eignen Augen!

(Berdoa geht hinein.)

Gothland.
Wäre ich
Doch nie geboren!

Berdoa (kommt zurück).
Schauer-schauer-voll!
Sah ich die Leiche Manfreds, Eures Bruders?
(Gothland bejaht es stumm.)
Ihr seid der Unglückseligste der Brüder!

Gothland.
Auch er, unmenschlich stets genannt, erzittert!

Berdoa.
Die Felsen selber würden hier erschüttert!

Gothland.
Ein Bruder tats an einem Bruder!

Berdoa.
O,
Das glaub ich nie! Es ist getan, allein
Ein Bruder tat es nimmer!

Gothland.
Wie? war er nicht
Mit einem einzgen Knechte nur zugegen?
– Mein jüngster Bruder hats getan!

Berdoa.
Des Jammers! (Beiseit.)
Wie ich jetzo, so greint, im Schilf des Nils
Versteckt, der Krokodil, und ahmet nach
Des Kindes unschuldvolle Klagetöne,
Um den arglosen Wandrer zu betören!

Gothland.
Nicht wahr? Die Löwen, welche als Charybden
Der Wüste, alles was sich ihnen naht,
Lautheulend niederschlingen,
Verschlingen dennoch nie verwandtes Fleisch, – sie
Zerreißen ihre Brüder nicht?

Berdoa.
Das tun
Sie nicht!

Gothland.
Mein Bruder tats!

Berdoa.
Der Eisbär wimmert!

Gothland.
Sahst ihn auch?

Berdoa.
Wen?

Gothland.
Dort den Erschlagnen!

Berdoa.
Sah ihn! (Beiseit.)
Jetzt, Herzog, heiz ich dir so lange ein, bis daß
Der Rache Flamm dir aus den Augen schlägt!
(Laut.) Wohl sah ich ihn: aschfarb sein ganzer Leib
Von dem Gewürme der Verwesung wimmelnd
Sein Aug –

Gothland.
O seine Augen! sie die mir
So oft gelächelt, meines Lebens Sterne,
Sie starren mich aus ihren tiefen Höhlen
Blind, ohne Glanz und Regung an!

Berdoa.
– sein Haupt –

Gothland.
Sei still davon!

Berdoa.
– sein Haupt!

Gothland.
Bei deiner Zunge,
Sprich Eins nicht aus!

Berdoa.
– an seinem nackten Haupte,
Das seine Locken schon verlor, die Spur von –

Gothland.
Hör auf mir zu erzählen was ich weiß!
Ich sah ja selbst, wie ihm –

Berdoa.
das stolze Haupt
Zerschmettert ist vom Mörderbeil!

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