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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 23
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Dritte Szene

Wilde Gegend des Kiölgebirges

(Cäcilia und Graf Skiold, von ihr geführt, treten auf.)

Skiold.
Das Kiölgebirg wird immer grausger – ich
Verzweifle!

Cäcilia.
Nordstern! Sirius! wo seid ihr?
Tauch aus den Wolken, Mond, du Silberschwan
Der Nacht!

Skiold.
Vergebens rufst du ihm!
Er schwebt vielleicht
Jetzt über Gräcias Blumenhügeln, sieht
Die Liebenden im Myrtenhaine wallen, und
Vergißt uns Wanderer der Eisflur! – Was
Bewegt dich so?

Cäcilia.
Ich weiß nicht, wie's
Mir grade hier, im kalten Kiöl-
Gebirge einfällt; ich denke an
Die schönen Sommerabende auf deiner Burg
Zu Lund!

Skiold.
Wo du als hochbeglückte Braut
Mit Gothland auf der Berghöh standest?

Cäcilia.
Damals
Bedurfte unsre Seligkeit
Des Mondes nicht; doch ungerufen stieg
Er aus der Meerflut auf und schmückte Wald
Und Au mit zauberischem Schimmer!

Skiold.
Damals
War Gothland noch der Herrliche;
Mit Freuden segnete ich euren Bund!
Und heute möcht ich ihn ver –

Cäcilia.
O, verfluche ihn
Auch heute nicht! Ich war die glücklichste
Der Frauen!

Skiold.
Ja, du warest es!

Cäcilia.
Ich bin
Es noch! . Die Wirklichkeit, und wäre sie
Die glücklichste, ist rauh! Erst das vergangne ist
Das wahre Glück! – – Hu, es beginnt
Zu schneien! Hüll dich fest in deinen Mantel.
Bald, hoff ich, sind wir in bewohnten Hütten
Und sitzen froh am wärmenden Kamine!

Skiold.
Du kannst noch hoffen?

Cäcilia.
Wehe dem,
Der nicht mehr hoffen könnte! Hoffnung
Ist ja die einzge Seligkeit des Lebens! Denn
Von allem Großen und Erhabenen,
Von Gott, Unsterblichkeit und Tugend, weiß
Der Mensch nicht, daß es ist, – er hat
Es nie gesehn, er hat es nie erlebt –
Er kann nur hoffen, daß es da ist;
Drum laß uns hoffen in
Des Lebens Finsternissen, laß
Uns hoffen in den Wüsteneien!

Skiold.
Du
Bejammernswürdige! – du willst mich täuschen!
In deinem dünnen, seidenen Gewande rauscht
Die Nachtluft rauh und schneidend kalt –
Ist dir auch wirklich wohl?

Cäcilia (mit unterdrücktem Seufzer).
Gewiß – ja – mir
Ist wohl! – – Komm! laß uns weiter eilen!

Skiold.
Ja,
Wir wollen eilen! (Sie gehen, aber er steht plötzlich still.) Gott!

Cäcilia.
Was ist dir, Vater?

Skiold (bitterlich weinend).
Ach,
Mich hungert sehr! (Sinkt auf die Erde.)

Cäcilia (stürzt in die Kniee und beugt sich jammernd über ihn).
Es ist
Doch grausam, daß ich hier nicht helfen kann!
– Hätt ich nur Milch in dieser Brust,
Doch statt der Milch brennt Fieberglut
In ihren innern, qualdurchzuckten Räumen! –
Steh auf, mein Vater! stehe auf! du mußt
Hier ja erfrieren! Vater! ich
Beschwöre dich! steh auf! – Umsonst! er hört
Mich nicht! Und immer dichter fällt der Schnee,
Und immer kälter wird die Nacht, und niemand
Hört unsren Hülferuf! (Betend.) Zwei müde Wanderer,
Ein alter Vater und sein krankes Kind,
Flehn aus der Wildnis und dem Schneegestöber zu
Euch auf, ihr schützenden Gewalten in
Den Himmelshöhen! – Menschen und Natur
Verfolgen uns mit allen ihren Schrecken, –
Ihr laßt den Nordstern durch
Die Wolken brechen, wenn der Schiffer auf
Der sturmdurchtobten See verzagen will, –
Wir sind zu schwach, um uns zu schirmen, –
Wir haben nie an euch
Gezweifelt – Rettet! rettet uns!
(Sie blickt spähend umher; auf einmal entzückt in die Ferne deutend.) Ha!
Ich seh ein Licht! ich höre Hunde bellen!

Skiold (sich aufrichtend).
Ein Licht?

Cäcilia.
Ja, hell und freundlich, wie
Ein Genius des Trostes, strahlt
Es aus dem Fenster einer Hütte!

Skiold.
Gott
Hat sich erbarmet!

Cäcilia.
Sagte ich nicht, daß
Du hoffen solltest?

(Sie gehen ab. Pause.)

Gothland (tritt verstört auf).
Hab mich verirrt! – mein Pferd hat unter mir
Den Hals gebrochen! – Schneebedeckt
Und pfadlos, wie ein Abbild meines Lebens, starrt
Mich das Gebirge an! Wildkrächzend, als
Wenn ich schon eine Leiche wäre,
Umflattern mich die Raben,
Wolfsherden jammern aus der Ferne,
Dumpfschallend kracht das Eis
Der stehenden Gewässer,
Des Kiölen Täler widerhallen – laut
Sind alle Stimmen der Natur! Huhu!
Da rieselt Blut! – Nein, nein! es ist
Des Waldstroms Brausen! tobend stäubt
Er durch den Bergforst!
(Er geht einige Schritte; dann steht er still und blickt um sich her.) Sieh,
Der Südwind hat die Wolken fort-
Getrieben, und der nächtge Himmel schaut
Mit seinen tausend Augen wieder auf
Die Erde; – Einen anderen
Als ich bin, könnte das erfreuen;
Mir aber frommt es nichts,
In meinem Innern bleibt es trübe wie
Zuvor!
(Pause. Sternschnuppen fallen; Gothland bemerkt es.) Ha, was erblicke ich?
Wo berge ich mein banges Haupt? Weh, Weh,
Dort oben unter den Gestirnen ist
Es Herbst geworden!
Des Firmamentes leuchtendes
Gewölbe schüttelt sich wie eine sturm-
Durchsauste Eiche und die Sonnen fallen ab
Wie gelbe Blätter! Ei, Arktur!
Orion! Abendstern! ihr welket also auch?
Ho, das hat mir geahnet! immer, wenn
Ich euren falben Glanz sah, dachte ich
An welkes Laub! Nun, Sirius? Herunter!
Was zauderst du?
(Nach einer kurzen Pause.) Wie? er fällt nicht? – Hätten
Sternschnuppen mich getäuscht? –
(Er will weiter; ein Nordlicht steigt flammend empor; er springt zurück.) Doch – was ist das?
Ist schon die Stunde kommen? Ist
Es schon so weit gediehn? Die Zinnen
Der Himmelsveste lodern! Weltbrand! Weltbrand!
Der jüngste Tag ist da! schon heulen die
Posaunen! Gott, der Rächende,
Setzt sich auf seinen Thron, sein Antlitz rot
Vor Grimm! O wär ich nur ein Wurm, daß ich
Mich in der Erde Schoß verkriechen könnte! – (Pause.) Narr, der
Ich bin! Des Nordlichts freundliche
Erscheinung für die Schrecknisse
Des jüngsten Tags zu halten! – Ich will sehn,
Ob ich hier in der Nähe nicht
'Ne Hütte finden kann, – Erholung tut
Mir not! (Geht ab.)

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