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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 15
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Dreizehntes Kapitel

Aufenthalt in Brucken. Igelströhms Abreise. Freudiger Empfang vor Mitau. Taube.

Bei meinem Erwachen fand ich vor meinem Bette ein schönes Stück Zeug zum Kleide und allerlei Putzsachen. Meine Großmutter selbst trat zu mir, sagte, das habe mir eine wohltätige Fee beschert! Sie freute sich meiner blühenden Farbe, küßte mich und sagte bewegt: »Obzwar Lotte meinem guten Medem gleicht, so finde ich doch auch viel von ihrer verstorbenen Mutter.« Diese Worte trafen mein Herz; das Andenken an meine verstorbene Mutter, von welcher ich so viel Gutes gehört hatte, wachte nun wieder mit aller Kraft in mir auf; ich machte mir Vorwürfe, daß meine Liebe zur neuen Mutter das Bild der Verstorbenen bei mir verwischt hatte. Eine stille Wehmut bemächtigte sich meiner. Ich begriff es selbst nicht, wie ich nicht zu dem mir heiligen Bilde der teuren Verstorbenen geeilt sei und einen ganzen Abend in Brucken verbracht hätte, ohne diesen besten Trost meiner geplagten Kindheit zu besuchen. Auch durchlief der Gedanke mich mit innerem Vorwurf, daß ich jetzt doch schon weit entfernt sei, im Innern meiner Seele meiner verstorbenen Mutter ähnlich zu sein, denn diese habe sich aus ihrer Schönheit nichts gemacht, habe bloß durch Gutsein die Herzen der Menschen an sich gezogen, und ich liebte den Spiegel und vergänglichen Tand so! Indessen hatte sich alles zum Frühstück bei meiner Großmutter versammelt, der Geist meiner Stiefmutter hatte Scherz und Freude in diesen Kreis gebracht. Bald wußte sie das Gespräch so zu lenken, daß ich der Hauptgegenstand wurde; meine Großmutter äußerte den Wunsch, mich tanzen zu sehen, und meine Stiefmutter sagte sehr verbindlich, beide ihre Töchter sollten meiner Großmutter ein pas de deux vortanzen. Die Dienerschaft meines Vaters war musikalisch; ein paar Violinen wurden herbeigerufen, und meine Schwester und ich schwebten im leichten Morgenkleide tanzend einher, ernteten auf allen Seiten Beifall ein; nur konnten die beiden Tyranninnen meiner Jugend ihren Mißmut nicht verbergen; sie nannten mich Theaterprinzessin, weil meine Schwester und ich auch etwas aus einem kleinen gesellschaftlichen Stücke deklamiert hatten und von meiner Großmutter mit aus dem Herzen fließenden, von Tante Kleist aber mit heuchlerischen Lobsprüchen überhäuft wurden.

Unterdessen ergriff ich den ersten freien Augenblick, eilte dem Zimmer zu, wo das Bild meiner verstorbenen Mutter hing, rief mir alles zurück, was ich von der teuren Seligen wußte, und als ihre Sterbestunde meiner Einbildungskraft gegenwärtig wurde, ich mir es dachte, wie sie ihre beiden Kinder gesegnet haben soll, so machte mein Herz mir Vorwürfe, daß ich ihren Sohn minder, als mein anderes Geschwister liebte. Wehmut ergriff mich, es war mir nicht möglich, mich der Tränen zu enthalten, meine Stiefmutter, die mich zum Ankleiden hinüber rufen wollte, fand mich weinend, fragte nach der Ursache meiner Tränen, ich stürzte zu ihren Füßen, sagte ihr alle meine Gefühle und gestand, daß mein Herz mir darüber Vorwürfe mache, daß ich sie mehr als meine verstorbene Mutter liebe, und daß mein Stiefgeschwister mehr von mir, als der Sohn meiner leiblichen Mutter geliebt würde. Sie herzte, sie küßte mich und sagte, es sei natürlich, daß ich mein Stiefgeschwister mehr als meinen leiblichen Bruder liebe, denn dieser sei ein bösartiges Kind; es spräche von meinem guten Herzen, daß ich ihre Liebe zu mir so voll erwidere, und mein Zartgefühl, daß ich gegen meine leibliche Mutter zu fehlen glaube, mache ihr Freude. Meine Großmutter kam hinzu, fragte mit Ernst nach der Ursache meiner Tränen; Angst und Furcht ergriff mich; meine Stiefmutter malte mit rührender Beredsamkeit das feine Gefühl meiner Seele aus, die sich darüber Vorwürfe mache, daß ich sie mehr als meine leibliche Mutter liebe, die ich bloß durch Erzählung anderer kenne, deren sanfte Tugenden aber meinem Herzen so heilig waren. Meine Großmutter, die höchst selten zu Tränen zu bringen war, fühlte sich bewegt, rief meinen Vater zu uns und wünschte ihm Glück, eine solche Mutter seiner Kinder zu haben. Meine Stiefmutter wagte es, für ihre Freundin Ropp in dieser Stimmung bei meiner Großmutter ein Vorwort einzulegen, aber meine Großmutter verbat es mit entscheidendem Ernste, ihre Freude über mich durch Erinnerung an ein so undankbares Kind ja nicht zu stören.

Die Ankunft meines alten Igelströhm endigte das Gespräch, und ich freute mich herzlich, diesen Wohltäter meiner geplagten Kindheit wiederzusehen. Wie groß war sein Erstaunen, mich so umgewandelt, so lebhaft, so unterhaltend, so gewachsen zu finden. Er vergaß es ganz, daß seine junge, schwindsüchtige Frau von den Ärzten aufgegeben sei, und daß er eigentlich meiner Großmutter den Abschiedsbesuch machte, um die Kranke in wenig Tagen zur Stadt zu begleiten, weil sie sich die Beruhigung wünsche, stündlich den Beistand aller Ärzte zu haben. Er machte meiner Stiefmutter tausend Schmeicheleien, sagte, er wünsche seine sechsjährige Tochter ihren Meisterhänden zu übergeben. Gleich einem Jünglinge tanzte er mit uns, drückte meine Hände an seine Brust, küßte diese so, daß meine Großmutter scherzend sagte, wenn er an meiner Seite sei, so verwandle sich in seiner Jahreszahl die Sieben in eine Zwei und man hielte ihn für einen zwanzigjährigen jungen Mann. Er versicherte, er wolle mit dem dritten Teil seines Vermögens zufrieden sein, wenn er sich dies Alter und mit diesem das Recht erkaufen könne, um mich zu werben.

So freundlich auch meine Großmutter gegen mich war, so sehr sie für mein Vergnügen sorgte, so sehr sie Freude daran fand, mich von allen anwesenden jungen Herren verehrt zu sehen, so seufzte ich doch im Stillen nach der Stunde meiner Abreise, denn das Andenken meiner geplagten Kinderjahre verleidete mir meinen Aufenthalt in Brucken, und eine fast knechtische Furcht vor meiner Großmutter machte mich unfähig, ihre Liebkosungen, die immer mit ernster Würde untermischt waren, mit der innigen Freude anzunehmen, die mein Herz erfüllte, wenn meine Stiefmutter liebevoll zu mir sprach. Nach vier langen Tagen, so viel auch mir zu Ehren getanzt wurde, kehrten wir zu meiner Freude nach Mitau zurück. Bei unserer Abreise sagte meine Großmutter meinem Vater in Gegenwart meiner Stiefmutter, daß meine Eltern recht gehabt hätten, mich nicht an Behr zu geben; sie sehe wohl, es würde mir nicht an reichen Partien fehlen, und man möge mich noch unter solch einer Leitung, als die meiner Stiefmutter wäre, meine Jugend genießen lassen, und wenn vielleicht Fritz Kleist und ich uns gegenseitig gefielen, wenn wir völlig erwachsen wären, so hoffe sie, daß mein Vater und meine Stiefmutter nichts gegen diese Verbindung haben würden. Meine Stiefmutter versicherte, sobald gegenseitige Neigung sich fände, so würde sie sich freuen, einen Enkel meiner Großmutter als ihren Schwiegersohn zu lieben. Und wenn Fritz Kleist auch nicht durch mich ihr Schwiegersohn würde, so könne er es durch die zweite Tochter werden. So trennten wir uns mit gegenseitiger Zufriedenheit, und mein Herz schlug freier, als wir Brucken schon eine Stunde hinter uns hatten und jede Minute mich der Freude näher brachte, meine geliebte Lisette Medem wiederzusehen.

Eine Stunde vor Mitau waren uns einige Bekannte entgegengekommen; einer unserer interessantesten und geistvollsten jungen Leute, Baron von Taube, nachmaliger Landhofmeister und mein Freund bis in den Tod, war mit uns in Brucken gewesen und den Tag vor unserer Abreise nach Mitau zurückgekehrt; dort hatte er Oberhofmeister Medem beredet, uns mit seiner Familie entgegenzukommen und bei sich einen kleinen, freundschaftlichen Ball zu geben. Mehrere unserer Bekannten hatten sich zu dieser Partie angeschlossen, und so zogen wir jubelnd zur Stadt zurück. Nur Behr machte eine traurige Figur, denn er sah, daß zu viele wetteiferten, um mir zu gefallen.

Taube hatte nichts Äußeres, nur ein paar schöne sprechende Augen; sein Verstand, sein lebhafter Witz, sein Frohsinn machte ihn im geselligen Leben zum Lieblinge aller Weiber; die Männer liebten seine Unterhaltung ebenso sehr. Meine Großmutter, meine Stiefmutter und die Oberhofmeisterin, selbst die alte Herzogin waren nicht froher, als wenn Ernst Taube eine Stunde mit ihnen schwatzte, und wir jungen Mädchen hatten ihn auch sehr gerne. Immer wußte er uns etwas Interessantes zu erzählen, so daß wir ihn mit Freuden kommen und mit Schmerz weggehen sahen. Wo Taube gewesen war, stockte die Unterhaltung die erste Stunde, wenn er wegging. Aber auf Bällen paradierte er nicht, denn er tanzte schlecht. Er hatte einen Verwandten, den er liebte, der aber ganz das Gegenteil von ihm war; nur in der Gemütlichkeit glichen sie sich. Major Korff war schön wie ein Adonis, tanzte, daß es eine Augenweide war, aber sein Geschwätz war langweilig. Nur am Schachbrett und auf dem Tanzboden glänzte er, und hatte durch seine Figur in manchem Weibe heftige Leidenschaft erregt. Ernst Taube war einer der reichsten jungen Leute in unserm kleinen Ländchen, Major Korff nur wohlhabend. Nach Taube angelten viele Mütter für ihre Töchter, bei Korff fürchteten diejenigen, die sich einen reichen Schwiegersohn wünschten, den Eindruck, den dieser schöne Mann auf ihre Töchter machen könnte. Meine Stiefmutter wünschte sich weder Taube zum Schwiegersohn, weil sie bei sich überzeugt war, daß sie für mich das Aussuchen hatte, noch fürchtete sie den Eindruck, den der schöne Korff auf mein Herz machen könne, denn sie hatte bemerkt, daß geistvolle Unterhaltung bei mir über alles ging, und so wurden Taube, Korff und noch einige junge Herren zu unsern Hausfreunden gezählt, die teils durch Geist die geselligen Freuden, teils durch anmutsvollen Tanz unsre Bälle beseelten. Dies kleine, mir zu Ehren angestellte Fest hatte ich Taube zu danken. Zwar sagte er mir es nicht, aber ich erfuhr es durch Lisette, und war umso dankbarer in meinem Herzen, weil Taube nicht gern tanzte.

Mir fiel es nicht bei, zu vermuten, daß ich auf Taube Eindruck gemacht hatte, und selbst den scharfsichtigen Augen meiner Stiefmutter entging dies; so unbefangen fröhlich und herzlicher Freundschaft voll ging Taube mit mir um. Weil er reich und nicht hübsch war, so fürchtete er, eine Frau zu bekommen, die ihn nicht liebe, sondern zur Heirat beredet sein würde; und je lieber ich ihm wurde, umso mehr verbarg er seine Neigung, suchte sich mir durch seinen Umgang wert zu machen, meine Freundschaft zu gewinnen; dies gelang ihm auch so vollkommen, daß ich ihn seit meinem zwölften Jahre bis an seinen Tod als Freund und Bruder liebte und an seinem Umgange immer inniges Wohlbehagen fand. In allen Verhältnissen meines Lebens hatte ich in ihm einen treuen Freund, zu dem ich wie zu mir selbst sprechen konnte. Indessen beobachtete er mich, ohne daß ich es bemerkte, genau; er verbarg seine Neigung zu mir, weil alle Beobachtungen, die er anstellte, es ihm sagten, daß ich ihn zwar gern schwatzen hörte, seinen Verstand und Charakter achte, aber im Grunde gegen ihn so gleichgültig sei, als gegen alle anderen, von welchen ich Huldigungen erhielt. Er war entschlossen, seine Neigung nicht eher merken zu lassen, als bis er fände, daß ich ihn allen anderen vorzöge, und geschehe dies nicht, dann wollte er seine Liebe unterdrücken, diese in Freundschaft zu verwandeln suchen, weil er sein Weib keiner Überredung verdanken wollte. Bald bemerkte dieser edle Mann, daß sein Vetter Korff nur für mich Augen und Ohren hatte; er sah, daß ich mit diesem am liebsten tanzte, gerne Schach mit ihm spielte, und in seiner Seele entstand der augenblickliche Gedanke, daß auch ich seinem Vetter wohlwolle. Er fragte mich einst mit aller Unbefangenheit: »Wer gefällt Ihnen unter allen denen, die das Haus Ihrer Eltern besuchen, am besten?« Ich sagte treu und wahr: »Sie und Medem aus Tittelmünde.« Unbefangen antwortete er: »Ich dachte, mein Vetter Korff!« – »Lieber Taube, wie kommen Sie auf solche Gedanken? Sehen Sie, wenn ich mit Korff nicht tanze, nicht Schach spielen kann, so wird mir die Zeit mit Ihrem schönen Vetter sehr lang. Aber verzeihen Sie mir dies Geständnis!« – »Von Herzen gern,« erwiderte Taube, »wenn Ihnen die Zeit nur nicht mit mir lang wird! Aber als Freund habe ich Ihnen denn doch etwas zu raten. Spielen Sie weniger mit meinem Vetter Schach, sehen Sie ihn nicht so freundlich an, wenn Sie mit ihm tanzen, und tanzen Sie weniger mit ihm. Denn der arme Schelm ist schon bis über die Ohren in Sie verliebt, und ein gutes Herz spielt nicht gerne mit Herzen.« – »Nun, ich will auch wahrhaftig selten mit Korff Schach spielen! Selten mit ihm tanzen, dies aber wird mir schwer werden, denn er ist der beste Tänzer; und wenn ich tanze, lieber Taube, dann muß ich meinen Tänzer freundlich ansehen, denn Schleifer sagt: ›Tanz ist der Ausdruck der Freude, und sanfte Freude und Wohlgefallen am Tänzer muß sich auf unserm Gesichte zeigen, wenn der Tanz durch Harmonie des Ganzen gefallen soll.‹« Taube lachte laut auf und sagte: »Nein, so was ist mir nicht vorgekommen! Armer Vetter! Das ahntest du nicht, daß du nur so schulgelehrt mit so himmlischen Blicken angelächelt wurdest!«

Unterdessen folgte ich Taubes Rat, ich spielte weniger Schach mit Korff, tanzte weniger mit ihm und nahm mich auch zusammen, Schleifers Regeln der anmutsvollen Freundlichkeit gegen den Tänzer einigermaßen zu mäßigen. Korff kam allmählich seltener in unser Haus, blieb zuletzt ganz weg und heiratete nach zwei Jahren eines der allerreichsten und hübschsten Mädchen unseres Vaterlandes. Noch in späteren Jahren, wenn Taube bisweilen aus Herzensfröhlichkeit tanzte, mein Tänzer war, ich ihn freundlich ansah, fragte er: »Geschiehet dies nach Schleifers Regeln?«

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