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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 25
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Fünfter Akt

Erste Szene

Das Lager von Gothlands schwedisch-finnischer Armee. Gothlands Zelt.

(Es ist tiefe Mitternacht. Erik sitzt an einem Tische, auf welchem ein Wachslicht brennt. Arboga tritt ein.)

Arboga.
Was schlug die Glocke?

Erik (steht auf).
Mitternacht
Ist bald vorüber.

Arboga.
Ist der König wieder Zurück?
Erik.
Kaum ein'ge Stunden ist er aus
Gewesen.

Arboga.
Wo find ich ihn?

Erik.
Still!
Er sitzt dort hinterm Vorhange!

Arboga.
Wie?

Erik.
Glaubt mir, etwas Außerordentliches
Muß ihm begegnet sein! Ich schrak zusammen,
Als er so unvermutet wiederkam!
Mit schnellem Schritt, ein Tuch ums Haupt gehüllt,
Ging er an mir vorüber und verbarg
Sich dort im Dunkeln! Noch kein Wort
Hat er gesprochen!

Arboga.
Er bewegt sich!

Erik.
Wahrscheinlich nimmt er sich das Tuch
Vom Haupte. – Ha, er tritt hervor!

(Gothland tritt hinter dem Vorhange weg, mit entblößtem Kopfe; sein Äußeres ist furchtbar verändert: das dunkelbraune Haar ist weiß geworden und das Antlitz ist völlig gealtert. – Arboga und Erik weichen befremdet auf die Seite.)

Arboga.
Das ist ja
Der König nicht; das ist ein fremder Greis.

Erik.
Wer bist du, unbekannter Greis?
Wie kamest du hieher?

Gothland.
Ja ja,
Ich glaube dirs recht gerne, daß du mich
Nicht gleich erkennst; – wir haben uns
Seit langen Jahren nicht gesehen!

Erik.
Gott! welche wohlbekannte Stimme!
Das ist – (indem er ihn erkennt, aufschreiend) Weh! Weh! das ist
Kein fremder Greis, das ist der König selbst!
O wie entsetzlich hat er in
Zwei Stunden sich verwandelt!

Gothland.
Lebt
Der Fürst Arboga noch?

Erik.
Dort steht er

Gothland (zu Arboga).
Ei,
Sehr wenig hat das Alter dich
Verändert!

Arboga.
Das Alter?

Gothland.
Was macht der Neger, welchen wir
Vor sechsundsiebzig Jahren in
Den Kerker warfen? – Doch, er ist
Wohl schon seit längst vermodert in
Des Kerkers Nacht! –

Arboga.
Ein sonderbarer Irrtum
Befängt Euch; nicht vor sechsundsiebzig Jahren,
Erst vor drei Stunden warfen wir
Den Neger in den Kerker.

Gothland.
Nur drei Stunden?
Mir schienens sechsundsiebzig Jahre! – –
– Wie lange bin ich denn hier aus
Dem Lager fort gewesen?

Erik.
Kaum
Zwei Stunden lang; das Wachslicht, welches Euch
Bei Eurem Weggehn leuchtete, ist noch
Nicht abgebrannt!

Gothland.
Mich faßt ein Grauen –
Ich bin zum Greis geworden – – und das Wachslicht
Ist noch nicht abgebrannt!

Erik.
Nun hat er
Das weiße Haar, um welches er vor kurzem
Den Grafen von Skiold so zu
Beneiden schien!

Gothland.
Was sprichst du da?

Erik.
Ich meinte,
Euch müsse unterwegs etwas
Begegnet sein.

Gothland.
Ruf mir den Rossan!
(Erik geht ab; Gothland tritt zu Arboga.)
Fürst! denket Euch! ich war in einer Hütte,
Wo man mich schlachten – Ja, da wurde
Mein Haar so bleich wie meine Wangen,
Da wurden die Minuten Jahre, und
Die Stunden wuchsen
Zu ganzen Menschenleben an!

Rossan (kommt; wie er Gothland erblickt, tritt er verwundert zurück).
Ich staune!

Gothland.
Das Staunen laß beiseit. Was ist
Dein liebster Wunsch?

Rossan.
Den Neger möcht ich töten!

Gothland.
So geh und hole mir sein Haupt!

Rossan.
Ich laufe!
Dank, Dank für diesen Auftrag! Hähähä!
Wie soll es ihm vom Rumpfe fliegen!
Hähä! hähä! (Eilt ab.)

Gothland (zu Arboga).
Ich hatte Euch
Befohlen, mit dem Schwedenheere stets
Ein abgesondert Lager zu
Beziehen und es von der finnischen
Armee getrennt zu halten. Nicht umsonst
Ward das so angeordnet –
Ich weiß, daß mich die Finnen hassen,
Ich fürchte stündlich Rebellion, und fast
An funfzigtausend Mann stark stehn sie dort
In ihren Zelten; – es ist jetzt
Noch finstre Nacht, – sie schlafen
Und denken an nichts Arges, –
Ein leichtes müßte es Euch sein, sie mit
Der Hülfe Eurer tapfren Scharen
Niederzumachen! – Wollt Ihrs tun?

Arboga.
Warum nicht?

Gothland.
Nun denn, so wecket Eure Schweden auf
Und überfallt die Finnen wie
Ein Wetterstrom, und haut sie Mann vor Mann
Zusammen!

Arboga.
Morgen sind sie tot.

Gothland.
Um den Tumult zu mehren,
Laßt Feur in ihre Zelte werfen! – Wenn
Es geht, so schonet Rossans, geht es nicht,
So wirds mich auch nicht weiter grämen!
– Wär ich nicht so erschöpft, so würde ich
Persönlich dabei gegenwärtig sein,
Doch so muß ich mich schon begnügen,
Von ferne es mit anzuschaun!

Arboga.
Ich hoffe, daß ich Euch
Befriedgen werde. (Er geht ab.)

Gothland.
Wie gleichgültig eilt
Dieser Arboga an das scheußliche
Geschäft des Mords! Er scheint mir das zu sein,
Was ich noch werden muß! – Wer kommt da? (Gustav tritt auf.) Ha!
Es ist mein Junge; – wie er trotzig tut! –
Ich hab ihn peitschen lassen, – er will mich
Doch nicht zur Rede stellen? Was begehrst du?

Gustav.
Ich gratuliere dir zum weißen Haare!

Gothland (für sich).
Verdammt, daß ich heut nacht so schwach mich fühle!
Der Knabe ist mir übern Kopf
Gewachsen! (Laut.) Erik! Erik!

Erik (tritt ein).
Was
Verlangt Ihr?

Gothland.
Bleib hier in
Dem Zimmer.

Erik (beiseit).
Ah, er fürchtet sich
Vor seinem eignen Sohn, und scheut mit ihm
Allein zu sein!

Gustav (zu Gothland).
Du hast mich peitschen lassen –
(Heftiger, indem er drohend auf ihn zugeht.)
Weshalb hast du mich peitschen lassen?

Gothland (etwas zurücktretend).
Du willst dich doch an deinem Vater nicht
Vergreifen?

Gustav.
Wer soll mich daran verhindern?
Etwa die Kindespflicht? Du selber hast
Sie frech gebrochen! Der Respekt vor dir?
Wie kann ich einen Mörder respektieren!
Dein Widerstand? Du hast ja deine Kraft
Verloren! Oder (auf Erik deutend) dieser Alte? Den
Erdroßle ich, so wie er sich zu rühren wagt!

Gothland (für sich).
Vergeltung! ja, so heißt das finstre Wort!

Erik.
– Ist das derselbe Gustav, welcher einst
So hold und sanft war? –

Gustav (zu Gothland).
Dennoch will
Ich dir verzeihen, wenn du mich
Um Selma werben läßt!

Gothland.
So nimm sie dir
Zum Weibe, wenn du sie bekommen kannst.

Gustav.
Bekommen? (Sich in die Brust werfend.) Das laß meine Sorge sein!

(Er will fortgehen.)

Gothland.
Halt!
Wo gehst du hin?

Gustav.
Ins Finnenlager,
Zu Irnak.

Gothland.
Schrecklich hast du mich
Beleidigt, – aber dennoch bleibst du stets
Mein Sohn, – geh nicht ins Finnenlager!

Gustav.
Warum nicht?

Gothland.
Weil es – – Weil
Es eine ungesunde Lage hat!

Gustav (für sich).
Ha,
Ich merke was! – Wart, wart, Herr Vater, nun
Will ich mich für die Rutenstreiche rächen!

Gothland.
Was schweigst du? Gehst du doch ins Finnenlager?

Gustav (mit zweideutigem Lächeln).
Ja! ich gehe in das Finnenlager!

Gothland (für sich).
Nun, so geh
In deinen Tod, du Naseweis!

(Gustav entfernt sich.)

Gothland.
Vergeltung! Vergeltung!

(Er geht ab. Erik folgt ihm.)

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