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Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer

Friedrich Gerstäcker: Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleHerrn Mahlhuber's Reiseabenteuer
publisherF. A. Brockhaus
year1857
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3f22035d
created20061210
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9.

Die Gesellschaft im Hirsch.

Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen, von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Straße begegnet waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine große Quantität Bier getrunken, wie unzählige Portionen Essen nach allen Richtungen hin aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen. Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe hinunter, es hörte ihn Niemand. – Unten wurden Thüren aufgerissen und zugeschlagen und unzusammenhängende Reden, wie Portion Kalbsbraten – Kartoffeln – drei Halbe Bier – gleich – komme schon – geführt, und einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts, und er sah endlich ein, daß er, wenn überhaupt gesonnen heute noch etwas zu essen, in die Gaststube mit hinunter müsse, den dort hineinströmenden Lebensmitteln und Getränken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug, als ob er es nur gewissermaßen aus Gefälligkeit oder zu seinem eigenen Vergnügen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten Rothwein gebracht hatte, drückte sich der kleine Mann damit in eine Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbürger hinein und hörte geduldig ihre über ihn hinüber gewechselte Meinung der neuesten Verhältnisse, das Für und Wider des gerade ausgebrochenen russischen Kriegs, wie ihre Urtheile über das vaterländische Ministerium mit an. Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei Aeußerungen, die den schüchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen, dann mit wirklichem Entsetzen erfüllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut mit dem bairischen Ministerium meinte, zugehört hatte, mußte er ja glauben, daß er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, daß ein anderer Tisch frei gewesen wäre), so konnte er den schönsten Skandal mit den zu Allem fähigen Menschen bekommen. Was er aß und trank, so sehr er sich auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie Portion eben beendet, als noch zwei andere Männer in Uniform, der hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thüringischen Post, das Zimmer betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen Republikaner hörten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

»Guten Abend, meine Herren«, sagte der Conducteur, mit der Hand militärisch an die Mütze greifend; »Platz doch hier nicht belegt?«

»Bitte, nein«, sagte einer der Politiker, »haben Sie nichts Neues gehört vom Kriegsschauplatz? – Keine neuen Zeitungen mitgebracht?«

»Ich? Nein«, lachte der Postbeamte, »wollte sie uns hier holen – ist aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt«, setzte er dann ernsthafter hinzu.

»Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?«

»Ja«, sagte der Conducteur, »in der Staffelstraße ist ein armer Teufel von Maurer mit einer großen Familie vom Gerüst gefallen.«

»Mit der ganzen Familie?« rief der Commerzienrath erschreckt.

»Nein, das nicht«, lachte der Conducteur, »der Mann hat nur eine starke Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen.«

»Sie hinken ja, Herr Conducteur?« sagte der eine von des Commerzienraths Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu geben, »was haben Sie denn am Fuße?«

»O nichts«, meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet »neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfuß durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jüngstes Mädchen eine Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern war zufällig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie ich also durch die Stube gehe –«

»O um Gottes Willen hören Sie auf«, bat ihn der Commerzienrath, dem es schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit Messerstichen vom Wirbel bis in die Fußzehen schoß, »das geht Einem durch Mark und Bein.«

»Was denn?« fragte der Conducteur erstaunt.

»Nun, daß Sie in so scharfes Glas getreten sind«, sagte, immer noch sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

»Ich?« fragte der Conducteur erstaunt, »ich bin hineingetreten?«

»Aber Sie erzählten uns doch eben –«

»Daß so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja«, lachte der Conducteur, »aber dafür hat der Mensch seine Augen, und wenn ich barfüßig gehe, passe ich immer furchtbar auf.«

»Aber Sie sagten ja, daß das die Ursache Ihres Hinkens –«

»Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr«, sagte der Conducteur ruhig, »das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen.«

Die Andern lachten, während der Conducteur aufstand sich eine Cigarre anzuzünden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um, denn er wußte nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mütze neben den Commerzienrath niedersetzte.

»Nun, noch nichts von Ihren Sachen gehört, Herr Commerzienrath?« sagte er so freundlich, wie die Polizei überhaupt nur freundlich aussehen kann.

»Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?« erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenüber that, als ob er ihn nicht gleich erkannt hätte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, daß er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fühle, und glaubte das am besten durch angenommene Gleichgültigkeit bewerkstelligen zu können. Der Gendarm übrigens, der nicht den geringsten Verdacht dem anständigen Fremden gegenüber hatte, sagte lächelnd und verbindlich:

»Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein Gepäck auf eine solche Weise zu verlieren. Es ist auch unverzeihlich von dem Packmeister, daß er nicht besser aufgepaßt hat. Donnerwetter, wenn einmal das Gepäck für Lichtenfels eingeschrieben ist, so muß es auch in Lichtenfels abgeliefert werden, sonst hört die Freundschaft auf.«

Der Commerzienrath überlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen solle, daß das Gepäck gar nicht für Lichtenfels bestimmt gewesen wäre, und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine mögliche Veranlassung zu nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener etwas näher an ihn heranrückte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als möglich an das Ohr des Commerzienraths brachte – so dicht in der That, daß ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten – und mit leiser Stimme sagte:

»Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers –«

»Durchgebrannt?« rief der Commerzienrath erschreckt, »ist denn wieder ein Unglück geschehen?«

»Unglück? – Nun ein Unglück ist es wol gerade nicht«, meinte der Gendarm entschuldigend, »junge Leute haben rasches Blut und machen manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen würden, wenn sie 25 Jahre älter wären; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat sie in diesen Tagen –«

»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen«, sagte der Commerzienrath entsetzt, »von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein Wort von Allem was sie sagen.«

»Von welcher jungen Dame?« sagte der Gendarm, »ih von der weggelaufenen, wegen der uns hierhertelegraphirt ist und für die wir Ihr Fräulein Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem großen Strickbeutel am Arm herumging.«

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter, und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine so interessante Mittheilung zu machen, fort:

»Wie es also scheint, sollte jenes junge Mädchen in den nächsten Tagen mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch zur rechten Zeit ein Herz gefaßt und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns hierhergemeldet worden, zwei verdächtige Individuen aufgegriffen und festgehalten.«

»In Bamberg?« sagte der Commerzienrath.

»Ja wol«, bestätigte der Gendarm. »Uebrigens sind mit dem letzten Zuge von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brüder ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verdächtiges gesehen worden, und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen«, setzte der Beamte schmunzelnd hinzu, »soll auch von einem Gendarm entdeckt worden sein.« »Das junge Mädchen?«

»Nein, die Telegraphen«, versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem Lächeln, »und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben: das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. – Aber so geht's immer nachher, die gescheiten Leute haben die Einfälle und die andern Herren sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch.«

»Aber auf welche Weise entdeckt?« fragte der Commerzienrath trotz der verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung motiviren und entwickeln würde.

»Ungeheuer einfach«, lachte dieser, »die ganze Geschichte ist ja doch nur nach dem Princip der Klingelzüge eingerichtet, wie zum Beispiel in einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal, das Stubenmädchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und bei uns hier sind auch zwei oder drei Züge übereinander angebracht. Mein College saß auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel. Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erzählte er sie einem der Herren Actuare, der sprach darüber mit einem Professor, und wie man die Hand umdrehte, hatte der's nachgemacht und steckte den Nutzen ein – und jetzt muß man für jeden Zug an der Klingel, und wenn's nur bis Bamberg wäre, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen – rechnen Sie einmal die Halben Bier, die man dafür trinken könnte.«

»Hm«, sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mußte, sich aber doch mehr für den andern Fall interessirte, »also zwei Brüder der jungen Dame sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flüchtige einzuholen?«

»Ja wol, Herr Commerzienrath«, erwiderte der Gendarm, »thut mir eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren Bräutigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die Polizei muß jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und wäre sie mir unter die Hände gefallen, würde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn es meine eigene Schwester gewesen wäre.«

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prüfenden Blick über die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten ließ, und wollte sich eben anschicken mit einem militärischen Gruß das Zimmer zu verlassen, als ihm eine versäumte Höflichkeit einfiel.

»Ihr Fräulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen darf?« sagte er mit einer höflichen Verbeugung gegen den Commerzienrath, »vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?«

»Ja – ich danke«, erwiderte der Commerzienrath und fühlte wie ihm das Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schläfe schoß, daß er einem königlichen Beamten gegenüber lügen mußte.

»Ist unangenehm, besonders für Damen«, setzte der galante Gendarm hinzu, »ihres Gepäckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frühzuge wieder hier. – Wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr Commerzienrath!« und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und klapperndem Wehrgehänge zur Thür hinaus.

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