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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 19
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Vierter Akt

Erste Szene

Die Grenzen von Norwegen. Lager der schwedisch-finnischen Armee

(Gothlands Zelt. Nacht. Auf einem Tische brennende Wachskerzen. Gothland, halb gerüstet, liegt schlafend auf einem Ruhebette. Erik steht bei ihm Wache.)

Arboga (tritt ein).
Was macht der König?

Erik.
Schwer scheint er zu träumen.

Arboga.
So weck ihn auf.

Erik.
Wer weiß, ob er
Nicht lieber angstvoll träumt, als angstvoll wacht.

Gothland.
Mohr! Mohr!

Berdoa (tritt ein).
Da ich vorm Zelt vorbeigeh, hör
Ich rufen; wer begehrt mich?

Erik.
Niemand;
Der König sprach im Traum.

Berdoa.
Der König? (Gothland erblickend.) Ha, seht,
Seht, wie der goldgekrönte Wurm sich windet!
Jetzt käut er nach der Art der Europäer, nachts
Das wieder, was er tags getan!
Er kann kein Bruderfleisch verdauen!

Gothland.
Laß, laß mich! Toter, laß mich!

Arboga (zu Berdoa).
Fort; er
Erwacht.

(Berdoa geht ab.)

Gothland (vom Lager aufspringend).
Gottlob, es war ein Traum! Wie feige,
Wie feige die Gespenster sind!
Sie überfallen nur den Schlafenden!
Laßt sie ankommen, wenn ich wach bin! (Zu Arboga.) Habt
Ihr je geträumt?

Arboga.
Ich träume nie.

Gothland.
Du träumst nie?
So hör denn, wie du glücklich bist! – Ich lag,
So träumte mir, auf einem Lavafelde, –
Aus schwarzen Wolken regnete es Nattern,
Und Friedrich, der Erschlagne, stieg empor.
Mit seinen Fersen stand er auf der Erde,
Mit seiner Scheitel stieß er an den Mond;
An seinen blutgen Haaren klebten Sterne,
Wie Fisch in ihren Netzen;
Aus seinem Hals hing statt
Der Zunge eine Brillenschlange,
Sein Aug war stier und grünlich,
Und weißer Leichenduft umhüllte ihn.
So kam er auf mich zu, beinah
Den wandernden Gebirgen Islands ähnlich,
Und foderte sein Blut mir ab;
Ich wehrte mich mit weggewandten Augen –
Er warf mich nieder, und als ich
Die Augen wieder zu ihm kehrte, – da
Umklammerte mit hunderttausend Füßen
Mich eine zorn'ge, ungeheure Spinne,
Sog wie 'ner Fliege mir die Brust aus – und
Ihr Antlitz war das Antlitz meines Bruders!
(Trompeten.) – Was gibt es da?

Arboga.
Die letzten Regimenter
Von Eurem sieggekrönten Heere ziehn
Ins Lager.

Gothland.
Ja, – ich siegte! – Siegen – Morden –
– Was unterscheidet denn den Helden von dem Mörder?

Arboga.
Die Anzahl der Erschlagenen.
Wer wen'ge totschlägt, ist ein Mörder,
Wer viele totschlägt, ist ein Held.

Gothland.
Nu,
Das tröstet mich; ich werde wohl ein Held sein.
– Ich bin sehr müde; ich will wieder schlafen;
Fürst! wacht in meiner Näh!
(Er legt sich auf das Ruhebett, steht aber bald wieder auf.)
– Ich kann nicht schlafen! Weh, Weh,
Wie eine Feuerglocke heult mein Herz
Und läutet Sturm mit Donnerschlägen,
Und über meinem Kopf
Wirft meine Stirne Blasen auf,
Wie kochend Wasser überm Feuer! –
– Fürst! glaubt Ihr an Unsterblichkeit?

Arboga.
Um so etwas bekümmre ich mich nicht.

Gothland (aus voller Seele).
O du Beneidenswürdiger!

(Pause; dann winkt er, ihn allein zu lassen; Arboga und Erik entfernen sich.)

Gothland (allein).
– Bisweilen
Erscheinen selge Silberblicke in
Der Nacht des Lebens, – da zerschmilzt
Die eiserne, ungläubge Brust,
Und eine Götterdämmerung steigt in
Ihr auf: – der Erde Nebel,
Die düstren Graungestalten schwinden,
Und von dem jungen Morgenlicht beschienen,
Eröffnet eine weite Aussicht
Ihre goldnen Fernen, – aus
Dem Meere taucht die ewge Liebe, – am
Tiefblauen Himmel leuchtet Gottes Glorie, –
Die Gräber öffnen sich, wie Knospen in
Dem Mai, verjüngt entschweben ihnen die
Gestorbenen, vergessen ist der Schmerz,
Das ganze Weltall strahlt von seliger
Verklärung! – Was red ich da? Nicht für mich
Sind diese Wonnen, wenn sie sind,
Und gibt es ein Elysium, so gibts
Auch eine Hölle! (Zur Zelttür hinaus.) Ruft den Neger her!

(Pause; dann kommt Berdoa.)

Berdoa.
Ihr ließt mich rufen.

Gothland.
Neger,
Es geht auf Erden eine alte Sage
Von Mund zu Mund, von Land zu Land; woher
Sie kommt, weiß keiner, aber jeder glaubt sie,
Und sie scheint ewig, wie ihr Inhalt –
Sie redet von Unsterblichkeit – Was ist
Unsterblichkeit?

Berdoa.
Ein Wort.

Gothland.
Woher
Die Übereinstimmung der Völker
In ihrem Glauben an ein ewges Leben,
Woher der Glaube dran in unsrer Brust?

Berdoa.
Der Mensch glaubt, was er hofft, glaubt, was er fürchtet!

Gothland.
Wahr, Neger, wahr! Du sprichst, wie ichs von dir
Erwartete; daß du es leugnen würdest,
Wußt ich; das war es auch, weswegen ich
Grad dich, und keinen andren rufen ließ!

Berdoa.
Der Mensch verdient ja kaum dies Erdenleben,
Und für ein ewiges sollt er gemacht sein?
Sein Dasein nicht einmal kann er beweisen,
Und seine Ewigkeit wär außer Zweifel?

Gothland.
Vortrefflich! Neger, Freund! sprich weiter!

Berdoa (beiseit).
Wart nur! (laut) Bloß
Um unsrer ungeheuren Eitelkeit
Zu schmeicheln und die Furcht vor der
Vernichtung unsres Daseins zu besänftgen,
Erfanden wir uns die Unsterblichkeit, –
Ein Einfaltspinsel, der sie glauben kann!

Gothland.
Ein Einfaltspinsel, der sie glauben kann!

Arboga (kommt).
Herr, eben bringt Usbek fünftausend
Gefangne ein.

Gothland.
Willkommen sind sie mir,
Wenn sie zu meinen Fahnen treten wollen.

Arboga.
Sie weigern sich; was machen wir mit ihnen?

Gothland (zu Berdoa).
Ein ewges Leben gibt es nicht?

Berdoa.
Nein.

Gothland (zu Arboga).
Es
Ist keine Unsterblichkeit – So
Laßt die Gefangnen niederhaun!

(Arboga geht ab.)

Berdoa.
Hihihi!
Und wenn nun dennoch –

Gothland.
»Dennoch? dennoch?«
Zweizüngler, was bedeutet das?

Berdoa.
– und wenn
Die Ewigkeit nun dennoch wäre!

Gothland (entsetzt).
Schrecklich!

Arboga (tritt ein).
Die Kriegsgefangenen sind tot. (Er geht ab.)

Berdoa.
Sie sind
Schon tot! Weh, König, Wehe! wenns
Nun 'ne Vergeltung geben sollte!
Ich zittere für Euch, wenn ich dran denke!

Gothland (zu Berdoa, indem er zugleich sich selbst beruhigt).
Es gibt nur eine einzige Vergeltung,
Und die bestehet in der gänzlichen
Vernichtung unsres Daseins, welche man
Den Tod nennt; – dem Unglücklichen nimmt er
Die Qual, dem Glücklichen die Freude,
Und überflüssig macht er die
Vergeltung übern Sternen,
Von welcher du zu träumen scheinst!

Berdoa.
Fast glaub
Ichs auch!

Gothland.
Siehst du! – – Die Huren mögen
Sich fürchten vor der Ewigkeit, –
Wir wissen besser, was daran ist;
Die Seele schläft, – was schläft, kann sterben, – sie
Wird krank (sehr krank!) – was krank wird, das vergeht auch!

Berdoa.
Wie aber, König, kommts, daß noch
Kein einziger (Ihr werdet einstens an
Euch selbst erfahren, daß ich Wahrheit spreche)

Wie kommts, daß noch kein einziger
Gestorben ist, der nicht in seiner letzten Stunde
Die Nähe einer andren Welt geahnet, und
Vor ihr gezittert hätte?

Gothland
Mohr, du redest ganz
Einfältig! Ein gesunder Mann, der noch
Seine fünf Sinne hat, legt kein Gewicht
Auf das, was Sterbende, die auf
Dem Todesbett sich winden und die Kissen zupfen,
In ihrer Angst und Geistesschwäche faseln!

Berdoa.
Gespenster also gibt es nicht?

Gothland.
Gespenster!
Hahaha! Mohr, auslachen muß ich dich!
Gespenster! Wer glaubt Ammenmärchen, wer
Hat jemals einen Geist gesehn? Ein Kind
Weiß, daß es keine Geister gibt! Mohr, Mohr,
Wie abergläubisch bist du und wie dumm,
Wie äthiopisch dumm! Gespenster!

Berdoa.
Ihr überzeugt mich; Geister und
Gespenster gibt es nicht; aber denkt Euch, daß
Es hier nach Leichen röche, und daß plötzlich
Dort in der dunklen Ecke, wo
Das weiße Laken hängt, im Totenhemd
Eur Bruder Friedrich stände, und
Euch ansäh –

Gothland.
Hu!

Berdoa.
Was schreit Ihr?

Gothland.
Sieh, er
Steht ja schon da! Mein Blut wird Eis! Er droht mir!
Er kommt! Verwesung ist sein Odem!
Er will mich töten! – Fliehen wär vergebens! –
Was fürcht ich mich? Dreist ringe ich mit ihm –
Auch ich bin Geist!

Berdoa.
Ringt Ihr mit 'nem Gespenste
Und nennt Ihr Euch 'nen Geist? Ei ei, ich meinte
Es gäbe keine Geister!

Gothland (wieder zu sich selbst kommend).
's gibt auch keine!
Angst neckte meine Augen und ließ mich
So sinnlos schwatzen!

Berdoa.
Ihr seid also auch
Ängstlich?

Gothland (ohne auf Berdoa gehört zu haben).
Zerstreuung hab ich nötig – Öffnet
Das Zelt!

(Die Zeltwand des Hintergrundes fällt nieder und man erblickt eine Wintergegend, die zum Teil von dem schwedisch-finnischen Lager bedeckt ist; am äußersten Horizonte wird sie von den Schneegipfeln des Kiölgebirges begrenzt; über ihr funkelt der sternbesäete Nachthimmel.)

Gothland.
– – Eine sternhelle Luft!

Berdoa.
Ja, – weggezogen sind die Decken,
Und schwindelnd starr ich in den Abgrund
Der Schöpfung; – wie ein Triumphator fährt
Die Nacht mit Millionen Sonnenrädern
Durch die Schwibbögen des Weltbaus; –
Milchstraßen drängen an Milchstraßen sich,
Sternbilder lodern bei Sternbildern!

Gothland.
Pah,
Auch diese Sternenherrlichkeit erbleicht,
Und schnell und spurlos wie
Das flüchtge Lächeln eines finsteren
Gesichts, vergehet dieser Glanz der Nacht!
– Es kommt die Zeit, wo sich die Todesengel
Mit schwarzen Sturmesfittigen erheben
Und auf den Ätherhöhn die Sonnen
Losreißen, wie die Lämmergeier auf
Den Alpenspitzen die Lauwinen
Loskratzen!
Dann rollen jene feurgen Welten
Mit ihren Erden und
Mit ihren Monden, andre Welten mit
Sich niederreißend, in die Schlünde der
Vernichtung, und die Himmelswölb'
Fällt ihnen nach, wie'n müdes Augenlid! –
Ewig ist nur der Staub. –
Weltkörper gehen unter und der Mensch
Wär unvergänglich? O des Wahnwitzes!

Berdoa.
Ich zweifle sehr.

Gothland.
Woran?

Berdoa.
Daß die Weltkörper
So gänzlich untergehen. Ist es nicht
Wahrscheinlicher, daß diese mächtgen Globen
Zu einem höhren Zweck bestimmt sind? Sollten
Sie nicht so gut 'ne Seele haben, als
Wie wir? Die Läuse, die
Auf einem Menschenkopfe sitzen, meinen
Gewiß, daß dieser bloß erschaffen sei,
Um sie zu nähren, – und was auf
'Nem Menschenkopf die Läuse sind, das sind
Die Menschen auf der Erde.

Gothland.
Ja, wir
Sind Läuse!

Berdoa.
Und die Welten?

Gothland.
Sind
Vielleicht nur größre Läuse als wie wir.

Berdoa.
Die Dioskuren auch?

Gothland (bewegt).
Die Dioskuren! –
Wie kommst du auf die Dioskuren?

Berdoa.
Ich seh sie eben in dem Osten aufgehn.

Gothland.
Ha! – schöne Sterne! Brüdersterne! seh ich
Euch wieder? Selge, selge Nächte, wo ihr mir
Noch strahltet als das Sinnbild meines Lebens!
Als ich das letzte Mal euch sah,
Da hatte ich noch Brüder, – jetzt – o jetzt! – –
– Mohr, glaubst du einen Gott?

Berdoa (beiseit).
Er fragt mich, weil
Er meint, daß ich Nein sagen würde! (Laut.) Ja,
Ich glaube einen allgewaltgen Gott,
Der in die Nächte schaut und in die Herzen
Und furchtbar richtet über das
Verborgne und das Offenbare!

Gothland.
Ich aber glaube, Mohr! daß du
Ein ungeheurer Narr bist, ein
Weit größerer als ich gedacht, und daß
Dein Glaube an den allgewaltgen Gott
So närrisch ist wie dein Gehirn!

Berdoa.
Recht so!
Gott ist nicht, aber du, du bist!

Gothland.
Ich glaube
Die Allmacht und Allgegenwart der Zeit!
Die Zeit erschafft, vollendet und zerstört
Die Welt und alles, was darin ist;
Doch einen Gott, der höher als die Zeit
Steht, glaub ich nicht; ein solcher kann nicht, darf
Nicht, soll nicht sein und ist nicht!

Berdoa.
Mit winzigem Gekreisch
Vermeinst du den zu leugnen, den
Des Donners Heroldsruf verkündet?
Die Morgensonne zündet
Ihm auf der Berge Hochaltären
Die Opferflamme an;
Das ganze sternbedeckte Firmament
Ist nur ein Sonnenstäubchen, das im Strahle
Seiner Größe brennt;
Die Geister schweben
Erstaunend auf den Stufen,
Die von dem Wurm, der in dem Tale
Der Erde lebt, bis zu den Sonnensphären
Sich erheben,
Und rufen
Seinen ewgen Namen!

Gothland.
Brav Mohr! man merkts, daß du
Der Finnen Oberpriester warst!
Du predigst allerliebst! Du sollst
Dorfpastor werden! einen schwarzen Rock
Hast du ja von Natur schon an!
Wenn du die Kinder unterrichtest, und
Die Bauern über Mißwachs tröstest,
Da mußt du dich so recht in deinem
Wirkungskreise fühlen!

Berdoa (tückisch lächelnd).
Nu,
Kinderunterricht erteilt ich gestern nacht!

Gothland (nach einer Pause).
– Hast du auf deinen Reisen Renegaten,
Die Christi Religion verlassen und
Den Islam angenommen hatten, kennen-
Gelernt?

Berdoa (beiseit).
Ha, sucht er da 'ne Zuflucht?

Gothland.
Was denkt man über sie?

Berdoa.
Der Christ verfolgt,
Und der Bekenner Mohammeds
Verachtet sie.

Gothland.
Und was meinst du dazu?

Berdoa.
Die Religion, mein' ich, kann man vertauschen,
Doch das Gewissen nicht. Auch sind
Im Grunde alle Religionen eins,
In Nebensachen nur sind sie verschieden;
So kenne ich zum Beispiel keine einzge,
Worin der Mord nicht schwer verboten wäre;
Ich selber mußt aus meinem Vaterlande,
Vom Strand des Nigers fliehen, weil
Ich meinen Freund erschlagen hatte!

Gothland.
Jetzt halt!
Du bist der größte Bösewicht auf Erden
Und sprichst doch heute, als
Wenn du die Tugend selber wärst!
Denkst du, ich wüßte nicht, warum? Um mich
Zu quälen, bist du fromm! Doch das
Soll dir mißlingen; dir
Zum Trotze lache ich und bleibe ruhig –
Hoho! bin ich nicht ruhig?

Berdoa.
Ruhig? Ja,
Sehr ruhig;
Nur flechtet Ihr die Zähne gräßlich durch-
Einander,
Auch ballt sich Eure Stirne so gewaltig,
Daß sie den festesten der Steine,
Den Diamant zerquetschen kann
In ihren Falten, und
Wie rote Sonnen, die von Höllenglut
Geschwängert sind, glühn Eure Augen!

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