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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 30
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Letzte Szene

Eine andere Gegend in der Nähe des Schlachtfeldes

Gothland (tritt auf).
Der Neger wird mich nicht mehr auslachen! Eben
Hat er verröchelt! – Ja, und nun? Was soll
Ich nun tun? – Eigentlich sollt ich nun gegen
Den König Olaf, der mit großer Heeresmacht
Mir nach dem Leben trachtet, mich verteidigen, (er gähnt) aber
Das ist mir einerlei. – – Ja ja,
Die Rache an dem Neger war
Das letzte, was mich auf der Welt
Noch interessierte;
Jetzt, da ich sie befriedigt habe, wüßt
Ich nichts mehr,
Was mich noch reizen könnte.
– Sogar des jetzgen Daseins bin
Ich überdrüssig; doch daß ich deshalb
Mich selbst entleiben sollte, dazu ist
Der Tod mir ebenfalls zu gleichgültig. –
(Er steht eine Zeitlang nachlässig da; dann lehnt er sich auf den Stamm einer abgehauenen Eiche und blickt in die Gegend.) Sieh,
Die gelbe Morgensonne ist emporgestiegen
Und saugt die Dünste der
Morastgen Wiesen und der Sümpfe in
Die Höhe. – Auch beginnt der Frühling
Sich überall zu zeigen: Regenwürmer,
Die seiner lauen Witterung
Sich freuen wollen, kriechen aus der Erde,
Und südlich an dem Horizonte kommen
Die Schwäne und die wilden Gänse lärmend
Ins Nordland heimgeflogen. Es scheint
Daß wir 'nen schönen Sommer – (Er gähnt.) Ich bin doch
Recht müd und schläfrig. – Einstens, als
Ich noch ein Jüngling war, da – da – (Er schläft ein.)

Arboga (tritt auf).
Wo werd
Ich ihn denn finden? Ha, da liegt er schlafend!
(Indem er ihn schüttelt.) He! Gothland! Gothland!

Gothland (aufwachend).
Was begehrst du?

Arboga.
Hast
Du diese Nacht, als dich Berdoa
In deinem Zelt umzingelt hatte,
Mich an die Finnen überliefern,
Mich spießen lassen wollen?

Gothland (sich den Schlaf aus den Augen reibend).
Ich
Entsinne mich, daß ich dergleichen sprach.

Arboga.
Ei!
Du sprachst dergleichen! – Und wenn es
Die Finnen angenommen hätten,
So hättest du es wahrscheinlich nicht bloß
Gesprochen, sondern auch vollführt?

Gothland (gähnend).
Vielleicht auch das.

Arboga (in Wut).
Vielleicht auch das! Du frecher Hund, das sagst
Du mir ins Angesicht? Nun, so krepier
Ins Teufels Namen!

(Er jagt ihm den Degen durch den Leib.)

Gothland (an den Boden stürzend, dem Arboga zuschreiend).
Narr! du meinst
Doch nicht, daß du mit diesem Degenstich
Mich ärgerst? Hohoho!
Da irrst du sehr! Ich frage nichts
Nach Leben oder Tod! (Laut hohnlachend.) Nichts, nichts
Frag ich nach Leben oder Tod!
(Mit brechender, ersterbender Stimme.) Und – und
Die Hölle? O, die ist zum – wenigsten
Was Neues, – und ich – wette:
Auch an die Hölle kann man sich gewöhnen!

(Er zuckt mit seinem ganzen Körper noch einigemal krampfhaft zusammen und stirbt.)

Arboga (sich über ihn bückend und seine Stirne betastend, wieder völlig ruhig geworden).
Die Stirne ist ihm kalt, – er ist verschieden. (Geht ab.)

(Kurze Pause. Dann großes Getöse; gleich darauf stäuben die Finnen und die Überreste von Arbogas Regimentern in der zügellosesten, unaufhaltsamsten Flucht über die Bühne. Die Trompeten der Verfolger schallen immer näher und lauter zwischen den Tumult hindurch. Usbek, viele Feldherrn und Hauptleute, ebenso flüchtig wie die übrigen, stürzen herein.)

Die Flüchtigen.
Fort, fort! Der Ostseeküste zu!
Der Ostseeküste zu!

Usbek.
Weh, Wehe! Der
Ruin des Finnenheeres und der Fall
Der finnischen Nation ist da!
Ein Feigling, der das überlebt!

(Er stürzt sich in sein Schwert; mehrere folgen seinem Beispiele.)

Flüchtige.
Die Feldherrn
Stürzen sich in ihre Schwerter, und
Verlassen uns in unsrer Not!

Viele Stimmen.
Flieht, flieht! der Ostseeküste zu!
Der Ostseeküste zu!

(Alle ab. Pause. Unter Triumphmusik und wehenden Fahnen kommen der König Olaf und der Graf Holm, von ihren norwegischen, russischen und deutschen Heeren begleitet.)

König.
Der Sieg ist unser und vernichtet sind
Die Feinde! Preis und Dank
Dem Lenker der Geschicke!

Holm (auf Gothland deutend).
Seht Ihr dort
Den weißgelockten Toten liegen?

König (hinblickend und erschüttert sich wegwendend).
Still von ihm!
Wir können ihn nicht lieben –
So wollen wir ihn zu vergessen suchen!

(Ein Hauptmann und mehrere Soldaten, die den gefangnen Arboga in der Mitte führen, treten auf.)

Der Hauptmann.
Hier bringen wir den Grafen von Arboga;
Er schien sich wenig draus zu machen, daß
Wir ihn gefangennahmen.

König.
Graf,
Ihr wart der pflichtvergessenste
Verräter Eures Königs – Wisset Ihr, womit
Ein solcher Hochverrat gebüßt wird?

Arboga.
Mit
Dem Rade.

König.
Niemals soll man von mir sagen,
Ich sei grausam gewesen – Euer Leben kann
Ich Euch nicht schenken, aber Eure Strafe
Kann ich zur Hälfte Euch erlassen – (Zu einigen Soldaten.) Geht
Und schlagt den Kopf ihm ab!

Arboga.
Meintwegen!

(Er wird abgeführt.)

Der alte Gothland (tritt auf).
Nun? Habt
Ihr den verruchten Buben, den ich mir
Zur Schmach erzeugte, endlich ein-
Gefangen und erschlagen? Oder
Ist er schon wiederum entwischt?

König (führt ihn zu der Leiche).
Er ist
Erschlagen!

Der alte Gothland.
Dank dir für
Die Nachricht!
(Während er den Leichnam betrachtet wird er immer bewegter; er will das »Dank dir für die Nachricht!« noch einmal wiederholen, aber seine Stimme fängt an zu zittern und zu stammeln; endlich mit unwiderstehlich hervorbrechendem grenzenlosen Schmerze.) Dank dir? Dank!
Nein! Fluch, zehntausendfacher Fluch
Auf dich, daß du mir sagtest, daß mein Sohn
Erschlagen sei, und Fluch auf mich, daß ichs
Dir dankte!

Holm.
Weh!
Jetzt kommt es, wie ich es gefürchtet!

Der alte Gothland (über der Leiche liegend).
O
Ich grauer Tor! ich grauer Tor! Zu wähnen,
Der Tod des Sohnes sei mein Glück! Zu glauben,
Daß sich die menschliche Natur, daß sich
Die Liebe, die ein Vater für sein Kind hegt,
Auf ewge Zeit vertilgen ließen! O, um
So länger du die reinen, menschlichen
Gefühle niederringst,
Um so gewaltger richten sie hernach,
Wenn ihre Stunde schlägt, sich wieder auf!

König.
Herzog, ich bitte Euch – bedenkt, vergesset – – Gott,
Er hört mich nicht!

Der alte Gothland.
Ha,
Wo ist mein Schild und meine Lanze? –
– Das Haus der Gothlands stürzt zusammen und
Hört auf zu sein – zerbrochen sei sein Schild, zu Stücken
Sei seine Lanze, (sich den Helm abreißend) Federbusch
Und Wappen sei'n auf immerdar
Von seinem Helm gerissen, – in
Vergessenheit soll es versinken, – und
Ich selber habe es vernichtet!

König.
Tröste dich;
Das Haus der Gothlands ist unsterblich,
Und als das glorreichste im ganzen Norden
Wird es der Zeit zum Trotz in ewgen Liedern
Ewig leben!

Der alte Gothland.
Nun,
Wenn das dein Ernst und nicht
Bloß dein Geschwätz ist, so gebiet,
Daß man den Nachkommen aus diesem Hause,
Der leblos hier am Boden liegt,
Würdig und feierlich bestatte! – Legt
Zum Zeichen seines Heldentums
Das Feldherrnschwert auf seinen Sarg,
Senkt eure Fahnen, und zum Trauerzug
Geordnet, mit umflorten Waffen,
Begleite ihn das Heer!

König.
Ein stilles Grab
An heiliger, geweihter Stätte – das
Ist alles, was ich dir für ihn
Gewähren kann!

Der alte Gothland.
Hoho,
Ich sehe wohl, wo das hinaus will, –
Beiseit, dicht an der Kirchhofsmauer, wollt
Ihr ihn bei Nacht und Nebel
Wie einen Ehrlosen verscharren –
Doch so – und kostet es mir auch das Leben!
So laß ich ihn nicht schänden! – Zieht
Die Degen und nehmt euch in Acht!
Ich stehe in dem Blute meines Kindes
Und es durchglühet mich mit Riesenstärke!
Ihr, ihr habt es gemordet, ihr habt mich
Gereizt, es mit euch in Gemeinschaft zu
Verfolgen, ihr verweigert ihm
Sein Grab – (mit dem Schwerte auf den König und die übrigen einhauend) ihr
Sollt merken, was ein Vater ist, dem man
Den Sohn erschlug!

König.
Halt! Weg mit
Dem Schwerte! Zwing mich nicht, daß ich
Dich mit Gewalt – Nein, Hier hilft nichts andres!
Ergreifet und entwaffnet ihn!

Der alte Gothland (nach einem kurzen, aber heftigen Widerstande überwältigt).
O,
Ich habe keine Söhne mehr,
Sonst dürftet ihr mir das nicht bieten!
Sonst dürftet ihr mich nicht so frech auslachen!

König.
Wir lachen dich nicht aus –
Wir stehen tieferschüttert da,
Und trauern über dein unseliges
Geschick!

Der alte Gothland.
Ihr lachet, da das alte, fürstliche
Geschlecht der Herzoge von Gothland,
Der Glanz des Nordens und sein Ruhm,
Zu Grunde geht? – Ihr lacht? Ihr lacht? –
Ho, weinet! weinet! sag ich euch! Noch oft
Du König! wirst du in den Schlachten
Dich nach den Gothlands sehnen
(mit unsäglichem Schmerze auf die Leiche stürzend) und
Die Gothlands sind nicht mehr! –

(Alle blicken in stummer Rührung auf ihn hin. Der Vorhang fällt.)

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