Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christian Dietrich Grabbe >

Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
Schließen

Navigation:

Erster Akt

Erste Szene

Die Ostseeküste bei Nyköping

Biörn (tritt auf).
Wie? Seh ich recht? Die Küstenwachen fliehn!
(Ein Soldat kommt voller Eile.)
Wohin Soldat?

Soldat.
Ich suche Euch.

Biörn.
Was gibts
Am Ostseestrand?

Soldat.
Der Finne landet!

Biörn.
Landet?
Hoho, hörst du das sturmgeschlagne Meer
An jenen Felsenufern branden?
Den möcht ich sehn, der jetzo wagt zu landen!

Soldat.
Der Finne wagts! Blickt nordwärts!

Biörn.
Ja, fürwahr!
Dort steurt die Finnenflotte! – ha, sie scheitert!
Der Wind treibt sie zur Küste! ihre Masten,
Die sturmzerfetzten Segel schwingend, wanken
Hoch zwischen Meer und Himmel!

Berdoa (hinter der Szene).
Zieht
Die Segel ein!

Soldat.
Hört, hört!

Biörn.
Was war das?

Soldat.
Die Finnenfeldherrn kommandieren!

Berdoa (hinter der Szene).
Werft über Bord die Masten!

Biörn.
Ist
Das nicht der Ruf des blutbefleckten Negers?

Soldat.
Er ist es; bebend hab ich oftmals in
Den Schlachten ihn vernommen!

Biörn.
Horch! schon wieder!

Berdoa (hinter der Szene).
Ihr Finnen! Blöcke Eises, welche sich
Vom Eismeer losgerissen, wirft die Flut
An unsrer Schiffe Bretterseiten; drum
Verlaßt die Schiffe, eh sie euch verlassen;
Nehmt eure Degen zwischen eure Zähne,
Stürzt euch ins wütge Meer, erringt
Der See zum Trotz die Schwedenküste, wagt
Wie ich den Tanz im Wasser! Folgt
Mir nach!

Viele Stimmen (hinter der Szene).
Wir folgen dir!

Biörn.
Weh euch, ihr Städte Schwedens!
Weh! eure hohen Türme werden fallen!
Kein strandbewachend Heer ist aufgestellt,
Nichts dämmt den Einbruch dieser Mörderhorden!
(Zu dem Soldaten.)
Wirf dich aufs Pferd und nach Upsala flieg
Und meld dem Kön'ge, was du hier gesehen!
Leb wohl! – Ich rufe zur Verteidigung
Des Landes schnell die Strandbewohner auf!
Auf! laßt die Feuerglocken tosen, laßt
Die Notsignale weithin lodern, greift
Die Waffen! Bauer, Städter! zu den Waffen!
Die Finnen sind gelandet! Von den Bergen
Und von den Türmen ruft es durch das Land!

(Er geht ab; Stimmen in der Ferne rufen.)
Die Finnen sind gelandet! die Finnen sind gelandet!

(Usbek tritt sehr rasch auf, in der Hand ein finnisches Feldzeichen; Finnen folgen ihm.)

Usbek.
Da stehe ich, zuerst von allen Finnen,
Auf Schwedens Küste, seiner Felsenschwelle,
Und pflanze meines Volkes Schlachtpanier
Der Christenheit zum Hohn in schwedschen Boden!
(Er tut es. – Zu einem Krieger.)
Bewach es mit gezücktem Schwert. – Hier standen
Zwei Schweden; sendet Reiter aus, sie zu
Verfolgen!
(zu den Finnen, die sich im Hintergrunde sammeln.)
Steht!

(Hinter der Szene wird gerufen.)
Den Mohren rettet! Rettet ihn!

Ein Finne (tritt auf).
Herr –

Usbek.
Was bedeutet jener Auflauf?

Der Finne.
Unheil!
Dem Oberfeldherrn schleuderten die Wogen,
Als er zum Ufer schwamm, 'nen Balken
Aus einem Schiffswrack knochenbrechend an
Die Brust!

Usbek.
Ist er gerettet??

Der Finne.
Glücklich ward er
Dem Meer entrissen, doch –

Usbek.
Welches Doch?

Der Finne.
Jetzt droht ein Blutsturz seinem Leben.

Usbek.
Fällt
Der Mohr, so ist auch Finnlands Fall nicht fern.
Die Götter hassen uns! – Wo find ich ihn?

Der Finne.
Seht,
Dort kommt er selbst, von Irnak hergeführt.
»Im Angesicht des Heers«, so sprach er, »will
Ich leben oder sterben!«

(Berdoa kommt, langsam, gestützt auf Irnak – Usbek – Finnen.)

Irnak.
Jetzt steht Ihr vor
Der weitgedehnten Fronte unsres Heers.

Berdoa.
Was sagst du, Irnak?

Irnak.
Jetzt steht Ihr, sag ich, vor
Der weitgedehnten Fronte Eures Heers.

Berdoa (zu Usbek).
Euch Reitern ist wohl manches Pferd ertrunken?

Usbek.
Auch nicht ein einziges, mein Feldherr; schaut, dort
Am Meere halten meine mutigen
Schwadrone.

Berdoa.
Seh es nicht; ein dunkler Flor
Umhüllt mein Auge und raubt mir die Sonne.

Irnak.
Das kommt vom Blut; es stieg Euch ins Gesicht.

Berdoa.
Schweig! mahn mich nicht daran; es meldet sich schon
Von selbst! – Ho, faßt mich! – Da erneuet sich
Der Blutsturz! Luft! Luft, Luft! Zerrissen sind
Mir alle Adern in der Brust!
(Sehr heftig.) O, welch
Erbärmlich Flickwerk ist der Menschenleib!
Jetzt fühl ichs recht, daß mich ein Weib gebar!

Irnak.
Sprecht leis!
Ihr röchelt!

Usbek.
Auf dem Boden, Feldherr, dampft
Dein Blut, – es brennt mir schmerzlich durch das Aug
Bis in die Seele!

Berdoa.
Schwatzt nicht! Helfer! Helft,
Wenn ihr es könnt! Setzt diesem Blutsturz Grenzen, –
Er schwemmt mich weg, – das Eingeweide löst
Sich los, – er höhlt mir Brust und Leib aus,
(in höchster Angst, lautschreiend)
Es ist vorbei mit mir, – wer kann mich retten?

Die Finnen. Weh, Wehe, Wehe!

Usbek (tieferschüttert).
Weh, nur Töten, nichts
Als Töten habe ich gelernt!

Berdoa.
So klag nicht; auch
Mit deinem Töten, Freund, kannst du mir dienen!

Usbek.
Wie könnt ich das?

Berdoa.
Ihr weint um mich, ihr Finnen,
So rächt mich auch! – Ein Held liebt Tränen; doch
Nicht solche wie ein Weib sie weint; die Tränen,
Die roten Wunden, das Geseufz der Feinde
Erfreuen sein Gemüt! – – Hexerei
Der schwedschen Christenpriester – quäl sie Gott! –
Hat mir dies Unglück angetan. Warum
Traf jener Balken grade meine Brust?
Die Pfaffen hatten ihn auf meinen Leib
Gehetzt! Rächt mich an ihnen, Finnen!
Ich, euer Oberfeldherr und eur Oberpriester,
Gebiet es euch als heilge Pflicht; zerschmettert
Mit ihrer Kirchen Einsturz ihre Häupter!

Usbek.
Sie sollen blutge Buße tun, zertreten
Von meiner Pferde mordgewohnten Hufen!

Irnak.
Sie sollen winseln unter diesem Säbel!

Rossan (tritt auf).
Ein schwedischer Gesandter will Gehör.

Berdoa.
Wie? ein Gesandter? Laßt den Schweden kommen.
(Rossan geht ab.)
Der Blutsturz hat mir Leib und Seel empört;
Der Europäer mag sich hüten, mich
Zu reizen. –

(Graf Holm und Rossan treten auf.)

Holm.
Führt euch der Neger an?

Rossan.
Der Pöbel schimpft
Ihn Oberfeldherr. Dort siehst du ihn stehn.
Als er nach Finnland kam, da trug er Fetzen,
Doch jetzt umhüllen Purpurmäntel ihn.
Ein Blutsturz will ihn an den Boden schmeißen.
Beliebts, so red ihn an.

(Sie treten vor.)

Rossan (zu Berdoa).
Der Gesandte. –

Berdoa.
Wer sendet dich?

Holm.
Der Schwedenkönig.

Berdoa.
Reiten
Des Königs Boten auf dem Winde? Kaum
Gelandet, so sind auch Gesandte da!

Holm.
Auch ich dacht euch in Finnland erst zu treffen,
Nicht unterwegs.

Berdoa.
Ha, ich verstehe dich:
Wir haben dir die Reise übers Meer
Erspart.

Holm.
Im Namen meines großen Königs,
Des Herrn und Fürsten dieses Bodens, frag
Ich dich, das Oberhaupt
Der Finnenrepublik, was führet euch
Gerüstet, drohend und mit Heeresmacht
Zu diesen Küsten?

Berdoa.
Gott hat uns geführt!
Er ging den Schiffen gnadenvoll vorauf,
Und ebnete des Meeres rauhe Wege;
Es war Sein Wind, der unsre Segel schwellte,
Und als die Schiffe brachen – Hei, da rührt
Sich mein empörtes Blut!

Holm.
Es straft dich für
Die Gotteslästerung!

Berdoa.
Der Gotteslästrung, Schwede, zeihst
Du mich? Ha, dafür brennen
Noch heute abend vierzehn schwedsche Dörfer!
Usbek, du zündest sie mir an!

Usbek (ruft aus der Szene).
Versehet euch
Mit Feuerbränden, Reiter!

Holm.
Mohr, du stehst
Am Grabesrand; der rohste Heide denkt
In seiner letzten Stunde, wo dies Leben
Zu Nichts, die Ewigkeit zu Allem wird,
An die Vergeltung, sucht voll heißer Reue
Durch Tränen und Gebet die Fürchterliche
Mit seinem Leben zu versöhnen; Neger,
Du hast genug zu büßen; Neger, tritt nicht
Von frischem Mordbrand dampfend vor sie hin!

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.