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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 19
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Siebzehntes Kapitel

Altautz und Elley. Ich bin weniger vergnügt, als ich es erwartete. Gespräche über Swedenborg wirken auf meine Imagination.

Mein Vater besaß das einträgliche Gut Elley, auf welchem ein Grenzprozeß lag, der nun berichtiget werden sollte; aber ehe wir dorthin fuhren, kaufte mein Vater das noch größere Gut Altautz; denn da er drei Söhne hatte und meine Stiefmutter die Versicherung gab, ihre Remtenschen Güter dem zweiten Sohne zu hinterlassen, so wollte er auch für den dritten Sohn dereinst Güter haben. Nachdem nun Altautz gekauft war, sprach meine Stiefmutter immer mehr davon, daß die Töchter reich verheiratet werden müßten, auf daß die Söhne sich dereinst bei den Gütern erhalten könnten; jede Tochter müsse also einen solchen Mann wählen, dem nur ihre Schönheit als Mitgift genüge. Auch gab der Ankauf von Altautz meinen Eltern den Entschluß, Remten zu verlassen. Nicht ohne Schmerz trennte ich mich von der mir liebgewordenen Nachbarschaft; der schöne See, der Garten, dies alles wurde nun verlassen, denn das neuerkaufte Gut sollte der Landsitz meiner Eltern werden. Wir Kinder und Hausgenossen trennten uns nicht ohne Tränen vom bisherigen Wohnorte; aber angenehm fühlte ich mich überrascht, als ich den anderen Morgen bei meinem Erwachen eine noch lachendere Gegend aus dem Fenster unseres noch schöneren Wohngebäudes sah. Den schönen, großen, ruhigen Landsee vermißte ich zwar, aber die mannigfaltigeren, lieblichen Spaziergänge und hübschen Teiche entschädigten mich wieder. Der Prediger des Ortes, Pastor Martini, war ein höchst verehrungswürdiger und ebenso interessanter Mann. Die Nachbarn wurden wieder neue Bekanntschaften; auch lachte die Idee mich an, dennoch jährlich einige Wochen in Remten zu leben, und die größere Nähe unserer Hauptstadt Mitau wurde ein neuer Reiz.

Nach acht Tagen hatte Altautz das vormals so geliebte Remten bei uns allen verdrängt, und selbst meine Stiefmutter zog Altautz ihrem Gute vor. Doch nun mußte Altautz wieder verlassen und nach Elley gereist werden, woselbst Brinck als Schiedsrichter den langwierigen Prozeß entscheiden sollte, der beiden Teilen schon so viel Geld kostete. Brinck und Schwander wiederzusehen, beide nun täglich sprechen zu hören, war eine liebliche Erwartung, die meine ganze Seele beschäftigte. Meine Stiefmutter verdoppelte ihre Zärtlichkeit gegen mich; sie schrieb mir mein Betragen gegen beide vor und riet mir, es zu vermeiden, weder Schwandern noch Brinck allein zu sehen. Gern gab ich ihr das Versprechen, ihr täglich alles wieder zu sagen, was ich mit diesen mir werten Menschen sprechen würde, mein eigenes Herz zu beobachten und ihr treu alle Gefühle meiner Seele zu vertrauen. Mit gewissenhafter Strenge hielt ich mein Wort. Wir kamen zwei Tage früher, als Brinck und Schwander, nach Elley. Das Wohnhaus war schlecht. Eine weite Fläche fruchtreicher Felder gab der Gegend eine mir traurige Einförmigkeit, weil kein Wäldchen zum Spaziergange lockte und kein schattenreicher Baum vor Sonnenstrahlen schützte. Der große Garten hatte nichts, nichts als Obstbäume, und so sehr ich mich auf Brinck und Schwander gefreut hatte, so traurig war mir das ganze Lokal. Nur meine Schwester und ich waren mit, meine Brüder und ihre Lehrer blieben in Altautz, Tanz und Musik mit ihnen! Kurz, schon am ersten Tage unserer Ankunft sehnten wir uns wieder nach Altautz zurück. Meine Stiefmutter sagte mir da: »Liebes Kind, Brincken sein Gut liegt fünfzehn Meilen von uns, du fühlst dich hier schon gedrückt, weil du deine Brüder nicht um dich hast, Eltern und Schwestern sind hier! Aber denke dich nun mit einem Manne weit, weit von uns fort! Du mußt es nicht glauben, daß die Männer im häuslichen Leben so liebenswürdig bleiben, als unsere Verehrer sich bemühen, in unserer Gesellschaft zu erscheinen. Siehst du, liebes Kind, wenn du nun schon Brinckens Frau wärest, dich nach uns allen, sowie nach Altautz und deinen Brüdern sehnen würdest – glaubst du wohl, daß du dann glücklicher als jetzt wärst?« – »Nein, Mütterchen, wahrhaftig nicht, ich will garnicht heiraten!« Solche Reden meiner Stiefmutter waren die Vorbereitung zu Brinckens Ankunft.

Endlich kamen die beiden Freunde, und mit ihnen die erste angenehme Stunde, die ich in Elley hatte, denn beider Gabe zu unterhalten, fand wenig ihresgleichen.

Schwander stellte seinen Freund und Zögling so, daß er uns allen interessant werden mußte. Schwander hatte sich bei meiner Mutter dadurch empfohlen, daß er die Antwort meines Vaters gebilligt und es in Brinckens Namen versprochen hatte, noch einige Jahre zu warten, ohne seine Ansprüche auf mich geltend zu machen. Auch ich freute mich dieser Versicherung, hoffte, so seinen Umgang ohne Scheu zu genießen, und meine Einbildungskraft spiegelte sich selbst in dieser einförmigen Gegend schönen Lebensgenuß im Umgange so interessanter Männer vor. Aber wie fand ich mich betrogen! Der ganze Tag ging mit Zeugenverhör hin, und wir sahen die Herren nur an der Tafel, da wurde denn wieder alles durchgegangen, und so oft auch Brinck und Schwander andere Dinge aufs Tapet brachten, so hatte der Verwalter, welcher immer mit speiste, etwas Neues anzubringen, und kam wieder aufs Zeugenverhör, auf den Nationalcharakter der Kurländischen Bauern, und diese Gespräche hatten zu der Zeit kein Interesse für mich. Nachdem der Grenzeritt anging, so speisten die Herren mehrenteils nur kalte Küche auf dem Felde, weil sie ihre Arbeit, so viel wie möglich, ununterbrochen fortsetzen wollten. Abends waren sie an der Tafel ermüdet und erschöpft von der Tageslast, eilten so zu Bette, um wieder frühmorgens um fünf ihrer Arbeit nachzugehen. Ich hatte mich auf fröhliche Tage, wie in Plahnen, gefreut, und litt nun oft bittere Langeweile; dies bemerkte meine Stiefmutter und sagte dann: »Siehst du, liebes Kind: Brinck ist so an Geschäfte gewöhnt, daß er bei all seinem wahrhaften Verdienste doch nie Zeit genug haben würde, sich mit deiner Zufriedenheit und dem, was dir Vergnügen macht, zu beschäftigen. Er liebt dich, er wünscht auf Zukunft deinen Besitz; hat er wohl Zeit, dir jetzt eine Stunde zu verkürzen? Abends, wenn die Grenze nicht beritten werden kann, durchsieht er noch die Akten des Tages, macht Noten, die er ebensogut den Advokaten zu machen überlassen könnte. Er ist nur Schiedsrichter; Bolnern, dem sollte er diese Arbeit überlassen! Aber Arbeiten ist sein Leben; solche Menschen sind treffliche Staatsmänner, ein Segen ihrer Freunde! Doch als Ehemänner sind sie drückend langweilig.« Solche Bemerkungen meiner Stiefmutter blieben nicht ohne Eingang in meine Seele. Taube und Medem aus Tittelmünde besuchten uns und brachten Leben und heitere Geselligkeit in unseren Kreis. Meine Stiefmutter unterließ es nie, Taubens unterhaltenden Geist anzupreisen. Medem machte den Grenzeritt bisweilen mit, aber Taube verließ uns nicht; nach vier, fünf Tagen reiste Taube wieder ab, und wir fühlten eine drückende Leere. Mit sehnlichem Verlangen erwartete ich unsere Rückkehr nach Altautz; ich liebte meine Stiefmutter noch inniger, daß sie mich auf mein Herz so aufmerksam gemacht und mich belehrt hatte, daß ich mich in meinem Gefühle für Brinck geirrt hätte. Brinck und Schwander waren indessen in ihrer Seele gewiß daß sie sich bei meinen Eltern durch ihr Betragen empfohlen hatten, und daß der Eifer, mit dem Brinck in diesem schwierigen Grenzprozeß gearbeitet hatte, mir gute Empfehlung gewesen sein müsse.

Nach dreiwöchentlicher, ununterbrochener, verdrießlicher, aber glücklich beendeter Arbeit waren die beiden edeln Geschäftsmänner wieder Geist und Leben, und eine Unterhaltung über Swedenborgs Schriften zwischen meinen Eltern, Brinck und Schwander säete in meine junge Seele den Samen zu künftigen Schwärmereien. Schwander erklärte Swedenborg für einen Träumer. Brinck und mein Vater verteidigten Swedenborgs System, fanden eine hieroglyphisch mystische Sprache in seinen Schriften. Brinck behauptete, das Geisterreich sei ein zu fremdes Land für uns, als daß wir da über die Kräfte ausgezeichneter Seelen mit Gewißheit entscheiden könnten. Mein Vater erzählte manches von seinem Lehrer Müller und seinem Freunde Schmidt, der ihn in die Freimaurerei eingeweiht habe. Beide wären erfahrene Mystiker gewesen. Dies Gespräch, auf das ich begierig horchte, nicht zu fassen vermochte, zog mich sehr an. Alles Wunderbare, welches von Swedenborg erzählt wurde, und welches Schwander bestritt, erhitzte meine Imagination. Umgang mit Geistern schien mir so groß, so erhaben, so wünschenswert, daß diese Idee in meiner Seele Wurzel faßte! Ich vermochte nach diesem Gespräch die ganze Nacht nicht zu schlafen! Die Liebe zu meiner verstorbenen Mutter entflammte sich aufs neue in mir! Es war eine mondhelle Nacht, ich konnte aus meinem Schlafzimmer auf die Kirche hinsehen, die meiner Mutter Gebeine in sich schloß; sie lag zwar in einiger Entfernung weit über die Fläche des Feldes hin, aber mit schauerlicher Liebe hingen meine Blicke an dem großen, weißen Gebäude der Kirche! Mit Sehnsucht flehte ich gen Himmel, er möge mir den Geist meiner Mutter erscheinen lassen, möge mich des Umgangs seliger Geister würdigen, wie Swedenborg dessen gewürdiget worden ist. Dann sahe ich auf der weiten Fläche des Feldes hin, ob keine weiße, schwebende Gestalt von der Kirche heraufwandeln würde? Nichts kam! Aber die Sehnsucht nach dem Umgange mit Verstorbenen blieb in mir. Die paar Tage, die wir nach Schwanders und Brinckens Abreise in Elley zubrachten, verträumte ich manche Stunde in diesen Ideen, die sich im lieblich gelegenen Altautz, unter fröhlichem Tanze und heiterer Gesellschaft, allmählich wieder verwischten, aber oft aufs neue hervortraten, wenn mein guter Vater bisweilen von den verborgenen Kräften der Natur sprach.

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