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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 13
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Dritter Akt

Erste Szene

Küste der Ostsee . – Sturm und Gewitter
Auf der linken Seite stehen die Zelte des finnischen Lagers

Rolf (blaß und entstellt, führt den Herzog Gothland auf die andre Seite der Bühne).

Gothland.
Wer bist du? Was willst du mir sagen?

Rolf.
Jetzo stehn
Wir an des Meeres lauten Ufern, von
Den Finnenzelten fern genug, – hier kann
Uns niemand stören.

Gothland.
Was du mir
Zu sagen hast, sag kurz; – ich habe Eile,
Denn heute noch geh ich zu Schiff und fliehe
Dies Schwedenland auf immerdar.

Rolf.
Kennt Ihr mich
Nicht mehr?

Gothland.
Fremd ist mir dein Gesicht.

Rolf.
Im Dom
Zu Northal sprach ich Euch zuletzt.

Gothland.
Zu Northal?
Ho! bist du nicht der Bube, welchen ich
Ins Grabgewölb geworfen? – wie entrannst du? –
Der Himmel, der die Untat strafen will,
Betörte deinen Sinn und liefert dich
Nochmals in meine Hände!

Rolf.
Schweigt vom Himmel!

Gothland.
Er ist gerecht!

Rolf.
O schweigt vom Himmel!

Gothland.
Bete,
Denn du mußt sterben!

Rolf.
Bloßes Sterben schreckt
Mich nicht. – Als ich, von Eurer Hand hinein-
Geworfen, in dem Grabgewölbe lag,
Erfuhr ich andre Angst! – Ein Einsamer,
Der einzige Lebendge unter Toten,
Ergriff mich unbezwinglich Geistergraun, und
Voll heißer Sehnsucht weint ich nach
Dem süßen, goldnen Licht der Sonne. – Doch
Die Kräfte meines Arms erschlafften an
Des Eisengitters Festigkeit, – mein Ruf
Verhallte in den unterirdschen Klüften;
Verzweiflung gab mir neue Stärke
Und mit dem Kopfe rannt ich wütend an
Die Tür, – mein Schädel ward zerschmettert, doch
Die Türe nicht! – Betäubt lag ich nun da,
Bis mich der Hunger schrecklich weckte! – Schaudernd naht
Ich mich den würmdurchnagten Leichen, sie
Zu speisen – Grabesmoder dampfte mir
Entgegen und trieb mich zurück; – da schlug
Ich endlich meine giergen Zähne in
Das eigne Fleisch und nagte meine Finger –
(Indem er den Mantel etwas lüftet und dem Herzoge verstohlen seine Hand zeigt, mit leiserer Stimme.)
Hier sehet Ihr die angefreßnen Knochen!

Gothland.
Scheußlich!

Rolf.
Was ich verdiente, litt ich nur! – Als ich
Nun lange Zeit, mit dumpfem Starrsinne,
Die Finger in dem Munde, auf
Dem Deckel eines Sargs gesessen, – als
Nun alles grabesstill geworden war –
Da blickten Schlangenköpfe aus
Den Löchern des zerbröckelten Gemäuers,
Und als sie nichts gewahrt, arbeiteten
Sich schwarzgefleckte Nattern an
Die Dämmrung des Gewölbs hervor
Und glitschten auf die Särge zu, um die
Gewohnte Leichenkost
Zu fressen; – furchtsam wich ich ihnen aus –
Auf einmal halten sie in ihrem Lauf –
Sie riechen was Lebendiges!
Vor Freude zittern sie mit ihren Schwänzen, –
Sie wenden sich vom Fleisch der Toten weg
Und kriechen auf mich zu! – O Angst der Ängste!
Ich flieh, schrei Hülfe! Niemand hörts! – sie folgen
Mit Blitzesschnelle meinen Fersen, –
Es mehrt sich hundertfältig ihre Zahl,
Aus allen Ritzen kommen sie heraus, –
Ich tret im Fliehen einer auf den auf-
Geschwollnen Rücken, daß sie wimmernd zischt –
Da zischt das ganze giftige Gezücht,
Das ganze Grabgewölbe zischt, als wie
Zur Rache! – an der Wand klettr ich empor,
Sie mir nach! Jetzt war ich verloren – – Doch
Da ward die Tür geöffnet, und ein Mönch,
Der in der Kirche meinen Ruf
Vernommen hatte, trat mit einem Windlichte
Herein!

Gothland.
Du littest viel! – Was willst du noch
Von mir?

Rolf.
Ich bin hiehergekommen, um
Zur Reue und zur Buße Euch zu mahnen!

Gothland.
Zur Reu?

Rolf.
Verblendeter, was tatest du?
Um nichts erschlugst du deinen Bruder!

Gothland.
Wie?
Manfreds Ermordung ist dir nichts? – Noch hallt
Im Ohr mir deine gräßliche Erzählung,
Wie Manfred fiel durch seines Bruders Hand!

Rolf .
Du wolltest Brudermord bestrafen, und
Begingst ihn selbst, denn die Erzählung war
Erlogen!

Gothland.
Nimmermehr!

Rolf.
Mir hatte sie
Der Neger eingegeben!

Gothland (in großer Angst).
Nein, ruf ich, nein!
Bei meiner Seele, nein! Hab ich doch selbst
Gesehn, wie Manfreds Haupt vom Mörderbeil
Zerschmettert war!

Rolf.
Wohl sahst du das, – allein
Du irrtest furchtbar, als du glaubtest, daß
Von Friedrichs Hand das Beil geschwungen sei, –
Der Mohr, der kurz vor dir im Grabgewölb
Gewesen, hatte Manfreds Leichnam so
Abscheulich zugerichtet!

Gothland (ergreift sich an der Brust).
Bin ich Gothland oder bin ich
Ein Brudermörder? (Zu Rolf.) Ewger Lügner, wie prüf
Ich dich? – Ha, unterm Dolche redet man
Die Wahrheit –
(Er setzt ihm den Dolch an die Kehle.) Dies ist deine letzte Stunde, –
Logst du in Northal oder lügst du jetzt?

Rolf.
Sei Gott mir gnädig, wie ich Wahrheit spreche!
Dein Bruder Friedrich, welchen du so rasch
Erschlagen hast, war schuldlos; ich war dabei,
Als Manfred, von 'nem Schlagfluß schwer getroffen,
In seinen treuen Armen sanft verschied!

Gothland (verhüllt mit dem Mantel sein Haupt).
O der Schande!
Wo berge ich mein Antlitz? – Höchst gerecht
Glaubt ich zu handeln, und ermordete
Den frevelfreien Bruder! Fressen sollen
Des Himmels Vögel diese Augen, an
Dem offnen Weg verfaule dieses Fleisch,
Am Rabensteine soll mein Blut verdampfen,
Und Pferde sollen dies Gehirn zerstampfen!
– Wohin ich blicke, – Brudermörder stierts
Mich an! – – Ein irrgegangner, müder Wandrer
Entschläft beim Strahl der Abendsonne sorglos
Am Fuße schneebedeckter Alpen; – es
Wird Mitternacht, – – da, auf einmal, erwacht
Er voll Entsetzen unter dem
Gedonner niederstürzender Lauwinen, –
Der Boden bebt, die Felsen klingen, – und er
Erkennt das fürchterliche Lager, das
Er sich gebettet hat, und starret in
Die trostes-, sternen-leere Nacht hinaus, und
Die steilen Bergeswände schleudern un-
Abläss'g auf ihn das Verderben!
(Er schlägt die Hände aber dem Haupte zusammen.)

Rolf.
Ich,
Ich wars, der ihn zum Brudermorde trieb!
Bestrafet mich, gerechte Mächte! und
Verschonet diesen einst so Großen!

Gothland.
O,
Die Kammern meines Busens stehen auf und
Ein Lavastrom von Reueschmerzen stürzt
In ihre Tiefen! (Er deutet auf das Meer.) Diese Wellen, die
Am schwedschen Ufer branden, lecken die
Gestade Rußlands, Deutschlands, Schottlands
In einem unermeßnen Raum, doch un-
Ermeßner ist mein Schmerz um meine Tat! –
– Um meine Tat? – Um meine Tat? (Auf Rolf zeigend.)
Der und der Neger, welche mich betrogen,
Der Zufall, der mit Blendwerken mich täuschte,
Der Himmel, der es litt, der Himmel, der
Mich werden ließ, – die haben sie begangen!

Rolf.
Häuf Sünde nicht auf Sünde! Bete!

Gothland.
Beten
Ist Betteln!

Rolf.
Büße, Gothland, büße!

Gothland.
Büßen?
Soll ich dem Könige mich überliefern,
Daß sie mich köpfen, wie 'nen Straßenräuber?

Rolf.
Ja! tu es! deiner Seele willen!

Gothland.
Oder
Soll ich mich selbst ermorden, damit ich
Sofort zur Hölle fahre? – Nein! ich schlug
Den Bruder tot! Reu um Geschehnes ist
Verlorne Arbeit!

Rolf.
Nur der Reue wird
Verziehen!

Gothland.
Das Verzeihen ist an Mir!
Die Mächte meines Lebens haben sich
Herabgewürdigt, mich auf böse Wege zu
Verlocken – Ich gehorche ihrem Willen
Und wandle darauf fort! Hier stehe ich
An meiner Sonnenwende! – Du begreifst,
Daß du nicht leben darfst, wenn ich
Soll ruhig sein; stets müßt
Ich fürchten, daß du meine Schuld verrietest!

Rolf.
Der Tod ist mir willkommne Buße.
Ich flehe kein Erbarmen.

Gothland.
Flehtest auch
Umsonst! So gnädig wie der Himmel will
Ich sein, der Freudenpsalmen jubelt und
Die Sünder ewig brennen läßt! Stirb zweifach:
Der Ostsee deinen Leichnam, damit sie
An ihren Klippen ihn zerschmettere, –
Dem Teufel deine Seele!

(Er wirft den Rolf in das Meer. Dann kommt er in den Vorgrund zurück.)

- – Hin ist hin!
Geschehen ist geschehn – ich bin einmal
Ein ungerechter Brudermörder worden,
Und werd es bleiben müssen, was ich auch
Beginne! Ja, jetzt seh ichs ein: beschränkt
An Geist und Sinn, beherrscht durchs kranke Herz,
Nicht einmal klug genug um Tugend von
Dem Laster klar zu unterscheiden, scheint
Der Mensch gemacht zu sein,
Daß über ihn die Hölle triumphiere, –
Drum, wie sich auch der Edle wehrt, um nicht
Zu fallen, – fehlen, fallen muß er doch,
Denn selbst die Taten seiner Tugend werden
Zu Freveltaten durch des Schicksals Fügung! –

Ich hab es an mir selbst erfahren! Ich
War kriegerischen Sinnes, aber edel!
Mein Herz schlug leidenschaftlich für
Die Freundschaft und die Bruderliebe – (gibt
Es reinere Empfindungen? und doch
Sind sie es, welche mich zum Abgrund rissen!)
Mein Höchstes war Gerechtigkeit und nichts
Verhaßtres kannt ich als den Brudermord –
Das wußt das Schicksal, grade damit fing
Es mich: es ließ den einen Bruder sterben, – rief
Den Neger her aus Äthiopien und
Verband sich mit dem Buben wider mich, –
Es gab ihm Macht mich zu umstricken, – ließ
Kometen leuchten, mich zu täuschen, – ließ,
Als ich dem Bruder gegenüberstand,
Ihn selbst, die Gegenwärtigen,
Die Donner zeugen wider ihn, – trieb so
Unwiderstehlich mich zum Brudermord,
Und häufte seine Bosheit auf das Höchste,
Indem es mit dem Trost der Reue mir
Die Hoffnung auf die Umkehr und
Die Beßrung nahm; denn nimmer kann
Ich eine Tat bereun, die durch
Mein feindliches Geschick, und nicht durch mich vollbracht ist! –
– So liege ich nun da, gescheitert an
Dem Strand der Hölle, – rettungslos auf ewig!
Gleich einem Schiffer, welcher von
Dem Malstrom unaufhaltsam aus
Der heißen Zone hingeschleudert ward
An Islands Eisgebirge! – Wie das Meer,
So wird das All von einem Malstrome
Durchströmt, – einmal muß jedes, was da ist,
Ihn kreuzen, aber keins vermag es, – so
Gehn denn die Millionen in ihm unter!

Jedoch vor allen Wehe uns, die uns
Der Mutterschoß an diesen Erdball aus-
Geworfen hat,
An diese Klippe in dem Ozean
Der Welten! Wer ihr naht, der ist verloren!
Zum Brandmale für ewge Zeit hat ihr
Die Sonne die Sahara eingebrannt! – –
– Der Mensch erklärt das Gute sich hinein,
Wenn er die Weltgeschichte liest, weil er
Zu feig ist, ihre grause Wahrheit kühn
Sich selber zu gestehn!

(Berdoa erscheint, von Gothland unbemerkt, mit einigen Finnen im Hintergrunde.)

Gothland.
Nein, nein!
Es ist kein Gott; zu seiner Ehre
Will ich das glauben! (Donnerschläge.) Ei, wie
Die Ohrwürmer rumoren! – Wär ein Gott,
So wären keine Brudermörder! –
Ich glaube, daß es Panther gibt,
Ich glaube, daß es Bären gibt,
Ich glaube, daß die Klapperschlange giftig ist,
Allein an Gottes Dasein glaub ich nicht! (Donnerschläge.) Still,
Verdammte Ohrwürmer! – Der Mensch
Trägt Adler in dem Haupte
Und steckt mit seinen Füßen in dem Kote!
Wer war so toll, daß er ihn schuf?
Wer würfelte aus Eselsohren und
Aus Löwenzähnen ihn zusammen? Was
Ist toller als das Leben? Was
Ist toller als die Welt? Allmächtger Wahnsinn ists,
Der sie erschaffen hat!

Berdoa.
Hört doch den Wurm!
Wie er sich gegen Gott zu bäumen meint!
Als ob ein Wurm sich bäumen könnt!
Ein Wurm, auch wenn er zürnt, kann sich
Nur winden!

Gothland.
Wahnsinn? Nein!
So gräßlich wär der Wahnsinn nicht! (Donnerschläge.) Horcht! horcht
Das sind die Fußtritte des Schicksals! O,
Jetzt erst, jetzt erst begreif ich euch,
Ihr himmelstürmenden Giganten!
– Zerstörend, unerbittlich, Tod
Und Leben, Glück und Unglück an-
Einander kettend, herrscht
Mit alles niederdrückender Gewalt
Das ungeheure Schicksal über unsren Häuptern!

Aus den Orkanen flicht
Es seine Geißeln sich zusammen
Und peitscht damit die Rosse seines Wagens durch
Die Zeit, und schleppet, wie
Der Reiter an des Pferdes Schweife den
Gefangnen mit sich fortreißt,
Das Weltall hinterdrein!
Die Himmelsbogen sind gekrümmte Würmer
Und krampfhaft ringeln sie
Sich unter seinen Füßen!
Die Menschenherzen sind der Staub,
Worauf es geht! – O immer, immer mehr
Begreif ich euch, Giganten!
Was ist natürlicher als Himmelssturm? –
– »Geschick!« so zischt es, wenn der Pfeil,
Der auf den Todesfeind geschossen war,
Ins Herz des Bruders fliegt! »Geschick!« so zischt
Das Blut, das aus der Wunde sprützt! – »Geschick« nur?
Nichts weiter? – O, der Glaube an
Ein Schicksal ist nicht furchtbar, – hold und tröstlich
Ist dieser Kinderglaube aus der Zeit
Der Griechen, welche noch nichts Schlimmres ahnten! Das
Geschick ist grausam und entsetzlich,
Doch planvoll, tückisch, listig ist es nicht!
(Scheu, leise und unter heftigem Zittern.)
Allmächtge Bosheit also ist es, die
Den Weltkreis lenkt und ihn zerstört!

Berdoa.
Ha,
Was sprach er da?

Gothland.
Was zittre ich?
Weswegen flüstre ichs so leise?
– Ei, darf der Hund in seine Kette beißen,
So darf es auch der Mensch! (Sehr laut.) Ja, Gott
Ist boshaft, und Verzweiflung ist
Der wahre Gottesdienst! (Donnerschläge.) Hu! wie
Die Nachtigallen zwitschern!

(Der Sturm heult lauter, das Meer braust auf, die Kriegsmusik der anrückenden schwedischen Armee schallt aus der Ferne.)

Berdoa (erhebt die Stimme).
Schweigt! schweigt,
Ihr schwedschen Kriegestöne! Laßt
Das Atmen, Stürme! Wälder, unterbrecht eur Rauschen!
Verstumme Ostsee! Hörer, höret, höret!
Hört schaudernd wie der Gotteslästrer rast,
Damit ihr einstens alle, Wälder, Meer
Und Stürme, zeugen könnet wider ihn!

Gothland.
Weil es
Verderben soll, ist das Erschaffene Erschaffen!

Berdoa.
Schreit nicht auf,
Ihr Donner, vor Entsetzen, stört
Ihn nicht in seiner Lästerung, laßt ihn
Die Langmut Gottes zerrn und necken, bis daß
Sie endlich, aufgereizt zu Zorn und Grimm,
Sich selbst vergißt und zur Hyäne wird
Und ihn zerstückt!

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