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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 22
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Zweite Szene

Berdoas Zelt

(Musik. Großes wildes Gastgelag. Berdoa, Usbek, Irnak, Gustav, finnische Hauptleute, Dirnen, aufwartende Knechte usw.)

Berdoa.
Toren meinen, Sünde wär es, froh zu sein!
Der Sonne roter Sohn soll leben,
Der edle, feuervolle Wein!

Irnak.
Toren meinen, Sünde wär es, froh zu sein!
Es sollen alle Mädchen leben, –
Die sich dem Dienst der Freude weihn!

Chor.
Wein und Mädchen sollen leben!

Berdoa (zieht den Usbek auf die Seite).
Hast du das gestrige Gespräch erwogen?

Usbek.
Ja; Gothland hat mich schnöd belogen!

Berdoa.
Hab ich dir deinen Vater umgebracht?

Usbek.
Für stets verbann ich diesen schändlichen Verdacht!

(Beide geben sich die Hand.)

Eine Dirne (die neben Gustav sitzt).
Ach, Prinz! Ihr kitzelt mich auch gar zu sehr!

Gustav (mit ihr schäkernd).
Wart nur! bald kitzl ich dich noch mehr!

Finnische Hauptleute (mit ihren Dirnen tanzend).
Mädchen, macht die Busen bloß,
Wieget uns in eurem Schoß!

Andre (zechend).
Säuft man im Himmel keinen Wein,
So muß es dort sehr traurig sein!

Berdoa.
Recht! bravo, Freunde! tanzet! saufet! laßt
Die Gläser schäumen, als
Wenns tolle Hunde wären! An
Berdoas Gastmahl soll es fröhlich hergehn!

Finnische Hauptleute.
Es lebe unser edler Wirt!

Berdoa.
Es leben meine edlen Gäste!

Eintretende Hauptleute.
Hu, draußen ist es grimmig kalt!

Berdoa (auf den Tisch im Hintergrunde deutend).
So wärmet euch! dort dampft ein Punschvulkan!

Usbek, Irnak und andere.
Musik! Musik! wir wollen singen!

(Musik. Die Anwesenden versammeln sich im Hintergrunde um den Tisch.)

Usbek (singt).
Unterm lauten Becherklang
Stimmet an den Schlachtgesang! (Schlachtlied.)

Mehrere Stimmen.
Schon blutet am Himmel das Morgenrot!
Empor vom Schlafe, ihr Braven!
Erwachet Soldaten! nicht Schlafen tut not!
Gar mancher wird heut noch entschlafen!

Eine Stimme.
Dort steht der Feind im Sonnenglanze,
In blinkend Stahl gehüllt!

Alle.
Halloh, halloh, zum Waffentanze
Auf dem erzitternden Gefild!

Eine Stimme.
Bruder, willst du mich ermorden?
Ich bin dein Bruder – schone, schone mich!

Eine andre Stimme.
Stirb! mein Feind bist du geworden,
Denn du folgst jenen Fahnen, diesen ich!

Alle.
In des Gefechtes Wut und Graus
Ist wahre Freiheit und Gleichheit zu Haus!
Dort darf man jede Pflicht verachten,
Dort darf man sich im Blute röten,
Dort darf der Knecht den König töten,
Dort hört man nicht aufs Gnadeflehn,
Denn Siegen ist das Los der Schlachten,
Oder glorreich untergehn!
Ja, Siegen ist das Los der Schlachten,
Oder glorreich untergehen!

(Während sie so singen und jubeln, tritt Gothland, in einen Mantel gehüllt, mit Arboga ein.)

Gothland.
Ei! seht, hier ist es ja recht lustig!

Gustav.
Das Lied ist aus – wir wollen tanzen!

Irnak.
Ne, tanzt nicht, reitet lieber! (Zu einer Dirne.)
Nicht wahr, mein Kind?

Gothland.
Nun seh ichs, wie
Man meinen Sohn verführt! –

Berdoa.
Das Gastmahl muß
'Nen König haben; wer am meisten säuft,
Der soll es sein!

Gustav.
So laßt uns denn drum saufen!

(Sie fangen an wild zu zechen; Gothland tritt mit Arboga näher hinzu.)

Ein Finne (die beiden bemerkend, mit Geschrei).
Da ist der Herzog! (Alle fahren auf.)

Gothland.
Wo ist hier
Ein Herzog?

Berdoa (sich fassend).
König, hochwillkommen seid
Ihr mir bei meinem Gastgelage!

(Gothland schweigt.)

Berdoa (ihm einen Becher Wein anbietend).
Beliebts Euch 'nen Pokal von meinem Wein
Zu trinken?

Gothland.
Ich will nicht trinken.

Berdoa (etwas verlegen).
Befehlet Ihr vielleicht ein wenig Speise?

Gothland.
Ich will nicht speisen.

Berdoa (einen Sessel rückend).
Tut mir die Ehre an und setzt Euch nieder.

Gothland.
Ich setze mich nicht nieder.

Berdoa (ärgerlich, halblaut).
So laßt es bleiben! – (Zu seinen Gästen.) Freunde, starrt nicht so!
Laßt euch durch Fremder Gegenwart nicht stören!
Auf, auf! laßt uns von neuem jauchzen!

(Er ergreift ein Glas.)

Gothland.
Weswegen willst du jauchzen, Neger?

Berdoa.
Nu, weil ich fröhlich bin!

Gothland.
Weswegen bist du fröhlich, Neger?
– Weswegen, frag ich, bist du fröhlich? – Etwa, weil
Ich traurig bin? – Ha, deine Haut
Ist glänzend schwarz – ein eisernes
Geschmeide müßte ihr nicht übel stehen –
Arboga! kommt, wir wolln ihn damit schmücken

(Er zieht die Ketten unter dem Mantel hervor, ergreift den Neger und fesselt ihn mit Hülfe Arbogas.)

Berdoa (sich heftig dagegen wehrend).
Los! los! – Die Fäuste weg! – Los! Finnen steht
Mir bei! Eur König Gothland ist
Ein Brudermörder, ein Rebell –
Gehorcht ihm nicht! – O wären meine Blicke Pfeile! –
Mein Eingeweide speie ich dir ins
Gesicht! – Mord! Mord! Mord!

Die finnischen Hauptleute.
Laßt
Den Mohren los! los!

Gothland (zu Arboga).
Führe ihn hinweg!

Berdoa.
Was tue ich? Wen ruf ich an? Was denke ich?
O, Leoparden! Skorpione! – Nileidechsen! –
Hyänenrachen! – Giftbäum! – Wüstensand –
Harmattan – Aussatz – Afrika – – –

(Er wird von Arboga mit Gewalt abgeführt.)

Die Finnenhauptleute (zu Gothland, fast drohend).
Laß
Den Neger wieder frei!

Gustav.
Ja, laß ihn frei,
Er ist mein Freund!

Gothland.
Läßt du dich auch vernehmen?
Was machst du hier? Hab ich dir nicht
Den Umgang mit Berdoa streng verboten?

Gustav (trotzig).
Erst laß ihn los! Nachher wird sich
Schon eine Stunde finden,
Wo ich dir Antwort gebe!

Gothland (zu den schwedischen Soldaten, die sich an der Zelttür sehen lassen).
Habt ihr
Den Rossan rufen lassen?

Rossan (eintretend).
Da bin ich!

Gothland.
Du bist der bravste aller Finnen! –
– Ein Tor, der glauben kann, daß man
Bei Jungen unter achtundzwanzig Jahren
Mit Überredung und Vernunft etwas
Bewirken könne; solche Buben haben ihr
Gehirn in ihren Rücken, und Prügel, mit
Gewalt darauf geführt, begreifen sie
Am leichtesten. – Rossan! nimm diesen Knaben in
Die Kur; er ist verliebt und ungehorsam; zähl
Ihm sechzig Rutenstreiche auf, – das wird
Ihn heilen!

Gustav.
Rutenstreiche? mir? Das leid'
Ich nicht; nein, eher bringe ich mich um!

Gothland.
Fort! peitschet ihn, bis er geschmeidig wird!

Gustav.
Geschmeidig? Hohoho! Versuchts! versuchts!
Peitscht mich! Ich will doch sehn, ob euer Arm
Nicht eher müde werden wird als ich!
Geschmeidig? eher beiß ich mir die Zunge ab!
Verflucht, daß ich der Sohn von solch
'Nem Brudermörder, solch 'nem Usurpator,
Von so 'nem Gotteslästrer sein muß, den
Ich lieber töten, als lieben möchte!

(Rossan führt ihn fort.)

Gothland (zu den finnischen Hauptleuten).
Nun, ihr
Begehrtet ja vorhin etwas von mir, Was war es?

Die finnischen Hauptleute.
Laß den Neger los!

Gothland.
Ihr liebt ihn also?

Die finnischen Hauptleute.
Wir lieben ihn!

Gothland.
Soldaten!
(Ein Haufe schwedischer Soldaten tritt ein; Gothland wendet sich wieder zu den Hauptleuten.) Mich
Liebt ihr doch auch? (Stillschweigen.) Ha, Tod und Hölle! Mich
Liebt ihr doch auch?

Die finnischen Hauptleute (erbebend).
Wir lieben dich!

Gothland.
Nun, so
Begebt euch wieder zu dem Trinktisch und beginnt
Das unterbrochne Gastgelag von neuem! (Sie gehorchen.)
Die Gläser angefüllt!
Und wer mich liebet oder fürchtet,
(Denn beides ist mir einerlei, weil Furcht
Und Liebe gleiche Wirkung haben)
Der stoße mit mir an und leere den Pokal
Darauf: (einen vollen Becher ergreifend) Der König Gothland soll gedeihen!

Die finnischen Hauptleute (mit sichtbarem Widerwillen).
Der König Gothland soll gedeihen!

(Sie leeren die Gläser.)

Gothland.
Der Neger soll verderben und verrecken! (Alle schweigen.)
Ich sag euch, stoßet an und stimmet ein:
Der Neger soll verderben und verrecken!

Die finnischen Hauptleute (zögernd).
Der Neger soll verderben und verrecken!

(Sie leeren die Gläser.)

Gothland.
Krepieren sollen alle, die ihn lieben!
(Stille; Gothland wiederholt mit drohender Stimme.)
Krepieren sollen alle, die ihn lieben!

Die finnischen Hauptleute (mit zauderndem Beben).
Krepieren – sollen alle – die ihn lie-ben!

(Sie leeren die Gläser.)

Gothland.
Der Scharfrichter soll leben und florieren!
(Alle schweigen.) Ich sage euch:
Der Scharfrichter soll leben!

Die finnischen Hauptleute (mit ungewisser Stimme).
Der Scharfrichter soll – leben!

Gothland.
Leert
Die Gläser darauf aus! (Sie leeren die Gläser.) Und nun genug!
Euch brauch ich nicht zu fürchten!

(Er wirft den Trinktisch um; die finnischen Hauptleute treten scheu zurück. – Tocke, schwer gefesselt, wird von einem schwedischen Unteroffizier hereingebracht.)

Unteroffizier (zu Gothland).
Herr, dieser feuerhaarge Kerl –

Tocke.
Was gehn
Dich meine Haare an? Du Spitzbub!

Gothland.
Still!

Tocke.
Ei was! ich lasse mich von so 'nem Schlingel nicht
Beleidgen!

Gothland.
Frecher Hund, sei still! (Zu dem Unteroffizier.) Sprich! Was
Hat dieser Kerl verbrochen?

Unteroffizier.
Er
Hat seine Schwester, welche ihm
Sein vieles Stehlen vorwarf, eigenhändig
Erwürgt, und seinen Vater, der
Den Schwestermord verwehren wollte, auf
Das unbarmherzigste zu Tod
Geprügelt!

Tocke.
Pah! mein Vater war
Ein Esel!

Gothland (für sich; auf Tocke deutend).
Dieser Schurke kommt mir vor
Wie eine Parodie auf mich!
Er tötete die Schwester,
Ich tötete den Bruder, –
Doch eben wegen dieser Ähnlichkeit
Will ich ihm nicht verzeihen! (Laut.) Dieser Elende
Verdienet keine Schonung, Schleift
Ihn morgen mit der ersten Frühe zur
Richtstätte!

Tocke.
Gnade, großer König, Gnade!
Ich küsse deine Füße!

Gothland.
Fort mit ihm!

Tocke (indem man ihn wegführt, zu Gothland).
Na, Man sagt, Ihr wärt der Beste auch nicht!

Ein schwedischer Hauptmann (tritt ein).
Herr,
Im Kiölgebirge hat man fremde Truppen
Gesehn.

Gothland.
Führt meinen Schweißfuchs vor; ich will
Rekognoszieren.

Der schwedische Hauptmann.
In der Nacht?

Gothland.
Ich kann
Ja doch nicht schlafen!

Der schwedische Hauptmann.
Vor dem Kerker
Des Negers ist ein großer Auflauf.

Gothland.
In
Zwei Stunden komme ich zurück, – das Volk
Wird sich indes zerstreuen; – dann
Wollen wir ihn hinrichten (Zu den finnischen Hauptleuten.) Euch aber,
Ihr Herren! rat ich als ein guter Freund:
Es ist jetzt kaltes Wetter – Hütet euch
Vor Halsweh! (Er geht ab.)

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