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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Zweite Szene

Großer Saal des Kanzlers

(Der Kanzler tritt ein; kurz darauf der Herzog mit Berdoa.)

Gothland.
Du selbst wirst wissen, daß der König falsch
Gerichtet hat – jetzt halte ich Gericht –
Wehr dich!

Kanzler (das Schwert ziehend).
Das will ich, und der Himmel wirds
Verzeihn, wenn ich aus meinem eignen Fleisch
Den Krebsschaden, der mir Verderben droht,
Ausschneide! (Gefecht beider Brüder.)

Berdoa (beiseit, als wenn er Hunde hetzte).
Packt euch! faßt euch! faßt!

Gothland.
Halt ein! du bist verwundet!

Kanzler (fortfechtend).
Nur geritzt! Jetzt lehr
Ich dich, was angeschoßne Eber sind!

Gothland.
Was soll das Degenspiel?
Hier ist das Ziel!

(Er schlägt dem Kanzler das Schwert aus der Hand und durchsticht ihn.)

Berdoa.
Brav, Herzog Gothland! das war brav gestochen!

Gothland.
Dir Manfred! fließt dies Blut! du bist gerochen!

Kanzler.
Mit meinen Fäusten kämpf ich fort!
(Er stürzt wütend auf seinen Bruder los; aber plötzlich fühlt er seine Wunde; er taumelt und statt mit dem Herzoge zu ringen, hängt er sich um seinen Hals und wimmert wie ein Kind.) O Gott!
O Gott! – mich greifen ungeheure Wehen!
Verband! Verband! Wer du auch seist, wenn du
Ein Mensch bist, so verbinde meine Wunden!
Verband! Verband!

Gothland.
Verband! Verband! –
Entsetzlich! – Macht mich los von ihm!

Kanzler.
Verband!

Berdoa (ihn vom Herzog losreißend und von sich stoßend).
Verbluten sollst du!

Kanzler (stürzt da, wo sein Schwert liegt, zusammenbrechend ins Knie; zu Berdoa).
Hund, verdammter Hund!

(Er ergreift zürnend das Schwert, will es mehrmals erheben, aber seine Hand ist zu schwach.)

Berdoa.
Fort, Herzog, fort! Hier ist kein längres Bleiben!
Das Finnenheer ist kaum noch stundenweit
Von dieser Stadt entfernt – die Tore stehn
Noch auf – eilt, daß wir seinen Schutz erreichen!

(Erik kommt mit Gustav.)

Gothland.
Da ist mein Sohn! Komm, Gustav, komm mit mir!

Kanzler.
Ich armer, armer schmerzdurchzuckter Wurm!

Gustav.
Was fehlt dem Oheim?

Gothland.
Komm mit mir!

Gustav.
Was fehlt dem Oheim?

Gothland.
Laß ihn! laß ihn!

Gustav.
Dein Schwert ist dunkelrot –
O Vater! Vater! was hast du getan?

Gothland.
Nichts als was ich dereinst vertreten kann –
(Donner und Blitz.)
Der Donner über unsren Häuptern gilt nicht mir! –
– Sein Blut komm über mich und meine Kinder!
(Er faßt Gustavs Hand.) Geh mit!

Gustav.
Nein, Vater, nein, dir folg ich nicht!

Gothland.
Du sollst!

(Er eilt ab und reißt seinen Sohn mit sich fort; Erik ihnen nach.)

Skiold (rasch eintretend).
He, Herzog! Neger! Neger! Was
Habt ihr gemacht?

Berdoa (auf den Kanzler deutend).
Ein Aas! (Er eilt fort.)

Skiold.
O Kanzler! Kanzler!

Kanzler (matt).
Nenn mich nicht Kanzler, – ich bin Staub!
(Er sinkt wie leblos hin.)

(Der König, Holm, Hauptleute, Soldaten und andere stürzen atemlos herein.)

Skiold (zu ihnen).
Ihr seid
Zu spät gekommen! (Eilt hinweg).

König.
Ha! – – Zieht
Die Glocken! betet! trauert! hüllet euch
In Asche ein, daß der gerechte Gott
In der Vergeltung Grimm uns mit
Dem Brudermörder nicht zugleich vertilge!
(Man hört es draußen regnen.)
Ström auf das Pflaster nieder, Regen! wasch
Es rein vom Bruderblut! Umnachtet uns
Ihr Wolken! und verberget diese Tat! – Holt Ärzte! –
Auf auf! dem Herzog und dem Neger nach!
Tot oder lebend fangt sie ein!

Biörn (auftretend).
Sie sind
Im stürmenden Galopp zum Südtore
Hinausgesprengt, dem Finnenheer entgegen!

Volk auf der Straße.
Weh! Bruder-Bruder-Mord! Weh über uns
Und unsre Stadt!

König (zu dem eintretenden Arboga).
Was ist das für ein Lärm?

Arboga.
Lautheulend läuft das Volk zusammen!

König (zu Biörn und andren Hauptleuten).
Jagt durch die Straßen, sperret sie
Mit Ketten, laßt die Tore schließen, laßt
Die Regimenter unter Waffen treten und
Bereitet sie zur Schlacht!

(Biörn mit Hauptleuten fort.)

König.
Ruft mir
Den grauen Vater beider Brüder, des
Erschlagnen und des Mörders,
Den alten Gothland ruft mir her!

Holm (am Fenster).
Dort irrt er klagend durch die Gassen!

Die Stimme des alten Herzoges von Gothland.
Weh! meine Söhne haben mich verlassen!

König (am Fenster; mit dem Schwerte winkend).
Komm Herzog! folg dem Winke meines Degens!
Ich rufe dich, und deines Sohnes Wunde
Ruft dich mit blutgen Lippen!

Der alte Herzog von Gothland (tritt auf und umklammert eine Säule).
Stützt mich, Säulen!
Denn meine Söhne stützen mich nicht mehr!

Holm.
Beweinenswerter Greis!

Der alte Gothland.
Wo ist mein jüngster Sohn?

König.
Getroffen von dem Bruderschwerte liegt
Er hier zu deinen Füßen,
Und seine feuerroten Wunden dampfen!

Der alte Gothland.
Wie? diese starre, rotgefleckte Leiche, mit
Dem dunklen, blutdurchflochtnen Haare, mit
Dem weißen, todverzerrten Antlitz, mit
Den kalten, qualgekrampften Händen – –
Dies Scheusal wär mein Sohn?
(Indem er auf ihn niederstürzt.) Er ists! er ists! und wer
Ist unglückseliger als ich?
Vom Aufgang bis zum Niedergange schweift
Mein Blick, und unglückseliger als ich
Ist Niemand! – Da liegt
Ein Haufe schwertzerrißner Lumpen – und
Es ist mein Sohn! Halloh, Zerstörung, reiß
Das Firmament zu Fetzen,
Ich lache drob und tanze vor Ergötzen! –
– – – O wohl dir, wohl dir, die du ihn
Gebarest, du
O Leonore! bist nicht mehr! – Hättest du's
Erlebet, sähest du ihn liegen, du
Zerrauftest jammernd deine greisen Locken
Und schlügest dumpf die Mutterbrust, das Haus
Des Schmerzes und der Qual, – und tränkest nicht,
Und äßest nicht, und schwändest hin vor Gram,
Vor Gram! – – Legt mir
Sein Haupt an meine Brust. (Man tut es.) Blut' aus,
Blut' aus am Vaterbusen, teurer Sohn!
Blut' aus! blut' aus! – Ein Leichenweib will ich
Mit meinen Tränen deine Wunden waschen,
Am Morgen und am Abend wach, – und wenn
Die Sterne mit den goldnen Füßen leis
Und still, um nicht der Erde Schlaf zu stören,
Des Nachts dahinziehn über unsren Häuptern,
Will ich – der einzge Wache auf der Erde –
An dieser Leiche trauernd stehen und
Nicht früher mit dem müden Haupte nicken,
Als bis es einnickt zu dem ewgen Schlaf!

König.
Arboga! Niegerührter! rühret dies
Dich nicht?

Der alte Gothland.
– Ha! – wärs möglich? – oder trügt mich
Mein Ohr? Hört ihr das leise Pulsgewimmer
In dieser toten Brust? Er lebt! er schlägt
Das Auge auf! er lebt!

Kanzler (noch einmal das Auge aufschlagend).
O furchtbar! furchtbar, nie
Empfunden, nie begriffen sind
Die Schauer des Todes! Schwarz ist die Sonne!
Dunkel der Tag! – O furchtbar ist das Sterben!

Der alte Gothland.
Wohl weiß ich das – ich sterbe schon seit Jahren

Kanzler.
Mein trübes Aug sieht einen edeln Kreis,
Der trauernd um mich her steht. – Wo ist Holm?
(Holm tritt zu ihm.)
Du warst der erste, der mich schuldig sprach,
Und tatest es mit Recht, denn alles schien
Mich zu verdammen, – doch ich schwöre dir
Bei dieser meiner Todesstunde, daß
Ich schuldlos bin!

Holm.
Wir alle glauben es;
Euch an dem Mörder rächend, büßen wir!

Kanzler.
Was
Hilft mir die Rache? – Lindert lieber meine Qualen. –
– Die Brust, an der ich ruh, klopft schwer und bang, –
Schlägt sie um mich so schmerzbewegt?

Der alte Gothland.
Um dich –
Ich bin dein Vater –

Kanzler.
Vater! Vater! O,
Am Vaterbusen stirbts sich leicht!

Der alte Gothland.
Du schlummerst ein am Vaterbusen, ich
Entschlafe einstens einsam auf der bloßen Erde, –
Wenn mich der eine Sohn, der mir geblieben,
Nicht auch ermorden sollte! – – (Des Kanzlers Haupt sinkt nieder.) Ich
War es, der dich zuerst
Begrüßte, als du in das Leben tratest,
Ich bins, der Lebewohl dir sagt, da du
Nun scheidest aus dem Lichte! Lebe wohl!

Kanzler.
Die Schmerzen lindern sich – doch auch
Die Freuden hören auf – ich genese! –
Leb wohl, mein Vater! lebet wohl ihr alle! –

Alle (außer dem alten Gothland und Arboga).
Fahr wohl, du treuer Bruder, fahre wohl
Auf Wiedersehen!

(Der Kanzler stirbt.)

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