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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Gothland.
Weil es verderben soll
Ist das Erschaffene erschaffen!
Deshalb ist unsers Leibes kleinster Nerv so
Empfänglich für den ungeheursten Schmerz,
Deshalb sind unsre Glieder so gebrechlich,
Deshalb sind wir so fasernackt geboren!
Daß die Verführung sichrer uns
Beliste, wurden wir
Mit Dummheit reichlich ausgestattet, und
Unsterblich sind wir für – – die Höllenstrafen!
– Weil es verderben soll, ist das Erschaffene
Erschaffen! Wie ein riesges Henkerrad
Kreist dort der sogenannte Himmelsbogen;
Die Tage und die Nächte, Sonne, Mond
Und Sterne sind
Wie arme Delinquenten draufgeflochten, und
Mit ausgesparten Gnadenstößen
Zerrädert und zermalmt er sie!

Berdoa.
Hoho! ich weiß, weshalb er allenthalben Rad
Und Galgen nur und arme Sünder sieht!

Gothland.
Pfui, pfui! wie ekelt mich die Schöpfung an!
Der Jahreszeiten wechselnde
Erscheinungen, die immer wiederkehrenden
Verwandlungen an dem
Gestirnten Firmament – Was sind sie anders, als
Ein ewges Fratzenschneiden der Natur?
(Er blickt mit suchenden Augen umher, – seine Stimme wird bewegt.)
Weh! Weh! Wie hat sich alles doch verändert!
Wie labte gestern noch der Anblick der
Natur mein krankes Herz! Wie lächelte
Die Sonne!

Berdoa.
O des Toren! die Natur
Ist noch so herrlich wie sie war, allein
Sein Busen ist der gestrige nicht mehr!

Gothland.
– Zwar habe ich gemordet, doch – (Er fährt auf und sieht die Sonne.) Wie mich
Die Sonne angrinst! – Was will sie? Meint sie
Ich wär ein Brudermörder? Oder lacht sie
Mich aus? Sie lacht und lacht, bei Freud und Leid,
Sie kennet keinen Schmerz! – Ha, Sonne! könnt
Ich dich einmal bei deinem Strahlenhaare packen –
Am Felsen wollt ich dein Gehirn zerschmettern,
Und dich, was Schmerz heißt, fühlen lassen!
(Die Sonne tritt wieder hinter die Wolken; Gothland beginnt abermals.)
– Zwar habe ich gemordet, doch – (Donner und Blitz.) Wem drohet ihr,
Ihr Blitze? Etwa mir? O, ich
Bin nur ein Mörder, aber
Mordbrenner seid ihr!
– Zwar habe ich gemordet, doch –
(Kriegsmusik der anrückenden schwedischen Armee; aber Gothland fährt, ohne sich zum dritten Mal unterbrechen zu lassen, fort.) doch Morden ist
So schlimm nun grade nicht!
Vom Morden lebt ja alles Leben; wenn
Du atmest, mordest du! – ein Ding, das nichts
Ist, einen Menschen, machte ich zu etwas, sei's
Auch nur zu Mist! Bei einem Mastschwein
Bedenk ich mich eh ich das Messer zücke,
(Sein Dasein hat 'nen Zweck – es wird
Gefressen –) doch bei einem Menschen
Bedenke ich mich nicht; sein Leben
Nützt weder anderen, noch ihm, und dazu
(indem er unwillkürlich an Berdoa und an sich denkt)
Ist er so negerartig – oder auch so weiß,
Und so verderbt, daß es unmöglich ist,
Sich an 'nem Menschen zu versündgen: was
Für Leid 'eh auch ihm antu – er hat es
Verdient!

Berdoa.
Wart, damit will ich mich
Entschuldgen, wenn ich dir den Hals umdrehe!
Ich werde –
(Laute, nahe, schwedische Kriegsmusik.) Ha, die Schweden sind schon nah!

(Er geht mit seinem Gefolge schnell ab.)

Gothland.
Vor wem sollt ich erröten?
Ei! mordet jene schwörende, gift-
Geschwollne, aufgebrochne, eiternde
Pestbeule, die ihr Sonne nennt, und als
Das Ebenbild der Gottheit ehrt, nicht auch?
Wie an der Amme Brust das Kind, so liegt
An ihr das durstge All, – boshaft tränkt
Sie es mit ihrer fieberheißen Milch;
Daß sie zum Mord aufgären mögen, tropft
Sie Feur in unsre Adern,
Und zärtlich, wie 'ne Mutter, brütet sie
Die lieben Krokodile aus den Eiern!
– Vor wem sollt ich mich fürchten?
Du Himmel! darfst mich nicht verdammen;
Du selber schmiedest aus des Sommers Flammen,
Dicht unter deinem blaugewölbten Sitz,
Den schwefelsprühnden Blitz!
Du tust ihn an mit rotem Prachtgefieder,
Du lehrst ihn seine Donnerlieder,
Du leihst ihm turmeinschmetternde Gewalt,
Räumst ihm das Weltrund zum Versengen ein:
Da flammt die Stadt! die Feuerglocke schallt!
Und lachend jauchzt der Donner hintendrein!
(Schwedische Kriegsmusik; die Finnen erwidern sie mit der ihrigen; Schlachtgeschrei; Gothland fährt empor.) Ha, was ist das?

Erik (kommt atemlos).
Herr, rettet Euch, wenn Ihrs
Noch könnt! Die Finnen fliehn, die Rächer nahn,
Und Euer eigner Vater führt sie an!

Gothland.
Scheu fliehe ich dem Vatermorde aus
Dem Wege, und entrinne übers Meer!
(Er wirft sein Schwert von sich und stürzt auf die Ostseeküste zu; – auf einmal taumelt er zurück.) Ha!

Erik.
Dort kreuzt die königliche Flotte und
Versperret Euch die See!

Gothland.
Die Hölle hält
Mit festen Stricken mich gefangen, – nicht
Einmal der Weg der Flucht ist mir vergönnt!
So muß ich denn aus Notwehr sündgen! Um
Sein Leben wehrt sich auch das Lamm!
Horch!

Erik.
Was?

Gothland.
Bist du denn taub? Der Satan wiehert!

Erik.
Die Ostsee hört Ihr um die Klippen brausen.

Gothland (für sich).
– Sieh! ringsum wirds mir Nacht – ausgelöscht
Sind mir die Leuchttürme des Lebens:
Die Liebe, die die Gegenwart umglänzt,
Die Hoffnung, die die Fernen rosig schmückt,
Des Ruhmes Kränze, welche funkelnd an
Den Sternen hangen, Tugend, die
Den Märtyrer im Sterben noch verklärt,
Die Sonnenberge der Unsterblichkeit,
Auf die der Erdenwandrer blickt
Im Unglückssturm – – sie alle leuchten mir nicht mehr! – – Und
Ich weine nicht? So stürzet euch
Ihr Felsen, die ihr um mich her steht,
Zermalmend auf mein ehrnes Herz,
Bis daß es Weh empfindet!
Zerschmelzet es, ihr Flammen des Gewissens
Und läutert es zu einer Träne!
Hilf du mir weinen, Meer! – Wenn Liebe, Seligkeit
Und Tugend je der Träne wert gewesen,
So muß ich jetzo weinen – (Nach einer Pause.) Sie sind es
Nicht wert gewesen! –

Irnak (kommt).
Herzog,
Der Neger läßt Euch sagen, daß
Der Schwedenkönig mit 'nem Heer
Von achtzigtausend Mann uns angefallen hat;
Wenn Ihr der große Feldherr wirklich wäret,
Als welchen man Euch rühmt, so möchtet Ihr
Nicht länger als ein Feigling zaudern, sondern
Den Finnen beistehn in den Drangsalen
Der Schlacht.

Gothland (beiseit).
Wie tückisch mich der schwarze Bube
Durch seines Dieners Mund verhöhnt! Die Schafsseel
Die das vergeben kann! (Zu Irnak.) Verkünde laut
Dem Finnenheer, nie würd ich es verlassen,
Und kommen würd ich, wenn die Schlacht
In meiner Brust geschlagen ist.

(Irnak ab.)

Gothland.
– Mein Vater
Will mich ermorden. Meine Freunde sind
Nun meine Feinde. Zum Schafotte hat
Mein König mich verdammt. Mein Vaterland
Verstößt mich. Mit dem Blut des Bruders
Ist diese Hand befleckt – die Freude kann
Mich nie erfreun! – – Ich selbst verachte mich und
Deshalb auch das, was außer mir noch da ist –
Glück, Freundschaft, Vaterliebe, Vaterland
Sind hin – Was bleibt mir noch? Was anders, als
Die Wollust, an dem Neger, welcher mich
Verderbt hat, volle Rache mir
Zu nehmen, jede Höllenpein zwiefach
Mit Höllenpein ihm zu bezahlen, mich
Zu sättigen in seinem Blute, Glied
Vor Glied von unten auf mit eigner Hand
Ihm zu zerbrechen, und mit giergem Ohr
Sein Winseln einzusaugen! (Rossan kommt.) – Der kommt mir
Gelegen. – – Hab ich keine innre Größe mehr,
So muß ich sie mit äußerer ersetzen;
Weil ich mich selbst verachte, müssen mich
Die Völker achten: wenn die Königskronen
Finnlands und Schwedens um mein Haupt sich schlingen,
So duld ichs schon, daß um mein Herz sich Nattern ringen.

Erik.
O teurer Herr! der innre Seelenfrieden
Bedarf der Kronen nicht zu seinem Glück,
Doch jede Kron ist ohne Frieden nichts
Als eine goldne Last!

Gothland.
Wie du, so denkt
Ein Knecht, wie ich, so denkt ein König. (Zu Rossan.) Nun,
Was bringst du mir, mein lieber Rossan?

Rossan.
Wann Ihr denn endlich kommen wolltet, fragt
Der Neger, der mich schickt.

Gothland.
Ei, das laß mich
Nicht glauben, Rossan!

Rossan.
Was nicht?

Gothland.
Daß der Neger
Dich schicken soll! Des Negers Botenläufer
Ist Rossan nicht!

Rossan.
Höhnst du mich, Schwede?

Gothland.
Wie? Bist
Du nicht der älteste der Finnenfeldherrn?
Bist du der klügste nicht und mutigste
Von ihnen? Und du kannst es dulden, daß der
Verlaufne Afrikaner dich hochmütig
Wie seinen Knecht behandelt? Wem gebührt
Denn eigentlich das finnische Kommando?

Rossan.
Mir, mir, mir! mir! Der Teufel mag es wissen,
Wie dieser Mohr aus seinem Afrika
Nach Finnland kam!

Gothland.
Sprich nicht so ungerecht;
Der Teufel weiß es nicht, der Himmel, der
Allwissend ist, hat es gewußt!

Rossan.
Was Himmel?
Den Neger haß ich wie die Höll! Er stahl
Mir meine Rechte!

Gothland.
Rossan, nimm sie ihm
Doch wieder ab!

Rossan.
Kann ichs? Der Pöbel ist
In ihn vernarrt! – Mich frißt die Galle, er
Wird fett und mästet sich!

Gothland.
Ich wüßte wohl
Den Weg ihn zu verderben.

Rossan.
Zeig ihn mir!

Gothland.
Rings haben euch die Schweden eingeschlossen –
Das Finnenheer ist in Gefahr – Wählt mich
In dieser Not zum Könige –

Rossan.
Bist du verrückt?

Gothland.
Dann mach ich dich zum Obergeneral
Der finnischen Armee, den Neger setz
Ich ab und als Gemeiner dien er unter dir!

Rossan.
Ei,
Das wär so übel nicht! Dann könnte ich
Ihn necken, wie er mich geneckt hat und
Ihn Galle schmecken lassen?

Gothland.
Und dabei
Würd ich mit meiner Königsmacht dich schützen!

Rossan.
Und dürft ich ihm und Usbek, seinem Lieblinge,
Zuletzt auch noch die Häls abschneiden?

Gothland.
Mit Golde würd ich deine Tat belohnen!

Rossan.
Herzog, Ihr seid mein König! Ich eile
Zu meiner Schar und spreche dort für Euch!

(Geht ab.)

Gothland (ihm nachsehend).
Tor, aus dem Regen kommst du in die Traufe –
Ein Schlimmrer werd ich sein als dieser Neger!
– So ist der Mensch; die Gegenwart beherrscht ihn
Und schon das bloße Wechseln hat für ihn
Was Reizendes! Die kleinre Qual, die für
Den Augenblick ihn quält, vertauscht er gern,
Um sie nur loszuwerden, mit der größten;
Wer Zahnweh hat, wünscht, daß es Kopfweh wär,
Und wär es Kopfweh, würd er Zahnweh wünschen;
Demjenigen, den ein Despot bedrückt,
Scheint Anarchie etwas Willkommenes,
Und wer gehenkt wird, wünscht, daß man
Ihn rädre! – Irr ich mich? Erbebte nicht
Der Boden?

Erik.
Wie
Von fernem Hufschlag dröhnt die Heide.

Gothland.
Ha,
Gewiß versucht die schwedsche Reiterei
'Nen Ansturm auf die Finnen! Ja! So ists!
Dort stäuben schon die lückenvollen Reihen
Des Finnenheeres durch das Feld!

Finnen (hinter der Szene).
Flieht! flieht!
Wir sind geschlagen! Fluch dem Mohren, der
Uns hergeführt!

Gothland.
So höre ich es gern!

(Von der rechten Seite der Bühne kommen flüchtige Finnen; gleich darauf Irnak, Usbek und andere.)

Usbek.
Wohin, ihr Memmen?
Noch schwankt der Sieg! Stellt euch in Reih
Und Glied!

Flüchtige (trotzig).
Erst wolln wir ruhn!

Irnak.
Dort kommt
Der Oberfeldherr!

Berdoa (tritt auf).
Panther und Hyänen!
Wir sind zurückgedrängt! Von Europäern!

Gothland (für sich).
Auf Europäer hast du lang genug
Geschmäht!

Berdoa.
Noch einmal drauf und dran!

Ein Finne.
Wir haben keine Waffen mehr!

Berdoa.
Erkämpft
Euch welche von dem Feinde!
(Zu Gothland.) Schlecht, Herzog! ziemts Euch müßig hier
Zu stehen und das Maul weit aufzusperren,
Wie 'n Gassenjunge! Wisset Ihr nichts Beßres
Zu tun? Seid dankbar gegen Eure Retter
Und helft den Finnen, wenn Ihrs könnt!
(Gothland hat ihn mit zurückgehaltenem Grolle lächelnd angehört. – Berdoa wendet sich zu den Finnen.) Ihr steht
Auf einem Schlachtfelde: hier ist der Mord
Ein Ruhm und wird belohnt! Ihr habt die Wahl,
Selbst umzubringen oder umgebracht
Zu werden! – Wollt
Ihr von des Feindes Rossen euch
Zertreten lassen oder wollt ihr ihn zertreten?
Wenn ihr das Letztre wünscht, so streitet brav;
Der Tapfre lebt am längsten!
Die blassen Schweden fürchtet ihr doch nicht?
Wie Hunde werdet toll von ihren Hieben!
Stoßt sparsam zu, doch wenn ihr stoßt, so trefft auch!
Bauch, Brust, Gesicht, das sind die Stellen
Wonach ihr zielen müßt!
Ist euer Schwert zerbrochen,
So habt ihr Nägel an den Fäusten; hat
Der Gegner euch die Hände abgehackt,
So habt ihr Zähne in dem Maule;
Auf! »Europäerblut« das Feldgeschrei!

(Er geht mit den Finnen auf die rechte Seite der Bühne zu.)

Rossan (kommt ihnen eilends entgegen).
Zurück! die schwedschen Reiter kommen!
Hier auf der offnen Heide können wir
Nicht widerstehn!

Berdoa.
Das ist verdammt!
(Zu den Finnen.) Zieht bis an jene Höhen euch zurück
Und ordnet dort von neuem euch zur Schlacht!
In zehn Minuten sind wir wieder hier!

(Die Finnen ziehen linkerhand ab.)

Irnak.
Herr, auf dem Meere schifft
Die Schwedenflotte und sie droht zu landen!

Berdoa.
Still!
Schon seit 'ner Stunde hab ich sie im Auge!
Mich freut, daß sie das Volk noch nicht bemerkte;
So lang es gehn will, wollen wirs
Verhehlen!

(Berdoa, Irnak und die letzten Nachzügler des Finnenheeres ab.)

Gothland (deutet rechts hin).
Erik, siehst du dort
Den Graugelockten auf dem Hügel stehn?

Erik.
Es ist der Herzog, Euer Vater.

Gothland.
Sieh!
Der Wind weht ihm das Haar wie Sturmgewölk
Ums Haupt, und wie ein Geier, welcher hoch
Von seiner Felsenwarte Beute späht,
Blickt er mit rollnden Augen durch die Heide –
– Erik! nach wem sieht er wohl so umher?
Weh! er erblickt mich! Weh, er kommt! er kommt!
Verbirg dich, Antlitz! (Er zieht eine Kappe übers Gesicht.)

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