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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 5
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Drittes Kapitel

Die ersten Jahre meiner Kindheit.

Meine Großmutter hatte die älteste Tochter meiner Tante Kleist seit ihrem zweiten Jahre zu sich genommen und sie erzogen. Diese war, als ich zweijährige Waise von meiner Großmutter ebenfalls aufgenommen ward, nun schon ein schönes, blühendes, junges Mädchen von sechzehn Jahren, eine liebliche Gestalt voll Geist und Leben. Sie hatte den Charakter ihrer Mutter, nur war sie noch heimtückischer und im Umgange noch interessanter. Diese sehr schöne, aber so intrigante Enkelin beherrschte unsere Großmutter durch List und Schmeichelei. Sie gewann über die würdige Matrone eine grenzenlose Gewalt. Ich wurde dieser Cousine ein Dorn im Auge, denn sie fürchtete, meine Großmutter würde mir ihre Liebe schenken, und so könnten in der Folge nicht nur die Geschenke für sie vermindert, sondern ihr Einfluß könne auch geschwächt werden, wenn meine Großmutter mich lieb gewönne. Daher wurde ich von meiner zarten Kindheit an vom schönen Constanzchen Kleist verfolgt. Seit ich denken kann, fürchtete ich die Ruten und die spitzigen Reden von »Großschwester«, denn mit diesem Namen wurde die nachmalige Starostin Ropp von allen jüngeren Enkeln meiner Großmutter genannt, obzwar die schöne Constanze nur von mittler Größe war.

Ich mochte ungefähr ein Mädchen von fünf Jahren sein, als meine Großmutter auch noch die andern beiden erwachsenen Töchter meiner Tante Kleist zu sich nahm. Diese drei Schwestern und deren Mutter sprachen immer von der Einfalt meiner Mutter, und da hieß es denn, ich wäre noch einfältiger, als die selige Tante; ich sei ganz »von Gott versäumt«. Meine Tante aus Nerft sagte, indem sie ihre Blicke liebevoll auf mich heftete: »Lottchen Ihr Rufname ist Charlotte. Erst seitdem sie mit ihren Dichtungen an die Öffentlichkeit getreten, nannte sie sich nach ihrem zweiten Vornamen Elisa. C. scheint doch einige Ähnlichkeiten von meiner seligen Louise zu haben.« Großschwester erwiderte: »So schön, als die selige Tante, wird Lottchen nie werden, aber sie ist noch ungleich einfältiger, sie ist ganz stockdumm.« Meine gute Tante heftete ihre Augen auf mich, dann wieder auf das schlecht gemalte Bild meiner Mutter, einige Tränen entfielen ihren Augen, sie küßte mich, und ich bekam dann von Großschwester Arrest und Seitenstöße, mit dem Ausdrucke: »Da stehe für dein unartiges Weinen im Arrest! Du eitles, eigensinniges, dummes Ding!« Meine Großmutter kam hinzu, fragte, was geschehen sei; Großschwester erzählte die Geschichte nach ihrer Art, ich bekam Ruten, und meine mich liebende Tante durfte nichts zu meiner Rechtfertigung sagen, falls die Strafe nicht noch verstärkt werden sollte.

Ungefähr im fünften Jahre meines Alters, als wir in Mitau waren, sollte ich für eine Unart, deren ich mich nicht mehr erinnere, bestraft werden; indem kamen Fremde, die Strafe unterblieb, doch sagte meine Großmutter: »Warte nur, die Rute wird dir schon gegeben werden, sobald die Fremden fort sind.« Angst ergriff mich, ich sah umher, niemand war da, schnell kroch ich unter das mit schweren Falbeln besetzte Damastbette meiner Großmutter und freute mich, der Strafe entkommen zu sein. Als der Besuch fort war, rief meine Großmutter mich zur Züchtigung. Unbeweglich still blieb ich unter dem Bette liegen, ich wurde gesucht, man fand mich nicht. Ein paar Leute der Dienerschaft behaupteten, ich sei vor der Tür gewesen, als einzelne russische Soldaten der damals in Mitau stehenden Truppen am Hause vorbeigegangen wären, von denen die Rede ging, daß sie Kinder stehlen. Die Angst meiner Großmutter stieg. Der Entschluß wurde gefaßt, daß ich ausgetrommelt werden solle. Ich wurde als ein schönes Kind mit großen, dunkelblauen Augen, dunklen Augenbrauen, lichtbraunem, schlichtem Haar bezeichnet. 100 Dukaten wurden dem versprochen, der die erste sichere Nachricht von diesem verlorenen, sehr schönen Kinde gäbe; wer das Kind unversehrt wiederbringen würde, der sollte 1000 Taler erhalten. Ich freute mich unter dem Bette der Angst meiner Großmutter; als ich die Trommel rühren hörte, die Worte »schönes Kind« vernahm – denn das Schlafzimmer meiner Großmutter lag nahe an der Straße, wo nach dem Trommelschlage die Worte »schönes Kind« laut ausgerufen wurden – freudig schlug da mein Herz. – Bis zum anderen Morgen um acht Uhr hielt ich still unter dem Bette aus; als meine Großmutter aufstand, kroch ich hervor, und da sie mich erblickte, rief sie: »Die Rute her!« Diese war sogleich da, ich erhielt auf der Stelle tüchtige Ruten, und eine mir sehr viel schmerzlichere Strafe erfolgte noch. Auf einem Bogen Papier schrieb meine Tante Kleist meine Unart auf; dieser Bogen wurde um meine Zobelmütze, die ich trug, gesteckt; so mußte ich mit diesem Bogen Papier den ganzen Morgen bis nach der Tafel bleiben. Um elf Uhr wurde ich an die große Uhr gestellt, die im Besuchzimmer nahe dem Eßzimmer stand; alle die Gäste, die zur Tafel kamen, sahen sogleich die kleine Sünderin da wie am Pranger stehen; alle baten meine Großmutter um meine Befreiung; mit kaltem Ernste erwiderte sie: »Acht Tage soll das unartige Kind, das einen solchen Schreck machte, bei Wasser und Brot Schildwache stehen!« – Die Bitten der Gäste änderten den Ausspruch nicht.

Diese Sache machte tiefen Eindruck auf mich; Liebe, Haß und Unwillen keimten still in meiner jungen Seele. Meine Tante, das Andenken meiner Mutter und deren schlecht gemaltes Bild wurden von mir im Stillen geliebt, wie Großschwester gehaßt und Großmama gefürchtet wurde. Alle meine Gedanken und Gefühle mußte ich in mir verschließen, teils weil jedes Wort, das ich sagte, von den drei Schwestern belacht und mit dem Ausdrucke lächerlich gemacht wurde, meine Einfalt grenze nahe an Albernheit. Oft bekam ich auch von den drei Schwestern für jede Äußerung Schläge, sobald ich etwas gesagt hatte, das einer mißfiel. Ich verschloß mich daher in mich selbst und sprach immer weniger. Nur mit meiner Wärterin, die ich sehr liebte, und mit dem Bilde meiner Mutter unterhielt ich mich, wenn ich allein war. Dieses Bild liebte ich, seit ich denken konnte, mit heiliger Vergötterung.

Aus diesem meinem kindischen Gefühle kann ich mir die Liebe der gläubigen Katholiken zu ihrer heiligen Jungfrau erklären. Denn meine seligsten Stunden als Kind hatte ich vor dem schlechtgemalten Bilde meiner guten Mutter.

So flossen die ersten Jahre meiner Kindheit traurig und einsam dahin. Ohne Gespielin, ohne Spielzeug wurde der lange Tag mir zur Last, den ich mehrenteils am Lehnstuhl meiner Großmutter ohne alle Beschäftigung zubringen mußte. Da stand ich steif und fest geschnürt; je gerader ich meinen Kopf in die Höhe richtete, je besser ich die Schultern zurück hielt, desto zufriedener war meine Großmutter mit mir. Von zehn bis elf Uhr vormittags hatte ich die Erlaubnis, im Zimmer meiner Großmutter umherzuspazieren. Der Nachmittag hatte mehr Abwechselung für mich, denn da legte sich jene gleich nach Tisch eine Stunde schlafen, und ich mußte in dieser Zeit, wenn die Großschwester eine männliche Gesellschaft hatte, die ihr gefiel und mit der sie dann gerne allein sprach, im Vorzimmer auflauern und, sobald ich einen seinen Fußtritt hörte, dies durch starkes Husten andeuten. Ich stand so sehr unter der Rute dieser Großschwester, daß sie meiner Verschwiegenheit gewiß sein konnte. Doch hatte ich meine Freude daran, bisweilen umsonst zu husten, um von Großschwester ein ängstliches: Wer kömmt? zu hören. Dann sagte ich: »Das ging zur Treppe hinauf, aber ich dachte, man würde hereinkommen.« – »Schon gut, huste nur immer, wenn du jemand gehen hörst, auch wenn er nicht ins Vorzimmer kömmt.« Das war immer des schönen Constanzchens Befehl, den ich dann mit freundlicher Stimme erhielt. Sobald meine Großmutter vom Mittagsschlafe aufstand, wurde Kaffee getrunken, und obzwar ich auch den ganzen langen Nachmittag nichts zu tun hatte und entweder bei der Großmutter oder der Großschwester die Stunden stehend oder sitzend zubringen mußte, so war den Nachmittag doch ungleich mehr Abwechselung und ich fühlte die Hölle des Nichtstuns minder.

Mein bestes Fest war, wenn einer unserer Nachbarn, der alte Starost Igelströhm, mit seiner jungen Frau bei uns zum Besuch kam. Dieser Greis baute mir Kartenhäuser und erklärte mir einige biblische Geschichten. Denn das eine Zimmer war voll biblischer Bilder des Alten und Neuen Testaments. Alle die Geschichten, die der alte Igelströhm mir erzählte, brachten mir einen stillen Haß gegen Gott bei, der die Menschen so plagte: doch wagte ich diesen gegen niemand zu äußern. Wenn ich den schön gebauten Turm zu Babylon sah, dann schalt ich in meinem Herzen den neidischen Gott, der die Sprachen der Babylonier verwirrte, weil er es diese nicht habe wissen lassen wollen, was er dort oben in seinem Himmel mache. Sah ich Christus am Kreuze, dann schalt ich Gott in meinem Herzen, daß er ein Teufel sei, er wäre doch allwissend und hätte dem nicht vorgebaut, daß Eva und Adam von dem Baume gegessen hätten, der alle Menschen um ihre Seligkeit gebracht habe, und ließe den lieben, guten Jesum dafür hinrichten. Diesen an das Kreuz gemalten Jesum küßte ich oft mit kindischer Andacht und sagte dann: »Ich habe dich so lieb als meiner Mutter Bild.« Züge aus dem Leben meiner Mutter und aus Jesu Leben zu hören, erfüllte mein Herz mit unbegrenztem Vergnügen.

Die Wunder Jesu wurden, seit ich von diesen sprechen gehört hatte, mein stiller Zeitvertreib, wenn ich in den Morgenstunden neben dem Stuhle der Großmutter stehen mußte. Der alte Igelströhm, der uns so sehr oft besuchte war, meine Wärterin ausgenommen, der einzige, gegen den ich zu sprechen wagte; denn die Ausrufungen, daß ich totdumm, von Gott versäumt, fast albern sei, kränkten mich bitter und wurden von Tante Kleist gegen mich und alle Fremden, die zum Besuch kamen, oft wiederholt. Eines Tages hatte der alte Igelströhm mir viel von meiner Mutter erzählt, und gleich darauf führte er mich zur blauen Kammer, erklärte mir wieder einige Bilder aus der Geschichte Jesu; da sagte ich zum guten Alten, daß, wenn meine Mutter nur Wunder hätte tun können, so wäre sie noch besser als der liebe Herr Jesu gewesen. Mein alter Igelströhm erwiderte, dieser Gedanke sei sehr sündlich, und so etwas möchte ich mir nie mehr in den Sinn kommen lassen; ihm aber sollte ich es sagen, wie ich zu solch einem Gedanken käme. Ich versetzte, von meiner Mutter habe er mir erzählt, wie nie irgend ein Mensch sie bös gesehen hätte, und der sonst so liebe Jesus habe sich über den unschuldigen Feigenbaum geärgert und den ganz zu nichts gemacht, da doch Gott nur allein schuld daran sei, daß der arme Baum keine Früchte gehabt hätte. Diesem guten Alten sagte ich alles, was ich dachte, weil ich sicher war, daß er nichts wieder erzählte, und weil er mich immer ein liebes, gutes, recht unterhaltendes Kind hieß.

Meinen Vater, der wieder geheiratet und von seiner Frau schon zwei Kinder hatte, sah ich selten. Wenn er alle sechs Wochen auf zwei Tage zu meiner Großmutter kam, so war es viel. Mein guter Vater war sehr kalt und ernsthaft gegen seine Kinder, aber dennoch liebte ich den Teuren und sah ihn mit unaussprechlichem Vergnügen an, weil er ein schöner Mann war, aber ich wagte es nicht, zu ihm zu sprechen, denn sein Ernst machte mich schüchtern, und ich fürchtete, etwas Dummes zu sagen. Meine Stiefmutter war ein paarmal bei meiner Großmutter gewesen; sie hatte sich liebevoll mit mir zu tun gemacht, mir kleine Geschenke gegeben, und zärtlich hing mein junges Herz an ihr. Unter andern hatte sie mir ein paar schöne, große, silberne Münzen geschenkt, die wurden mir sehr lieb; ich sah bisweilen ganze Stunden vorzüglich die eine Münze an, die einen Schiffbruch darstellte. Zu dieser Münze hielt ich allerlei Selbstgespräche und schloß dann immer mit der Ausrufung: »O! du bist eine liebe, gute Münze, du lachst nicht über mich, daß ich dumm spreche.« So unterhielt ich mich, außer mit meiner Wärterin und Igelströhm, nur mit mir lieben, leblosen Dingen. Meine beiden mir so lieben Münzen gefielen der schönen Constanze, und ich mußte sie ihr schenken, wenn ich nicht Ruten haben wollte. Dies tat bitter weh, aber dennoch gab ich die lieben Münzen freundlich hin. Was mich noch mehr als dieses schmerzte, war, daß ich meine liebe, gute Stiefmutter sehr oft von dieser meiner Zuchtmeisterin in Gebärden, Gang und Ton der Stimme mit Spott nachgeahmt sah. Dies zerriß mein Herz, und auch diesen Unwillen mußte ich in mich verschließen, denn meine Großmutter hatte in Stunden der langen Weile ihr Vergnügen daran, daß das schöne Constanzchen die ganze Reihe ihrer Bekannten spottend nachahmte; in dieser Kunst hatte sie vorzügliche Fertigkeit.

Eine der mir bittersten Geschichten aus dieser Epoche meiner Kindheit war folgende: Eines Abends, als meine Wärterin mich auskleidete und zu Bette bringen wollte, band sie mir meine Nachthaube so ungeschickt um, daß sie mir eine Haarnadel tief in den Kopf hineinstach. Ich tat unwillkürlich einen Schrei; Blut floß von meinem Gesichte hinunter, meine Großmutter eilte hinzu, fragte, was da wäre; schnell stürzte ich mich zu ihren Füßen, bat um Verzeihung und sagte, ich hätte mich an den Kopf gestoßen. Denn die Gefahr, daß meine von mir so inniggeliebte Wärterin bitter gestraft werden könnte, schwebte mir so lebhaft vor, daß ich mich gedrungen fühlte, diese Unwahrheit zu sagen. Jetzt bekam ich von meiner Großmutter ein paar derbe Maulschellen und die Anweisung, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Unaussprechlich fühlte ich mich glücklich, meiner geliebten Wärterin, die eine Leibeigene war, eine gewiß harte Strafe abgenommen zu haben. Als meine Großmutter sich entfernen wollte, trat die sogenannte Großschwester, die Augenzeuge von allem gewesen war, hinzu und sagte jener: ich und meine Wärterin, wir hätten beide eine tüchtige Strafe verdient, denn das, was ich vorgegeben habe, sei erlogen; die Unvorsichtigkeit meiner Wärterin habe mir eine Haarnadel in den Kopf getrieben. Nun fuhr meine Großmutter meiner Wärterin in die Haare, zerprügelte sie und schickte sie nach einem Bündel Ruten, um auch mich zu züchtigen. Meine Wärterin, die aus Liebe für mich in Tränen zerfloß, mußte mich halten und sehen, wie meine Großmutter mich mit Ruten strich; als dieses vorüber war, mußte ich wieder Augenzeuge dessen sein, wie meine Wärterin niedergestreckt wurde und sie zwanzig Hiebe bekam. Mein Herz wurde schmerzhaft zusammengepreßt; ich zitterte an allen Gliedern, durfte aber keinen Laut von mir geben, wenn ich nicht die Strafe meiner mir nun noch lieber gewordenen Wärterin verdoppeln wollte. Nach dieser Exekution brachte meine Wärterin mich zu Bette; ich küßte ihre Hände, sie die meinigen; wir baten uns gegenseitig um Verzeihung und versicherten uns, daß die Schläge nicht geschmerzt hätten. Von dieser Stunde an herrschte zwischen mir und meiner Wärterin die innigste Zärtlichkeit, die auch bis zu ihrem Tode, der vor zehn Jahren erfolgte, fortgesetzt wurde und in meinem Herzen jetzt noch für die Kinder der guten Seligen fortdauert.

Des andern Morgens erzählte Constanze ihrer Mutter und dem Onkel aus Creutzburg die Geschichte auf die Art, daß, obzwar ich dumm wie ein Stock sei, ich dennoch heimtückisch genug wäre, um schnell Lügen zu erfinden. Mein Onkel aus Creutzburg sagte lachend, daß dies ihm seine Geschichte mit meiner seligen Mutter zurückriefe, wie er ihr den halben Kopf abgeschoren und sie die zweifachen Ruten so schafsmäßig ausgehalten habe. Hier hörte ich zum ersten Male die Geschichte aus der Kindheit meiner Mutter erzählen, die von mir im zweiten Kapitel angegeben ist.

Meiner jungen Seele wurde das Andenken meiner guten Mutter dadurch noch lieber. – Oft wenn mein kleines Herz, von kindischen Sorgen gepreßt, von der Großschwester gemißhandelt wurde, dann trat ich zu dem Bilde meiner Mutter, blickte dies mit heiliger Liebe an und versprach es der toten Leinewand, so gut als die liebe Selige zu werden; denn die ganze Dienerschaft und alle Freunde, die meine Mutter gekannt hatten, flossen vom Lobe der Teuren über. Es wirkte sonderbar auf mich, daß alle diejenigen, welche von der Dummheit meiner Mutter sprachen und mich mißhandelten, von jedem im Hause meiner Großmutter gehaßt wurden, obzwar man ihnen äußere Ehrfurcht bewies. Die schöne Constanze hieß bei allen Leuten der lebendige Teufel, und meine Wärterin sagte mir immer: »Wenn Sie böse sein und mit Ihren Nebenmenschen schlecht verfahren werden, dann wird man Ihnen, wie der Großschwester, fluchen; Ihren Namen wird man mit Abscheu nennen, alle Menschen werden Sie hassen und Ihr Andenken verwünschen. Werden Sie aber so gut, als die selige Mama, dann wird man Sie auch, wie diese lieben.« – So lernte ich in meiner zarten Kindheit durch Gespräche, die ich über meine selige Mutter hörte, die Tugend lieben und durch das Böse, welches die sogenannte Großschwester mir zufügte und verursachte, früh das Laster hassen.

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