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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 27
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Dritte Szene

Gothlands Zelt

(Gothland und Erik.)

Gothland (steht an der Zelttüre und sieht hinaus).
Die Finnen schnarchen, – stumm und bleich, wie ein
Memento mori glänzt der Vollmond
Über ihrem Lager! Winselnd,
Mit tiefen Wunden an dem Halse,
Werden sie erwachen! – – – Ob es mich
Dann reuen wird, daß ich den Jammer an-
Gerichtet habe?

Erik.
Ganz gewiß!

Gothland (kehrt sich rasch um und stößt ihn mit dem Dolche nieder).
Halts Maul!

Erik.
Das hab ich nicht um Euch verdient!

Gothland.
Das ist
Mir einerlei! (Erik stirbt. – Gothland blickt wieder aus der Zelttür.)
Noch immer bleibt es still –
Arboga zögert lange! (Tumult hinter der Szene.) Ha, da geht es los!

Arboga (hinter der Szene).
Werft Feuer in das finn'sche Lager
Und schlaget alles tot, was euch begegnet!

Usbek (hinter der Szene).
Mord und Verrat! da sind die Schweden!
Jetzt Brüder! wehret euch bis auf das Blut!

Arboga.
Schlagt tot!

Usbek.
Verteidigt euch!

(Der Tumult wird immer lauter.)

Gothland (hinausblickend).
Hei! wie die Feuerbrände zündend in
Die Zelte fliegen! – Nordwind! Südwind! stürmt
Hervor aus euren Höhlen
Und blast die Flammen brausend an!

Arboga.
Schlagt tot!

Usbek.
Verteidigt euch!

Gothland.
Ho, wie
Das Mordgeschrei erschallt! wie die
Gefallnen kreischen! wie
Die Trommeln wirbeln! – O,
Daß ich davon entfernt sein muß!

Arboga.
Schlagt tot!

Usbek.
Verteidigt euch!

Ein schwedischer Soldat (tritt herein).
Herr, schlimme Nachrichten! Arboga hat
Die Finnen, die er schlafend wähnte,
In ihrer vollen Schlachtordnung
Getroffen, und der Neger, welchen Rossan
Enthaupten sollte –

Gothland.
Was? Berdoa?

Der Soldat.
Er
Ist von den Finnen mit Gewalt befreit!

Gothland.
O daß ich doch erkrankt bin!

Soldat.
Horcht!
Da rasseln Tritte von Bewaffneten!

Gothland.
Sieh zu, wers ist!

Soldat (an der Türe).
Wer kommt da?

Berdoa (ihm den Kopf spaltend).
Feinde!

Gothland.
Höll
Und Teufel! Man erschlägt ihn! Da
Will ich doch selbst anfragen! – Wer da?

Berdoa (mit Irnak und finnischen Hauptleuten hereinstürzend).
Ein
Entsprungner Panther!

Gothland (mit dem Schwert auf ihn eindringend).
Solch 'ne Bestie
Durchbohre ich!

Berdoa (ihn auf die Seite schleudernd).
Was will der tolle Alte?

Irnak.
Erkennt Ihr ihn denn nicht? Es ist ja Gothland!
Das Haar ist ihm seit gestern abend weiß
Geworden!

Berdoa (den Gothland, welcher kraftlos in einen Sessel gesunken, betrachtend).
Weiß von Haupt zu Fuß?
Nun hass ich ihn erst über und über! (Indem er auf ihn zugeht.) Gothland,
Du bist verloren!

Gothland.
Hülfe! Wache! Wache!

Berdoa.
Du rufst vergebens!
Die Schweden können dich nicht hören!
Sie kämpfen fern von hier beim Finnenlager
Und ahnen nicht, daß du von uns
Umringt bist!

Irnak.
Bluthund! dachtest du, es wär
So leicht, die Finnen auszurotten?

Gothland.
Wie?
Die Finnen auszurotten?
Abscheulich! – Davon weiß ich nichts! – Hat etwa der
Schwarzgallichte Arboga seine Laune
Gehabt? – Er hat oft mörderische Träume –
Dann steht er auf, nachtwandelt – und
Erschlägt die Völker! – Spießet ihn! Ich
Will ihn euch ausliefern, – will euch
Die Mittel sagen, ihn in eure Macht
Zu locken, – er ist schuld
An allem!

Berdoa.
Niederträchtiger, verrätrischer
Verleumder deines treusten Helfershelfers!
Mit solchen Lügen hoffst du zu entkommen?
Verzweifle! denn dein eigner Sohn
Hat dich an uns verraten!

Gothland.
Wer? – Mein Sohn? – Ja,
Dann werd ich wohl verzweiflen müssen!

Berdoa (indem er ihm die Zeichen der Königswürde abreißt).
Herunter mit dem Königsmantel!
Herunter mit dem Schmuck!

Die finnischen Hauptleute (ebenso).
Herunter mit
Dem Schmuck, herunter mit
Dem Königsmantel!

Gothland.
Sonne! Sterne! löscht aus! (Sich die Haare ins Gesicht streichend.) Haare,
Verschleiert mein Gesicht!

Berdoa.
Nehmt Stricke! Bindet ihn!

Gothland.
Mich binden? binden? Mich, vor dem
Die Heere sanken wie gemähtes Gras?
Mich wollt ihr binden? Lieber reißt mir
Die Arme aus!

Berdoa.
Wenn sie gebunden sind,
Dann wollen wir sie dir ausreißen!

Gothland.
Laß mich
Nicht binden, Mohr! Laß mich nicht binden!
Bedenke, wer ich war – das Herz muß sich dir
Umkehren! Gothland, der Gewaltige, ist krank
Und machtlos deiner Willkür preis-
Gegeben! Laß dir das genug
Sein! – Töt mich, aber laß mich
Nicht binden!

Berdoa.
Bindet ihn!

Gothland.
Mohr, Mohr! ich bitte – (Beiseit.) O hätt
Ich nur den zehnten Teil
Von meiner alten Schlachtkraft noch! – (Laut.) Mohr! (Beiseit.) O,
Daß ich den Schandbuben anflehn muß! (Laut.) Mohr,
Ich bitte dich, laß mich nicht binden!
Verschone meinen Ruhm!

Berdoa.
Ho, stolzer Schwede, hab
Ich dich soweit? Du bittest? – Ich
Verwerfe deine Bitte! – Bindet ihn!

(Sie binden Gothlands Hände.)

Gothland.
O meine Ahnen! O mein Name! Sink
Zu Trümmern, Väterburg!

Einer der finnischen Hauptleute (zu Berdoa).
Herr, dies
Wird mir zu arg! – erlaubt mir, daß
Ich mich entferne, – ich
Sah diesen Gothland gestern noch
So hoch und herrlich auf dem Throne sitzen,
Daß ich es nicht ertrage, wenn er nun
So tief erniedrigt wird! (Er geht ab.)

Irnak und die übrigen finnischen Hauptleute.
Was? Ist der Kerl
Verrückt?

Berdoa.
Er ist empfindsam! Laßt
Ihn laufen!

Gothland.
– Nun? was wartest du und siehst
Mich an? Bring mich doch endlich um!

Berdoa.
Das hat
Noch Zeit! Erst will ich dir die Hölle
Warm machen! (Ihn bei der Schulter ergreifend.) Weißgelockter! Blutbefleckter!
In wenigen Minuten stehst du vor
Dem Richter, welcher schrecklich in
Den Sternenhöhen waltet – – graut dir nicht
Vor deinem Lose? – Hu! einsam,
Das Herz vom Dolch durchstochen, und
Den Ring der Ewigkeit wie eine tausendfach
Verschlungne Hyder um die Brust
Geklammert, in des Abgrunds Nacht schlaflos
Zu liegen, – durstge Schwefelflammen, die
Nach Tränen suchen, in die Augen ein-
Gewachsen, – schmetterndes Geheul ausstoßend
Und nur das eigne Ohr damit
Zerreißend, – nimmer, nimmer, nimmer die
Verscherzten Paradiese, die
Verscherzten Hoffnungen vergessend –
Zur Selbstvernichtung seine Hände ballend
Und ewig sich erschlagend ewig lebend!

Gothland (nimmt seine ganze Fassung zusammen und richtet sich heftig empor).
Nein!
Ich lasse mich von Gott nicht verdammen!
Ich leid es nicht! Ich wehre mich! Gott darf
Mich nicht verdammen! Wenn er mich verdammt,
Verdammt er sich selbst! Ha! weswegen ließ
Er es geschehn, daß ich den Kanzler totschlug?
Was konnte ich davor? Unwiderstehlich ward
Ich dazu hingetrieben! Ich
War nur das Beil, das Schicksal war der Mörder!

Berdoa.
Tor! eure Dummheit ist eur Schicksal! eure
Erbärmlichkeit ist eur Verhängnis!
Wer hieß dich, als ich dich zum Brudermord
Verführte, meinen Worten glauben? Wußtest du
Denn nicht, daß ich dein Todfeind war?
Der blödste Tölpel hätte da Verdacht
Geschöpft, allein der Herzog Gothland
Schöpfte keinen, weil
Er keinen schöpfen wollte!

Gothland.
Weil ich keinen
Schöpfen wollte? – Wenn das wäre, wenn ich den
Geringsten Argwohn hätte fassen können,
Ich aber hätt ihn absichtlich
Nicht fassen wollen,
Ja, dann durchwühle unermeßliches
Verderben meine Seele!

Berdoa.
Höre denn,
Und unermeßliches Verderben wühle dir
Durch deine Seele! Manfred war
Jählings am Schlagflusse verreckt –
Wahrscheinlich hatte er beim Abendschmaus
Zu viel gefressen und es nicht
Verdauen können, – ungeheuer war
Dein Schmerz um ihn; – so traf ich dich; mit großer
Bestürzung, aber mit noch größrer Freude
Vernahmest du, daß er erschlagen sei:
Die Rache für den toten Bruder
War dir ein schmeichelnder, verlockender
Gedanke!

Gothland.
Satan! deute meine
Gedanken nicht ins Schlimme!

Berdoa.
Zwar war Friedrich,
An welchem du die Rache nehmen mußtest,
Dein Bruder auch; doch das hielt dich nicht ab,
Denn er war ja der weniger geliebte!
Du gingst vielmehr sorgfältig allem, was
Dir Aufschluß geben konnte, aus
Dem Wege, warfest Rolfen, weil er den
Betrug gestehen wollte, in das Grab-
Gewölbe, tauftest deine Rachbegier
Gerechtigkeit, verachtetest –

Gothland.
Wenn –
Wenn unter diesen Lügen Wahres wäre – wenn –
Wenn – wenn –

Berdoa.
– verachtetest des Königs Warnungen,
Bliebst taub bei Friedrichs lautem Flehn,
Erwidertest mit Spotte seine Tränen,
Sprachst von dem trauervollen Amt,
Das dir geworden wär, und schlugst
Ihn mit Vergnügen tot!

Gothland.
Vermaladeit
Die Zunge, welche das mir sagt!

Berdoa.
Und als
Dir endlich nun die Schuppen fielen, als
Der rechte Name deiner Untat dir
Nun in die Ohren scholl, – da, statt
In Reue zu zerfließen –

Gothland.
Reue? Reue!
Was konnte sie mir helfen? Sie
Ist fruchtlos!

Berdoa (mit dem Fuße stampfend).
Elender! sie ist allmächtig! Sie
Vermag was keiner, was Gott selbst nicht kann, – das
Geschehne macht sie ungeschehen!
Du aber, weil Verzweifeln leichter als Bereuen
Und Fluchen nicht so schwer als Beten ist,
Verzweifeltest und fluchtest, metzeltest
Die Heere nieder, welche dich
Verfolgten, zogst den Degen gegen deinen Vater,
Entthrontest deinen König, rissest deinen Sohn
Mit dir ins zeitliche und ewige
Verderben, stießest deine Gattin in
Die eisbedeckte Wüste, opfertest
Dem Henkerbeil die schwedschen Großen, würgtest
Den Eltern ihre Kinder, und
Den Kindern ihre Eltern, mordetest –

Gothland.
Es wird
Mir dunkel vor den Augen!

Berdoa.
Wird es das?

Gothland.
Aschfarbne, halbverblichene Gestalten
Umdrängen mich im grausigen Gewimmel, und
Ich atme Grabesdunst!

Berdoa.
Erzittere!
Die Scharen der Erwürgten stellen sich
Zu deiner Todesstunde ein!

Gothland.
Ha!
Die himmellange Frau, die dort
Mit hagerem, erdfahlen Antlitz von
Dem Kirchhof steigt, – wer mag
Sie sein?

Berdoa.
Es ist Cäcilia;
Verwandelt in ein furchtbares Gespenst
Entsteigt sie ihrer Gruft, und tritt
Vor dein Gesicht!

Gothland.
Wie? will der Schlepp, den sie
An ihrem Trauerkleide trägt, denn gar
Nicht endigen? – sie schreitet schon
Im fernsten Horizonte, und
Noch immer rauscht der schwarze Flor
An mir vorüber!

Berdoa.
Ewig wird er dir
Vorüberrauschen!

Gothland.
Ich will nicht mehr hinsehn –
(Indem er auf eine andre Seite blickt, prallt er entsetzt zurück.)
Doch Wehe! was ist das?

Berdoa.
Hoho, was siehst du?
Weshalb prallst du zurück?

Gothland.
Sieh – sieh doch selbst!
Ein riesger Schuldbrief liegt am Ostseestrande, und
Mit roten Schlachtfeldern ist er versiegelt!

Berdoa.
Ja ja! schwerlastend liegt er dort
Mit seinen Siegeln auf der Heide,
Und mir fällt dabei ein, daß es für dich
Nun wohl die höchste Zeit zum Beten ist!

Gothland.
Zum Beten? Beten hieße eingestehen, daß
Ich strafbar bin! Ich bete nicht!

Berdoa.
Mach mich
Nicht grimmig! – bete!

Gothland.
Nein!

Berdoa.
Ich sage dir,
Beug dich vor Gott, und bete!

Gothland.
Nein!

Berdoa.
Beug
Dich betend nieder oder ich zerbreche
Dir das Genick!

Gothland.
Ich beuge mich
Nicht nieder!

Berdoa.
Finnen, zückt
Die Schwerter über seiner Scheitel! – Deine Scheitel
Liegt unter sechs gezückten Klingen –
Ein Wink von mir, und sie ist durch und durch
Zerspalten – Willst du beten?

Gothland.
Nein!

Berdoa.
Nein?
Ho! deine Haare beten ja schon ganz
Inbrünstig!

Gothland.
Meine Haare?

Berdoa.
Ja, schreckbeseelet richten sie
Vom Haupte sich empor, und starren, als
Wenn sie für dich um Gnade
Schreien wollten, angstvoll zitternd himmelan!

Gothland.
Hoho, du täuschest dich: nicht gnadeschreiend,
Nein, fluchen wollend, sträuben sie sich in
Die Höhe!

Berdoa.
Jetzt wird es mir unerträglich!
Ich bin der Mann, solch einen Übermut
Demütiger zu machen! – – Du willst dich
Vor Gott nicht beugen, – wohl, (indem er ihn vom Stuhle wirft) so sollst du vor
Ihm liegen, und da du nicht beten willst, (indem er ihn mit dem Fuße stößt)
So sollst du dafür wimmern!

(Gothland zuckt mit den Händen.)

Die finnischen Hauptleute.
Sollen wir
Ihn nun zusammenhauen?

Berdoa.
Nein! so lang
Ich ihn noch quälen kann, soll er noch leben!
Ergreift ihn und schleppt ihn mir nach!

Gothland.
Kommt
Denn niemand, niemand, welcher mich befreit?

(Alle ab.)

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