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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 16
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Vierzehntes Kapitel

Schwander. Rückkehr aufs Land. Eine Braut.

Gewohnt, von allen jungen Männern Huldigungen zu erhalten, schmeichelte dies zwar meiner Eitelkeit, nahm mir aber das unbefangene Vergnügen des geselligen Umganges. Denn oft hörte ich da schwermutsvolle Seufzer, wo ich Vergnügen erwartete. Fritz Medem, der Bruder meiner Lisette, überhäufte mich mit Elegien seiner unglücklichen Liebe, die zwar meiner Stiefmutter Freude machten, mich aber schmerzten, weil ich jemand, dem ich wohlwollte, durch mich traurig sah. Meine Stiefmutter suchte das Gefühl der Mitempfindung in mir zu ersticken, und malte mir kalte Unempfindlichkeit gegen die Leidenschaft derer, die uns Huldigungen bringen, als weibliche Vollkommenheit aus. Doch forderte sie, daß dabei nie die Eitelkeit eines Mannes beleidiget werden müsse, daß man seinen Verehrern zwar Wohlwollen, vorzügliche Achtung, aber dennoch Kälte zeigen solle, die durch angenehme Unterhaltung das Bittere des unbefriedigten Wunsches versüße.

Medem aus Tittelmünde, ein sehr geistvoller Mann, Verwandter meiner Stiefmutter, in mäßigen Glücksumständen und mit einem unangenehmen Äußern begabt, liebte mich mit hoffnungsloser Leidenschaft; er hatte sein Herz meiner Stiefmutter entdeckt, um die Freude meines Umganges und um ihren weisen Rat gebeten, wie er sich zu betragen habe, um keine Blöße zu geben, weil er, da er es wisse, daß er mich nicht besitzen könne, seine Liebe ersticken wolle. Meine Stiefmutter riet ihm, seine Gefühle für mich nur ihr zu äußern, auf dem Fuße eines Verwandten in unserem Hause zu sein und mit mir, wie Taube, auf einem bloß freundschaftlichen Ton umzugehen; mir keine der kleinen Aufmerksamkeiten zu bezeigen, die dem Liebenden, der gefallen will, entwischt; auf Bällen mehr mit meiner Schwester, als mit mir zu tanzen. Mir gab meine Stiefmutter die Regel, gegen Medem aus Tittelmünde sehr gleich in meinem Betragen zu sein, auf kleine Gefälligkeiten wenig zu achten, ihm aber, als ihrem Verwandten, mit einer Art von Achtung und freundschaftlichem Vertrauen zu begegnen, doch es ihr gleich zu sagen, sobald ihm eine Schmeichelei oder Äußerung der Zärtlichkeit entführe. Medem und ich betrugen uns ganz nach der Vorschrift meiner Stiefmutter. Nie drückte er mich durch die Äußerungen einer Liebe, die der würdige Mann in seinem Herzen bis zum letzten Augenblicke seines Lebens aufbewahrte und selbst in späteren Jahren als ein Heiligtum in seiner Seele verschloß, die mir immer die zärtlichste, die schwärmerischste und anspruchloseste Liebe zeigte, welche zuletzt die Farbe der tätigsten und seelenvollsten Freundschaft annahm. Erst kürzlich starb er, ohne geheiratet zu haben. Sein ganzes Leben gab mir einen Beweis dessen, welchen Einfluß ich auf seine Handlungen hatte. In der Geschichte unseres Vaterlandes steht Medem auch als einer der edelsten Patrioten da. Er und Taube blieben bis zum Schlusse ihres Lebens meine tätigen Freunde, mit denen ich über alles, was mich betraf, wie zu mir selbst sprechen konnte; nur liebte ich in meinen früheren Jahren vorzüglich Taubes Umgang, weil seine fröhliche Laune, sein heiterer Witz mich angenehm unterhielten; da er mir nur Wohlwollen und Interesse an allem, was mir Freude machte, ohne Beisatz von Liebe zeigte, so fühlte ich bei seiner Unterhaltung das größte Wohlbehagen. Oft waren auf unseren kleinen Bällen Behr, Korff und Medem verstimmt; sie allerseits störten bisweilen durch schwermutsvolle Blicke meinen fröhlichen Genuß; nur Taube wußte stets die Summe unserer Freude zu vermehren, und er nannte mich, meine Schwester und unsere Lisette seine drei Schwestern. Wir hingen alle mit gleicher Herzlichkeit an ihm.

In dieser Epoche machte ich die genauere Bekanntschaft eines Mannes, der in der Folge meines Lebens auf die Bildung meines Charakters, auf mein und meiner Schwester Schicksal den größten Einfluß bekam, so wie er diesen in unserem Vaterlands und in jedem Hause hatte, mit welchem er Umgang hielt. Schwander Hofgerichtsadvokat in Mitau. war von Straßburg her Universitätsfreund meines Vaters, der erste Rechtsgelehrte im Lande, dessen Gabe der Beredsamkeit so groß, als sein Umgang interessant war. Von der Natur mit einer majestätisch schönen Gestalt begabt, die Anmut und Würde in sich vereinigte, war der Ton seiner Stimme, wie jede Miene seines bedeutenden Gesichtes und jede Bewegung des Körpers, angenehm und interessant. Selbst als kränklicher Greis zog sein imponierendes Äußere so an, daß ein Blick des Unwillens oder des Beifalles diejenigen, mit welchen er zu tun hatte, zu allem bestimmte, wohin er sie lenken wollte. In einer Reihe von mehr als dreißig Jahren hatte er nie einen Prozeß, den er führte, verloren; denn er hielt sich für einen Rechtsverteidiger, nicht für einen Rechtsverdreher. Jünglinge und Greise, Männer und Weiber hielten sich durch den Umgang dieses fröhlichen Weisen geehrt. Wer das Recht genoß, Schwander zu jeder Stunde der Tages zu sprechen, stand schon dadurch bei unserem Publikum in Achtung. Ein Besuch von Schwander, dessen Stunden sehr besetzt waren, wurde, wohin er kam, zum häuslichen Feste, und noch lange nachher wiederholte man sich, was Schwander gesprochen hatte. Zwar hatte ich Schwander als Kind bisweilen im Hause meiner Großmutter gesehen, wenn er sie auf ein Stündchen besuchte, weil ich dann immer aus dem letzten Zimmer hervorgerufen und ihm als die Tochter seines liebsten Freundes vorgestellt wurde. Furchtsam errötend machte ich dann diesem so geehrten Manne eine Verbeugung, war voll Angst, daß er, von dessen Verstand und Klugheit ich so viel sprechen gehört hatte, es nicht bemerken möge, daß seines Freundes Tochter, wie Tante Kleist und ihre Töchter sagten, »von Gott versäumt«, die leibhaftige Dummheit sei. Immer unterhielt sich Schwander verbindlich mit mir, und was er mir gesagt hatte, blieb in meiner Seele haften. Mit Wohlgefallen ruhten meine Blicke auf seiner schönen majestätisch erhabenen Gestalt, denn unstreitig waren Schwander, mein Vater und mein ältester Mutterbruder die drei schönsten Männer ihrer Zeit in unserem Vaterlande. Doch seit ich unter der Obhut meiner Stiefmutter stand, hatte ich diesen interessanten Mann nicht wiedergesehen, weil er in vaterländischen Geschäften eine Reise nach Warschau gemacht hatte und nun zum allgemeinen Jubel mit glücklich beendigten Geschäften heimgekehrt war. Der Beifall dieses Mannes wurde meinem Herzen und meiner Eitelkeit gleich notwendig. Mein Selbstvertrauen, welches mich nun in allen Gesellschaften begleitete, verließ mich die erste Zeit an Schwanders Seite. Schwander hatte nach dem ersten Abend, den er bei meinen Eltern verbrachte, meiner Stiefmutter sehr verbindlich gesagt, auch bei ihrer Erziehung fände er, daß das Gute nahe ans Böse grenze, doch hoffe er von ihrer Klugheit, daß bei den Töchtern seines Freundes diese zarte Linie nicht werde überschritten werden. Er fände nur dies an uns auszusetzen, daß wir beide in unserem Betragen fünf Jahre älter wären, als wir wirklich seien. Das neunjährige Kind müsse man in Gesellschaften für ein vierzehnjähriges Mädchen halten, und das dreizehnjährige Mädchen sei in ihrem Betragen schon ganz eine achtzehnjährige Person von feinem Welttone. Diese frühe Reife der verfeinerten Geselligkeit könne allmählich die anmutsvolle Natur so verkünsteln, daß wir Schauspielerinnen im gemeinen Leben werden und mehr auf Schein, als auf Sein halten könnten. Schwanders Gespräch, welches mit verbindlichen Bemerkungen für meine Stiefmutter und uns durchwebt war, machte tiefen Eindruck auf mich. Er war der erste Mensch, den ich meiner Stiefmutter in manchen Grundsätzen widersprechen hörte; doch war sein Widerspruch immer mit so feiner Delikatesse begleitet, daß man nicht unwillig werden konnte, wenn gleich man sich überwunden fühlte. In meiner Seele entstand der Vorsatz, Schwanders Umgang und Bemerkungen zu benutzen und von ihm womöglich zu erlernen, wie man dauernden Beifall erlangen und allen Charakteren gefallen könne. Denn seit meiner Kindheit hatte ich über Schwander nur eine Stimme des ungeteilten Beifalles, der innigsten Verehrung gehört, dahingegen mir über meine Stiefmutter, die ich anbetete, so mancher Tadel zu Ohren gekommen war. Kurz! nach einigen Besuchen von Schwander stand meine Stiefmutter nun in meiner Seele nicht mehr als das vollkommenste Wesen allein, oft verglich ich sie mit ihm und ebenso oft behielt er den Preis. Auch sagte meine Stiefmutter einmal scherzend zu Schwander: »Es ist gut, daß wir die Stadt verlassen; Sie machen mir Mann und Töchter abspenstig.« War Schwander bei uns, so stahlen Lisette Medem und ich uns oft aus unserem jugendlichen Kreise, um Schwander sprechen zu hören; selbst wenn er von Prozessen und Landesangelegenheiten sprach, so zog ich leidenschaftliche Tänzerin Schwanders Gespräche sogar dem Tanze vor.

Kurz, als wir Mitau verließen, waren Schwander und Taube mir die interessantesten Menschen, und Schwander hatte in meiner Seele die Bemerkungen eingegraben, daß man mehr sein als scheinen müsse, daß Eitelkeit Männer und Weiber vom Ziele der Vollkommenheit entferne, Weibern sehr gefährlich werden könne, und mehr als einmal erschien Schwanders erhabene Gestalt meiner Einbildungskraft, wenn ich gegen seine Grundsätze gefehlt, durch Eitelkeit gelockt, dieser Gehör gegeben hatte. Lisette Medem und ich hatten uns noch lieber gewonnen, wir beide hingen mit gleicher Verehrung an Schwander, und gleicher Herzlichkeit an Taube. Unser Briefwechsel gewann nun mehr Interesse für uns, weil wir uns nun über mannigfaltigere Gegenstände zu schreiben hatten.

Mit so schwerem Herzen ich auch unsere Residenz verließ, so lachte doch der Gedanke mich an, meine Freundinnen, vor allem Lottchen Hahn, auf dem Lande wiederzusehen. Inniger Herzensbund unter guten, gleichgestimmten Seelen war früh das Bedürfnis meines Herzens, die Freude meines Lebens! Die erste Zusammenkunft mit unseren Plahnschen Verwandten wurde uns durch die Nachricht noch interessanter, daß die älteste Tochter des Hauses die Braut eines sehr reichen Mannes sei, den ihr Verstand und die Güte ihrer Seele gefesselt habe.

Das älteste Fräulein von Hahn war durch Blattern entstellt und gleich ihren Schwestern ohne Vermögen. Auch glaubten die Eltern zu Anfang, daß die Besuche des Herrn von Schlippenbach der schönen Tochter galten, und sie waren nicht wenig verwundert, als Schlippenbach um die älteste Schwester warb. Diese Liebe war in unserer Abwesenheit zur Reife gekommen, und zum ersten Male sah ich nun eine Braut, die mit dem Geiste und Herzen liebte, von ihrem Verlobten die zärtlichste, die ehrfurchtsvollste Liebe erhielt, still, glücklich in dem Vorsätze war, ganz für den Mann ihrer Liebe, den sie innigst verehrte, zu leben. In meiner jungen Seele stieg die Sehnsucht auf, einst mit diesem Gefühle mir auch meinen Lebensgefährten wählen zu können. Tiefen Eindruck machte die Bemerkung der edlen Braut auf mich, daß nun dasjenige, was ihr sonst bitteren Schmerz verursacht habe, jetzt eine Quelle ihrer Zufriedenheit wurde. Sie stand zwischen mir und ihrer schönen Schwester vor dem Spiegel, sagte dann: »Eure lieblich reizenden Gesichter möchte ich nun nicht, nun mein Schlippenbach mich auch mit diesen Blatternarben liebt. Ohne Vermögen und ohne Schönheit gewann mein Inneres das Herz meines Geliebten. Mir bleibt die Hoffnung, ihn mit jedem Jahre mehr an mich zu ziehen! Ihr, meine guten Mädchen, habt es schwerer! So leicht es der Schönheit wird, Männerherzen zu fesseln, so schwer ist es, sich einem Männerherzen, das durch Schönheit gefesselt wurde, im Besitze neu und wert zu erhalten. Ich hoffe, meinem Schlippenbach im späten Alter noch lieber, als jetzt zu sein, und Euch, meine Lieben, wünsche ich einst Männer, die mehr den inneren Wert, als das schöne Kleid Eurer Seele lieben!« Ich sank gerührt an die Brust dieser Edlen; manches Gespräch von Schwander wurde mir gegenwärtig, und ich versprach mir es da, nach wahrem Seelenwerte zu streben, auf daß, wenn meine Hülle verblüht, mein besseres Ich noch die Liebe und Achtung guter, verdienstvoller Menschen zu gewinnen wisse.

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