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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Berdoa.
Nichtsdestowen'ger bleibts bei vierzehn Dörfern. –
Du redest da, als wär mein Lebenslicht
Schon ausgeblasen; Schwede, sieh dich vor!
Berechne nicht auf Europäerart
Die Nähe meines Todes; denn so schnell
Und kläglich, wie ihr Europäer, denen
Das dürre Fleisch auf dürren Knochen hängt,
Als hinge es am Pranger! deren Haut
Ein Sonnenstrahl zerschindet; die im Gesicht
Die Blässe der Verwesung tragen, daß ich
Aas wittre, wo ich einen eurer Art
Erblicke, – stirbt kein Neger, welcher in
Den Wäldern Afrikas mit Löwen und
Mit turmbeladnen Elefanten
Zur Kraft aufwuchs!

Holm.
Tor, du schmähst das Volk,
Das dir gehorcht, denn auch der Finne ist
Ein Europäer.

Berdoa.
Gott behüte! Das ist
Der Finne nicht; er ist verwandten Stamms
Mit mir. (Mit steigender Stimme.) Der Finne weiß, daß seine Väter
In grauer Urzeit ausgezogen sind
Aus Asiens Steppen; jahrelang sind sie
Gereist; – sie bauten endlich ihre Hütten an
Der Ostsee ewig donnernden Gestaden.
Ihr gönntet ihnen jene Felsenfluren
Nicht: rastlos jagen schwedsche Jäger Wild
Auf finnischen Revieren; schwedische
Korsaren steigen aus an unsren Küsten
Um unsre Dörfer auszuplündern; – arm ist
Der Finn wie Finnlands schneebedeckter Boden –
Der Schwede jagt sein Wild, raubt seine Habe, –
Dafür verheeren jene Sechzigtausend,
Die dort am Strand des Meers die Lanzen schwingen,
Das weite schwedische Gefild! – Finnland
Und Schweden können beide nicht bestehn,
So soll denn eins von beiden untergehn!

Die Finnen (ihre Waffen aneinanderschlagend).
Das Schwedenreich soll untergehn!

Berdoa.
Ich hoff
Es zu erleben!

Holm.
Hoffe nicht so töricht!
Du wenigstens erlebst es nie! Das Meer
Erbarmte sich der Menschheit und zerbrach
Dir deine Rippen; – du hast ausgemordet;
Dein Haupt hängt lahm auf deiner Brust
Und diese, welche sich so oft dem Feind
Entgegenwarf, ist nun zerschmettert; – bald hat
Sie ausgeatmet; fortan riechst du nicht mehr
Den Dampf des Europäerblutes, den du
So gern mit aufgerißnen Nüstern
Einschnobst; – in wenig Stunden freuen sich
Die Guten über deinem Grabe!

Berdoa.
Wohl
Geziemte Freude euch, säht ihr als Leiche mich
Am Strande liegen; gerne möchtet ihr
Mich töten; doch kein Schwede mag es wagen
Mit mir im Schlachtgefild, Mann gegen Mann,
Auf Leben oder Tod zu kämpfen; drum
Stellt ihr mir nach mit höllischen,
Geheimen Künsten; behext
Von euren Priestern war der Balken, der
Mich traf; durch Hexereien wollt ihr mich
Bewältigen, da eure feigen Krieger
Die Furcht entnervt, sobald sie mich erblicken.

Holm.
Hochmütger Neger! feig sind unsre Krieger
Und Furcht entnervt sie, wenn sie dich erblicken?
Vergaßest du den Herzog Gothland?

Berdoa.
Schweig!

Holm.
Erinnre dich, wie Herzog Theodor von Gothland
Dich in der Schlacht ergriff –

Berdoa.
Hör auf!

Holm.
– er ließ
Dich peitschen!

Berdoa.
Wen?

Holm.
Dich ließ er peitschen!

Berdoa.
Rache!

Holm.
Und wie ein Dieb entsprangest du der Haft!

Berdoa.
Ha, Gothland? Wehe ihm! Du sagst
Mir Dinge, die ich nie vergaß! Pest, Tod und Rache! –
Hört ihr es Finnen, wie der Schwede da
Mich höhnt? Fort in den Krieg; halloh, verheert
Die Fluren seines Volks!

Irnak (hält ihn zurück).
Herr, mäßigt Euch;
Ihr seid sehr krank; rote Ringe zirkeln sich
Um Eure Augen; Eure Wang ist angeschwellt
Vom Blut; o laßt fürerst den Krieg! Wie kann
Der Finne siegen, wenn Ihr krank seid? Nein,
Vertragt Euch mit den Schweden, wärs auch nur
Auf Wochen –

Berdoa (in wildem Zorn).
Panther und Hyänen!
Wer sagte das? Vertragen? Weil ich krank bin?
Ha laßt mich los, –
(Er reißt sich von Irnak und Usbek, auf die er sich bisher stützte, los.)
ich bin genesen!
(Zu dem Finnenheere.)
Auf auf, Soldaten! stoßt in die Trompeten
Und feiert laut – – Vertrag? Tod und Verwesung! – –
Auf, feiert meine glückliche Genesung!
(Jubelnde Trompetenstöße hinter der Szene.)
Wer sich mit einem Europä'r verträgt,
Der ist mein Feind!

Rossan.
Und auch der meinige,
Mein großer General!

Berdoa.
Das sprach ein Finne!

Rossan (beiseite).
Und das ein schmutzger Neger!

Irnak (auf Rossan losgehend).
Reißt sie ihm aus,
Die glatte Schlange, eh sie in ihr Loch
Zurückkriecht und von neuem Gift heckt!

Berdoa (für sich).
Gepeitscht? gepeitscht!? (laut) Was gibts?

Irnak.
Der Neidhart da,
Der nichts als Galle weinet, schmeichelte
Euch ins Gesicht, doch als Ihr wegsaht, streckte
Er seine Zunge vor Euch aus! (Zu Rossan.)
Aus deinem Halse reiße ich sie dir
Neidgelbe Katze du!

Rossan (zieht erbost sein Schwert).
Bin ich 'ne Katz,
So krallet hier sich meine Eisentatz,
Womit ich dir den Kopf abkratz!
Meinst du vielleicht, wärst mehr als ich?

(Irnak und Rossan wollen einander anfallen.)

Berdoa.
Halt! Haltet!
Weg mit den Schwertern! Welche Wonne wärs
Dem Schweden, wenn ihr euch erschlüget! – (Für sich, jedoch vernehmbar.) Ja,
Der Herzog Gothland war es!

Holm.
Ja, der war es! Denk
An ihn und zittre!

Berdoa.
Ich soll an ihn denken?
Das will ich!
Sein Weib, sein Kind, sein Vater, seine Brüder,
Ein jeder, der ihn liebt, und er vor allen,
Sie sollen dich, der mich an ihn erinnerte,
Und diesen Augenblick, in dems geschah,
Verfluchen, sollen wünschen, du wärst nie
Geboren, weil dein Mund Schmach, Unglück und
Verderben herrief über Gothlands Haus!
Den Herzog Gothland, der mir furchtbar sein soll,
Will ich zum Kinderspott erniedrigen!
Mein Leben setz ich an das seinige; das Herz
Reiß ich ihm aus und werfs den Hunden vor
Es zu zerfleischen, und vermag ichs nicht, so
Zersprenge Zornwut meine Brust!

Holm.
So Platz denn!

Berdoa.
Schweig, oder niederhauen laß ich dich!

Holm.
Völkerrecht!

Berdoa.
Das kenn ich schlecht! (Aus der Szene rufend.)
Zeit ists! das Finnenheer bricht auf! (Trompeten.) Fort Schwede!
Du weilst schon viel zu lang, – Antwort gab ich dir:
Krieg! – Eile deinem Kön'ge das zu melden,
Sonst meld ichs selbst! Mach fort! Wir sind
Für immer miteinander fertig!

Holm.
Neger, nein!
Das, hoff ich, sind wir nicht, – auf Wiedersehn
Im Schlachtgefild! (Er geht ab.)

Berdoa.
Usbek, der Abend dämmert, –
Laß mir die ersten zwanzig Dörfer brennen
Als zwanzig Leuchten in der Nordlandsnacht!
– Sind deine Reiterscharen in Bereitschaft?

Usbek.
Ich gehe, um darnach zu sehen.
(Er geht ab.)

Berdoa.
Gebt
Mir meinen Damaszener! (Man überreicht ihm den Säbel.) Europa
Verehret diesen Herzog Gothland als
Den ersten ihrer Söhne; – wollen sehn,
Ob nicht ein Neger auch den Größten
Der Europäer überwältgen wird!

(Usbek kommt zurück, eine brennende Fackel in der Hand.)

Berdoa.
Usbek, ein Feuermeer sollst du mir brauen!
Laß Städt und Dörfer lodern, daß die Gluten
Ins Aug mir glänzen, wie die sandgen Flammen
Der Athioperwüste! – Pfui, da steht
Ein Pfuhl vom Abschaum meines Blutes – bringt
Die Hunde her, daß sie es schlecken; jede Spur
Von Krankheit sei vertilgt! – Wetzt meine Dolche!
Wo mag denn dieser Gothland hausen?

Irnak.
Seht Ihr
Nicht jene drei gewaltgen Türme, die
Vom blassen Abendrot beschienen,
Hoch an dem fernen Himmelsrande blinken?
Es sind die Zinnen von der Gothlandsburg,
Die sich auf dunklen, tannumrauschten Höhen,
Nicht weit von Nyköping, erhebt. Dort wohnt
Eur Feind!

Berdoa.
Ich biete Fehde dir, du stolze Burg!
Die Rache soll an deinen Pfeilern rütteln,
Daß deine Türme schwanken wie
Des Kornfelds Halme, wenn der Sturmwind sie durchweht!
– Irnak,
Hat Theodor von Gothland Brüder?

Irnak.
Ja,
Er ist der älteste von dreien; Manfred,
Den zweiten, kennt Ihr als den kühnen Führer
Der schwedschen Reiterei; der jüngste, Friedrich
Dient seinem Herrn, dem Schwedenkönige
Als Kanzler; – Skandinavien bewundert
Die Liebe, welche die drei Brüder stets
Umschlungen hielt.

Berdoa.
Sie lieben sich? Das lieb
Ich nicht! Doch – große Liebe, großer Haß!
(Er reißt das von Usbek hineingepflanzte Panier aus der Erde und übergibt es Rossan.)
Eröffnet ist der Rachekrieg!

Usbek.
Schwingt eure Feuerbrände, Reiter!

Berdoa.
Brav!
Es ist kalt, – an der Feuersbrunst will ich
Mich sonnen!

Irnak.
Gehn wir auf der graden Heerstraß
Nach Upsala vor?

Berdoa.
Nein, die Straße, welche
An Gothlands Burg vorbeiführt, schlagt ihr ein!

Irnak.
Ihr seid ermattet; stützt Euch auf mich.

Berdoa (mit dem Schwerte auf den Boden stoßend).
Nein;
Das Schwert ist meine Stütze! (Er tritt vor.) Gothland,
Verderben schwur ich dir; um Mitternacht
Hab ich mein Wort gelöst! – Du, mächtge Rachsucht,
Bezwing die Krankheit und mach mich gesund!
Ihr Arme! schwellet an zu Riesenschlangen;
Wie die den Tiger, will ich ihn umfangen!
(Die Hand an die Stirn schlagend.)
Kopf! sei ein Krokodilei; so wie dieses,
Gekocht in Nubias Sonnenfeuer,
Blutdürstge Krokodile ausgebiert,
So seien giftger Ränke Ungeheuer,
Zu Gothlands Qual erdacht, durch Zornesglut
Gezeitigt, deine fürchterliche Brut!
(Die Hand auf die Brust schlagend.)
Und du mein Herz! peitsch mich mit wilden Schlägen
Dem, welcher mich einst peitschen ließ, entgegen!

(Er winkt dem Finnenheere zum Aufbruche und eilt ab; sofort beginnt eine orientalische Kriegsmusik.)

Irnak (kommandierend; aus der Szene rufend).
Der Vortrab rücke vor!

Rossan (ebenso).
Soldaten, marsch!

Usbek (ebenso).
Bringt mir mein Pferd! Galopp, ihr Reiter! Nach
Der Gothlandsburg! Brandstätten und zerstampfte Saaten –
Sie zeugen unsrer Rache, unsren Taten!

(Irnak, Rossan und Usbek eilen mit Soldaten ab; die Kriegsmusik währt noch eine kurze Zeit fort.)

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