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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Vorwort

zur zweibändigen Ausgabe der Dramatischen Dichtungen von 1827

Die dramatischen Stücke, welche man hier dem Publico vorlegt, sind ihrem Verfasser längst fremd geworden. Ein fünfjähriges Geschäftsleben und eine währenddem wieder aufgegriffene bloß wissenschaftliche Richtung seiner Studien, ließen ihn kaum an die Kunst, geschweige an seine eigenen dichterischen Versuche denken. Vielleicht war nach Bewegungen, wie sie in mehreren dieser Versuche enthalten sind, eine fünfjährige Ruhe und Läuterung so naturgemäß als nützlich.

Jetzt bietet sich die Gelegenheit dar, jene früheren Produkte drucken zu lassen. Da den Verfasser der poetische Ruhm, besonders in einem Jahrzehent, wo derselbe äußerst wohlfeil ausgeboten wird, wenig anzieht, so überlegte er es wohl, ehe er einen Schritt zur Öffentlichkeit tat. Manchen Tadel, manches Mißverständnis werden dem Verfasser seine Dichtungen zuziehen, und zwar bisweilen nicht ohne Ursache.

Der Verfasser schätzt seine Werke nicht hoch und kennt Fehler darin, die kein Kritiker finden wird. Noch weniger aber steht ihm die falsche und alberne Bescheidenheit an, mit welcher unter tausend Entschuldigungen viele Schriftsteller erst ihre Arbeiten als ganz klagenswert darstellen und hinterdrein diese von ihnen selbst herabgewürdigte Ware dem Publico in die Hand zu drücken wagen.

Alle hier erscheinenden Stücke (vielleicht nr. II. teilweise ausgenommen) schweifen in Extreme hinaus, die jetzt dem Verfasser wohl Erstaunen abnötigen, doch keinesweges sein Wohlgefallen erregen. Findet nun der Leser neben diesen Extremen nicht eine Masse unverzärtelter Poesie, tüchtigen Scharfsinns und Witzes, so verdient der Verfasser Gewissensbisse und literarische Strafe. Er verdient diese Strafe auch dann noch, wenn bei genauer Prüfung nicht jeder kunstverständige Leser entdeckt, daß grade bei den verwegensten Stücken ein konsequent befolgter Plan zu Grunde liegt, der jene Extreme nicht nur bedingt, sondern hier und da auch rechtfertigt, und bis in Kleinigkeiten, selbst in das Versmaß hineinwirkt, (in welchem letzteren jedoch den heutigen in Wasserbächen dahinfließenden Jamben oft zuviel Trotz geboten ist.)

Das Schreiben L. Tiecks, welches dem Trauerspiel Herzog Gothland (nr. I.), worauf es sich bezieht, vorgedruckt worden, dient dem Verfasser hoffentlich zum Schutze vor nicht begründeter Absprecherei.

Der Verfasser legt diese Stücke dem Publico als Talentprobe vor. Erklärt die öffentliche Stimme, daß gute Erwartung von seinen dichterischen Anlagen zu fassen ist, so wird er diese Erwartung bald mehr befriedigen, als er bisher getan hat. Er würde vielleicht schon jetzt Proben darüber abgelegt haben, aber gesteht es offenherzig, daß seine Individualität und seine bürgerliche Stellung ihm nicht erlauben, eher einen weitern Vorschritt zu machen, als bis durch die vorliegenden früheren Produkte die Anfänge seiner literarischen Verhältnisse zum Publico festgesetzt sind.

Betreffs der Abhandlung über die Shakspearo-Manie besagt das derselben vorgesetzte besondere Vorwort das Nötige.

Detmold den 21sten Mai 1827.

Der Verfasser

Kopie eines Briefes von L. Tieck
über die Tragödie
Herzog Theodor von Gothland

Dresden den 6ten Dez. 1822.

Zwar ist der Termin, wertgeschätzter Herr, in welchem Sie eine Antwort von mir wünschten, längst verflossen; ich hoffe aber, Sie entschuldigen das Verzögern, da nebenbei dringende Geschäfte, und zur Abwechslung Krankheit, mich abhielten, Ihnen zu schreiben, obgleich ich es mir täglich vornahm, und Ihr theatralisches Werk, nachdem ich es mit besondrer Teilnahme gelesen, mir auf keine Weise aus dem Gedächtnis entfallen war. Das kann auch wohl nicht geschehen, sollte man es auch nur flüchtig durchlaufen, ich habe es aber mit Fleiß und Aufmerksamkeit gelesen. Wie schwer mir aber grade bei diesem Produkte ein eigentliches, wahres Urteil wird, kann ich Ihnen in einem kurzen Briefe nicht eilig auseinandersetzen. Daß es sich durch seine Seltsamkeit, Härte, Bizarrerie und nicht selten große Gedanken, die auch mehr wie einmal kräftig ausgedrückt sind, sehr von dem gewöhnlichen Troß unserer Theaterstücke unterscheidet, darin haben Sie vollkommen recht. Ich bin einigemal auf Stellen geraten, die ich groß nennen möchte, Verse in denen wahre Dichterkraft hervorleuchtet. Auch ist Ihr Stück so wenig süßlich sentimental, unbestimmt und andren nachgeahmt, daß es gewissermaßen zum Erschrecken sich ganz einzeln stellt, im Entsetzlichen, Grausamen und Zynischen sich gefällt und dadurch nicht allein jene weichlichen Gefühle ironisiert, sondern zugleich alles Gefühl und Leben des Schauspiels, ja selbst diesen Zynismus zerstört. Hat die Weichlichkeit, die sich verhätschelnde Stimmung, eine gewisse schmachtende Melankolie, die sich nur selbst vergöttern will, vor dem ernsten Beschauer keinen Wert, so ist es gewiß erlaubt, diesen Selbstbetrug auch zynisch anzugreifen und der Humor hat dies schon oft getan. Nur muß sich dann dieser Zynismus, der alles im Menschen tief unter das Tier hinabwirft und dadurch die Lüge vernichten will, nicht selbst als die einzige und letzte Wahrheit geben: denn was er gibt und lehrt ist auch nur Schein, ein Bedingtes, ein an sich Unnützes und Verwerfliches: und die Wahrheit unsers Seins, das Echte, Göttliche, liegt in einer unsichtbaren Region, die ich so wenig mit meinen Händen aufbauen als zerstören kann.Der Zynismus wollte nach der Tendenz des Verfassers sich in diesem Trauerspiele in keiner Art als das Höchste und Letzte geben; er erscheint nur stellenweise als Gegensatz der neumodischen Sentimentalität und verliert sich in der Verwickelung und Auflösung des im Stücke viel bedeutenden Wechselverhältnisses Gustavs zu seinem Vater und Berdoas zu beiden, gleich einem Tropfen in der See, der, einzeln betrachtet, weder einen großen noch angenehmen Eindruck macht, aber doch zum Wogenschlag des Ganzen notwendig gehört. Der Verf. Ist es nicht, als wenn man, um kritisch zu zeigen, wie ein Landschaftmaler gefehlt hätte, ihm ein Stück des Gemäldes abkratzen und in der Mitte die unnütze Leinwand zeigen, oder gar ein Loch hindurchschlagen wollte?Die Produkte der jetzigen »sich selbst verhätschelnden und vergötternden Schriftsteller« sind keine Gemälde, sondern meistenteils nur bunt und häßlich überfärbter Zynismus; wenn man auf diesen Grundstoff hinzeigt, so kratzt man kein Stück des Gemäldes weg, sondern reinigt bloß die übertünchte Natur von einer elenden Farben-Pfuscherei, – das dient zur Warnung und ist überdem so erlaubt als billig, denn Poesie ist (auch nach Shakspeare) der Spiegel der Natur. Man bittet daher, zu bedenken, daß ein Spiegel auch die ärgerlichste Erscheinung widergibt, ohne sich zu beflecken. Wehe dem Verfasser, wenn er wahre Epfindungen hätte angreifen oder zertrümmern wollen. Der Verf. An diesem unpoetischen Materialismus leidet Ihr Stück auf eine schmerzliche Weise. Es zerstört sieh dadurch selbst, und der Effekt dieser Stellen ist ganz so grell als er auf jenem zum Teil abgekratzten Gemälde sein würde. Daran knüpfe ich die Bemerkung, daß alle jene einzelnen Stellen, die mir vorzüglich gefallen haben, alle mehr oder minder Zweifel an Gott oder Schöpfung ausdrücken, alle den Ton einer tiefen Verzweiflung ausklingen, und mich schließen lassen, daß Sie schon viele herbe und traurige Erfahrungen müssen gemacht haben. Sind Sie noch obenein jung (wie ich aus dem Ungestüm der Dichtung fast glauben muß) so möchte ich in Ihrem Namen erbangen, denn wenn Ihnen schon so früh die echte poetische Hoffnungs- und Lebenskraft ausgegangen ist, wo Brot auf der Wanderung durch die Wüste hernehmen? Ich möchte Sie dann warnen, diesem Zerstörungsprozesse des Lebens nachzugeben, der sich Ihnen in der Maske seiner gebornen Feindin, der Poesie, aufdringen will. – - Eben dadurch, daß Ihr Werk so gräßlich ist, zerstört es allen Glauben an sich und hebt sich also auf. – Stehn Sie nun in allem bisher Gesagten den dramatischen Schriftstellern unserer Tage ganz fern, so sind Sie ihnen doch in einem Punkte ganz nahe, ja Sie überbieten sie noch, nämlich in der großen Unwahrscheinlichkeit der Fabel und der Unmöglichkeit der Motive. Ein Mohr, Feldherr der Finnen, geht zum feindlichen Anführer, in dessen Haus: der Held glaubt, daß der Bruder den Bruder ermordet habe usw. usw. – Hier fände ich kein Ende mit meiner Kritik. Sollte Shakspeares Tit. Andronicus und der Mohr Aaron, die Grausamkeit dieses alten Schauspiels Sie nicht verleitet haben?Nein. Der Titus Andronicus, den der Verfasser im Englischen zu einer Zeit las, wo er diese Sprache nur zur Hälfte verstand, zog ihn gar nicht an und wurde bis zur Verfertigung des Gothland nicht wieder gelesen. – Was die Unwahrscheinlichkeit der Fabel betrifft, so leidet das Stück vielleicht an Überhäufung, – die Möglichkeit der einzelnen Begebenheiten ist nicht überall weitläuftig motiviert, an sich aber wohl gedenkbar. Daß der Held glaubt, der Bruder habe den Bruder erschlagen, möchte sich auch aus inneren Gründen entschuldigen, wie denn in der dritten Szene des fünften Aktes Berdoa dem Gothland eine Erklärung vorhält, welche hierüber und über die Konstruktion des Ganzen, auf die überall Rücksicht zu nehmen ist, einen nicht unbedeutenden Aufschluß geben dürfte. Der Verf. Sie gehn aber viel weiter als der Engländer. Das Gräßliche ist nicht tragisch, wilder roher Zynismus ist keine Ironie, Krämpfe sind keine Kraft, sondern entstehen oft (bei Ihnen glaube ich nicht;) aus der Schwäche. Und das Resultat: Ihr Werk hat mich angezogen, sehr interessiert, abgestoßen, erschreckt und meine große Teilnahme für den Autor gewonnen, von dem ich überzeugt bin, daß er etwas viel Besseres liefern kann; eine Tragödie ist es auf keinen Fall, aber auch kein Schauspiel, ja nach dieser Probe zweifle ich noch, ob Ihr Talent ein dramatisches ist, da Ihnen die Ruhe und Behaglichkeit, die Fülle der Gestalten, und die Kraft, alle mit gleicher Liebe auszustatten, abgeht.Die übrigen sämtlich nach dem Gothland geschriebenen Stücke wird das Publikum in Erwägung ziehen, bevor es hierüber eine Entscheidung, (nach welcher der Verfasser sich richten wird) abgibt. Der Verf.

Einmal sind Sie auch ganz weichlich. Denn es gibt auch eine weichliche gespenstische Gräßlichkeit. Ich meine jene Szene, wo der Held geschlachtet werden soll, ohnmächtig daliegt und dann entrinnt. Hier war mir (das einzigemal) ganz so zu Mute, als wenn ich ein ganz modernes Gedicht lese. Dabei liegt ein Akzent auf dieser Szene. Dieser Vorfall ist überhaupt fast nicht dramatisch mit Wirkung zu behandeln.Das ist sehr wahr. Diese Szene, (zu welcher der Verfasser den Tod der Cäcilia indes nicht rechnet) hat Manchem vorzüglich gefallen, sie ist aber entstanden mittelst einer Reminiszenz aus Arnims Kronwächter. Der Verf.

Ich habe mich so in das Urteilen hineingeschrieben, als wenn ich mit einem Freunde etwa über ein längst gedrucktes Buch mich unterhielteDas ist ein Hauptgrund, weshalb der Verfasser nun auch diesen Brief drucken läßt. , und ich habe lieber mich der Gefahr aussetzen wollen, mißverstanden zu werden, als unterlassen, einem talentvollen Manne, dessen Vertrauen ich achte, ebenfalls mit offenem Vertrauen entgegenzukommen, und ohne ängstliche Rücksicht offen und grade das auszusprechen, was ich über seinen Versuch denke. Erfreuen Sie mich bald durch eine Antwort, zeigen Sie mir, daß Sie auch über schwache Autorempfindlichkeit erhaben sind, lassen Sie uns bekannter miteinander werden, und glauben Sie mir, daß es mein Ernst ist, wenn ich sage, ich bin mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr
ergebener
L. Tieck.

 

Diese Anmerkungen zu dem geehrten Scheiben L. Tiecks sollen keine Widerlegungen, sondern nur Andeutungen einiger Ideen sein, welche den Verfasser bei Ausführung seines Werkes leiteten. Der freimütige und herzliche Tadel, den L. Tieck ausspricht, müßte dem Dichter des Gothland schon insofern höchst angenehm sein, als er die Unparteilichkeit des vielleicht übergroßen Lobes am besten verbürgt. Freilich sind die Ansichten und die poetische Natur des Verfassers viel zu sehr von der Eigentümlichkeit L. Tiecks verschieden, als daß er glauben könnte, derselbe habe in Lob und Tadel hier und da sein Werk nicht mißkannt. Aber trotz dessen von einem solchen verschiedenartigen Dichter eine so an sich geistreiche und wohlwollende Beurteilung erhalten zu haben, erfüllt den Beurteilten jedenfalls mit Freude und Dank. Übrigens wird der Gothland bei einer gehörigen Umarbeitung schon wegen seiner Kontraste ein wirksames Theaterstück bilden können.

Der Verfasser.


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