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Herzog Theodor von Gothland

Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
titleHerzog Theodor von Gothland
authorChristian Dietrich Grabbe
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000201-X
pages3-211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1822
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Holm.
Du bist betrogen; dieser Neger schwur
In meiner Gegenwart, dich zu verderben!

Gothland.
Ich weiß! – Doch bin ich jetzt mit ihm versöhnt;
Er ist ein edler Mann. – – Hört weiter!
Im Dom zu Northal ward ein Kerl ertappt,
Verdächtig durch sein scheu Betragen.
Rolf wars, derselbe Diener, der
Bei Manfreds Tod mit gegenwärtig war.
Nachdem er kurze Zeit gezaudert, hob er
Die Felsen von dem Abgrund seines Herzens,
Und so wie aus der Hölle ihre Geister,
So stiegen furchtbare Geschichten daraus auf;
Da hörte ich, (auf den Kanzler deutend) daß dieser Schreckliche
'Ne ganze Nacht hindurch zum Brudermord
Die Axt gewetzt, daß er – Ihr starrt euch an – Entscheidet

(Leise Donner eines nahenden Gewitters.)

König (zum Kanzler).
Ihr schweiget noch?

Kanzler.
Was soll ich sprechen? – Alles,
Von meinem Bruder bis zu meinem Knechte, selbst
Der Zufall ist verbündet wider mich,
Und die Beweise, welche mich verdammen, sind
So schlau und wunderbar gestellt, daß ich
Sie schwerlich werde widerlegen können –
Ich kann nur schwören, daß ich schuldlos bin!

(Lautere Donner.)

Gothland.
Hört, hört! sogar der Donner straft ihn Lügen!

Kanzler.
Wer lehrte dich des Donners Laut erklären?

König (zu den Großen).
Was meint ihr von des Herzogs Klage?

Holm.
Man muß die Leichenfrau vernehmen,
Von welcher Manfred in den Sarg gelegt ist;
Sie nur kann sicher wissen, ob er auch
Schon damals so verstümmelt war,
Wie ihn der Herzog jetzt gefunden hat.
Den andren, welche außer ihr ihn vor
Der Grablegung gesehen haben, hätte man
Es leicht verbergen können.

Kanzler.
O ich erkenne immer deutlicher,
Daß mich ein wütendes Geschick verfolgt!
Die Leichenfrau – die einzige, die mich
Von der abscheulichen Beschuldigung
Erretten könnte – sie ist
Vergangne Nacht erdrosselt worden; vor
Zwei Stunden meldete es mir ein Bote!

Gothland, Holm und Skiold.
Sie ist erdrosselt worden?

König.
Ha! durch wen?

Kanzler.
Man kennt
Die Täter nicht!

König.
O Kanzler! Kanzler! wenn
Ich glauben müßte –

Kanzler.
Glaubt, daß ich aus Furcht
Sie möchte mich verraten, sie
Erwürgen ließ! Zwar ist es das Unwahrste,
Allein es ist das Schlimmste, und das Schlimmste
Ist immer das Wahrscheinlichste! –

König (nach einer kurzen Pause, schnell zum Herzog).
Wo ist
Der Diener Rolf?

Gothland.
Ja, der wird auch wohl tot
Sein!

König.
Wie?

Gothland.
Er hatte mich durch seine furchtbare
Erzählung auf das Äußerste gebracht;
Ich fühlte durch mein eignes Haupt
Des Beiles Schneide zucken –
Die Sanftmut selber hätte sich
Nicht länger zähmen können –
Ich schleuderte ihn in das Grab-
Gewölbe!

König.
Dennoch war das eigenmächtig
Gehandelt!

Gothland.
Eigenmächtig nicht!
Rolf war Leibeigner unsres Hauses,
Und ihn zu richten hatte ich das Recht!

König.
Habt
Ihr andre Zeugen?

Gothland.
Ja; hier ist mein Burgvogt Erik;
Er war mit mir im Dome
Und kann beschwören, was ich sprach.

König.
Dein Burgvogt kann für dich nicht zeugen.

Gothland.
So zeuge denn mein Feind für mich! – Berdoa!

(Berdoa tritt herein.)

Alle (außer Arboga und dem Kanzler).
Der Mohr? Ergreift ihn!

Gothland.
Als mein Zeuge, nicht
Als Oberhaupt der Finnen steht er hier.
Ich habe für sein Leben ihm gebürgt,
Mit meinem Leben werd ich ihn beschützen.
– Zeug mir!

Berdoa.
Ich kann bezeugen –

König.
Was? Daß du
Ein Bube bist? Das weiß ich ohnedem! (Zum Herzoge.) Ho,
Ihr macht mit Euren Zeugen Eure Sache
Schlecht!

Gothland.
Meine Zeugen gelten nicht? – Sei's denn!
Auch ohne sie bleibt meine Klage deutlich;
Entscheidet nur!

König.
Sagt euer Urteil, Grafen!

Holm.
Der Kanzler hat nichts leugnen können – schuldig scheint
Er mir zu sein.

Arboga.
Ich halte ihn für schuldig.

Die übrigen schwedischen Großen (außer Skiold).
Er
Ist schuldig!

König.
Schuldig? – Denkt Ihr ebenso,
Skiold?

Skiold.
O laßt mich lieber schweigen!

König.
Ihr alle sprecht ihn schuldig;
Ich aber sprech ihn frei!

Gothland.
Weswegen?

König.
Weil
Der Mohr dein Zeuge ist!

(Zeichen des Unwillens unter den Großen.)

Was
Begehret ihr, Vasallen?

Gothland.
Also hier
Zu Land ist Brudermord erlaubt? Wohlan,
Ich nutze die Erlaubnis!

(Er eilt auf seinen Bruder zu.)

König.
Fallt ihm in den Arm!

(Man fällt dem Herzog in den Arm und hält ihn auf.)

Der Kanzler (stürzt vor ihn hin und ruft).
Nein, laßt ihn, laßt ihn mich erwürgen! Hier
Ist meine nackte Brust! Durchbohr sie! reiß
Sie auf! saug ihre Wunden! Bruderblut
Ist Nektartrank! Schlürf es! Hier strömt es dir!
Mit Freuden geb ichs, wenn es dich
Beglückt! Berausche dich darin,
Bis daß du dich davon erbrichst!
(Der Herzog tritt schaudernd zurück.)
Weich nicht zurück; erschlag den Bruder, – wehrlos
Steht er da! töte ihn, du großer Held,
Vollende jetzt die größte deiner Taten:
Zerfleisch dies Herz, das seit der Kindheit Tagen,
So lang es fühlen kann, für dich geschlagen!

König.
Mäßigt Euch!

Kanzler (zum Könige).
Könnet Ihr die Qual erfassen,
Wenn die uns, die wir lieben, tödlich hassen?

Gothland (zu Berdoa).
Mohr! Mohr! er weinet! mich erschüttert Grausen!

Berdoa (raunt ihm zu).
Sind Krokodilestränen!

Gothland (fährt empor).
Wie hieß das?

Berdoa.
Er weint nicht! macht sich bloß das Auge naß!

Gothland.
Du meinst, wer mordet, heuchelt auch?

Berdoa.
Das meine ich!

Gothland (wendet sich wieder zu den Umstehenden und zeigt auf den Kanzler).
Seht diese Memme an!
Sie tötet andre, wenn sie schlafen,
Doch soll sie selbst nun sterben,
Dann greint sie wie 'ne Metze um ihr Leben!

Kanzler.
Das wird zuviel! ich kanns nicht länger dulden!

(Er greift an das Schwert.)

Gothland (ihn starr betrachtend).
Die Larve fällt, sein Herz wird sein Gesicht!

Skiold.
Hemmt sie! die Schwerter stürzen aus den Scheiden!

(Donner und Blitz; das Gewitter kommt näher.)

Kanzler.
Wildzürnend klopft mein Busen dir entgegen!

Gothland.
Nach einem Aderlaß wird das sich legen!

(Sie dringen aufeinander ein.)

König.
Arboga! jetzt seid Ihr der rechte Mann!
Haut beide nieder! das ist besser,
Als wenn der eine durch den andren fällt,
Denn Ihr spart ihnen Bruderwechselmord!

(Arboga greift nach dem Schwerte; aber Holm, Skiold und andere haben die Brüder schon auseinandergerissen.)

Gothland.
Du bist es, Holm, der mich von ihm zurückhält?
Du warest der ja, der ihn schuldig sprach!

Holm.
Wenn er auch schuldig sein mag, so geziemts
Doch dir nicht, ihn zu strafen; ewig würd
Ich dich verfolgen, wenn durch deine Hand
Dein Bruder fiele.

Gothland.
Ihn zu strafen ziemt
Dem Könige; allein wenn der nicht will,
So ziemt es meinem Vater oder mir!
– Noch einmal König! fodre ich sein Haupt!
Verweigere es dem Gesetze nicht,
Dem es verfallen!

König.
Ketten, Ketten sollst
Du haben!

Kanzler.
Ja ja! kettets, kettets an
Das Ungetüm, das seine Brüder frißt!

Gothland.
Die giftge Schlange! Wie sie hohnlächelt!

Kanzler.
Du hast
Mich eben, als ich weinte, ausgelacht, (laut lachend)
Jetzt lache ich!

Gothland.
O seht ihn, seht ihn, wie
Er triumphieret, daß sein König seine
Mordtat schützt! – Triumphiere nicht zu früh! –
Ein Wort noch König! eh du gehst! Du nimmst
Partei, denn deinen Kanzler willst du nicht
Verlieren, – deshalben zürne ich dir nicht;
Ich kann euch Erdenkön'ge nur bedauern;
Ihr sollt der Götter Rolle spielen und
Seid Menschen! – Aber Eins ist da, was ihr
Stets üben könnt und sollt: Gerechtigkeit!
Sie ist es ja, die euren Thron erbaute, –
Hat sie im Lande aufgehört, so hat auch
Der König aufgehört, und jeder sucht
Auf eignem Weg sein eignes Recht!
Ich hab es dir gesagt!

König. Bringt Ketten! (Ein Soldat tritt mit denselben auf.)
Ha, da kommen sie! – ihn und
Den Neger schlagt an Eine; beide sind
Einander würdige Gesellen!

Kanzler.
Gerechtigkeit, die du verlangtest, sollst
Du haben: Morgen werf ich deine Klage
Dir auf das Haupt zurück und klag dich an
Auf Brudermord, weil du mir unterm Schein
Des Rechtes nach dem Leben hast getrachtet!

König.
Und ich verklage dich auf Hochverrat,
Weil du dich mit dem größten Feind
Des Schwedenreichs, dem Mohren, hast verbunden!

(Der König gibt dem Kanzler die Hand und geht mit ihm ab; die andren folgen; der Herzog Gothland, Berdoa, Erik und ein Hauptmann, der mit Soldaten im Hintergrunde verweilt, bleiben zurück.)

Skiold (tritt noch einmal vor Gothland hin).
Was du auch tun wirst, – meine Tochter mach
Nicht unglücklich! sie ist mein einzges Kind! (Geht ab.)

Gothland (zu Erik).
Geh zu dem alten, großen Herzoge
Von Gothland, meinem Vater; sage ihm,
Er würde schon vernommen haben,
Was sich ereignet; statt des Königs, welcher schlecht
Geurteilt, möge er das Richtschwert nehmen, und
Dann handeln, wie es ihm als Stammeshaupt
Gezieme!

(Erik geht.)

Der Hauptmann (tritt vor).
Herr, gefangen Euch
Zu nehmen, hat der König mir geboten.

Gothland.
Den Herzog Theodor von Gothland willst
Du fesseln? (Den Arm ausstreckend.) Feßle ihn!

(Der Hauptmann weicht scheu aus. – Erik kommt wieder.)

Gothland.
Was spricht mein Vater?

Erik.
Wenn er das Richtschwert nähm, so würd es sein,
Um Euch zu züchtgen, wie Ihr es verdientet!

Gothland.
Mein Vater ist der vorge Held nicht mehr,
Sonst hätt er also nicht gesprochen. – Geh,
Ruf meinen Sohn mir her!

(Erik geht ab.)

Berdoa.
Was tut man nun?

Gothland (ohne auf Berdoa zu achten).
Es ist
Der fürchterlichste Brudermord geschehn, –
Der König hat ihn wider sein Gewissen
Und wider das Gesetz verziehn, vor ihm
Und seinem Richterstuhl find ich kein Recht, –

So appellier ich laut und feierlich
An euch, ihr ewigen Gesetze,
Auf die die Welt gegründet ist, die ihr
Mit Feuerzügen flammet, welche kein
Vorübersausendes Jahrtausend ausweht,
Die selbst das Raubtier schaudernd ahnt,
Wenn es im Blute seinen Hunger stillt, die ihr
Der unterdrückten Menschheit Zuflucht botet
Für und für! – Zeuge eurer Wahrheit ist
Die Himmelsscheibe, die euch widerspiegelt,
Der Ozean ist euer Spiegel, in
Des Heklas Flammen leuchtet ihr, und wo
Ein Herz schlägt, zittert man vor euch!

Die menschlichen Geschlechter sterben; sie
Sind Flocken, ausgesäet in den Sturm;
Spurlos, wie Schatten über eine Wand,
Ziehn ihre Scharen über diese Erde;
Ihr aber werdet rastlos mit den neu
Entstehenden Geschlechtern neu geboren!
– Die Blutsfreundschaft ist irdisch und vergänglich,
Drum greif ich kühn zu euch, Unsterbliche!
– Ich habe keinen irdschen König mehr; ihr
Gesetze! seid mein König! – »Blut sühnt Blut
Und die Vergeltung ist das Recht!« so heißt
Eur Ausspruch; – der Hebräer las ihn schon
Am Sinai und heut noch les ich ihn
In meiner Brust; er soll mich leiten! (Will abgehn.)

Der Hauptmann (tritt ihm in den Weg).
Bleibt!

Gothland (wirft ihn auf die Seite).
Mach Platz für die Vergeltung!

(Er geht mit Berdoa ab.)

Hauptmann.
Greifet! haltet ihn!

(Skiold und Holm treten auf.)

Skiold.
Was fällt hier vor?

Holm.
Wo ist der Herzog?

Hauptmann.
Fort! – Mit
Gewalt brach er sich Bahn!

Skiold.
Folgt, folgt
Ihm eilends nach! Er sucht den Kanzler auf!

Holm.
Er wird doch nicht – ? –

Skiold.
Er wird, er wird!

Holm (schreit).
Dann rufet Mord und alarmiert das Schloß!

König (stürzt herein).
Welch ein Tumult! Was gibts?

Skiold (unter den Donnern des jetzt völlig heraufgestiegenen Gewitters).
Hört ihrs denn nicht?
Die finstren Mächte läuten hoch im Dom der Welt,
In seiner düstren wolkumflorten Runde,
Mit Donnerschlägen ein die Schreckensstunde,
In der der Bruder durch den Bruder fällt!

(Er eilt fort, dem Herzoge nach; alle folgen ihm.)

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