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Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

Elisa von der Recke: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau - Kapitel 12
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authorElisa von der Recke
titleHerzensgeschichten einer baltischen Edelfrau
publisherVerlag Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorHeinrich Conrad
year1918
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Zehntes Kapitel

Ich bekomme Unterricht. Geburtstag meines Vaters. Kälte gegen meinen ältesten Bruder, Besuche der Nachbarn aus der Stadt.

So flohen zwei Tage in meinem väterlichen Hause hin, ohne daß ich an etwas anderes dachte, als daß ich das glücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden sei. – Meine Stiefmutter hatte indessen die Entdeckung gemacht, daß ich kaum lesen und schreiben konnte und durchaus garnichts gelernt hätte. Meine achtjährige Schwester, mein sieben- und sechsjähriger Bruder hatten mehr Ideen von der Natur, wußten mehr von der Geographie und Geschichte, als ich, und mein leiblicher Bruder hatte einen ziemlichen Umfang von Kenntnissen, wenn ich sein Wissen gegen meine Unwissenheit maß. Nun schämte ich mich in der Seele, daß mein jüngeres Geschwister mehr, als ich, wisse, und zwei Gegenstände der Furcht bemeisterten sich meiner. – Die Französin, fürchtete ich, könne nun in meiner Eltern Hause »Großschwester« für mich werden, und dann fürchtete ich, die Liebe meiner Eltern zu verlieren, wenn diese es erfahren würden, daß ich, wie Tante Kleist und ihre Töchter sagten, »von Gott versäumt« und ohne Gedächtnis sei, daher nichts lernen könne und wisse. Ich faßte den Entschluß, mit meiner Stiefmutter offenherzig über meinen Mangel an Fähigkeiten zu sprechen. Sie hörte mich aufmerksam an, versicherte mich darauf, daß dies ein hämischer Zug von der Tante Kleist und ihren Töchtern sei, mich zu so etwas überredet zu haben, um jeden Trieb zum Lernen in mir zu ersticken. Meine Stiefmutter gab mir etwas in Versen auswendig zu lernen; im Glauben an die Frau, die ich so herzlich liebte, strengte ich mich an, und kaum war eine halbe Stunde vorüber, so wußte ich das mir Aufgegebene auswendig. Mit Freudentränen stürzte ich zu den Füßen meiner Mutter, sagte hocherfreut: »Ich habe ein Gedächtnis! ich habe ein Gedächtnis! Nun will ich auch recht fleißig sein!«

Meine Stunden wurden angeordnet; mit der Französin bekam ich zu meiner Freude nichts zu tun. – Der Hofmeister meines Geschwisters gab mir täglich eine Stunde auf meinem Zimmer Unterricht; beim Klaviermeister bekam ich zwei Stunden; zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Tisch tanzte ich mit meinem Geschwister beim Tanzmeister; in dieser Kunst machte ich schnell die größten Fortschritte, durch die meine Eitelkeit sich sehr belohnt fühlte, denn nicht nur die Lobsprüche meiner Stiefmutter und meines Tanzmeisters, auch die Spiegel sagten es mir, daß mein Körper durch sanftere Bewegung mehr Anmut bekam. Die Zwischenzeit, wo meine Stunden nicht besetzt waren, mußte ich meiner Stiefmutter französische und deutsche Schauspiele und Romane vorlesen. Mit unglaublicher Geduld hörte meine Stiefmutter die ersten Wochen meinem schlechten, stammelnden Lesen zu; allmählich bekam ich mehr Geläufigkeit im Lesen und mit dieser auch Neigung zum Lesen. Aber mit dem Klavier blieb ich weit hinter meiner achtjährigen Schwester. Denn so lange ich Klavier spielte, wälzten sich in meinem Kopfe alle Ideen der Schauspiele und Romane so umher, daß meine Gedanken nie bei den Noten waren und mein sehr ärgerlicher Lehrer mich bitter schalt und von meinem Vater unterstützt wurde. Mein Tanzmeister und mein Lehrer überhäuften mich mit Lobsprüchen, meine Stiefmutter desgleichen, weil ich ihr unermüdet vorlas; nur das Klavier machte, daß ich von meinem Vater täglich gescholten und meiner Schwester nachgesetzt wurde, weil diese große Fortschritte in der Musik machte. So hatte ich denn selbst in meinem neuen Himmel täglich auch ein bißchen Leiden, und so sehr ich meinen Vater liebte, ebenso fürchtete ich ihn auch, dahingegen meine Stiefmutter mit vertrauungsvollster, immer wachsender Zärtlichkeit von mir geliebt wurde. –

Das erste Familienfest in meinem väterlichen Hause wurde von meiner Stiefmutter am Geburtstage meines Vaters im Stillen veranstaltet; unser Tanzmeister Schleifer war zweiter Ballettmeister am Warschauer Theater gewesen, konnte daher meiner Stiefmutter behilflich sein, dies Fest anzuordnen. Im Garten war, ohne daß mein Vater es wußte, auf einer Terrasse eine Illumination veranstaltet, meine Stiefmutter hatte ein kleines Prolog gemacht, in welchem meine Schwester mit ihrer lieblichen Stimme etwas zu singen bekam; hinter dem Altare, auf welchem der Name meines Vaters illuminiert stand, war die Musik. Am Altare knieten meine beiden jüngsten Brüder als Hymen und als Amor; meine Schwester war als Schäferin gekleidet, sang das kleine Liedchen auf der Terrasse; mein ältester Bruder als Schäfer forderte die singende Schwester auf, den Göttern ein Dankopfer zu bringen und diese für das Glück der Tage des edlen Herrn dieses Ortes anzuflehen. Ich erschien als Flora, bekränzte den Altar unter Musik und pantomimischen Bewegungen und deklamierte nicht nur das, was meine Stiefmutter zum Lobe meines Vaters aufgesetzt hatte, mit vielem Gefühle, sondern ohne daß meine Stiefmutter es wußte, hatte unser Tanzmeister mir noch etwas aufgesetzt, worin das Glück meines Vaters durch diese Gattin, sowie das Glück der Kinder durch diese Mutter gepriesen wurde, und zum Schlusse sanken wir fünf Kinder alle auf die Knie, hoben unsre Hände gen Himmel empor, dankten diesem für den guten Vater und unserm Vater, daß er uns die Mutter gegeben hatte. Nun erscholl hinter dem Altare ein fröhlicher Lobgesang im Chore, denn wer im Hause nur etwas singen konnte, war von unserm Tanzmeister, der auch Musik verstand, unterrichtet worden, im Chor zu singen. Von diesem Zusatze zum Prolog wußte meine Stiefmutter nichts, und da war sie ebenso gerührt und überrascht als mein Vater. – Einer der schönsten Septemberabende, die ich erlebt habe, begünstigte dies kleine Fest; der Himmel, hell besternt, stand im Kontrast mit den Schattengängen des Gartens, die erleuchtet waren, aber gegen den Glanz unzählbarer Sterne nur als leichtbewegliche Lichter schimmerten. In meiner Eltern Hause hatte ich zum ersten Male gehört, daß die Sterne bewohnte Welten sind, der Gedanke erhöhte mein Gefühl, die Silberfläche des Sees wurde mir nun noch interessanter, denn sie schien einen beweglichen Sternenhimmel auf sich zu tragen, und jedes flimmernde Sternchen weckte hohe Gefühle in mir. Aus vier Booten ließ Schleifer, nachdem unser Prolog zu Ende war, Raketen, die er gemacht hatte, emporsteigen; auf jedem Boot war eine ländliche Musik, Hackbrett, Dudelsack, Waldhorn, und ein Boot voll ländlich singender Mädchen. – Der Garten war voll von Beamten meines väterlichen Hauses, voll der nahgelegenen Bauern und all des Hausgesindes. Noch jetzt denke ich dieses frohen Tages meiner Kindheit mit rührender Freude, denn an diesem schönen Abend war alles in meinem väterlichen Garten herzinnig vergnügt. Aber in meine junge Seele pflanzte er selbstgenügende Eitelkeit, weil alle Zuschauer sich meiner Schönheit und Anmut freuten, diese lobpriesen und mich mit liebkosenden Schmeicheleien überhäuften; selbst mein sonst ernsthafter Vater drückte mich mit dem Ausdrucke segnend an sein Herz: »Werde so gut und weise, als du schön bist!« Und Bauern in grauen Haaren gaben der jungen, wandelnden Flora in unserer lettischen Landessprache ihre gerührten Lobsprüche.

Mein ältester Bruder, dem das Verkleiden in einen Schäfer und das ganze theatralische Wesen nicht behagte, hatte seine Rolle schlecht deklamiert, und meine Stiefmutter wollte bemerkt haben, daß, wo wir andern Kinder Gott mit Rührung für den Vater und diesem für die Mutter gedankt hätten, mein ältester Bruder Gott nur für den Vater gedankt habe, ohne in der Folge die Lippen zu rühren und der Mutter, gleich uns andern, liebevolle Blicke zu geben. Mein Bruder sagte auf diese Beschuldigung nichts weiter als: »Mir gefiel das ganze Possenspiel nicht; ich war schläfrig, und ich weiß nicht, was ich gemacht habe.« – Diese Äußerung brachte in meiner Seele eine Kälte gegen meinen Bruder hervor, die immer mehr zunahm, je mehr meine Liebe zur Stiefmutter stieg, und je mehr ich sah, daß mein Bruder sie nicht mochte und sie ihn nicht litt; er war minder schön, als wir andern, sein kraftvoller Charakter zeigte in der Kindheit starke Züge des Eigensinns, und so drückte es mich, daß ich unter meinen Geschwistern den Sohn meiner leiblichen Mutter am mindesten liebte.

Fritz war neun Jahre alt, als sein Vater sich zum drittenmal verheiratete. Sein damaliger Lehrer hatte alle seine Strafen mit der Drohung verhängt, daß ihn, der infolge harter Behandlung durch den Lehrer ein etwas störrisches Wesen angenommen hatte, »die neue (erwartete) Stiefmutter schon klein kriegen würde«. Dadurch war ihm diese schon entfremdet worden, noch ehe er sie kannte; der Vater wurde von der Kälte zwischen Stiefmutter und Sohn angesteckt, und schließlich kümmerte sich im Medemschen Hause niemand mehr um den auch innerlich Vereinsamten als seine jüngste Schwester. Später schloß sich aber Elisa aufs innigste an ihn an. Sie berichtet selbst darüber: »So lange ich im Hause meiner Eltern war, floh ich meinen Bruder, weil er meine Stiefmutter, und sie ihn nicht liebte. Nachdem ich verheiratet wurde und bald darauf meine Eltern besuchte, da fiel mir das isolierte Leben und das ernste, melancholische Gesicht meines Bruders auf. Ich nahete mich ihm zum ersten Male, und das Band unserer so innigen Geschwisterliebe ward in einem anmutsvollen, ganz nahe bei Altauß gelegenen Wäldchen (Urdsenwäldchen) geknüpft. Diesen Birkenhain, der ein Wohnsitz der Nachtigallen ist, liebten wir alle, und ehe mein Bruder Seelen fand, die sich mit ihm verbanden, hat er in diesem Wäldchen durch den einsamen Genuß der schönen Natur die einzigen Freuden in seiner Eltern Hause gefühlt. Nach diesem Wäldchen sah ich meinen Bruder an einem schönen Sommerabend vor Untergang der Sonne traurig und einsam hinwandeln. Ich entschloß mich, die Einsamkeit des vierzehnjährigen Jünglings zu stören, und faßte den Vorsatz, mich mit ihm schwesterlich über ihn selbst zu besprechen. Ich fand ihn unter einer hohen Birke mit ineinandergeschlagenen Armen und gen Himmel gerichteten Blicken stehen; bei meiner Annäherung ging er tiefer in den Wald hinein. »Wohin, mein Bruder?« fragte ich, – »Ich will dich nicht stören,« erwiderte er. – »Du störst mich nicht, aber beinahe muß ich fürchten, daß ich dich störe; warum denn immer so allein?« – »Ich bin ja nicht alleine, habe Vögel, Mücken, Erdkrebse, Bäume und – habe Gott um mich.« – Er ging, ohne mich anzusehen, tiefer in den Wald; ich folgte ihm, faßte ihn an der Hand, sah ihn an und fand, daß er mit der anderen Hand Tränen wegwischte. Ich war gerührt und konnte nichts sagen, als: »Mein Bruder!« – Er sah mich mit Verwunderung an und sagte nach einer kleinen Weile: »Dein Bruder? – ach! bis auf diesen Augenblick hab ich nur von einer Schwester gewußt! – Wie komme ich denn jetzt zu zweien? Ja, wenn unsre leibliche Mutter noch lebte, dann wärest du vielleicht meine Schwester – ach! dann!« Was diese Antwort auf meine Seele wirkte, brauch' ich wohl nicht zu sagen; wir erklärten uns gegeneinander, versicherten uns gegenseitig Geschwisterliebe, und von dieser Stunde an ketteten unsere Seelen sich immer fester an einander.« C.

Aus der Nachbarschaft und aus Mitau bekamen meine Eltern Besuche, die mein zur Freundschaft geborenes Herz sehr beschäftigten und im Innern meiner Seele neue Gefühle entwickelten. Herr von Hahn aus Planen war ein Verwandter und Jugendfreund meines Vaters, sowie seine Gemahlin eine Jugendfreundin meiner Stiefmutter war. Freudige Geselligkeit herrschte auch in dieser zahlreichen Familie, und obzwar die zweite Tochter dieses Hauses drei Jahre älter als ich war, so verband uns doch bald eine jugendliche Freundschaft. Ihr schönes Äußere zog an, und jede von uns freute sich des Beifalls, den die andere erhielt. Noch liebte meine Stiefmutter in der Geheimrätin von Medem und deren Gatten ihre liebsten Jugendfreunde. Die Geheimrätin hatte eine Stieftochter, die zwei Jahre älter, als ich, war, und zwei Stiefsöhne, davon der Ältere ein Jahr mehr, als ich, zählte und der Jüngere meines Alters war. Diese Familie lebte einen vollen Monat bei uns, und bald waren wir in Remten auf dem Gute meiner Eltern, bald in Planen bei Hahnens Familie, so herzinnig vergnügt, als man es jetzt selten in gesellschaftlichem Kreise ist. So sehr ich auch das schöne Lottchen Hahn liebte, so fühlte mein jugendliches Herz sich dennoch mehr zu Lisette Medem hingezogen, die von allen äußern Reizen entblößt, der schönen Hahn aber an Geistesfähigkeiten bei weitem überlegen war. Ich wurde der jungen Mädchen Liebling, und ohne Eifersucht liebten unsere jungen Seelen sich. Unsere Eltern begünstigten unsere Freundschaft und freuten sich dessen, daß wir so aneinander hingen. – Die Herbstabende wurden durch fröhliche Tänze und kleine Spiele verkürzt. Alle drei liebenswürdigen Matronen ermunterten uns zur Freude, indessen unsere Väter am Lhombretisch oft über Landesverhandlungen sprachen. Meine Stiefmutter und Geheimrat Medem liebten schöne Literatur, sie und das älteste Fräulein von Hahn, ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren sprachen oft über den Wert deutscher und französischer Schriftsteller. Lisette Medem und ihr ältester Bruder fanden auch Interesse an diesen Gesprächen; in meiner Seele entwickelte sich eine neue Welt von Gedanken und Gefühlen durch alles, was ich hörte und sah.

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