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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Zweite Szene

Ein Saal in der Burg des Herzogs Theodor von Gothland

(Der Herzog Theodor von Gothland und der Burgvogt Erik treten auf.)

Erik.
Herzog, der Finne naht und vor ihm stürmt
Das Schrecken; flüchtges Landvolk sammelt sich
Im Schloßhof, Dörfer gehn im Feuer auf
Und blutrot flammt der Horizont!

Gothland.
Daran
Erkenne ich die Finnen; doch noch heut
Will ich mit ihrem schwarzen Häuptlinge
Mich messen. Ich erwarte jede Stunde
Die Ankunft Manfreds, meines zweiten Bruders.
Wir brechen auf, sobald er kommt. Sag das
Dem Kriegsvolk.

Erik.
Herr, es ist ein Bote da;
Vielleicht, daß er von Manfred –

Gothland.
Bring ihn mir.
(Erik geht ab. Pause; dann fährt Gothland sehr heiter fort.)
Es schwebt
Ein holder Genius über meinem Leben;
In meinen Brüdern gab er Freunde mir! –
Dich Manfred! liebe ich vor allem! Schon in
Der ersten Morgendämmerung des Lebens,
Zusammen spielend auf dem Schoß der Mutter,
Umschlangen wir uns mit der Freundschaft Banden,
Die in den Schlachten uns umfingen, die von
Den Jahren, die den Erdkreis ändern, nicht
Zerrissen wurden! (Begeistert.) Selig, selig, wer
Den Freund gefunden; nie wallt er einsam auf
Des Lebens Pfaden; zwiefach Leben ward
Sein schönes Los! Die Liebe welkt dahin;
Sie ist auf Irdisches gegründet,
Gemeines ists, wofür sie flammt;
Nur Freundschaft, die die Geister bindet,
Ist ewig wie der Geist, aus dem sie stammt;
Drum strahlt hoch auf des Himmels nächtgem Feld
Der Freundschaft Bild und leuchtet durch die Welt!
Ich meine euch, ihre hellen Dioskuren;
Zugleich, vereinend eure Strahlengluten,
Enttauchet ihr des Meeres dunklen Fluten
Und wandelt durch der Sterne goldne Fluren,
Bis euch das ferne Westgewölk begräbt;
Ihr sterbt vereint, wie ihr vereint gelebt!

(Rolf, der Bote des Kanzlers, tritt ein.)

Gothland.
Hat Manfred dich vorausgesendet?

Rolf.
Nein;
Mich schickt der Kanzler, Euer dritter Bruder.

Gothland.
Bei dem verweilte Manfred, wie er mir
Geschrieben; kommt er bald? mit ihm nur will
Ich siegen!

Rolf.
Manfred siegt nicht mehr.

Gothland.
Was soll
Das heißen, Bote?

Rolf .
Dieser Brief, den Euch
Der Kanzler schreibt, erkläre meine Worte.

Gothland (liest).
»Mein Bruder! Eine Stunde lehret mich, daß auch
Das Edle und das Herrliche vergeht;
Die Erde ist für beides keine Heimat.
Der Bund, den wir drei Brüder schlossen, ist
Zerrissen, und mir fiel das traurge Los
Zu sehn, wie Manfred in der Jahre Blüte
Starb –« – Starb! Ha, ich verstehe euch! Ich bin
Verwaiset! (Auf den Brief blickend.) Nein, das sind nicht Worte, das
Sind Donnerschläge! (Er tritt an das Fenster.) Sieh, es ist Herbst, und an
Der Gelbsucht krankt die sterbende Natur;
Auf öden Feldern heult der rauhe Nord;
Laut rauscht das falbe Laub – es winselt nach
Vergänglichkeit! – Erstorben ist der Lenz
Und seine grüne Blätterpracht verwelkte, –
Das ist zwar traurig, aber auch natürlich,
Weil es die allgemeine Plage ist;
Doch wenn des Nordlands königlicher Hochbaum,
Der Adler Haus und Zuflucht in den Stürmen,
In einer einzgen Nacht von dem Orkan
Zerschmettert wird, das zeugt Entsetzen, macht
Verzweifeln an dem Leben! Manfred tot,
Und (auf Rolf zeigend) eine Kreatur wie die da lebt! (Zu Rolf.)
Entschuldige dein Dasein! – – – Tot! dahin!
Noch fasse ich es nicht! Wann starb er?

Rolf.
Vor
Acht Tagen.

Gothland.
Weshalb bringst du mir so spät
Die düstre Nachricht?

Rolf.
Jeder fürchtete
Sie Euch zu bringen.

Gothland.
Fürchtete? – Sahst du
Ihn sterben?

Rolf.
Leider sah ichs. Ich und
Der Kanzler waren nur zugegen. – Manfred
Kam abends auf der Burg zu Northal
An; beide Brüder feierten bis in
Die Nacht das Wiedersehen. Manfred ging
Gesund zu Bett; am Morgen fanden wir
Im Todeskrampf ihn auf dem Lager liegen.
Ein Schlagfluß hatte ihn gerührt.

Gothland (heftig auffahrend).
Schlagfluß?
Banditenstreich des Todes sag vielmehr! – Auch
Der Himmel mordet! – Doch, sei ruhig Zunge;
Gott schuf mein Herz, – dafür hat er das Recht,
Es zu zerreißen, wann es ihm beliebt.
Ob meine Seele blute, ich gebe mich
In seinen Willen. Klagen darf der Mensch,
Nicht rechten. – Wo ward mein Bruder beigesetzt?

Rolf.
Im Dom zu Northal ruhet seine Leiche.

Gothland.
So eile schnell nach Northal; sag dem Kanzler,
In dieser Nacht noch würd ich ihn besuchen
Auf seiner Burg, um an des Bruders Sarge
Mit ihm gemeinschaftlich zu trauern!

Rolf.
Den Kanzler trefft Ihr dort nicht mehr; er ist
Dem Ruf des Königes gefolgt und an
Den Hof gereist.

Gothland.
Wie? an den Hof gereist?
Hoffeste sollen seinen Gram zerstreuen?
– Bei der Bestattung Manfreds war er doch
Zugegen?

Rolf.
Nein; er ist am Todestag
Noch abgereist.

Gothland.
Das tadl ich! Manfred war
Sein Bruder wie der meine! Handelt so
Ein Bruder? Ihn entschuldigt seine Pflicht
Als Kanzler nicht; die höchsten Pflichten sind
Die Pflichten der Natur! Sehr ehrenwert,
Sehr ehrenwert sind mir die Toten!
Wen ich geachtet habe, da er lebte,
Den ehr ich auch, wenn er gestorben ist! –
– Sag deinem Herrn,
Er möchte lernen von den alten Heiden,
Wie man Verlorene betrauert: als
Der Erste der Hellenen
Vernommen, daß sein Freund gefallen,
Durchdrang sein Klaggeschrei die Götterhallen,
Sein sonst so grauses Auge schwamm in Tränen, –
Vergebens kam
Die hehre Mutter aus dem Meer gestiegen,
Um zu besänftigen seinen Gram,
Vergebens suchten liebliche Najaden
Mit schönverschlungnem Tanz ihn zu vergnügen;
– Untröstlich, seufzend, schluchzend lag er an
Des Pontus tiefaufrauschenden Gestaden,
Denn sein Patroklus war dahin! (Er stürzt fort.)

(Berdoa und Irnak treten auf.)

Berdoa.
Wir beide wären glücklich bis hieher
Gekommen.

Irnak.
Ja, hineingeschlichen in
Das Herz der Burg.

Berdoa.
Still!
(Er erblickt den Rolf und redet ihn an, indem er mit Hülfe der immer mehr zunehmenden Dämmerung das Gesicht verbirgt.)
Guten Abend, Freund.

Rolf.
Ich dank Euch.

Berdoa.
Freund –

Rolf.
Was noch?

Berdoa.
Führ uns zum Herzog.

Rolf.
Den Herzog könnt ihr jetzt nicht sprechen.

Berdoa.
Was gibt es denn? Im ganzen Schlosse sehen wir
Geheimnisvolle Mienen.

Rolf.
Pack dich fort;
Was kümmerts dich?

Berdoa.
Freund, hier ist Geld.

Rolf.
Geld? – Fragt!
Was wollt Ihr wissen?

Berdoa.
Was hier passiert ist.

Rolf.
Nu, eben habe ich dem Herzoge
Die Trauerpost von seines Bruders Tode
Gebracht.

Berdoa.
Der Herzog hatte
Zwei Brüder, – welcher ist gestorben?

Rolf.
Manfred.

Berdoa.
Der Reitergeneral?

Rolf.
Derselbe.

Berdoa.
Sehr,
Sehr jählings hat der Tod ihn weggerafft!

Rolf.
In der Gesundheit Blüte schied er hin!

Berdoa.
Warst du dabei?

Rolf.
Der Kanzler nur und ich.

Berdoa.
Was? Du nur und der Kanzler?

Rolf.
Ja;
Wir fanden ihn in seinem Todeskrampfe
Und hingeschieden war er, als
Das Burggesinde kam.

Berdoa.
Ihr beide ganz
Allein?

Rolf.
So war es.

Berdoa.
Du nur und der Kanzler?

Rolf.
Was soll das wilde Fragen?

Berdoa.
Schurk, dich fangen!
Canaille! ihr habt ihn erwürgt!

Rolf.
Das Wort
Sollst du bereun!

Berdoa.
Wärs erstemal, daß der
Berdoa was bereute!

Rolf (erkennt ihn).
O ich bin
In fürchterliche Hand gefallen! Laßt
Mich gehn, ich rufe Hülfe!

Berdoa (vertritt ihm den Weg).
Soll ich mit
Dem Dolche dir das Maul versiegeln? Laß
Dich handeln; diese einzge Nacht sei mir
Zu Diensten, und mit Säcken Golds beschütt
Ich dich! Du willst nicht? Gut, so lauf, doch sei
Gewiß, dem Herzog meld ich, daß du Geld
Von mir genommen und geplaudert hast; dann
Magst du mit Weib und Kind im Schnee verhungern!

Rolf (nach einer Pause).
Nun, wenn Ihr mich so gut bezahlen werdet,
Wie Ihr versprecht, so bin ich diese Nacht
Der Eurige.

Berdoa.
Sei unbekümmert.
Ich geize nicht; du sollst mit mir zufrieden sein.
(Leise zu Irnak, mit Verachtung auf Rolf deutend.)
Das ist so'n Schurk, der gerne mordete
Und raubte, wären nur die bösen Galgen, und
Die Hölle nicht; aus Feigheit fromm! (Zu Rolf.)Zuerst sag an,
Wer hat den Toten in den Sarg gelegt?

Rolf.
Die Leichenfrau zu Northal.

Berdoa.
Irnak,
Schick gleich hernach zwei Finnen hin,
Die im Geheim das Weib erdrosseln! (Zu Rolf.) Und nun
Erzähle mir, wie sich der Herzog bei
Der Trauerpost benahm?

Rolf.
Wild brauste er
Empor, doch bald bezwang er seinen Schmerz
Mit christlicher Ergebung, – aber als
Er hörte, daß der Kanzler an den Hof
Gereist, bei der Bestattung Manfreds nicht
Gewesen sei, da tadelte er ihn
Voll Zorn, so daß ich fürchte, er gerät
Mit ihm in Zwist!

Berdoa.
In Zwist? So ist er mein!
Ist er in Zwist? Dann, Himmel, halt ihn nur
Zurück, – ich reiße dir ihn aus den Zähnen
Und schleudre ihn dem Abgrund in den Rachen!

Rolf.
Noch –

Berdoa.
Rede nicht; ich weiß genug; du hast
Mir Hanf in Überfluß gegeben, um
Ein Schicksalsstrick für ihn daraus zu flechten! –
Horch! er kommt! – Fort und lauscht! – Ich bin sein Schicksal und
Sein Gott! (Sie ziehen sich in eine Seitenhalle zurück.)

(Gothland und seine Gemahlin Cäcilia treten auf.)

Gothland.
O, laß das Trösten, laß
Das Trösten, du geliebtes Weib! Verwüstet
Ist meine Brust, wüst ist dies Schloß, wüst
Sind jene Fluren, eine Wüste ist
Die Erde, Wüste, Wüste ist die Welt, denn
Mein Bruder ist nicht mehr!

Cäcilia.
Geschehen ist
Das längst Gefürchtete; fast vierzig Jahre
Hast du gelebt und glücklich warst du stets;
Des Unglücks Schuldner warest du geworden;
Du wußtest, daß es seine Rechte fodert!

Gothland.
Ja, Glück ist Sünde – Wehe euch, die ihr
Es wagtet, Glückliche zu sein!

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