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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 29
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Fünfte Szene

Gegend in der Nähe des Finnenlagers. Morgendämmerung

(Wildes Gefecht schwedischer und finnischer Heerhaufen. Ferne und nahe Schlachtmusik. – Auf einmal wird es todesstill und die kämpfenden Scharen treten voller Eile weit auseinander. Zwei finnische Hauptleute begegnen sich.)

Erster Hauptmann.
Was gibts? Weswegen stehn die Heere still
Und hören auf zu fechten?

Zweiter Hauptmann.
Weißt
Du's nicht? – Der König Gothland, von
Beserkerwut ergriffen, hat
Die Ketten, die ihn fesselten,
Zerrissen, und die Wachen, die sein Zelt
Umstanden, in die Flucht gejagt!
Berdoa, welcher einen Augenblick
Hinausgegangen war und an
So Unerhörtes gar nicht dachte, stürzt
Beim ersten Lärm dem Losgesprungenen
Gezückten Schwerts entgegen; aber als
Er diesen wie 'nen Rasenden, besprützt
Vom Blut Erschlagner, und das weiße Haar
Gleich einem Leichentuch das Haupt umflatternd,
Auf sich zukommen sieht, – da packt
Ihn jählings gänzliches Verzagen,
Die Waffe fällt ihm aus der Hand – So steht
Er da, bis daß ein Speerwurf Gothlands, der die Stirn
Ihm streift, ihn aus dem Taumel aufscheucht;
Im schnellen Lauf sucht er da zu entrinnen,
Angstschreiend eilt er unsren Scharen zu,
Um unter ihnen sich zu bergen;
Doch diese, wie von überirdischer Gewalt
Getroffen, stehn erstarrt und weigern ihm
Den Zutritt; fluchend rennt er weiter, den
Verfolger immer dicht auf seinen Fersen;
Die beiden Heere aber lassen von
Einander ab und schauen regungslos
Das ungeheure Schauspiel an!

Erster Hauptmann.
Ja, wenn
Berdoa, er, den nichts entsetzen konnte,
Verzagt und hülfeschreiend durchs
Gefilde fliehet, das muß freilich wohl
Ein ungeheures Schauspiel sein! (Geschrei hinter der Szene.) Horch! horch!
Welch ein Geschrei!

Zweiter Hauptmann.
Fürwahr! da sind sie schon!
Das ist Berdoas Angstgeschrei! – Sieh, sieh!
Dort stürzt er her, am Haupte blutend wie
Ein angeschoßnes Wild, und Gothland stürmt
Mit lautem Jagdruf hintendrein! Komm!
Laß sie vorübereilen!
Wer einem von den beiden in
Den Weg zu treten wagte,
Dem möcht das Beten nicht mehr helfen!

(Sie ziehen sich in den Hintergrund.)

Berdoa (mit bebenden Knieen, schwerverwundeter Stirn und blutigem Haupthaar, stürzt von der Rechten zur Linken über die Szene).
Weh! Weh! der Atem geht mir aus!
Ich kann nicht mehr! Schon strickt
Das Netz des Todes sich um meine Füße!
– O wäre ich doch nie aus Afrika
Hieher gekommen! Hätte ich den Furchtbaren,
Der mich verfolgt, doch nie gereizt!
Um Gattin, Brüder, Vater hab ich ihn
Betrogen – Wehe, Wehe, Weh mir, wenn
Ich ihm zur Rede stehn muß! (Indem Gothland rechterhand auftritt.) Hu! da ist er!

(Er flieht davon.)

Gothland (mit der Lanze in der Hand ihn verfolgend).
Hohussa! Negerjagd! Schwarzwildbretjagd!
Schwarzwildbret-Neger-Neger-Jagd! (Ab.)

(Die beiden finnischen Hauptleute treten wieder vor.)

Erster Hauptmann.
Welch gräßliches Ereignis!
Eiskalte Schauder fahren durch
Mein zitterndes Gebein!

Zweiter Hauptmann.
Weh! Sieh! Die Bergwand hemmt
Berdoas Flucht! Er muß umkehren und
Von selber seinem Feinde in
Die Hände laufen – Da! jetzt wird er
Ergriffen – Nein! ein mächtger Seitensprung
Errettet ihn! Fort, fort von hier! Sie kommen
Zurück! (Weichen schnell auf die Seite.)

Berdoa (in entgegengesetzter Richtung als vorher über den Schauplatz stürzend).
O unermeßne, unermeßne Angst!
Die ganze Welt läßt mich im Stiche, und
Der mordbegierge Schwede stürmt
Mir unermüdlich nach! – O fände ich
Doch etwas auf, womit ich seinen Schritt
Verzögern könnte!

Gustav (auftretend und zu Berdoa eilend).
Du! Berdoa!
Was läufst du so? – Ich war
Bei Milchen und vernahm verworrnen Lärm –
Ich bitte dich, was fällt hier vor?

Berdoa.
Heidi!
Da finde ich ja, was ich eben suche!

Gustav.
Bist du verrückt? Laß meinen Rock los!

Berdoa.
Ha!
So wie Medea, übern Pontus fliehend,
In riesenhafter Angst den Bruder würgte
Und ihn, um dadurch den
Ergrimmten Vater aufzuhalten,
Zerstückt auf ihrer Spur
Aussäte,
So würg ich diesen da und werf ihn frisch-
Ermordet seinem Vater in den Weg!

Gustav.
Berdoa! bist du toll? Berdoa! ich
Bin ja dein Freund! dein Freund!

Berdoa.
Das tut nichts! Du
Bist Gothlands Sohn!

Gustav.
Zu Hülfe! Hülfe! Vater, Vater,
Der Neger bringt mich um! Zu Hülfe! Hül –

Berdoa.
Stirb!

(Er erwürgt ihn, wirft ihn auf die Erde und eilt weiter.)

Gothland (kommt im wildesten Nachsetzen).
Hohussah! Negerjagd! Schwarzwildbretjagd!
Schwarzwildbret-, Neger-, Neger- –
(Er stößt auf die Leiche seines Sohns; von Entsetzen überwältigt, fängt er an zu schwanken und kann sich kaum aufrecht erhalten.) Hu! mein – Sohn! –
– Erwürgt! – Der arme, arme Junge! – Böse
Gesellschaft hatte ihn mißleitet,
Doch solchen schweren, qualenreichen Tod
Verdiente er deswegen nicht! –
– Der arme Knabe!
Wie ihm die Brust zerschmettert ist! Wie ihm
Die Finger bluten! (Sich wütend zusammenraffend.) Mord und Pein!
Der Neger ists, der ihn, um mich
In meinem Rachelauf zu unterbrechen,
Erschlagen und mir in
Den Weg geworfen hat! – Ha, schrecklich
Verrechnete der schwarze Satan sich dabei!
Er dachte, daß ich jammernd auf
Der Leiche liegen bleiben und
Den Grimm vor Schmerz vergessen würde! – Just
Als ob ich noch des Schmerzes fähig wäre! –
Und so verdoppelt meines Sohns Ermordung
Statt meines Schmerzes meine Rachsucht, und anstatt
Mich festzubannen und zu lähmen, treibt
Sie mich empor, noch rasender
Und hurtger als bisher den Mörder zu Verfolgen! (Ab.)

(Stille von einigen Augenblicken. Dann hört man den Berdoa weheschreien und eine kurze Weile nachher schleppt ihn Gothland bei den Haaren des Hinterhaupts auf die Szene.)

Berdoa (wimmert; das Blut aus seiner Stirnwunde strömt ihm über das Gesicht).
Gnade! Gnade! Gnade!

Gothland.
Laß das Geheul! Es hilft dir nichts!
Ich habe dich und lasse dich nicht los!
– Komm! Hier! – Hier, an der Leiche meines Sohns
Sollst du mir Rechenschaft ablegen!

Berdoa.
O!

Gothland.
Geraubt hast du mir alles, was ich liebte;
Zum Brudermörder hast du mich gemacht;
Mein Kind, das einst so hold war und so gut,
Hast du an Leib und Seel verderbt;
Den goldnen Frieden meines Inneren,
Die Ehre und den Ruhm, die zeitliche
Und ewge Wohlfahrt hast du mir
Vernichtet, – niemals, niemals werde ich
Mich glücklich fühlen können – Gib
Mir meinen Bruder, gib
Mir meine Unschuld wieder!
Gib meinen Sohn und gib mit ihm zugleich
Mein teures Weib mir wieder! Meinen Ruhm
Und meine Ehre, meine Freuden, meine Himmel, mein
Bewußtsein gib
Mir wieder! wieder! wieder!

Berdoa.
Hätten mich doch
Die durstgen Panther der Sahara
Zerfleischt! Es wäre besser
Gewesen, als wie Diesem in die Hand
Zu fallen!

Gothland.
Zwar ists läppisch und
Vergeblich, wenn man das Verlorene
Betrauert und ich bin der Narr nicht, der
Es tut; vielmehr ist es – – ist es mir ziemlich
Gleichgültig, daß ich Bruder, Weib und Kind
Verloren habe, aber weil ich
Sie an dir rächen will, so soll mir ihr
Verlust höchst wichtig, über alles wichtig sein,
Drum fodr ich dich noch einmal auf, (ihn wild schüttelnd)
Gib sie mir wieder! wieder! wieder! wieder!

Berdoa.
Ich
Vermags nicht! ich vermags nicht!

Gothland.
Vermagst
Du's nicht? Nun, so bereite dich,
Die fürchterlichste Strafe zu
Empfangen!

Berdoa.
Gnade! Gnade!

Gothland.
Meine Gnade ist
Der Mord! – Komm! ich weiß hier in
Der Nähe eine düstre, grausenvolle Höhle;
Versteckt und einsam liegt sie in den Irr-
Gewinden jenes Tals; von keinem Fuß
Wird sie betreten, und ununterbrochen ists
In ihren Räumen stille wie im Grab! Dort
Sind wir allein! (Berdoa schaudert.) Dort will ich dich morden!

Berdoa.
Ich fleh um nichts, als um 'nen kurzen Tod!
'Nen kurzen Tod!

Gothland.
Den schlage ich dir ab!
(Ihn mit starren unerbittlichen Blicken betrachtend.)
An deinem ganzen Körper sehe ich
Kein einzges Glied, das mich nicht schwer
Beleidigt hätte; schmeichle dir nicht, daß
Du eher stirbst als bis ein jegliches
Die Schuld gebüßt hat, welche es an mir verbrochen!

Berdoa.
Herr Gott! Ihr wollt mich doch nicht Glied vor Glied –

Gothland.
Was du verdient hast, das will ich dir tun!
Mit deinen Augen hast du mich verlacht,
Mit deiner Zunge hast du meinen Sohn
Verführt, mit deinen Füßen hast
Du mich gestoßen, – darum klag nicht, wenn
Ich dir die Augen, welche mich verlachten,
Ausreiße, wenn ich dir die Zunge, welche –

Berdoa.
Unmenschlich!
Unmenschlich! Gothland will mir die Augen
Ausreißen! Gothland will
Mir meine Augen ausreißen!
O meine Augen! meine Augen! meine Augen!

Gothland.
Fort,
Daß ich dich Buße lehre!

(Er schleppt ihn mit sich hinweg.)

Arboga (mit Soldaten auftretend).
Der König hat
Den Neger glücklich überwältigt, – unsre Schlacht
Kann sich erneun!

Usbek (mit Soldaten auftretend).
Arboga, haltet! Ich
Verlange eine Unterredung!

Arboga.
Machs kurz!

Usbek.
Seht,
Das weite Kiölgebirge blitzt von Waffen!
Der vorge Schwedenkönig Olaf steigt
Mit großer Heeresmacht an ihm herunter! Statt
Daß wir uns hier bekämpfen und uns schwächen,
Wärs rätlicher, daß wir uns gegen ihn
Als den gemeinschaftlichen Feind
Vereinten, und hernach erst, wenn wir ihn
Bezwungen, an die eigne Streitigkeit
Gedächten!

Arboga.
Darauf laß ich mich nicht ein!
Der König Gothland trug mir auf
Die Finnen auszurotten, und so lange dies
Noch nicht getan ist, hab
Ich mich um alles andre nicht zu kümmern.

Usbek.
Was?
Seid Ihr ein Narr? So pünktlich
Befolgt Ihr die Befehle dessen,
Der Euch verraten hat?

Arboga.
Wer
Hat mich verraten?

Usbek.
Euer König Gothland.

Arboga.
Wie?

Usbek.
Hier
Steht einer von den Hauptleuten, mit denen
Berdoa ihn in seinem Zelt umzingelt hielt – (Zu dem Hauptmann.) Sprich,
Was sagte Gothland, als er sich von euch
Gefangen sah?

Der Hauptmann.
Als wir ihn Bluthund schalten
Und ihm vorwarfen, daß er
Die Finnen habe ausrotten wollen,
Da stellte er sich überrascht
Und rief: »Abscheulich,
Hat etwa der schwarzgallige Arboga
Die böse Laune gehabt?
Er hat oft mörderische Träume;
Dann steht er auf, und schlägt, indem
Er nachtwandelt, die Völker tot! Ich will
Ihn euch ausliefern! Spießt ihn! Ich
Will euch die Mittel angeben, womit
Ihr ihn in eure Hände lockt!«

Arboga.
Das
Ist nicht sein Ernst gewesen!

Der Hauptmann.
Nicht
Sein Ernst? – Ich glaube, daß er Euch,
Wenns unser Wunsch gewesen wäre,
In heißem Öle hätte sieden lassen!

Arboga.
»Ich will ihn euch ausliefern!« »Spießt ihn!« »Ich
Will euch die Mittel angeben, womit
Ihr ihn in eure Hände lockt! – – Ha, ist
Das alles wahr, so möge ihn – Doch still!
(Das Schwert auf dem Boden hin und her wetzend.) Nur
Sehr selten bringt mich etwas aus
Der Fassung, – aber wenn ein Kerl, für den
Ich zwanzigtausend beßre Kerle tot-
Geschlagen habe – – Doch still! (Zu dem Finnenhauptmann.) Ich weiß
Ihr Finnen laßt euch lieber niedermetzeln
Als einen falschen Eid zu schwören – Kannst
Du deine Aussage mit einem Schwur
Erhärten?

Der Hauptmann.
Ja, das kann ich.

Arboga.
Nun so komm
Und schwör! Und dann –

Usbek.
Und dann?

Arboga.
Dann schwöre ich, daß Gothland die
Verräterei, die er an mir beging,
Verfluchen soll!

(Alle ab. Der König Olaf und der Graf Holm, an der Spitze ihrer Heere, treten auf.)

König.
Die Finnen und die schwedischen Rebellen
Ersparen uns den halben Kampf, –
Im mörderischen Handgemeng begriffen,
Vertilgen sie sich selbst! Ein Gott
Hält sie geblendet!

Holm.
Nur noch wen'ge Stunden, und
Der väterliche Thron ist wieder Euer!

König.
Dann
Ist also alles, alles überstanden! –
– Ich fühl mich tief und wunderbar bewegt:
Die Brust klopft mir vor Freude und vor Schmerz!

Holm.
Auch ich fühl mich aufs innigste gerührt! –

(Pause. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne brechen durch die Morgennebel.)

König.
Wie herrlich und wie friedlich dort
Die Sonne aufgeht! Goldner Morgenglanz
Verklärt die taubesäeten Gefilde! –
– Ist heute nicht der erste Mai?

Holm.
Ja, wie
Ein heitres Lächeln schimmert er um Erd
Und Himmel!

König.
Ich konnte diesem Lande
An keinem schöneren, bedeutungsvollern Tage
Wiederkehren! Sieh! der Schnee
Am fernen Hochgebirge ist zerronnen, und
Des Jahres erste Schwäne wiegen
Sich voller Wonne in der Frühlingsluft, –
Allüberall, in dunklen Schluchten und
Auf frischbegrünten Hügeln, sprudeln eis-
Befreite Quellen, schallen Stimmen der
Erwachten Flur, – der Buchenwald
Hat schon sein junges dichtgedrängtes Laub
Entfaltet, – Vogelschlag und Waldbachsrauschen
Enttönen seinem Innern, – tausendsäulig,
Mit seiner Blätterpracht sich selbst
Umschattend, steht er da, ein Frühlingsschloß,
Und über ihm und all
Den Hügeln, Fluren und Gebirgen ringsumher,
Ruht wie 'ne duftge blaue Blumenglocke
Das unermeßliche Gewölb des Himmels! –

Der alte Gothland (tritt auf).
He,
Was steht ihr da und schwatzt? Schnell, vorwärts! vorwärts!
(Laut rufend.) Und dem, der meines Sohnes Haupt
Mir vorzeigt, oder mir zuerst
Die Nachricht bringt, daß er erschlagen ist,
Dem will ich alle meine Habe schenken
Und ihn an Kindesstatt annehmen!

Holm.
Graukopf,
Sag nicht zuviel! Ich fürchte, daß du es
Bereuen wirst!

Der alte Gothland.
Ich werd es nimmermehr
Bereuen! – Vorwärts!

König (kommandierend).
Rücket vor!

(Alle ab.)

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