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Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer

Friedrich Gerstäcker: Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleHerrn Mahlhuber's Reiseabenteuer
publisherF. A. Brockhaus
year1857
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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8.

Der Ueberfall.

Reisen – ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dächte. – Reisen – alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher: verkappte Engländer, junge leichtsinnige Mädchen, entsetzliche Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe – und was für Geld flog dabei auf die Straße! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen nicht allein an Schadenersatz für Hut und Schachtel, Wagenpolster, Fensterscheiben, Ueberschuhe für Unkosten gehabt, außerdem sein ganzes Gepäck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshäuser bezahlt, und wie war er behandelt worden!

Auf die Dorothee war er besonders böse – die mußte ihm jedenfalls das Pistol geladen haben – und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem papagaigrünen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. – Kein Wunder, daß der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch die Leber fing ihn wieder an zu drücken, und die operirte Balggeschwulst preßte er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.

Reisen – Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei; Postillone reisten, weil sie dafür bezahlt wurden, sie wußten auch wohin sie wollten und trieben sich nicht unnützerweise in Gegenden umher, in die sie nicht gehörten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen? Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche Reise nützen? Seine Leber verringern? Er hätte darauf schwören mögen, daß sie seit den letzten 24 Stunden um 1½ Zoll gewachsen war, sie stieß ihn jetzt auch an die Rückenwirbel an, und in die Narbe der operirten Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkältung gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel – heiliger Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch jetzt eiskalt den Rücken hinunter.

Mit dem Gedanken fiel er endlich in einen unruhigen, unerquicklichen Schlaf, der ihn, wenn auch nicht gerade die überstandenen Scenen, doch andere ähnliche qualvolle durchleben ließ.

Ihm träumte, er läge in Gidelsbach in seinem eigenen Bette – was hätte er darum gegeben, wenn es wahr gewesen wäre –, und Dorothee hatte gerade gebacken und brachte ein großes Schwarzbrot herein, das sie ihm oben auf die Bettdecke und gerade auf die Brust legte. Er wunderte sich noch darüber, weshalb das wol geschehen sein könne, als sie ein zweites herbeitrug und auf das erste stellte; er wollte schreien und dagegen protestiren, aber er brachte keinen Ton heraus, und die Magd kam auch und schleppte ein drittes riesiges Brot herbei, und dann die Frau mit dem papagaigrünen Hut, und dann die Mamsell aus dem otzlebener Gasthofe mit den aufstreiften Aermeln und den langen Locken, und dann das junge Mädchen aus dem Coupé, dessen Onkel er unfreiwillig geworden, und zuletzt der schweigsame Passagier aus dem Postwagen, den er für einen Engländer gehalten und der zuletzt zu ihm »Gute Nacht, Herr Commerzienrath!« gesagt hatte. Eine furchtbare Angst überkam ihn dabei, die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm nun endlich, nach langem Ankämpfen gegen die Schwäche, Kraft genug gab, mit einem in der Hast aufgegriffenen Regenschirm aus der Stube, die Treppe hinunter und aus dem Hause zu stürzen. »Meine Schuhe!« schrie die Dame mit dem papagaigrünen Hut hinter ihm her, »Lieber Onkel!« das junge Mädchen, »Aber Herr Commerzienrath!« die alte Dorothee, er hörte und sah nicht mehr und lief in einemfort, bis er zu seinem Entsetzen entdeckte, daß er sich im äußersten Négligé, wirklich nur im Hemd und von der Mittagssonne beschienen, in dem belebtesten Theile von Gidelsbach befand. Die Füße drohten ihm dabei den Dienst zu versagen, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, und sich nun rasch an die nächsten Häuser drückend, spannte er den Regenschirm auf, in dessen Schutz sich den Blicken der Volksmenge soviel als möglich zu entziehen und sein Haus wieder zu erreichen. »Guten Morgen Herr Commerzienrath!« sagte der Amtsschreiber Weber, der ihm begegnete; »Herr Gott, Sie gehen ja in bloßen Füßen.« »Guten Morgen Herr Commerzienrath!« nickte ihm die Frau Geheimräthin Beutel aus dem gegenüberliegenden Hause zu; »ach bitte, kommen Sie doch einmal herüber, ich habe Ihnen etwas Nothwendiges zu sagen.« »Guten Morgen, Herr Commerzienrath!« rief der Materialwaarenhändler Bohne, an dessen offener Thür er mit ungedeckter Flanke vorüber mußte, »Herr Jemine Sie werden sich erkälten!« »Ne seht nur – da leeft Ener im Hemde!« schrie da plötzlich ein junger nichtsnutziger Tagedieb, der an irgendeiner Ecke stand.

»Hurrah, Hurrah!« hörte der Commerzienrath in seinem Traume die Buben schreien und die Straße heruntertoben, näher und lauter. »Aber Herr Commerzienrath«, sagte da die Frau Bauräthin Brilling, die ihm gerade entgegen die Straße herunterkam und rasch und erschreckt ihre grüne Brille abnahm. – Der Commerzienrath hörte nichts mehr, wartete nichts weiter ab, sondern fuhr, gleichgültig wohin er gerieth, in das erste beste offene Haus hinein, das er fand und mit ungeheurer Beruhigung erkannte. Er erinnerte sich nämlich, daß dieses Haus mit der hintern Wand an das seine stieß, und wenn er unbemerkt oben auf den Boden kommen konnte, der mit seinem Dache in Verbindung stand, war er gerettet. So rasch ihn seine Füße trugen, lief er die Treppe hinauf und rannte in der ersten Etage beinahe ein Dienstmädchen um, das, als es ihn sah, einen Eimer mit Wasser fallen ließ und um Hülfe schrie. Hinter ihm bellte ein Hund, schrien Stimmen, klapperten Thüren, er floh wie ein gehetztes Reh die steilen Treppen, weder an Leber noch Balggeschwulst denkend, hinauf, bis er den Boden erreichte und offen fand. Jetzt war er gerettet, lief durch die erste Kammer, dann durch eine zweite, dann eine dritte, bis er plötzlich den letzten Dachstuhl erreichte, und hier den Boden nicht mehr gedielt, sondern nach unten offen fand. Nur die Querbalken lagen etwa drei Fuß voneinander entfernt darüberhin; dicht hinter ihm aber tönten die Stimmen der Verfolger, und eine Wahl blieb ihm nicht – er mußte hinüber. Er sprang auf den ersten Balken, von diesem auf den zweiten – er fühlte wie ihm die Leber dabei gegen seine Rippenwände schlug, wie das Blut in der Narbe auf seinem Kopfe pulsirte, er wollte einhalten und konnte nicht mehr, sein schwerfälliger Körper war einmal in Schuß gekommen, er mußte weiterspringen. – Und unter ihm gähnte die dunkle Tiefe – ein Abgrund, von dessen Existenz er keine Ahnung gehabt, dessen Tiefe er nicht mit dem scheuen Blicke erreichen konnte. Und weiter wurde die Entfernung zwischen den einzelnen Balken, immer weiter, jetzt 3½, jetzt 4 Fuß, immer noch setzte er darüber hin und es war als ob die Angst ihm Flügel geliehen. Jetzt lagen sie 4½ Fuß, jetzt 5, jetzt 6 Fuß voneinander entfernt. Athemlos schnellte er sich von Holz zu Holz und kein Ende konnte er erkennen, so weit in die Unendlichkeit hinein lag die gefährliche Bahn, der er folgte, und auf der ihn ein schadenfroher Geist dahinriß. Kaum noch mit den Fußspitzen erreichte er den schmalen Halt, jetzt wankte er, er wollte das Gleichgewicht wiedergewinnen, umsonst, noch einen verzweifelten Sprung wagte er nach dem nächsten Balken, dieser knackte, brach unter seinem Gewicht und der Commerzienrath schlug mit der Hand, die er ausstreckte sich zu retten und irgendwo anzuklammern, dermaßen an die weiße Kalkwand, an der sein Bett stand, daß er, in Angstschweiß gebadet und an allen Gliedern zitternd, davon erwachte und in seinem Bette emporfuhr. Im ersten Augenblicke hatte er wirklich auch keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand.

Ein lautes Klopfen an der Thür brachte ihn endlich soweit wieder zu sich, daß er sich besinnen konnte, er sei weder in diesem unanständigen Aufzuge in Gidelsbach umhergelaufen, noch von den Bodenbalken heruntergestürzt, wenn ihn die Knochen auch in der That gerade so schmerzten. Aber wer klopfte mit einer solchen Hartnäckigkeit an seiner Thür? Und hatte er nicht strenge Ordre gegeben (er sah nach seiner Uhr, es war 5 Uhr Nachmittags, und er mochte etwa vier Stunden geschlafen haben), ihn unter keiner Bedingung zu stören?

»O Dorothee«, klagte der gequälte Mann vor sich hin, »wäre ich dir und nicht diesem verdammten Doctor gefolgt, so säße ich jetzt noch – herein denn zum Donnerwetter! – Wer ist da draußen, und was klopfen Sie als ob Sie die Thür einschlagen wollten?«

»Ich kann nicht hinein«, sagte eine freundliche Stimme von außen, die jedenfalls einem Manne gehörte, »es ist von innen zugeschlossen.«

»Aber wer sind Sie, was wollen Sie?« rief der Commerzienrath, nicht ohne eine unbestimmte Ahnung, daß der heutige Gendarm mit diesem Klopfen in näherer Beziehung stehen könnte.

»Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen«, sagte die Stimme von außen wieder, »und bitte sich nicht im mindesten meinetwegen zu geniren.«

»Geniren?« brummte der Commerzienrath und streckte, halb überlegend, das eine Bein aus dem Bette; »der Bursche glaubt wol, ich ziehe einen Frack an – aber erfreuliche Nachricht? Wahrscheinlich ist mein Gepäck angekommen, Gott sei Dank, daß es endlich überstanden ist. Warten Sie einen Augenblick«, rief er dann wieder mit lauter Stimme und weit energischer, als er sich bisjetzt in irgendeinem Lebensverhältnisse gezeigt, »ich werde gleich aufmachen«; stieg dann aus dem Bett, riegelte die Thür auf, glitt rasch wieder mit einem leisen Schmerzensschrei »O meine Leber!« unter die Decke und rief: »Herein!«

»Guten Morgen, Herr Commerzienrath«, sagte fast mit dem »Herein« zugleich eine süßliche unendlich höfliche Stimme, und ein wohlfrisirter und gelockter Kopf mit dem Scheitel in der Mitte, was dem Träger etwas unleugbar Dummes gab, streckte sich augenblicklich, von dem übrigen Körper gefolgt, in das Zimmer. Der Fremde war übrigens sehr elegant, wenn auch gerade nicht besonders geschmackvoll gekleidet, trug eine schwere goldene, oder wahrscheinlich vergoldete Uhrkette, eine Tuchnadel mit riesiger Camee, Ringe an den Fingern und im linken Ohr sogar einen sehr kleinen und sehr zierlichen Ohrring; außerdem Stiefeln von Glanzleder, umgeklappte Vatermörder und sehr lange weiße Manchetten.

»Mit wem habe ich die Ehre?« sagte der Commerzienrath, der sich mit dem unbehaglichen Gefühl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette gegenüber womöglich noch tiefer in seine Decke zurückzog. »Sie wollten mir etwas Angenehmes mittheilen, ich muß tausend mal um Entschuldigung bitten, daß sie mich zu dieser Tageszeit –«

»Um Gottes Willen machen Sie keine Umstände, bester Herr Commerzienrath«, rief der Fremde, der sich indeß vergeblich nach einem freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem vollgepackten Reisesack anvertrauen mußte, auf dem er nicht recht die Balance zu halten schien; »wie ich gehört habe, sind Sie gesonnen sich hier in Lichtenfels häuslich niederzulassen.«

»Ich?« rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

»Nun ich weiß, daß es noch Geheimniß bleiben soll«, beruhigte ihn der Fremde, »und auf meine Discretion können Sie sich verlassen, jedenfalls ist es aber ein sehr glücklicher Umstand für Sie, daß ich heute den Morgenzug versäumte und zu spät von Koburg herüberkam, ich reise für das Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern – Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen bloß den Namen zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glücklicher Zufall mich hier noch zurückhalten konnte. Helboldt und Sohn führen eine wahre Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier«, fuhr er dann fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths stellte, »habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.«

»Aber Herr, zum Donnerwetter«, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm des Commerzienraths los, »sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum Narren haben?«

»Ich, Herr Commerzienrath?«

»Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?« rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mißhandelte Mann. »Das war die gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?«

»Saure Weine, Herr Commerzienrath?« wiederholte der Weinreisende mit einem Gefühl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt hätte. »Helboldt und Sohn saure Weine – ich bitte Sie um tausend Gottes Willen – nicht einmal unser Weinessig –«

»Gehen Sie zum Teufel, Herr!« unterbrach ihn der sonst so schüchterne, jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, »ich liege hier halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu können, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Völkerrecht unter falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwünschten Flaschen wieder ein und lassen Sie mich ungeschoren.«

»Aber, Herr Commerzienrath, bei einem längern Aufenthalt hier – Helboldt und Sohn –«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich auf der Durchreise bin, Herr, ist Ihnen das nicht deutlich genug –«

»Aber Ihr Fräulein Nichte –«

»Meine Nichte?« rief der Commerzienrath stutzig werdend, und aufhorchend.

»Ihr Fräulein Nichte«, fuhr der nicht so leicht abzuschüttelnde Bursche fort, »hat doch vorhin in meinem Beisein geäußert, daß Sie gesonnen wären, sich hier häuslich niederzulassen, weil Ihnen die Gegend enorm gefallen hätte.«

»Meine Nichte? Herr, lassen Sie mich mit Ihren Weinen und meiner Nichte zufrieden«, tobte der Commerzienrath, durch den neuen Beweis nicht im geringsten milder gestimmt, »ich will von Beiden nichts wissen; und nun seien Sie so gut und packen Sie die verdammten Flaschen wieder ein – Sie verstehen doch deutsch? – und lassen Sie mich zufrieden. Ich bleibe nicht hier, habe keine Nichte, will keinen Wein und liebe nicht, mich, wenn ich im Bette liege, mit fremden Leuten zu unterhalten. Guten Morgen, Herr Helboldt und Sohn.«

»Herr Commerzienrath«, sagte der Weinreisende pikirt, indem er seine Flaschen wieder einpackte und seinen Hut ergriff, »wenn auch nicht gegen mich persönlich, so sollte doch wenigstens die Achtung, die Sie der Firma Helboldt und Sohn schuldig –«

»Helboldt und Sohn soll –«, brummte der Commerzienrath, sich unwillig in seinem Bette mit dem Gesicht nach der Wand, ebenso rasch aber auch wieder zurückdrehend, da er an sein Portemonnaie und die Uhr dachte, die auf dem Tische lagen.

»Nun ich sehe«, sagte achselzuckend der Geschäftsreisende, »daß wir doch wol in keine Geschäftsverbindung miteinander treten können; es thut mir auch leid Sie bemüht und meine kostbare Zeit solcherart vergeudet zu haben, ich bin Reisender –«

»Reisen Sie glücklich«, brummte der Commerzienrath, mit einem halb malitiösen Lächeln unter seiner Bettdecke vor.

»Guten Morgen, Herr Commerzienrath«, brach der Bevollmächtigte kurz ab und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß die Scheiben im Fenster und Wasserflasche und Glas im Waschtische zusammenklirrten.

»Flegel!« knurrte Mahlhuber leise vor sich hin, als er sich wieder im Bett zurechtrückte, die Augen noch einmal schloß und einen Versuch zu machen schien aufs neue einzuschlafen. Das aber ging unter keiner Bedingung; der Aerger mit dem unverschämten zudringlichen Menschen hatte ihn dermaßen aufgeregt, daß an eine Fortsetzung seiner unterbrochenen und überhaupt mittelmäßig genug gewesenen Ruhe gar nicht zu denken war. Er hob sich endlich mit einem schweren Seufzer von seinem Lager, wusch sich und zog sich an; und beschloß einen Spaziergang in der wirklich freundlichen Umgebung zu machen, um müde zu werden und dann wenigstens Aussicht auf einen Nachtschlaf zu haben. Sein Gepäck mußte ja doch noch heute Abend oder spätestens morgen früh ankommen und, Gidelsbach lag nicht so entsetzlich weit entfernt, es nicht wieder erreichen zu können.

Der Spaziergang schien keine so üble Idee gewesen zu sein, nur störte ihn die Unmasse von Heiligen- und Märtyrerbildern, die er überall traf, und die blutigen Leiber und Wunden derselben riefen ihm auf peinliche Art seine eigene Leber wie seine Operation wieder und wieder ins Gedächtniß zurück. Mit Gewalt zwang er sich jedesmal nicht daran zu denken, aber kaum hatte er sich durch einen andern Gegenstand zerstreut, tauchte wieder, in Stein oder Holz, und immer bunt bemalt, mit einem Ueberfluß von Blut daran, ein neues Bild vor ihm auf.

»Es ist zum Verzweifeln!« seufzte der Commerzienrath leise vor sich hin, während er sich scheu, soweit als möglich, um die solchen bösen Eindruck auf ihn machenden frommen Kunstwerke herumdrückte; »es ist wirklich zum Verzweifeln, und ich begreife eigentlich doch nicht recht, weshalb diese Masse von Monumenten nöthig ist.« Als Commerzienrath und guter Christ durfte er aber nicht mehr denken, ja er machte sich in seinem Innern schon schreckliche Vorwürfe soviel gedacht zu haben, und suchte sich endlich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen, daß er quer über ein Feld hinweg dem nächsten Holzrande zuzueilen suchte, dort mehr »ungestört« zu sein. Das freilich hatte nur die unangenehme Folge für ihn, daß er unterwegs, und mitten in einem etwas weichen und unbequemen Saatfelde, von einem biedern Landmanne, dem Eigenthümer desselben, angehalten und aufgefordert wurde, zwei Gulden Strafe für das Verlassen des Weges zu zahlen, widrigenfalls er, der Bauer, sich in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen würde ihn zu pfänden.

Der Commerzienrath wollte dagegen protestiren, ja knöpfte unter dem Vorwande, ihm eine Karte mit seinem Namen zu geben und ihm zu beweisen, daß er nicht absichtlich ihm einen Schaden habe zufügen können, seinen Rock auf, unter dem der Orden schimmerte; der Bauer blieb aber gänzlich gefühllos, selbst gegen das bunte Band im Knopfloche des Fremden, das er vielleicht nicht einmal sah, keinesfalls beachtete. Er bestand auf seinen zwei Gulden, oder Hut und Schnupftuch des Übertreters der Gesetze, ja wurde dermaßen grob gegen den kleinen unbehülflichen Mann, daß dieser nicht umhinkonnte, in die jedenfalls unbillige Forderung oder vielmehr Erpressung zu willigen und das Geld zu zahlen.

Damit kam er noch dazu nicht einmal nach dem Waldrande, sondern wurde mit Zwangspaß auf die Straße zurückgeschickt, nochmals Spießruthen zwischen den ihm fatalen Erinnerungen zu laufen bis Lichtenfels.

Der Marsch hatte übrigens das Gute für ihn, daß er hungrig und durstig den kleinen Ort wiedererreichte, vor allen Dingen nach den Bahnhofsgebäuden hinabging, sich dort die Gewißheit zu holen, daß seine Sachen noch nicht gekommen wären, und dann langsamer die krummen, schauerlich gepflasterten Straßen des Städtchens zurück bis in sein Wirthshaus wanderte, etwas zu genießen.


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