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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Arboga.
Ein König hat gar große Rechte, als
Das Recht der Willkür, die Befugnis zur
Gewalt, das Recht des Völkermordes –

Gothland.
Hat er
Das letztere?

Arboga (ohne Ironie).
Zum wenigsten ists von
Den Kön'gen ausgeübt, so lange als
Es Kön'ge gibt.

Gothland.
Nur eins sag an –
Ist Völkermord ein Königsrecht?

Arboga.
Ich glaube es.

Gothland.
Gottlob, Wir sind ein König!
– Jetzt frißt der Mensch die Fisch', da eigentlich
Die Fisch' ihn fressen sollten, – sorgen will ich,
Daß diesem Mißstand abgeholfen wird.
Den Ackerbau will ich befördern, dies Feld
Will ich mit Leichen düngen, damit
Das Gras wächst, – einer von den großen Ärzten
Der Menschheit, deren sie so sehr bedarf,
Die mit den einzigen Heilmitteln, die ihr fruchten,
Mit Feur und Schwert, mit Krieg und Pest sie heilen,
Einer von den gepriesnen Attilas,
Sullas und Cäsars will ich werden!
(Kommandierend.) Infantrie vor! Die Reiterei
Hält hinter ihr und reit't sie über, wenn
Sie zagt! – Rossan, du stürmst des Feindes linke
(zu Irnak) Und du die rechte Flanke, (zu Arboga) Ihr das Zentrum!
(Schlachtmusik.) Mord ist frei! Keine Gnade! – Er, der
Die Wölfe machte, ihnen Zähne gab,
Und einen heißen, niegelöschten Durst
Nach Menschenblut, er, der die Vipern schafft,
Und die Erdbeben aus den Tiefen ruft,
Wird uns entschuldigen! Halloh, zur Schlacht!

(Er geht; allgemeiner Aufbruch; kurze Pause, während welcher die Szene leer bleibt.)

Berdoa (tritt auf, die wildeste Leidenschaft in seinen Gesichtszügen und Bewegungen.)
Was? Bin ich noch der Neger?
Ist dies mein kampfgestählter Arm? O gebt
Mir etwas zu vernichten, etwas zu
Vernichten – ja, vernichten! vernichten! (Er hat einen Dolch ergriffen.)
Zerbrich! zerbrich! O wärens seine Knochen! –
Verdammte Träume! Seine Knochen sind
Es nicht! Es ist mein bester Dolch! Schmach! Fort
Gedanken!- Sinne, öffnet eure Tore!
Sehn will ich der Sahara Meteore! (Fast mit Vision.)
Ha! wie die Lavaström vom Ätna, fluten
Hoch vom Zenit die Sonnengluten!
In Feuer ist der Tag getaucht,
Verbrannte Asche ist die Luft, die Erde raucht,
Der Samum weht,
Und Mauritanias Karawan vergeht!

Der rote Löw, umflogen
Von eines Feuerkammes Wogen,
Schnaubt Mord, peitscht mit dem Schweif den Sand,
Stürmt als Komet der Wüste durch das Land!

Und als ihr Sternbild, furchtbar leuchtend,
Gleich dem Orion der Äquatornacht,
Tod kündend dem, der es erblickt,
Umfunkelt von des Felles Arguspracht,
Die blutgewaschnen Zähne weisend,
Sie mächtig aneinander schärfend,
Wie Netze seine Blick' auswerfend,
Mit glühndem Aug' die Beut umkreisend,
Schweift dort, mit einem Blutstreif ihn befeuchtend,
Der Königstiger seinen Pfad!

Und lauernd sich zusammenringend,
Zu einem Strudel sich verschlingend,
Umschnürt mit ungeheuren Reifen
Die Boa jeden, der ihr naht!
– Ein Samum will ich Gothlands Mark aufzehren,
Will seinen Stamm, will alles, was ihn nur beglückt,
Mit meinem Hauch versengen und verheeren, –
Ein Löwe, will ich ihn ergreifen,
Ein' Boa, will ich ihn erdrücken,
Ein Tiger, reiß ich ihn zu Stücken –
– Nur Tiger? – der kann bloß den Leib versehren!
Das ist zu wenig, ich will mehr!
Denn auch das Seelenheil will ich zerstören
Für ihn sowie für seinen Samen! Amen!

(Gustav tritt auf.)

Berdoa.
Sein Sohn? Ein Dämon führt ihn zu mir her!

(Er zieht sich zurück, und umschleicht den Gustav während des Folgenden beobachtend und lauschend, beinah auf die Weise eines Raubtiers.)

Gustav.
Weh ihm, dem schon in seiner Jugend Tagen
Ein holdes Glück erschienen, – klagen,
Wenn es ihm untersank,
Muß er ein ganzes Leben lang!

Berdoa.
Er scheint betrübt zu sein, – was mag ihn quälen?
Viel Kluges ist es sicher nicht, – er hat
Noch keinen Bart!

Gustav.
Dort steigt er auf,
Der stille Zeuge unsrer Liebe,
Der Hesperus,
Und mit ihm die Vergangenheit!
Wie leuchtet er mir heut so trübe,
Wie golden flammte er in vorger Zeit!
– Auch sie
Steht nun wohl in dem Dämmerlichte,
Der Wehmut Zug in dem Gesichte,
Auf dem Altan, und denkt an mich
Und unsre Blicke treffen sich
(O süßer Traum!)
Im schönsten Stern am Firmament,
Sind wir auch sonst durch Berg und Tal getrennt!

Berdoa.
Ich habs, ich habs! er ist verliebt! Die Liebe
Ist Wollust; wer verliebt ist, der ist geil,
Ist Geck, ist schwach, ist Narr! – An dem hab ich
Schon im voraus das halbe Spiel gewonnen! –

(Er geht auf Gustav zu, um ihn anzureden.)

Gustav (für sich).
Was will der Mohr?

Berdoa.
Ihr seid nicht in der Schlacht
Bei Eurem Vater, Prinz? Man wird
Euch das vorwerfen.

Gustav.
Was ein Kind
Dem Vater schuldig ist, hab ich getan;
Ich bin auf sein Gebot ihm nachgefolgt
Und werd ihn nicht verlassen; doch nie kann
Er fodern, daß ich gegen meine Überzeugung,
Gegen mein Vaterland und gegen den,
Der Schwedens König ist, mein Schwert soll ziehn.

Berdoa.
Ihr meint also, Eur Vater wär Rebell?

Gustav.
Er ist mein Vater und ich bin sein Sohn.

Berdoa.
Du rührst mich, Jüngling; wohl, du hast ein Recht
Zu trauern!

Gustav.
Wohl o wohl! ein größres, als du denkst!

Berdoa.
Ein größres? – Kaum zu glauben – Sollte etwa –

Gustav.
Still Mohr, denn du errätst es nimmer!

Berdoa. Un-
Glückliche Liebe ists doch nicht? (Gustav wird heftig bewegt.) Ist sie's?
Und glauben konntest du, daß ich sie nicht
Erriete, weil ich Neger bin? – O schlecht
Kennst du der Liebe Zaubermacht! Sei weiß,
Sei schwarz, du führest ihre Farbe! Am
Äquator lieben wir wie hier, nur glühnder,
Wie dort denn alles glühnder ist.

Gustav.
Ja, besser
Hätt ich der Liebe Allmacht kennen sollen,
Als einen Augenblick an ihr zu zweifeln.
– Ein Einsamer bin ich in diesem Heer,
Mein Vater höhnt mich, wenn er mich bewegt sieht,
Und seine rohen Krieger kennen kein Gefühl – (Indem er Berdoas Hand faßt.)
Da muß ich einen Neger finden, der mir
Erzählt, daß auch die heiße Zone liebt,
Der mich versteht, der meinen Schmerz begreift.
Selma, des Schwedenkönigs hehre Tochter,
Die hehre Selma liebt ich mit der Seligkeit
Der ersten Liebe, und sie liebte mich!
Mein Vater aber, fliehend von
Des Bruders Leiche, riß auf ewig mich
Von dannen!

Berdoa.
Du warst wohl recht selig?

Gustav.
Fragst
Du noch? – Drei Jahre sind es nun, als ich
An einem Frühlingsmorgen schweifte durch
Upsalas neuverjüngte Flur; ich war
Wie Knaben sind, nicht glücklich und nicht un-
Glücklich; – Aurora streute Goldstaub auf
Die grünen Matten, – sehnsüchtig dämmerte
Des Horizontes duftgewobne Bläue,
Die Wälder knospeten, die Rosen schwellten, –
Ich sah es nicht – Des Hains Gefieder sang,
Ich hört es nicht, – Da schwebte eine Nie-
Geseh'ne grüßend mir vorüber, – es
War Selma – sie erging sich auf den Blumenwiesen –
Ich sah sie! – – und
Zum erstenmale hörte ich
Die Nachtigallen schlagen,
Sah ich die Rosenbüsche blühen,
Sah ich des Äthers Höhen schimmern,
Und eine andre Sonne stieg
Im Osten mir empor!
Nur wer geliebt hat, weiß es, was
Der Frühling ist!

Berdoa.
Ja wohl! ja wohl! nur wer
Geliebt hat, weiß es, was ein Affe – Was, was
Der Frühling ist!

Gustav.
Von Liebe flüsterten
Die Ähren, Liebe rief des Donners Hall!
Ich glaubte an Unsterblichkeit, an Gott,
An Glück, an alles Große und
An alles Gute!
Die Sonnen flogen auf und nieder,
Die Stunden hatten Morgenröten,
Die Auen waren Paradiese, – und
Wenn ich auch weinte,
So weinte ich vor Freude!

Berdoa.
Ist Selma schön?

Gustav.
Das weißt du nicht? – O, ich beklage dich! –
Als Herrlichste von allen,
Als eine Kön'gin steht
Sie unter den Gespielinnen! fürs Diadem
Ist ihre Götterstirn gebildet! seidnes Haar
Umschmückt ihr lichtes Haupt
Mit goldner Fülle, Hoheit strahlt
Aus ihrem Auge, Anmut wohnt
Auf ihrem Mund, – mein Leben würf ich weg
Für einen Kuß auf ihre Lippen!

Berdoa.
Wenn sie nun aber aus dem Halse stänke?

Gustav.
Wie Neger?

Berdoa.
O du Geck der Gecken, Narr
Der Narren! Deine Göttin ist ein Mensch
Wie du! Hat sie auf ihrem Kopf viel Haare,
Was du so rühmst, so hat sie sicher auch
Viel Ungeziefer drauf, und ihre Nas
Ist schleimig, wie die Nasen andrer Leute!
Sie trinkt und ißt so gut als du
Und so wie du gibt sie's auch wieder von sich!

Gustav.
Schäme dich!

Berdoa.
Lüg ich denn? – Schäm du dich, weil
Du ohn Erröten eingestandest, daß
Du liebest!

Gustav.
Mich der Liebe schämen, die
Das Höchste auf der Erde ist?

Berdoa.
Das Höchste?
Aufs Kindermachen läufts hinaus! – Was liebt
Ihr denn am Weib? Etwa den Geist?
An einer Gans? – Ich glaub es kaum; und wär
Es wahr, – weshalb liebt ihr denn nie 'nen Mann?
Ihr liebt das Fleisch! siehts Fleisch nur hübsch, so denkt
Ihr euch die Seele schon hinzu! – Doch das
Empört mich nicht; allein, wenn ihr den Trieb,
Den ihr mit Kröte, Katz und Hund gemein habt,
Zu einer Tugend macht und göttlich nennt,
Pfui, das ist unerträglich!

Gustav.
Im Namen der Geliebten und der Liebe:
Zieh deinen Degen heuchlerischer Mohr!

Berdoa (tuts und schlägt ihm den seinen aus der Hand).
Da liegt der deine! – Lehrte Selma dich
Das schlechte Fechten? Besser solltet ihr
Die Männerwürde ehren, als
Zu Dienern eines Weibes euch erniedrigen!

Gustav.
Dein Arm ist stärker als der meine, weil
Er dreißig Jahre älter ist; drum rühm
Dich nicht; der Liebe bleib ich treu! (Geht ab.)

Berdoa.
Ja, bleib
Ihr treu! bleib ihr nur treu! das wünsch ich eben!
Ein Schritt nur ists, der von der Liebe zu
Der Unzucht führt! – – Ich kenne unter
Den Christen gar nicht wen'ge Laffen, die
Im selben Sinn, in welchem sie
Von ihrem Mädchen sprechen, Gott
Die Liebe nennen! – Dieser Knabe schien
Zu ihnen zu gehören! – Ich
Bin lange Zeit als – als Sklav
In Griechenland und in Italien
Gewesen; nicht umsonst hab ich
Dort mancherlei erfahren und gelernt;
Ich kann's mitunter brauchen, wenn
Ich so ein europäsches Schneegesicht
Zu Grunde richten will! – Ich will
Ins Künftige mich fest
Und fester an den sehnsuchtgirrenden
Gelbschnabel drängen: erst verführ
Ich ihn mit Hülfe seiner Liebe
Zur Hurerei; dann wiegle ich
Ihn gegen seinen Vater auf; dann –

(Irnak kommt.)

Berdoa.
Wie steht es in der Schlacht, Freund Irnak?

Irnak.
Der neue König siegt!

Berdoa.
Gott quäl ihn!

Irnak.
Rossan,
Der neugebackne Oberfeldherr, fragte
Nach Euch, und stampfte mit dem Fuß, als er
Vernahm, Ihr wärt nicht da!

Berdoa.
Der Narr!

Irnak.
Er drohte
Euch exemplarisch zu bestrafen
Und läßt Euch durch mich rufen.

Berdoa.
Gut;
Schon gut, – zu etwas anderem; wie geht
Es deinem hübschen Nachtgeschirre?

Irnak.
Nacht-
Geschirre?

Berdoa.
Nu, ich mein' das wohlgebaute,
Breithüftge Christenmädchen, welches du
Vergangnes Jahr im Schwedenkrieg
Erbeutet hast.

Irnak.
Ihr meint das blonde Milchen?

Berdoa.
Ja ja! Emilie Scherwenz!

Irnak.
Ho,
Da habt Ihr Recht! die ist ein Nachttopf!
Sie sitzt in meinem Zelte; wenn
Ihr pissen wollt, so steht sie Euch zu Diensten!

Berdoa.
Was treibt sie denn?

Irnak.
Sie melkt die Männer!

Berdoa.
Sie war damals recht üppig-schön; ist sie
Es noch?

Irnak.
Wo sie vorbeigeht, springen
Die Hosenknöpfe los!

Berdoa.
Wenn sie nur fett ist!

Irnak.
Ihr solltet ihren weißen, blühnden Nacken,
Auf dem sie doch so häufig liegen muß,
Und ihre vollen Arme sehn; auch ihr –

Berdoa.
Hat sie 'ne tüchtige?

Irnak.
Man kann darin
Die Stiefeln ausziehn!

Berdoa.
So befiehl der Dirn,
Daß sie sich kostbar schmücke; ich bezahle alles;
Durchsichtger Flor umschatte ihre Brüste –
Ein seidenes Gewand vom feinsten Stoff
Umschließe ihren Leib so enge, daß
Man jeden Atemzug bemerken kann,
Und eine Silberspange, welche beim
Geringsten Druck des Fingers auffliegt
Und es verrätrisch öffnet, halte es
Fürerst zusammen. – – So erwartet sie
Die Nacht; dann wird der junge Gothland zu
Ihr kommen, und sie fragen, ob
Sie bei der schwedschen Königstochter Selma
In Dienst gestanden; sie bejaht es, spricht
Mit Überschwenglichkeit von der
Prinzessin, schwärmt empfindsam
Von Frühlingsblum und Abendstern,
Von goldner Zeit und selgen Stunden;
Die Liebe sei des Lebens höchstes Gut,
Ein Tor nur sage, daß
Die Liebe irdisch oder sinnlich sei;
Behüte Gott! die Liebe sei vielmehr
Unsterblich, heilig, ewig, geistig! – Hier
Wird sich der Bube nicht mehr halten können,
Entzückt, begeistert, weinend wird
Er in die Arm' ihr fallen, ihr beistimmen,
Mit »himmlisch« und mit »göttlich« um
Sich werfen, wie mit Straßendreck,
Venus Urania sie heißen
Und – – ihr vor Wollust in die Brüste beißen!
Sie aber lehrt ihn dann,
Was in natura eigentlich die Liebe ist!

Irnak.
Hoho, hat sie ihn erst in Armen,
So nimmt sie ihn auch zwischen ihre Beine!

Berdoa.
– Ich kenne viele, die in Zweifel waren,
Ob ich auch Mensch; daß ich ein Satan sein kann
An deinem Sohne, Gothland, sollst du das erfahren!

(Er geht mit Irnak ab.)

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