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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 14
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Zwölftes Kapitel

Gespräche mit meiner Stiefmutter. Bruchstücke aus ihrem Leben. Briefe von meiner Großmutter. Ich erscheine am Hof und in der großen Welt. Reise nach Brucken.

Mein Vater hatte den Wunsch, daß weder Herr von Behr, noch irgend jemand auf mich Anspruch machen sollte, ehe ich mein achtzehntes Jahr erreicht haben würde, und vor dem zwanzigsten wollte er keine seiner Töchter heiraten lassen; dann aber sollte jede unter der Leitung der Eltern den wählen, den ihr Herz bestimmen würde. Auch gestand mein Vater meiner Stiefmutter, daß er und seine einzige Schwester den Wunsch hegten, ihre ältesten Kinder miteinander zu verheiraten. Herr von Behr aus Popen sei nicht nur ungleich reicher und schöner, als Herr von Behr aus Sutten, er sei auch meinem Alter angemessener, da er jetzt noch auf Universitäten sei. Alle Nachrichten von ihm wären so vorteilhaft, daß mein Vater sich ihn am liebsten zum Schwiegersohne wünsche. Meine Stiefmutter, die meinem Vater nie widersprach, aber ihren Willen immer so durchzusetzen wußte, daß mein Vater ihn für den seinigen hielt und dadurch sehr glücklich war, daß er mit seiner von ihm so innig geehrten Gattin immer gleich dachte, beherrschte ihn ganz, obzwar er ein sehr edler, verständiger Mann war, dessen tätiger Geist viel Gutes wirkte und dessen Andenken in meinem Vaterlande immer noch verehrt wird. Meine Stiefmutter lobte den Vorsatz meines Vaters, seine Töchter nicht vor dem zwanzigsten Jahre zu verheiraten; auch gab sie der Idee den Beifall, daß er mich dem ältesten Sohne seiner Schwester bestimme. Aber sie erzählte Fälle, daß oft Personen, die einander bestimmt gewesen wären, sich nicht gefallen hätten und daß es daher eben nötig sei, keinen Freier abzuweisen, um Behr aus Popen nicht auf die Idee kommen zu lassen, daß ich ihm bestimmt sei. Mein Vater solle nur erklären, daß er mich nicht vor meinem zwanzigsten Jahre verheiraten würde, und daß jeder, der Absichten auf mich hätte, diese bis dahin zurückhalten möge. Meine Stiefmutter setzte hinzu: »Dadurch öffnen wir allen jungen Leuten, die auf Lottchen Anspruch machen können, unser Haus. Je mehrere sich um sie bewerben, desto freier bleibt ihr Herz; denn ein Eindruck löscht den andern aus; und Lottchens Seele hängt so an mir, daß ich ihre Wahl immer werde bestimmen können. Auch bildet nichts den Geist eines jungen Mädchens so, als wenn es sich von interessanten Männern und mannigfaltigen Charakteren geliebt sieht und sie eine erfahrene Freundin hat, die ihr Betragen leitet, ihren Ideengang entwickelt und berichtiget.« Nach diesem Gespräche war mein Vater fest bestimmt, es seiner geistvollen Gattin zu überlassen, wie diese seine Töchter ihrer Bestimmung zuführen würde. Mein Vater antwortete Herrn von Behr aus Sutten auf seinen Antrag nach dem Rate meiner Stiefmutter. Diese erzählte mir die ganze Verhandlung mit meinem Vater, dessen Wunsch, mich mit seinem Neffen zu verheiraten, und versprach mir dabei, daß meine Neigung nie einen Zwang leiden sollte, wenn ich ihr immer jedes Gefühl meiner Seele sagen wolle. Auch versicherte sie mir die glücklichsten Tage, wenn ich mich ganz von ihr würde leiten lassen. Ich stürzte auf meine Knie, legte die Hände meiner Stiefmutter an mein Herz, küßte diese und versprach, sie als eine wohltätige Gottheit, als mein besseres Gewissen zu betrachten, ihr jeden Gedanken meiner Seele zu sagen und mich nur von ihr leiten zu lassen! Nun fragte sie, wie mir Herr von Behr gefiele; ich sagte, ich wäre ihm sehr gut, weil er mich bei Großmama oft aus der Kinderkammer hinausgerufen hätte, auch schmeichle es mir, daß er mich schon als Kind der Ropp vorgezogen habe; aber lieber hörte ich den dreizehnjährigen Fritz Medem sprechen, und noch lieber lese ich dessen Gedichte, die er an uns beide richte, doch am besten gefiele mir ein junger Herr von Heyking, der in Straßburg studiere und der mich schon habe heiraten wollen, als ich kaum zehn Jahre alt gewesen sei; auch dessen Vater wünsche mich zur Schwiegertochter; ich glaube, sogar Großmama würde nichts gegen die Heirat haben, obzwar Tante Kleist mich zur Schwiegertochter wünsche, seit sie hoffe, daß meine Stiefmutter mich reich machen würde. Ich aber verspreche meiner Stiefmutter, ich wolle mich bemühen, keinen Mann zu lieben und nur den zu heiraten, den sie wünschen würde, weil mein Glück von ihr besser, als von mir selbst bestimmt werden könnte. Meine Stiefmutter liebkoste mich, sagte, ich möchte meinem Vater die Versicherung geben, nur den zu heiraten, den er zum Schwiegersohne wählen würde. Aber ich möchte von Heyking, von Medem und Behr nichts sagen, sondern meinen Vater bitten, mich ja nicht vor meinem zwanzigsten Jahre zu verheiraten. Das Gespräch mit meinem Vater, den ich liebte, aber dessen Ernst ich fürchtete, verband unsere Herzen mehr, aber die innigsten, die zärtlichsten Gefühle meiner Seele gehörten meiner Stiefmutter. Ich sagte oft: »Meine leibliche Mutter hat mir das Leben, diese Mutter aber hat mir eine Seele und Lebensglück gegeben.« Die Stunden, in welchen meine Stiefmutter mit mir sprach, waren mir festlich! Und jede ihrer Lebensregeln, ihrer mir erteilten Ratschläge, grub sich tief in meine Seele.

Oft erzählte sie mir, wie sie gezwungen worden sei, im vierzehnten Jahre ihres Alters einen Herrn von Torck zu heiraten, der sehr reich gewesen sei; wie sie ihn nicht geliebt habe, aber dennoch recht gut mit ihm zurechte gekommen sei und in ihrem Hause immer die interessantesten Menschen versammelt hätte.

Ja, sie hat sogar die Gewalt über ihn gehabt, ihn, der ein entsetzlicher Trinker war, davon zurückzuhalten, daß er sich nie in Gesellschaften betrank. In der sechsten Abendstunde sei sie mit ihm in ein entlegenes Zimmer gegangen, habe ihm zu Anfang durch unterhaltende Gespräche Gesellschaft geleistet; sobald aber der Wein ihm zu Kopfe stieg, so hat sie sich entfernt, zwei treue, redliche Wächter bei ihm gelassen, die ihn, wenn er ganz betrunken gewesen ist, zu Bette gebracht haben. In Gesellschaft hätte sie vorgeschwätzt, daß ihr Mann beschäftigt sei; und so habe sie sechzehn Jahre mit diesem Trinker gelebt, sich durch die Art, diesen Mann zu führen, die Achtung unseres Publikums erworben und dann nach dessen Tode aus Liebe ihren verstorbenen Gatten, den Obersten von der Recke, geheiratet, welcher, als der jüngste Sohn des Neuenburgischen Hauses, arm war, ein unruhiger Kopf und berüchtigter Schläger gewesen sei. Aber mit diesem Mann ihrer Liebe habe sie zwanzig glückliche Jahre gelebt und auch ihn so zu lenken gewußt, daß er sich in ihrer zwanzigjährigen Ehe nur einmal ohne ihr Wissen geschlagen und seinen Gegner verwundet habe; erst nachdem alles vorbeigewesen, sei er zu ihren Füßen gestürzt, um ihr die Sache zu bekennen. Ich fragte, warum sie den Herrn von Torck nicht lieber vom Trinken zurückzuhalten gesucht hätte? Da sagte diese sehr gescheite Frau: »Die Trinker und Spieler sind nicht zu verbessern! Dem Körper des Trinkers ist der Trunk notwendig, sobald er schon die traurige Gewohnheit hat; wollte er sich dann des Trinkens entwöhnen, so wäre der Tod gewiß, aber dies Laster könne man noch durch Klugheit unschädlich machen. Der Spieler hingegen sei ein verlorener Mensch, und der nur könne selbst durch kein noch so schönes und interessantes Weib gelenkt werden.«

Oft ging meine Stiefmutter alle reichen Partien mit mir durch und machte mir dies als das höchste Glück aus, wenn ich, nachdem ein paar Dutzend Männer nach meiner Hand gestrebt hätten, dann den wählte, bei welchem ich das größte Haus zu haben imstande wäre. Ich gestand, daß ich doch lieber einen Mann haben möchte, den ich lieben könne, wie sie den Obersten von der Recke geliebt habe; dann aber sagte sie immer: »Kind, Kind! dieser Himmel grenzt zu nahe an die Hölle! Du mit deinem zärtlich weichen Herzen würdest, wenn du einen Mann liebst, nie glücklich sein. Auch ich wäre es nie mit Recke gewesen, wenn ich die Charaktere der Männer nicht schon bei Torck sechzehn Jahre studiert hätte, und als reiche Witwe die Wohlfahrt meines Mannes gegründet haben würde, ohne mich aller meiner Einkünfte zu begeben und so immer unabhängig zu bleiben.«

Indessen kam von meiner Großmutter ein sehr ernsthafter Brief an meinen Vater, in welchem sie diesen aufforderte, eine so gute Partie, als Herr von Behr aus Sutten sei, nicht aus den Händen zu lassen. Mein Vater antwortete in dem Geiste, wie meine Stiefmutter mit ihm gesprochen hatte, und diese schrieb in dem Briefe einige Zeilen, in welchen sie meiner Großmutter viel Schmeichelhaftes sagte und dieser das Versprechen gab, mich bald zum Besuche zu ihr zu bringen; sie hoffe, daß sie es dann finden würde, daß ich dessen wert sei, mir unter allen liebenswürdigen Männern unseres Vaterlandes den zu wählen, der mir mit dem Beifalle meines Vaters und meiner Großmutter am besten gefiele.

Bald darauf reisten meine Eltern mit ihren beiden Töchtern zur Stadt, denn meine achtjährige Schwester zeichnete sich durch lieblichen Gesang, durch artiges Klavierspielen, anmutsvollen Tanz, lebhaften Witz und eine äußerst graziöse Figur auch schon so aus, daß unsere Stiefmutter mit stolzer Freude diese beiden Töchter in die große Welt, ja sogar an den Hof brachte. Die bunten Gedanken und Gefühle, die sich da in meinem Kopfe und Herzen regten, als wir nun die Reise nach Mitau machten, sind mir jetzt noch sehr gegenwärtig, aber ich kann sie nicht beschreiben. Dessen nur bin ich mir bewußt, daß jeder Gedanke meine Liebe zu meiner Stiefmutter, die fast an Vergötterung grenzte, immer mehr entflammte. Als ich die Ruine des Doblénschen Schlosses wieder sah und an den eingeschränkten Ideenkreis dachte, der zu der Zeit mein war, da ich zum ersten Male in meinem Leben mit unverhülltem Angesichte in freier Luft geblickt hatte, so entflossen mir Freudentränen; mein Gefühl ergoß sich in dankbaren Äußerungen gegen meine Stiefmutter; und mein Vater hatte seine Freude an unserer gegenseitigen Liebe.

In Mitau fühlte mein Herz den hohen Genuß, meine geliebte Lisette wiederzusehen. Bald wurde das Haus meiner Eltern der Sammelplatz aller interessanten Menschen. So sehr der Kurländische Adel auf seine Vorrechte und Freiheiten hielt, ebenso sehr wurde der Literatenstand und Personen von Talent und Kopf von diesem geehrt, und im geselligen Leben, da zog man nicht den Edelmann dem geistvollen Gesellschafter vor. Ich wurde bald die Puppe, die in allen Ständen, von allen Älteren und beiden Geschlechtern Huldigungen erhielt. Kurz, es war Mode, mich für etwas ausgezeichnet Liebenswürdiges zu halten. Noch ehe meine Eltern uns an den Hof gebracht hatten, sprach dort alles von Medems Töchtern. Das erstemal erschienen wir beide an einem Hoffeste und hatten die Auszeichnung, daß wir zwar die jüngsten Personen am Hofe waren, aber die einzigen Fräuleins, die an der Tafel des regierenden Herzogs Ernst Johann Biron, Sohn eines kurischen Gutsbesitzers Bühren, Kammerjunker, Geliebter der Großfürstin, späteren Kaiserin Anna von Rußland. Durch letztere wurde er 1737 nach dem Aussterben der kurischen Herzöge aus der Familie Kettler vom Adel des Landes zum Herzog gewählt. C. speisten. In der dritten Menuette tanzte ich schon, aller Augen waren auf mich gerichtet! Die Herzogin rief mich zu sich, küßte mich und sagte meinem Vater, ich müsse niemand, als ihren Neffen heiraten. Nachdem der Erbprinz die Ehrentänze getanzt hatte, nahm auch er mich zur Menuette auf und engagierte mich zum ersten Kontretanz, sagte mir, daß er jeden unverheirateten Mann beneide, der Anspruch auf meinen Besitz machen dürfe, und daß er nun mehr, als jemals, die Fesseln seiner traurigen Ehe fühle. Peter von Kurland hat sich nach siebenjähriger Ehe mit einer Prinzessin von Waldeck 1772 von dieser scheiden lassen. Von seiner Gemahlin hat Casanova eine Schilderung gegeben, die die Abneigung des Herzogs begreiflich erscheinen läßt. C.. Wo ich tanzte, wurde immer ein Kreis um mich geschlossen, und meine Stiefmutter genoß im Stillen den Triumph, ihre Schöpfung allgemein bewundert zu sehen. Die Geheimrätin Medem hatte der Herzogin von unsern Balletten erzählt; die Herrschaften allerseits baten, daß ich und meine Schwester ein pas de deux tanzen möchten. Meine Stiefmutter bat um Verzeihung, daß sie es nicht zugestehen könne, mich als ein Mädchen, das bald erwachsen sein würde, so zur Schau zu stellen, aber ihre kleine Tochter könne ein Solo tanzen. Mit anmutsvoller Grazie schwebte die liebliche Figur meiner Schwester daher, und der Erbprinz, der selbst so schön tanzte, daß er hätte Ballettmeister werden können, bewunderte unseren Tanzmeister, ordnete unter den besten Tänzern und Tänzerinnen ein Quadrille an; ich wurde seine Tänzerin, meine Schwester tanzte ihm gegenüber mit dem besten Tänzer, und alles schloß um uns einen Kreis. Mein eitles Herz freute sich nicht wenig, nun allen meine Kunst im Tanze zeigen zu können und bei allen Zuschauern den Wunsch zurückzulassen, mich in einem wirklichen Ballett tanzen zu sehen. Jede Huldigung, die ich erhielt, entflammte meinen Dank gegen meine Stiefmutter und meinen Vorsatz, recht lange meine Freiheit zu genießen und mich nicht unter das Joch der Ehe zu schmiegen. Nun wurde die Reise nach Brücken zu meiner Großmutter festgesetzt; einige junge Herren reisten zuvor dorthin; es schmeichelte meinem Stolze, meiner Eitelkeit, da, wo ich einst unterdrückt wurde, nun im Triumphe zu erscheinen. Aber dennoch fürchtete ich mich, meine Großmutter und meine Tante Kleist wiederzusehen. Ich sagte meiner Stiefmutter meine Angst; sie suchte meinen Stolz zu wecken, schrieb mir mein Betragen vor, versicherte, daß die Tyranninnen meiner Jugend mir alle Achtung beweisen sollten und daß sie mich vor jeder Mißhandlung schützen wollte. Unterdessen verwandelte sich doch meine Farbe, als ich die Menge Raben sah und hörte, die eine Viertelstunde vor Brucken in den dortigen Sümpfen ihren Sitz hatten und auf allen Bäumen des kleinen Tannenwäldchens nisteten, durch welches man nach Brucken fahren mußte. Selbst die lange Allee von Quitschen Vogelbeerbaum. und Tannen, durch welche man zum schönen Palaste meiner Großmutter fuhr, war voll krächzender Raben, und noch in späteren Jahren nahete ich mich nie diesem traurigen Kerker meiner Kindheit, ohne banges Herzpressen zu fühlen. Meine Stiefmutter mußte ihre ganze Gewalt über meine Seele anwenden, um meine innere, steigende Ängstlichkeit im Zaume zu halten. Diese legte sich nicht eher, als bis meine Großmutter mich liebreich umarmt hatte und ich die unverstellte Freude der ganzen Dienerschaft sah; doch blieb ich den ersten Abend immer noch das furchtsame Lottchen, und Tante Kleist ihre Schmeicheleien vermochten es ebenso wenig, mein Selbstgefühl zu heben, als die neidischen Blicke ihrer Töchter, die Schmeicheleien der jungen Herren und das sichtbare Wohlgefallen meiner Großmutter an meinem ganzen Wesen. Mein Herz blieb immer gedrückt, und ich atmete nicht eher freier, als bis ich mit meiner Stiefmutter, da wir zu Bette gingen, allein blieb.

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