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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 24
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Vierte Szene

Das Innere einer Hütte. – Auf dem Herde glüht ein Kohlenfeuer; eine brennende Lampe steht auf dem Tische

(Cäcilia und Skiold treten ein.)

Cäcilia.
Die Hütte scheint ganz unbewohnt;
Ein Wandrer muß das Feuer und
Die Lampe angezündet haben.

Skiold.
Wenn mich
Nicht alles trügt, so sind wir in
Der Hütte, welche da, wo die drei Heerstraßen
Von Dänmark, Schweden und von Norweg sich
Begegnen, für verlaßne Reisende
Errichtet ist.

Cäcilia (tritt an den Tisch)
Hier find ich Brot und Wein!
Komm Vater! setz dich nieder und
Erquicke dich!

Skiold.
Weswegen geht dein Atem so
Entsetzlich schnell?

Cäcilia.
Vor Freude, daß ich uns
Gerettet sehe! (Beiseit.) Weh mir!

Skiold.
Als wir aus
Dem Lager gingen, rötete
Ein heißes Fieber deine Wangen!

Cäcilia.
Besorge nichts! Das Fieber hat
Sich unterwegs gelegt! Sieh, meine Wangen
Sind wieder weiß!

Skiold.
Ja! – weiß wie Leichen!

Cäcilia.
Pah! Leichen! wer wird denn auch stets
Von Leichen sprechen! Heute nacht beginnt
Der erste Mai! bald ist es Frühling! bald
Verjüngt sich die Natur! bald wirst du
Die Blumen wieder sehn!

Skiold.
Wohl werde ich
Bald Blumen sehn, – auf deinem Grabe!

Cäcilia (scherzend).
Grabe! Hier
Ist goldner Wein! Erinnerst du dich noch
An deinen alten Trinkspruch?
»Pflücket die Rose, eh sie verblüht,
Genießet das Leben, bevor es entflieht!«
(Wein einschenkend.) Ich trinke dir Gesundheit!

Skiold.
Du edle Trösterin! Weh, wehe, wenn
Ich dich verlöre!

Cäcilia.
Da verlörst du auch
Was Rechtes! ein gebrechlich Weib, das dir
Und sich nicht nützet! Der Verlust
Wär zu verschmerzen!

Skiold.
Nimmer, nimmer würd
Ich ihn verschmerzen, teures Kind!

Cäcilia (beiseit).
Dann wehe dir!
(Laut.) Du weinest? Weine nicht! Ich fühl mich stark,
Und lange hoff ich noch zu leben! –
– Du trinkst ja nichts! Genieß
Doch etwas! Speis und Trank stärkt wunderbar!

Skiold.
Ich will versuchen, ob ich vor Ermüdung
Und Tränen etwas essen kann! (Er setzt sich zu essen.)

Cäcilia (tritt beiseit).
O! kaum
Vermag ich mich noch länger zu
Verstellen! – diese nächtge Wandrung ist
Mein Tod! – Beklemmung liegt
Gleich einem Leichenstein auf meiner Brust!
Die nächste Stunde sehe ich nicht mehr!
Wohl mir, daß ich beruhigt sterben kann:
Der Vater ist gerettet! – Zwar wird ihn
Mein Tod betrüben –
(Skiold ist vor Ermüdung eingeschlafen; sie bemerkt es.) Sieh,
Er schlummert! – Gütges Schicksal, da ich doch
Den Morgen nicht erleben werde, so
Erspar dem Greis die Qual des Scheidens
Und laß mich jetzt, bevor
Er aufwacht, sterben! (Zu Skiold gewendet.) Schlummre süß, und ahn
Die namenlose Pein, die ich
Durchkämpfen muß, in deinen Träumen nicht! (An die Erde sinkend.)
Ha, meine Kniee brechen! – brechet leise,
Ganz leise! – – Atem, rausche nicht! –
Leis, leis, so daß mein Vater es
Nicht merket, will ich sterben! – Hu, wie es
Mir da durchs Herz zuckt! jammernd möcht ich aufschrein!
Doch stille! stille! – nur ganz leise will
Ich mit den Lippen beben, nur
Ganz heimlich – will ich weinen, – nur
Ganz heimlich – heim – O Gott! ich halte es
Nicht aus! die Pein wird allzu arg!
(Laut jammernd.) O, meine Brust! o, meine Brust!

Skiold (vom Schlafe aufspringend).
Was ist
Geschehn? Wer ruft so laut? – Wo bist
Du, Tochter? (Sie erblickend.) Was bedeutet das? Sie liegt
Am Boden! Ihr Gesicht ist kalt!
Weh, wehe mir, sie stirbt! sie stirbt!

(Cäcilia stirbt. Pause.)

Skiold.
O,
Du falsches, falsches Kind! Wie hast
Du mich getäuscht! Als schon der Tod
Dein Mark durchwühlte, schienst du noch
Gesund und froh zu sein! –
– Nun blühe, Frühling, blüh nur! Eine Blume, schön
Und hold wie diese, treibst du nimmermehr
Hervor! – O Tochter! Tochter! – Gothland, du
Hast sie gemordet! hast des einzgen Kindes mich
Beraubt! Straf ihn, du allgewaltger Gott!
Gieß deines Zornes Schale auf sein Haupt!
Send deinen Racheengel –

Der alte Herzog von Gothland (vollständig geharnischt, tritt herein).
Wer ruft hier?

Skiold.
Ha!
Wer bist du, grausige Erscheinung? Hast
Du mich um Rache beten hören,
Und bist du nun deswegen aus
Dem Boden aufgestiegen?

Der alte Gothland.
Wenigstens
Bin ich zur Rache hier! (Nähertretend.) Doch deine Stimme
Klingt mir bekannt – Was? bist du nicht der Graf
Skiold?

Skiold (noch immer schaudernd).
Ein Geist wie du wird das von selbst
Schon wissen!

Der alte Gothland.
Narr! ich bin kein Geist! ich bin
Der alte Herzog Gothland!

Skiold.
Wie? du bist
Der alte Herzog Gothland? – Ein
Bedeutungsvolles Schicksal führet dich
An diesen Ort! – Sieh diese Tote an!
Dein Sohn hat sie gemordet!

Der alte Gothland.
Ist es nicht
Cäcilia?

Skiold.
Sie ists!

Der alte Gothland.
Du Unglücksvater! Fast
So unglücklich als ich! – Doch wenn dir die
Vergeltung Trost gewährt, so sei zufrieden;
Nicht bloßer Zufall führte mich
In diese Hütte; ich erwarte hier
Den König Olaf und den Grafen Holm
Samt ihren neugeworbnen Heeren;
Ich selber komme jetzt von Norweg, und
Mir folgt 'ne Schar von sechzehntausend Mann –
In einer Viertelstunde muß sie hier sein;
Mein Eifer jagte mich voraus.
Wahrscheinlich liefern wir
Schon morgen meinem Sohne eine Schlacht.

Gothland (hereintretend).
Endlich! – erreicht die Hütte! – wie zum Tod
Bin ich ermattet! – Ihr Bewohner dieser Hütte,
Ich bitte euch um Speis und Obdach!

Der alte Gothland (zu Skiold).
Kennst
Du ihn?

Skiold.
Wohl kenn ich ihn!

Der alte Gothland.
Es ist mein Sohn!
Es ist der Mörder deiner Tochter!
Du bist mein Rachgenoß!
Wirf schnell die Tür ins Schloß!

Gothland (für sich).
Ein grobes Volk scheint hier sich aufzuhalten
Mich überläuft ein widriges Erkalten!

Skiold (hat die Türe zugeworfen und kommt zu dem alten Gothland zurück).
Wir wollen meine Tochter jetzt begraben,
Doch erst muß sie ein Menschenopfer haben!

Gothland (für sich).
Von Menschenopfern hör ich sprechen!

Der alte Gothland (zu Skiold).
Und ich hab eines Sohnes Tod zu rächen!

Gothland (für sich).
Hei! dieser Graukopf redet fürchterlich
Und Flammen schießt sein Aug auf mich! –
– Wenn er nun losspränge und legte Hand
An mein Genick, – ich wär zu schwach zum Widerstand!
Drum fort! noch ist es Zeit, daß ich entwische!
(Indem er zur Tür gehen will und sich aller Anstrengung ohngeachtet nicht fortbewegen kann.)
Herr Gott! das ist 'ne Angst der Hölle!
Ich will entfliehn und kann nicht von der Stelle,
Denn meine Füße werden mir zu schwer!

Der alte Gothland (zu Skiold).
Dort liegt ein Messer auf dem Tische,
Geh hin und hole es mir her!

Skiold (hat das Messer geholt).
Was sollen wir nun tun?

Der alte Gothland.
Nun wollen wir ihn schlachten wie ein Huhn!

Gothland (hat alle seine Kraft zusammengenommen und ist bis an die Türe gesprungen).
Ha, jetzt bin ich gerettet!
(Er will die Tür aufreißen und findet sie verschlossen.)
Was? bin ich denn hier angekettet?
(Nachdem er es versucht hat, sie mit Gewalt aufzustoßen.)
Umsonst! – Schon fühle ich wie mich die beiden packen
Und wie ein Messer fährts mir durch den Nacken!

(Skiold ist auf ihn zugegangen und ergreift ihn hinterrücks an der Schulter.)

Gothland.
Hu!

Skiold (auf Cäcilias Leichnam deutend).
Mörder! kennst du diese da?

Gothland.
Was? – Höllengraus! Es ist mein Weib Cäcilia!

Skiold.
Und kennst du mich?

Gothland.
Du bist – Weh mir!

Skiold.
Ja ja!
Ich bin Skiold!

Der alte Gothland.
Und wer bin ich?

Gothland.
Entsetzen! das ist meines Vaters Stimme!

Der alte Gothland.
Er steht vor dir mit seinem Grimme!

Gothland (erstarrt zusammenstürzend).
Zermalmet mich, ihr Donner!

Skiold (zu dem alten Gothland).
Nun töte ihn mit deinem Messer!

Der alte Gothland.
Erst muß ich mir die Rockärmel aufstreifen!

Skiold.
Ich will dir dabei helfen! –

Gothland (sich wieder etwas emporrichtend).
– Mir schauderte!
Sie wollen mir ans Leben! – Könnt
Ich nur um Hülfe schreien, – doch die Kehle
Ist mir wie zugeschnürt! – Ich denke, daß
Dies alles nur ein Traum ist – (Sich vor den Kopf schlagend.)
Aufwachen will ich! – Ach! der Schlaf will
Nicht weichen! – Meine Glieder sind ganz steif
Geworden – – kaum reg ich einen Finger! –
– Mir fröstelt! meine Haut schrumpft ein
Und meine Zähne klappern –
– Dort in der dunklen Ecke will ich mich
Verkriechen! – (Er kriecht in eine Stubenecke.)

Der alte Gothland (dem unterdessen Skiold die Armschienen abgenommen und die Rockärmel aufgestreift hat)
Jetzt ans Werk! Doch – wo
Ist er auf einmal denn geblieben?

Gothland.
Uh!

Skiold.
Horch, ächzte er da nicht?

Der alte Gothland.
Ich hörte nichts!

Skiold.
Sieh, sieh! dort blickt was Bleiches aus dem Winkel!
Es ist ein Menschenantlitz!

Der alte Gothland.
Narr, es
Ist ja der Wandkalk!

Skiold.
Nein, der Wandkalk nicht!
Es ist dein Sohn!

Der alte Gothland (näher hinzutretend).
Fürwahr, er scheints
Zu sein!

Skiold.
Er rührt sieh nicht!

Der alte Gothland.
Der Schrecken hat
In einen Klumpen ihn gerollt!

Skiold.
Sieh, er will sprechen und vermag es nicht!

Der alte Gothland.
Ei! desto besser! er wird also auch
Nicht kreischen können, wenn ich ihm
Das Eisen in die Gurgel stoße!

Skiold.
Sieh, wie
Er das Gesicht verzieht!
Schon wieder will er sprechen!

Der alte Gothland.
Fast scheu ich mich, ihn anzutasten!
– Allein, es muß geschehn! – Ich weihe
Sein Blut den untren Mächten!

(Er will ihn ergreifen, aber Gothland fährt, sowie er sich von der Hand seines Vaters berührt fühlt, schreiend in die Höhe.)

Gothland.
Heidi! das
Wird doch zu arg!

(Er wirft mit der Riesenstärke des Schreckens die beiden Alten auf die Seite, reißt die Tür auf und stürzt ins Freie.)

Der alte Gothland (eilt bis an die Tür hinter ihm her und ruft ihm nach).
Steh still in deinem Lauf
Und hör erst meinen Fluch! Die Wölfe und
Die Bären sollen meilenweit dich wittren,
Ein Ungewitter hänge sich an deine Fersen
Und eine Windsbraut nestle sich
In deine Haare!

Skiold.
Er vernimmt dich nicht! Schau,
Er hat mit ungeheurer Schnelligkeit
Den höchsten Rücken des Gebirgs erklettert,
Und wild von seinem Haar umflogen,
Eilt er im Mondeslicht dahin,
Verwegener wie eine Gems von Felsen
Zu Felsen springend!

Der alte Gothland.
Heut ist er uns noch
Entronnen, aber morgen soll
Er sicher nicht entwischen!

Skiold (wirft sich weinend über seine Tochter).
O du Frühverwelkte!

Der alte Gothland (an der Türe).
Wo meine Norwegskrieger bleiben?
(Eine norwegische Marschmusik erschallt hinter der Szene.) Ha!
Das ist ihr Marsch! da kommen sie!

(Mehrere norwegische Hauptleute treten ein.)

Der alte Gothland (sie begrüßend).
Wir sind
Die Ersten an der Stätte! (Wieder aus der Tür blickend.) Gleich
'Nem dunklen Wolkenzuge rückts heran
Aus Osten, – Pferdewiehern und Geklirr
Der Waffen hallet dumpf herüber – Heil!
Das ist der König Olaf mit den Russen! – – Horch! Auch
Aus Süden tönt ein lauter Marsch! Glück auf!
Es ist die Schlachtmusik der Deutschen!
Es naht das Heer des Grafen Holm!

(Der König Olaf tritt herein, begleitet von russischen Hauptleuten; dann kommt der Graf Holm; ihm folgen deutsche Heerführer; man hört hinter der Szene halt rufen und zum Absitzen blasen.)

Der alte Gothland.
Willkommen, König!

Der König.
Du hast streng
Dein Wort gehalten!

Holm.
Seid gegrüßet nach
So langer Trennung! (Alle drei umarmen sich.)

König.
Mutlos und
Verlassen schieden wir –
Mit Heeresmacht sehn wir uns wieder!

Der alte Gothland.
Gott
Der Rächende hat uns geholfen!

König.
Wer
Liegt dort lautjammernd an dem Boden?

Der alte Gothland.
Es ist der Graf Skiold; wehklagend liegt
Er über seiner toten Tochter!

König.
Wie?
Cäcilia ist tot?

Der alte Gothland.
Sie starb durch meinen Sohn!

König.
Als meine Mutter starb, da weint ich nicht,
Jetzt wird mein Auge feucht von Tränen!

Der alte Gothland.
Ja, diese Tote war ein göttlich Weib,
Doch jetzo haben wir zum Klagen keine Muße!
– Befiehl den Aufbruch und laß uns
Nicht länger zaudern!

König.
Wahrlich, ich
Gedenke nicht zu zaudern!

Der alte Gothland.
Nun, so rührt die Trommeln!

(Allgemeiner Aufbruch, das Orchester fällt mit einem kriegerischen Marsche ein.)

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