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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 18
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Zweite Szene

Ein anderer Teil der Ostseeküste

(Der König Olaf, der alte Gothland und der Graf Holm treten feldflüchtig auf.)

Holm.
Wer unrecht hat, hat Glück! Wir sind
Geschlagen, und zerstoben ist das Heer!

König.
Ich schiffe mich sofort nach Rußland ein
Und werbe dort ein neues an!

Der alte Gothland.
Ich wandere nach Norwegs Tälern
Und wenn sie dort die Väter ehren,
So müssen sich die Streiter um mich scharen!

Holm.
Ich eile zum hochherzgen Volk der Deutschen,
Das für das Gute nur die Waffen schwingt,
Und fleh um Hülfe für die Unterdrückten!

König.
Gib mir die Hand, verlaßner Vater!

Der alte Gothland.
Gib mir die Hand, vertriebner König!

Holm.
Und nehmt auch mich in euren Bund!

(Sie halten sich umarmt. – Ferne Trompetenstöße.)

König.
Horcht, die Rebellen nahn; wir müssen scheiden!
– Am Kiölgebirg, wo sich die Heerstraßen
Von Dänmark, Schweden und Norwegen kreuzen,
Steht einsam eine unbewohnte Hütte,
Für den verirrten Wanderer erbaut –
Dort sehn wir uns am ersten Mai, in der
Begleitung neugeworbner Heere wieder!

Holm und der alte Gothland.
Am ersten Mai sehn wir uns wieder!

König.
Lebt wohl, verzweifelt nicht und harret aus!
Denn sicher wie der Frühling auf
Den Fluren wiederkehrt, so sicher muß
Das Gute in dem Leben wiederkehren!
Die Wolkenzüge kommen und vergehn,
Die Himmelswölbung blieb seit ewig stehn!

(Sie trennen sich und geben ab.)

(Gothland, Gustav, Arboga, Rossan, Irnak, Berdoa, Erik, schwedische und finnische Krieger, treten auf. – Siegsmusik.)

Arboga (zu Gothland).
Feldflüchtig ward der Schwedenkönig Olaf –
Im Namen meiner Scharen biet ich Euch
An seiner Statt die schwedische Krone dar.

Gothland.
Ich nehm sie an! (Beiseit.) So hab ichs denn erreicht:
König bin ich von Schweden und von Finnland!
(Laut.) Die Finnen und die Schweden sollen künftig
Den wechselseitgen Haß vergessen, und,
Vereinet unter meinem Herrscherstabe
In ewgem Frieden miteinander leben! (Zu Arboga.)
Graf, herrlich habt Ihr in der Schlacht gefochten;
Zum Zeichen meiner Dankbarkeit
Ernenn ich Euch noch auf dem Schlachtfelde,
Dem Boden Eurer Heldentaten,
Zum Fürsten von Arboga!
– Sieh da der Neger. (Hämisch.) Nu, wie geht es dir?

Berdoa.
Recht gut.

Gothland.
Das freut mich. (Er zieht ihn beiseit.) Auf ein Wort; – Mohr, du
Bist weit gereist; du sahst Timbuktu und
Sahst Samarkand, den Niger und den Nil,
Mehr als ein anderer hast du erfahren –
– Weißt du ein Mittel gegen die Blitze
Und gegen den Donner?

Berdoa.
Den Frommen, hört ich, sollen sie verschonen!

Gothland (wendet sich ärgerlich von ihm weg; zu Rossan).
Mich dünkt, es wär jetzt Zeit den Mohren aufs
Schafott zu schleppen!

Rossan.
Herr, so gern ichs täte, –
Es geht noch nicht; wir müssen ihn
Noch ein paar Tage laufen lassen, –
Ich kenne ja das finnische Gesindel!

Gothland.
Der
Elende Pöbel! – Doch, ich will mich zu
Gedulden suchen! (Roßgetrappel.) He! wer reitet dort vorbei?

Irnak.
Es ist Usbek mit seinen Reiterscharen.
– Wohin, Usbek?

Usbek (im Hintergrunde).
Den Feind verfolgen!

Irnak.
Es
Wird Abend und kaum scheint ein Stern heut nacht!
Du solltest warten bis zur Morgenröte!

Usbek.
Pah! Feuerkugeln sind der Schlacht Gestirne,
Pechkränze ihre Sonnen!

Gothland.
Brav, Usbek!
Laß dich nicht Nacht und Dämmrung schrecken!
Die meisten Flüchtgen wandten sich gen Norweg;
Verfolg sie rastlos bis ans Kiölgebirg!
Ich komme mit dem Heere nach! Glück auf!

Usbek.
Hussah, so stürmt denn los, ihr Reiterscharen,
Wie tausendfüßge, erzbeschlagene
Orkane! (Ab; Trompeten.)

Gothland.
Rüstet euch zum Nachtmarsche.

Irnak (zu Berdoa).
Die Dirne ist bereit.

Berdoa.
So will ich mit
Dem Buben sprechen! (Redet heimlich mit Gustav.)

Gothland (in die Gegend blickend).
Dort eilt ein müder Landmann nach
Vollbrachtem Tagewerk zu seiner Hütte.
Er hat das letzte Korn gesät und hofft
Zu Gott, daß es gedeihen wird
Im künftgen Lenz. – Ein liebes Weib empfängt
Ihn vor der Tür und trocknet ihm den Schweiß ab –
(– Wer trocknet mir das Blut ab? –)
Ein traulich Feur winkt ihm auf seinem Herde
Und Kinder spielen um die Kniee ihm;
Ein süßer Schlummer, ungestört
Von Träumen, stärkt ihn für den künftgen Tag,
Und Friedensengel schweben über seiner Wohnung!
– Ich seh nicht ein, wie er vor mir
Dies schöne Los verdient; wär er
Versucht wie ich, so wär er auch wie ich
Gefallen – Fort! reißet seine Hütte
Ihm nieder und zerstampfet seine Fluren!

(Mehrere Soldaten ab.)

Gothland.
– Ihr göttlichen Gewalten, gebt mir, wenn
Ihr seid, ein langes Leben auf der Erde;
Es ist so wenig – ein unseliges
Bewußtsein seiner Nichtigkeit,
Ein Kriechen auf dem Schlamme, eine Kette
Von Qualen – und dennoch ists
Mein Alles! – Gönnt es mir!
Ich hab ja keine Ewigkeit, kein Glück
Und keine Hoffnung mehr, – peinigt mich, aber
Laßt mir das Einzge, was mir blieb, laßt mir
Das arme, nackte Leben! laßt es mir!

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