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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 21
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Berdoa.
Sahst du den jungen Gothland?

Irnak.
Ja, er liegt
In Milchens Arm.

Berdoa.
Schon wieder?

Irnak.
Nu,
Seit jenem Abend, wo Ihr ihn
Zum ersten Male zu der Dirne schicktet,
Läßt er ihr wenig Ruhe;
Fast stündlich ist er da; er hat sich sehr
Verändert!

Berdoa (mit Hohngelächter).
Ja, er hat sich sehr verändert!

Irnak.
Kaum
Begreif ichs; erst war er so blöd,
Doch jetzt ist er fast unverschämt; Ihr
Müßt ihn verzaubert haben!

Berdoa.
Narr!
Ich schmeichelt ihm so lange und so grob,
Bis daß er mich hochachtete. Er war
Noch unschuldig, also sehr leicht verführbar;
Er war verliebt, – ich macht ihn wollüstig;
Wer liebt, ist eitel, weil er der
Erkorenen doch gern gefallen will –
Leicht machte ich den Eitlen eitler;
Der Eitle putzt sich gern – ich leih ihm Geld
Dazu; – der Junge hat 'ne heiße Phantasie –
Mit gringer Müh ist sie entzündet;
Er ist nicht dumm und auch nicht klug – nichts leichter
Als sein Gehirnchen mit Gedanken zu
Zersprengen, welche es nicht fassen kann!
– So habe ich auf tausend Weisen ihn ergriffen;
Vermagst du es, so steh mir darin bei!

Irnak.
Ja, wenn ichs nur vermochte! Ich
Kann höchstens ein paar Zoten reißen!

Berdoa.
Ach, mancher ist auch dazu noch zu dumm!
'Ne Zote ist so übel nicht; sie ist ein Ding,
Was man gern tut, allein nicht gerne sagt;
Die Hosenklappe sollt man eher vorm
Gesichte als vorm Bauche tragen,
Denn bei den meisten ist
Die ärgste Zote eben das Gesicht!

(Gustav tritt auf.)

Irnak.
Still!
Da kommt der Prinz! – Schaut Ihrs, wie blaß
Er sieht? Glaubt mir, das blonde Milchen quetscht
Ihn aus wie einen Schwamm.

Berdoa.
Laß mich mit ihm
Allein.

Irnak.
Ich gehe. – Guten Abend, Prinz.

Gustav.
Steht dort
Berdoa?

Irnak.
Ja.

(Entfernt sich; Gustav geht zu Berdoa.)

Berdoa.
Ei ei, sieh da,
Mein schöner Prinz!

Gustav.
Wie sitzt
Mir dieser Rock?

Berdoa.
Ganz himmlisch, himmlisch!
Ihr werdet alle Herzen drin erobern!

Gustav.
Meinst du? Ich fürchtete, er wär etwas
Zu lang!

Berdoa.
Ihr fürchtetet? Ein Kronprinz fürchtet?
Nehmt Euch in Acht! die Weiber sind sehr sonderbar!
Weils sich nicht schickt, daß sie den Mann anfallen,
So sehn sie's gerne, wenn der Mann das Weib anfällt!
Der Freche wird geliebt!

Gustav.
Was machen wir
Heut nacht?

Berdoa.
In meinem Zelt ist großer Schmaus;
Ich lade Euch dazu; an Mädchen und an Wein
Soll es nicht fehlen.

Gustav.
Milchen ist doch auch
Dabei?

Berdoa.
Ei, das versteht sich. Auch
Adelaide ist geladen.

Gustav.
Fy! das schmutzge Mensch?

Berdoa.
Laß das nur sein; sie hat 'nen hübschen Arsch!
Wie prachtvoll wölbt er sich!

Gustav.
Fürwahr, da hast
Du Recht! Ihr Steiß ist delikat, ist göttlich!

Berdoa.
Sollt er nicht gar unsterblich sein?

Gustav.
Wie?

Berdoa.
Nichts. – Seit Milchen hast du wohl
Die schöne Selma ganz und gar vergessen?

Gustav.
Du bist ein dummer Kerl! Wie kannst du nur
So sinnlos schwatzen? Selma, dich vergessen!
Bloß weil ich Selma liebe, bloß
Daß meine Qual um sie in etwas doch
Sich lindre, gehe ich zu deinem Milchen;
O selig, überselig wär ich, hörte ich
Nur rauschen ihres Kleides Saum!

Berdoa.
Du!
Mit Selma unter einer Decke –
Im bloßen Hemde du und sie –
Und dann der süß Errötenden
Mit wollustvollem Zögern leise, leise
Das Hemde aufzuheben!

Gustav.
Ah, der Wonne!

Berdoa (beiseit).
Ha, das versetzte ihm den Atem! – jetzt
Will ich ihn Sprünge machen lassen! (Laut.)
Eur Vater ist doch hart; wißt Ihr daß Eure Mutter –

Gustav.
O Gott! ich weiß! O meine gute Mutter!
Jetzt, grade jetzt vielleicht verjammert sie
Im Schnee!

Berdoa.
Adelaidens Steiß!

Gustav.
Ist wirklich einzig!
Er ist der Steiß der Steiße!

Berdoa.
Eur Vater will für Euch um die
Norwegische Prinzessin werben, und
Der Selma sollt Ihr gänzlich Euch entschlagen.

Gustav.
Ich werd ihm nicht gehorchen!

Berdoa.
Panther und Hyänen!
Da habt Ihr Recht! Ihr müßt ihm nicht gehorchen!
Seid nur nicht blöde! Machts mit ihm, wie ers
Mit seinem Vater macht! Denkt nur an das,
Was ich von ihm erzählte! Treibt er es
Zu weit, so laßt von seinem Brudermorde
Ein Wörtchen fallen, – da wird er schon schweigen!

Gustav.
Ich weiß, was ich ihm bieten kann!

Berdoa.
Recht so,
Ich seh du hast Courage und Verstand!

Gustav.
Aber, erlaubt die Tugend –?

Berdoa.
Pah,
Sei doch nicht abergläubisch! Wer hat von
Der Tugend je etwas gespürt? Die Zeit
Ist aufgeklärt, sie glaubt an keine mehr.
Dummheit und Frömmigkeit sind synonym,
Nichts Sündges gibt es und nichts Böses,
Was für den einen bös ist, das ist für
Den andren gut; der Mensch kann ohnehin
Das Gute nicht vertragen: säe Wohltat auf
Ihn aus und Undank wird dir aufgehn;
Es gibt nichts Großes; achte niemand; wer
Sich selber kennt, verachtet sich; das Glück
Benennt man Weisheit und Genie;
Die großen Männer waren große Narren;
Lob nicht den Edlen, lob den Zufall, der
Ihn edel machte; Sokrates
Und Nero sind von gleichem Wert: versetz
Den einer in des andren Lage,
Und aus dem Nero wird ein Sokrates
Und aus dem Sokrates ein Nero;
Die Liebe ist versteckter Eigennutz,
Großmut ist spekuliernde Heuchelei,
Mitleid ist schwächliche Empfindsamkeit,
Und wenn auch jemand wirklich Gutes tut,
So tut ers weil das Gute leichter als
Das Böse ist.

Gustav.
Mit Schaudern höre ich
Die Religion der Hölle!

Berdoa.
Ah, sie paßt
Für diese Erde! – Ja, als ich noch liebte,
Da dacht ich ebenfalls ganz anders!

Gustav.
Wie?
Du hättest je geliebt?

Berdoa.
Hab ich es nicht
Schon hundertmal gesagt? (Beiseit.) Ein Narr, ders glaubt!
(Laut.) Nie Ella! werd ich dich vergessen,
Du Holdeste der Afrikanerinnen,
Wie edel war ihr Herz! wie wollig war
Ihr Haar! zwei Schuhe lang ihr Busen!
Und ach! sie war Euch schwarz, schwarz wie
Die Unschuld!

Gustav (lachend).
Wie? ist denn Unschuld schwarz?

Berdoa.
Nun,
Wir Neger haben einen anderen
Geschmack als ihr: uns ist das Schöne schwarz,
Die Teufel aber sind uns weiß!

Gustav.
Pfui, Pfui,
Schwarz sind die Raben!

Berdoa.
Altes Weiberhaar
Ist freilich weiß!

Gustav.
Sprichst du im Ernst?

Berdoa.
Im vollsten Ernste:
Ein ordentlicher Mohr muß aussehn wie
Ein gut gewichster Stiefel!

Gustav.
Hahaha!

(Gothland tritt auf.)

Berdoa.
Still, Prinz! da kommt Eur Vater! – Lebet wohl,
Bei meinem Schmause sehe ich Euch wieder.

(Er entfernt sich.)

Gothland.
Mein Sohn, der Mohr verließ dich eben.
Vermeide seine schändliche Gesellschaft.

Gustav.
Wo soll ich hier im Lager eine beßre finden?

Gothland.
Ich bin entschlossen, dich
Mit Norwegs Königstochter zu vermählen
Und hoffe, Beifall gibst du meiner Wahl.

Gustav.
Die Wahl ist schön, doch nimmer werd
Ich Norwegs Königstochter freien.

Gothland.
Warum nicht?

Gustav.
Weil ich längst schon liebe!

Gothland.
Liebst du?
So hüt dich, daß du nicht venerisch wirst! –
– Wie heißt denn die Erwählte?

Gustav.
Selma.

Gothland.
Was? Tollkopf?
Die Tochter des vertriebnen Olafs?

Gustav.
Wenn
Du willst, daß ich die Völker, welche dir
Gehorchen, einstens groß und glücklich machen,
Ihr Völkerglück befördern soll, so gib
Mir Selma; ohne sie vermag ich nichts.

Gothland.
Ihr Vater ist mein fürchterlichster Feind,
Sie kann durchaus dein Weib nicht werden.
Und fasle mir nicht mehr von Völkerwohl
Und Völkergröße, – das sind Ideale!
Noch niemand ging mit Idealen für
Der Menschheit Wohl ins Leben, der
Es nicht als Bösewicht,
Als ausgemachter Menschenfeind verlassen hätte!
Bekümmere dich nicht um andrer Glück,
Sonst werden sie's dich büßen lassen, daß
Du für sie sorgst und dich in ihre Sache mischest!
(Nach einer Pause.) – – Mein Sohn, du bist mein einzges Kind,
Für dich erobr ich Throne, häuf ich Schätze,
Du bist der einzge auf der Erde, welchen ich
Noch liebe: darum rar ich dir:
Verstein dein zartes Herz und mach
Es zähe für die Hämmer des Geschicks;
Verbanne Mitleid und Gefühl aus deiner Brust
Und ungeheure Qual wirst du ersparen;
Wie es der Liebende
Mit der Geliebten macht, die
Er lieber selber tötet, ehe er es ansieht,
Daß die barbarsche Räuberschar
Sie schändet und erwürgt, so mache du's
Mit deinen Hoffnungen und Träumen, – schneide sie
Mit eigner Hand bei Zeiten ab, bevor
Die rauhe Wirklichkeit sie dir vernichtet!
Vor allem aber bitt ich dich,
Bereue nichts! Denn etwas Überflüßgers als
Die Reue, gibt es auf der Erde nicht!
– Sohn, willst du diese Warnungen
Befolgen?

Gustav.
Ich will sie befolgen.

Gothland.
So schwör, daß du dein Herz verhärten willst!

Gustav.
Ich schwör, daß ich mein Herz verhärten will!

Gothland.
So schwör, daß du dein Hoffen töten willst!

Gustav.
Ich schwör, daß ich mein Hoffen töten will!

Gothland.
So schwör, daß du nicht Reue fühlen willst!

Gustav.
Ich schwör, daß ich nicht Reue fühlen will!

Gothland.
Du hast geschworen; willst du glücklich sein,
So halte deinen Schwur! – Und nun, mein Sohn,
Versprich mir auch das eine noch: heirate die
Norwegische Prinzessin, und
Laß Selma fahren!

Gustav.
Nein, das kann ich nicht.

Gothland.
Ich bitte dich, mein Sohn, laß Selma fahren;
Sehr glücklich machst du mich dadurch!

Gustav.
Ei ei!
Ich sollte mich ja nicht um andrer Glück
Bekümmern!

Gothland.
Bube, diesen Spott sollst du
Mit Tränen einst bereun!

Gustav.
Pah! ich
Bereue nichts! Ich habe ja geschworen, daß
Ich keine Reue fühlen will!

Gothland.
O Bube! Bube!
Was macht dich gegen deinen Vater so
Verwegen?

Gustav.
Machst du es etwa
Mit deinem Vater besser?

Gothland.
Junge! Junge!

Gustav.
Ich bin kein Junge!

Gothland.
Wer hat dich
So fürchterlich verderbt, milchbärtger Schurke?

Gustav.
Ich
Ein Schurke? Einen Brudermord hab ich gottlob
Noch nicht begangen!

Gothland.
Ha, dies hat der Mohr
Dir eingegeben!

Gustav.
Man gibt mir
Nichts ein!

Gothland.
Vergiß die Selma!

Gustav.
Nein!

Gothland.
Du sollst es!

Gustav.
Panther und Hyänen!
Ich will es nicht!

Gothland.
Brav Äffchen! bravo Papagei!
Du hast beim Mohren etwas profitiert!
Sein »Panther und Hyänen« ahmest du
Ganz allerliebst schon nach!

Gustav.
Ich lasse mich
Von dir, der meine Mutter in die Wüste stieß,
Nicht schimpfen!

Gothland.
Bengel! hüte, hüte dich!
Ich habe viel vergessen, und daß du mein Sohn
Bist, werde ich im Notfall auch vergessen können!
Nimm dich in Acht! laß dich nicht wieder bei
Dem Neger treffen!

Gustav.
Darf ich gehen?
Ich habe die Lektionen satt bekommen! (Er geht.)

Gothland (ruft ihm nach).
Und morgen noch bewirbst du dich
Um die norwegische Prinzessin!

Gustav (sich an der Tür noch einmal umdrehend).
Um die norwegische Prinzessin
Bewerb ich mich nun nicht. (Er geht trotzig ab.)

Gothland.
Weh! Weh!
Mein einzger Sohn! mein einzger Sohn!
Wie mich der Neger und die Freundschaft,
Verderbten ihn der Neger und die Liebe!
Drum Fluch der Freundschaft, Fluch der Liebe, Tod
Dem Neger! – Heda! (Ein Diener tritt ein.) Hol mir
'Ne tüchtge Eisenkette!
(Der Diener geht ab. Man hört Musik und Jubel hinter der Szene.)
Fürst Arboga! (Arboga tritt ein.)
Woher schallt dieser Jubel?

Arboga.
Aus
Berdoas Zelt; er hält heut nacht
Ein groß Bankett.

Gothland.
Er triumphiert wohl, daß
Er mich an meinen Sohn verraten hat!
(Der Diener kommt zurück mit Ketten; Gothland nimmt sie ihm ab und wendet sich dann wieder zu Arboga.)
Nehmt funfzig Eurer bravsten Krieger und
Begleitet mich mit ihnen zu
Berdoas Zelt; wir wollen die Lautjauchzenden
Bei dem Bankette überraschen, und
Den Neger einmal ernstlich fragen,
Weswegen er so schwarz ist! –

(Er geht mit Arboga ab.)

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