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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 28
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Vierte Szene

Ein schwedisches Gefängniszelt

(Tocke liegt schwergefesselt auf einem Strohlager. Berdoa, Irnak und die finnischen Hauptleute treten mit Gothland ein.)

Berdoa (zu Gothland).
Dort liegt der Schwestermörder Tocke,
In welchem du dich selbst verurteilt hast;
Der Königsmantel, der dich von ihm unterschied,
Ist abgefallen, und du bist
Jetzt weiter nichts, als das was Er ist: ein Schurke!
Damit du diese Gleichheit recht
Empfindest, sollst du eine Viertelstunde lang
Auf Einer Streue mit ihm liegen
Und dann mit ihm auf Einem Karrn
Zum Richtplatze gezogen werden!
(Zu Tocke.) He! schläfst du?

Tocke.
Was? ist es schon Morgen? Ruft
Der Scharfrichter? Hol ihn der Teufel!

Berdoa.
Ich bringe dir 'nen Kameraden!

Tocke.
So?
Wer ists?

Berdoa.
Der König Gothland, welcher dich
Verurteilt hat!

Tocke.
Hä, und nun selbst
Verurteilt ist? – Führt ihn doch näher, ich will ihm
'Nen Nasenstüber geben!

Berdoa.
Er
Soll mit dir auf der Streue liegen!

Tocke.
Nur zu! Es ist noch Platz!

Berdoa.
Ich fürchte, daß
Er sich nicht gut mit dir vertragen wird!

Tocke.
Ho,
Er sollt's sich unterstehen –
Ich habe ein paar tüchtge Fäuste!

Berdoa (zu Gothland).
Leg
Dich auf das Stroh!

Gothland (zu Berdoa, mit einem tiefbedeutenden, bittenden Blicke).
Berdoa?!

Berdoa.
Nein!

Gothland.
So laß mich niederschmeißen, denn von selbst
Erniedre ich mich nicht!

Berdoa (zu den Hauptleuten).
Tut wie er sagt
Und kettet ihn zugleich am Boden fest!

(Gothland wird neben Tocke auf die Streue geworfen und an den Boden gekettet.)

Tocke.
Na, Bruder Gothland, wie gefällt dirs
Bei mir?

Gothland.
Laß mich zufrieden!

Ein Finne (tritt eilig ein und wendet sich zu Berdoa).
Herr,
Mich sendet Usbek, – er weiß nicht mehr Rat!
Arbogas Truppen fechten wie
Beseßne, unser Lager steht in vollen Flammen –
Die ganze Gegend ist davon erhellt;
Die Hälfte unsrer Leute liegt –

Berdoa.
Still! deine Botschaft könnte (auf Gothland zeigend) ihm den Tod
Versüßen! Komm hinaus! Ich will
Von jenem nahgelegnen Hügel
Das Schlachtfeld überschaun und dich
Mit Aufträgen zurück zum Usbek schicken!
Nachher, wenn das geschehn ist,
So richte ich die zwei Gefangnen da
Mir zur Erholung hin!
Wie einen Leckerbissen, welchen man
Bis nach vollbrachter Arbeit aufhebt, will
Ich sie aufsparen! (Zu den Hauptleuten.) Ihr werdet sie
Derweile scharf bewachen, – stellt Euch rings ums Zelt
Und lasset auch nicht eine Maus entschlüpfen!
Ihr bürgt dafür mit eurem Leben!

Irnak.
Seid ohne Sorgen!

Berdoa.
In wenig Augenblicken bin
Ich wieder da! (Zu Gothland.) Dich überlasse ich
Bis dahin deinen philosophischen
Betrachtungen; es sind die letzten und
Die traurigsten, die du auf Erden machst!

(Mit dem Finnen ab.)

Irnak (zu den Hauptleuten).
Postiert euch um das Zelt!

(Sie gehen alle hinaus.)

Tocke (zu Gothland).
Wir wollen
So lange als die Kerle draußen sind,
Ein wenig miteinander diskutieren!
– Wie geht es deiner Frau? Sie
Sah gar nicht schlecht aus!

Gothland.
Frecher Bube! ist sie deine
Gevatterin gewesen, daß du so
Vertraulich von ihr sprichst?

Tocke.
Ho, Freund, tu nicht
Hochmütig, sonst! – Antworte mir:
Wie geht es deiner Frau? Du schweigst? Wart',
Das soll dir leid tun! – ich liege nicht ganz weich, –
Gib mir von deinem Strohe!

(Er reißt ihm das Stroh unter dem Kopfe weg.)

Gothland.
O mein Kopf!
– Nimm mir das Stroh nicht weg!
(Tocke reißt ihm noch mehr Stroh unter dem Kopfe weg.) Mein Kopf! Mein Kopf!
Lieber Tocke! sei menschenfreundlich!
Die Finnen haben mir das Haupt
Zerschlagen, – sei nicht grausam! reiß
Nicht alles Stroh darunter weg!

Tocke (indem er ihm das letzte Stroh wegreißt).
Was kümmert mich dein Haupt!
(Sich auf die Streu hinstreckend.)
Und nun will ich die kurze Zeit benutzen
Und noch ein Weilchen schlafen! Hüte dich
Mich durch dein Lamentieren aufzuwecken!

(Er schläft ein. Pause.)

Gothland (richtet sich, soweit es seine Ketten verstatten, empor).
Du hasts erreicht, Berdoa! Tief wie ich
Ist keiner noch gesunken! – Hülflos,
Verhöhnt, gefesselt, neben einem elenden
Verbrecher auf der Streue, und von ihm
Gemißhandelt – Erde, schling mich ein! – – Und
Des Negers tückisches Gelächter zu
Vernehmen, sein dicklippiges
Vor Stolz und Spott verzerrtes Maul
Zu sehen, seine Fußtritte
Zu fühlen – O ich zittere vor Scham und Ingrimm!
– Die Meere, dacht ich, hätten zornentbrannt
Aufkochen, Schwedens Felsen hätten sich
Entwurzeln müssen, wenn
Der große Gothland fiele, aber auch
Nicht eine Ameise bewegte sich –
So unbedeutend ist der Mensch! – – Und niemand, der
Mir beisteht, der mich rächt, der sich um mich
Bekümmert – Niemand! Niemand! – Alle, die
Mich liebten sind dahin, – sind – sind von mir
Ermordet! – Brüder – Gattin – Freunde – alles tot!
Ich bin verlassen und verloren! Wenn der Lump hier
Jetzt aufwacht und mich schlägt, – ich muß es dulden, muß
Es ruhig dul – Ha! was
Ergreift mich? Meine Wimpern zucken
Und meine Wangen schmerzen, –
Vergebens suche ich zu widerstreben – Heiß
Und unaufhaltsam wie geschmolznes Blei
Rinnts über meine Wangen, – ich
Muß weinen wie ein Kind! – Jede Missetat,
Die ich vollbracht, und jeder Schmerz, den ich erlitten,
Mein ganzes unglückseliges Geschick
Drängt sich vor mein Gedächtnis, – o,
Ich weine mich nicht satt! – Jetzt, Neger, stell
Dich vor mich hin, sieh mir hohnlachend in
Die nassen Augen
Und triumphiere, daß es bis
Zur Himmelswölbung schallt! Ja, jetzt
Ists Zeit mich auf den Armensünderkarrn
Zu werfen, mir die Armensünderjacke an-
Zuziehen, der Gewalt der Schinderknechte mich
Zu überge – Nein! nein! nein! So
Kann ich nicht untergehen! Dazu bin ich doch
Zu herrlich und zu königlich gewesen!
So schändlich lasse ich nicht mit
Mir spielen! Und meine Hände sind
Gefesselt! Könnt
Ich mich nur noch ein einzigmal erheben
Und wärs auch nur um, meine Tränen rächend, aus
Der Welt zu scheiden! O daß meine Hände
Gefesselt sind! (Mit tiefem Seufzer.) Gefesselt Gothlands Hände! – Doch
Sind Fesseln nicht zerreißbar?
Und was zerrisse nicht die Wut? Ha!
Schon fühl ich meine Stärke, von
Verzweiflung aufgeschüttelt, sich erneuen, und
Unbändig klopfen meine Pulse! Zerriss – zerriss –
(indem er die Ketten mit der gewaltigsten Anstrengung zerreißt und hoch emporspringt)
Zerrissen sind die Ketten
Und nichts, Berdoa, kann dich retten!

Tocke (erwachend).
He, welch Geschrei? Was soll das Lärmen?

Gothland (erwürgt ihn).
Weh dir, daß
Du fragst! Der Löwe hat
Von seinen Banden sich befreit und brüllt
Nach Rache lechzend durch die Wälder!

Irnak und die andren finnischen Hauptleute (stürzen herein).
Holla! was gibt es hier?

Gothland.
'Ne Lanze her,
Den Mohren damit zu verfolgen!
(Er reißt dem einen die Lanze aus der Hand, stößt ihn nieder, und jagt die übrigen in die Flucht.)
Sie fliehn! Nun hält mich niemand mehr zurück
Den Neger selber anzugreifen!
Tod und Verderben allen, die
Mich hemmen wollen! – Auf! durchkreuzt
Die bangen Lüfte und erhellt die Nacht,
Ihr Feuermeteore! Brennt und leuchtet mir
Als Fackeln, Städte! Sonne, steig empor!
Der ganze Erdkreis sehe, was
Für Rache ich mir nehme! – Tief-
Gesunken, flehend, Hände ringend, lag
Ich vor Berdoa auf den Knieen;
Da stieß er ohne Schonung mich mit Füßen –
Ho! dafür muß sein Herzblut fließen!

(Mit geschwungener Lanze ab.)

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