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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Cäcilia.
O blick umher!
Es sind noch viele, die dich lieben: noch steht
Ein andrer Bruder dir im Kanzler Friedrich
Zur Seite; auch der Vater lebt dir noch,
Der edle Greis; ein Sohn blüht dir am Hof
Des Königs auf, und ewig liebend hängt
An deiner Brust dein Weib! Verzweifle nicht!
Wir alle trauern jetzt mit dir und mit
Uns allen wirst du einst dich wieder freuen!

Gothland.
Mich freuen? Niemals, bei dem ewgen Licht!
Der Frühling kehrt zurück und seine Lieder,
Doch Manfred ging, er kehret nicht,
Und nimmer kehret meine Freude wieder.

Cäcilia.
Sie kehret! glaube mir! hast du gedacht
Ans Wiedersehen?

Gothland.
An das Wiedersehen?
Dank dir! Ein Funke aus den Sternenhöhen
Fällt dieses Wort in meiner Seele Nacht! –
Ja, manches Auge, feucht von Zähren, blickt aus
Der Winternacht des Lebens hoffend zu
Den Sternen – und die Träne rollt nicht mehr!
Betrügt ihr uns um unsre Tränen, oder
Seid ihr es, Sterne! was die Ahnung sagt?
Die lichten Ufer eines beßren Landes?
Und finden über euch sich die
Getrennten wieder? O,
Dann selig all ihr Millionen, die
Ihr unterm Sternenzelte wandelt, selig ihr
Betrübten, welche ihr an Grabeshügeln um
Verlorne weinet!

Cäcilia.
Preis sie selig und
Auch dich! Es lebt in jeder edlen Brust
Ein Bürge der Unsterblichkeit: die Tugend!
Sie ist ewig, und wäre sie es nicht,
So geht sie unter mit dem Hochgefühle,
Daß sie verdienet es zu sein.

Gothland.
Ja, so
Gewiß in Manfreds Brust die Tugend wohnte,
So sicher werde ich ihn wiedersehn! –
Sieh! es wird Nacht; das Abendrot
Verlischt; die Nebelsäulen steigen auf
Wie Traumgestalten; schwermutsvoll und dumpf
Wie Geisterlispel, singt der Abendwind
Der Flur und dem entlaubten Wald das Schlaflied;
Mich dünket, Manfreds Geist umschwebet mich.
Laß mich allein, o laß mich träumen!
Das Träumen ist ja süßer als das Leben!

Cäcilia (beiseit).
Du Geist des Bruders, steig hernieder aus
Des Himmels selgen Höhen; schirm die Deinen;
Schweb schützend über diesem Hause, wehr
Dem Unglück, das ich ahne, senke Ruh (auf den Herzog deutend)
In jene schmerzbewegte Brust!

(Sie geht ab, noch einmal mit der Miene des Mitgefühls auf den Herzog blickend.)

Gothland.
So muß
Ich denn verdorren in der Väter Hallen,
Wie eine Pflanze, der die Sonne fehlt.
Ich werde keine Taten mehr
Vollenden, in der Brust nur kochet mir
Ein gärend Leben.

Berdoa (tritt hervor; für sich).
Jetzt wirds Zeit,
Den Feuerbrand in seine Seel zu schleudern.
(Laut.) Ein irrgegangner Wandrer flehet um
Eur gastlich Dach.

Gothland.
Wie? täusch ich mich? Der Neger?
Fort, eil, daß du zu deinen Finnen kommst,
Du bist in deines Feindes Burg.

Berdoa.
Das Recht
Des Gastes, welches man im Nordland, wie
In Lybias Palmenhainen ehret, schirmt mich.

Gothland.
Die Schurken haben keins. Drum fort von hier
Du Schandfleck deines schnöden Stammes!

Berdoa (wie gereizt).
Freund,
An Schande haben unsre Stämme sich
Nichts vorzuwerfen –

Gothland.
Kühner Lästerer!

Berdoa.
– in meinem Stamm ist noch (halblaut und unverständlich) kein Brudermord
Geschehn.

Gothland.
Was murmelst du?

Berdoa.
Ja, Herzog, ich
Beklage Euch.

Gothland.
Schlimm, wenn Berdoa mich
Beklagt.

Berdoa.
Der Pöbel lästert Gothlands Namen.

Gothland.
Das kann der Pöbel nicht.

Berdoa.
Es gehn von Ohr
Zu Ohr gar fürchterliche Worte.

Gothland.
Sprich sie aus!

Berdoa.
Eur Bruder Manfred, heißt es, sei erschlagen!

Gothland.
Erschlagen?
Hui, meine Faust rollt sich zusammen! Arme,
Wonach zuckt ihr? nach einem Messer! Seele,
Freu dich! nun kann ich wenigstens ihn rächen!
Süß ist die Rach, – hinaus, den Mörder mit
Der Hände Schlingen einzufangen und ihn
Zu opfern Bruder dir! – O wohin irrt
Mein Geist? Ich Tor! ich blinder Tor! Der Neger
Lügt! Manfred starb in Friedrichs Armen!

Berdoa.
In?
Durch!

Gothland.
Weltempörung! Was sagst du?

Berdoa.
Durch!!

Gothland.
Sprichst du von Friedrich, meinem Bruder?

Berdoa.
Der Kanzler Friedrich, Euer jüngster Bruder
Hat Euren andren Bruder Manfred
Ermordet auf der Burg zu Northal!

Gothland.
Entsetzlich! das wär Brudermord! – – Hoho,
Ich lache! Brudermord ist ja unmöglich! Mohr,
Du lügst! Die Hölle hat dich schwarz gebrannt!
– – Und doch! – Wär es geschehen? – Erik! Erik!
(Erik tritt herein.)
Wo ist des Kanzlers Bote?

Erik.
Nirgend find
Ich ihn; er muß das Schloß verlassen haben.

Gothland.
Verdächtig ist mir diese Eile. Sucht ihn auf;
Schickt Reiter aus, ihn einzuholen! (Erik geht ab.)
Wär es geschehen? – Manfred
Stirbt plötzlich; abends ist er noch gesund –
Der Kanzler ist mit einem Diener nur
Zugegen, – reist dann ab, als trieben ihn
Die Furien! – – seit er Kanzler ward
Vergaß er oft der Bruderpflicht, – kalt schlug
Sein Herz von Jugend auf, – er liebt das Geld –
Und Manfred war sehr reich, besaß
Auch viele Schlösser, viele Dörfer; – wir
Zwei hinterbliebnen Brüder
Sind seine einzgen Erben – sollte Friedrich, wahn-
Betört, liebäugelnd mit des Goldes Stücken, ihn –

Berdoa.
Begreift Ihrs nun?

Gothland.
Hyänenwitz mag es
Begreifen, ich begreif es nicht! Bei dir
Zu Haus, am Strand des Senegal,
Dort mag das Brudermorden
'Ne Sitte sein, doch nicht in diesem Norden,
Wo schon der Mensch zum Menschen ist geworden! –
Eil fort von hier! Obwohl ich dich nicht Gast
Kann nennen, so will ich doch selbst den Schatten
Des Gastrechts ehren und dir Zeit gestatten,
Daß du entfliehst, eh ich gerechte Rache
Für Friedrich, meinen Bruder nehme,
Den du mit giftgem Mund verleumdet hast!

Berdoa.
Ob er ihn würgt', ob nicht, ist Eure Sache;
Mir gilt es gleich! – Doch denket meiner, käme
Es aus! – Wähnt Menschen edel, straft mich Lügen!
Gern duld ichs! Möcht Eur Wahn Euch nie betrügen,
Ihr würdet ewig glücklich sein! Lebt wohl!

(Er geht auf den Haupteingang zu; als er aber bemerkt, daß Gothland ihm nicht weiter nachblickt, schleicht er sich in die Seitenhalle zurück.)

Gothland.
Sein Lebewohl kommt mir zu spät! Ich war
Ein Glücklicher, als ich noch seine Stimme nicht
Gehört, er selber hat mich aus dem Wahn
Geweckt! Was sprech ich da vom Wahn? Hoffnung auf
Den Menschen und Vertrauen auf den Bruder
Soll Wahn gewesen sein? Dann Himmel! fleh ich:
Wahnwitzig laß mich bleiben immerdar!

Wohl weiß ich es: Nichts steht auf Erden fest;
Der Mensch lehnt sich auf seine Türme,
Und seine Türme stürzen krachend ein –
Doch wer am Busen seines Bruders liegt,
Der fand die heilge Stätte auf, an der
Er sicher ruhet im Gewühl des Lebens! –

Ein Haus der Freundschaft wölbt sich meine Brust
Und an mir selbst müßt ich verzweifeln,
Wenn ich den Brudermord mir denken könnte!
Ihn denken? Wehe! das vermag ich nur
Zu wohl: 'nen Bruder rächend, kann
Ich einen Bruder töten! – O, wer schafft
Gewißheit mir in dieser Angst? Natur,
Ich frage dich! Erschlug er ihn? – Gottlob,
Er tat es nicht! Ich sehe, wie
Die Wölfe ihre Häupter schütteln! – – – Und wärs doch
Geschehen? O, dann brauset racheknirschend auf,
Ihr Höllenpforten! werde schwarz vor Zorn
Du sonnenhelle Ätherwölbung! Satan
Bäum riesig dich empor vom Feuerpfuhl,
Und wirf die Sternenkuppel aus den Angeln!
Brecht los ihr Stürme, deckt die Gräber auf,
Worin der Mord sein blutig Werk verscharrt hat!
Das Weltgericht ist um Jahrtausende
Gezeitigt und es kommt mit Blitzesschwingen,
Denn »Brudermord« sein Stichwort ist erschollen!
Die Erde ist von heilgem Blut gerötet
Und ein geschminkter Tiger ist der Mensch!

Weh! Weh! zu welchem Ziele wird dies führen?
Ich bete! Hörer mich ihr obern Mächte!
Hört mich, den Wurm, dem man sein einzig Gut
Will rauben! Nehmt Gesundheit mir und Habe, – doch
Den Glauben an die Menschheit, diesen Trost
Des Menschen in den Nöten, ohne den
Es keine Liebe, ewgen Haß nur gibt,
Der mich vertrauen lehret auf mich selbst,
Der mich beglückt, wenn ich mein Weib
Umfasse, der den Menschen menschlich macht,
Den Glauben an die Menschheit raubt mir nicht!
– Gib meine Ruh mir wieder, Neger, und wenn
Du mich in ehrne Banden schlagen müßtest;
Nur meine Ruhe gib mir wieder! – – Ob es
Geschah, ob nicht, kann ich in Northals Dom
An Manfreds Sarg erfahren; also hin,
Mit eignem Aug den Leichnam anzusehn! (Er ruft zum Fenster hinaus.)
Auf, Erik, sattle mir mein schnellstes Roß!
Die Zügel sind nicht nötig! (Vom Fenster wegtretend.) Tod und Qual
Dem Neger, wenn er log!

Erik (tritt auf).
Herzog, Eure
Gemahlin bittet Euch –

Gothland (wieder am Fenster).
Ha, was erblicke ich?
Sieh, drüben über Northals Bergen steht
Blutäugig-funkelnd, flammenhaarumweht,
Gleich dem Medusenhaupte ein Komet!

Erik.
Mit Grausen sehe ich die Nachterscheinung.

Gothland.
Sie hat Bedeutung! weißt du ihre Meinung?

Erik.
Wer weiß nicht, was Kometen künden! Weh
Dem Nordland, über dem er aufgegangen,
Und Wehe uns, wir werden Schreckliches erleben!

Gothland.
Du fürchtest dich vor Kindermärchen, Graukopf!

Erik.
O spottet nicht! So lang ich denke, ist
Noch kein Komet erschienen, welcher nicht
Der Welt Entsetzliches verkündet hätte;
Bald großes Blutvergießen, bald geheim
Verübte, unbestrafte Frevel, wie
Vergiftung, Brudermord und –

Gothland.
Brudermord!
Schweig, Lügner, schweig!

Erik.
Ihr werdet es erfahren!

Gothland.
Was werde ich erfahren, Schurke? Was?

Erik.
Herr, nie bin ich ein Schurk gewesen,
Ich hab Euch dreißig Jahre treu gedient.

Gothland (sich mäßigend).
Es war nicht bös gemeint. Was wollte meine
Gemahlin doch?

Erik.
Sie bittet Euch, heut nacht
Das Schloß nicht zu verlassen.

Gothland.
Sag du ihr,
Ich bäte sie, zu Bett zu gehen. (Erik geht ab.) Licht
Muß ich in diesen nächtgen Zweifeln haben,
Und sollt ich zu der Hölle wandern, um
An ihrer Flamme es mir anzuzünden!
(Er tritt schnell an das Fenster und ruft in den Schloßhof.)
He! sind die Pferde aus dem Stall? Der Sättel
Bedarf es nicht!

(Er will abgehn; Erik tritt aber wieder auf.)

Erik.
Die Herzogin beschwöret nochmals
Bei ihrer Liebe Euch, ihr warnend Wort
Zu hören und die Burg heut nacht
Nicht zu verlassen!

Gothland.
Sag du ihr, ich hätte sie
Gefreiet, um mir Kinder zu gebären,
Nicht aber mich zu warnen, mich zu lehren! (Erik geht ab.)
Nach Northals Dom, wo Manfreds Leiche liegt!
Ob er erschlagen ward, das schau ich dort!
Ist es, (mit heftigem Schauder) dann: Brudermord will Brudermord! (Er eilt ab.)

(Berdoa, Irnak und Rolf kommen aus der Seitenhalle.)

Berdoa.
Hussah! begonnen hat die wilde Jagd!
Nach Northals Dom durch Sturm und Nacht!
Wir folgen ihm! – Liegt Northal auf
Der Straße nach Upsala?

Rolf.
Dicht daran.

Berdoa.
So eilt mit mir, daß wir dem Herzoge
'Nen tüchtgen Vorsprung abgewinnen, denn
Viel früher muß ich drüben sein als er.
– Was zögerst du?

Rolf.
Ich folg Euch nicht! Was
Soll ich in Northal? Ich hab Euch gedient,
Nun gebt mir meinen Lohn!

Berdoa.
Du sollst ihn unterwegs
Erhalten! Folg mir!

Rolf.
Nimmer!

Berdoa.
Ho, daß du
Mir folgst, des sei gewiß, folgst du nun auch
Lebendig oder tot!

Rolf.
O wie entrinn
Ich ihm!

Berdoa.
Still, Schurk, sonst schleife ich dich hin!

(Sie gehen ab.)

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