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Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer

Friedrich Gerstäcker: Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleHerrn Mahlhuber's Reiseabenteuer
publisherF. A. Brockhaus
year1857
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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7.

Die Nichte.

Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und zurückgelehnt, aber der blonde Schwager in spe schien sich davon nicht abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gespräch unverdrossen, wenn auch nur auf seiner Hälfte, fort, bis der Zug in der Nähe der nächsten Station Lichtenfels pfiff.

»Gott sei Dank!« murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, »aus der Verlegenheit wär' ich denn also bald heraus«, und leise seinen Schirm zurechtrückend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend, daß er den Henkel gleich erfassen konnte, saß er sprungfertig und aufmerksam auf das geöffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und der Conducteur den Schlag öffnete.

»Station Lichtenfels!«

»Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath?« tönte eine Stimme mitten aus dem Waggon heraus – es war die Dame mit dem papagaigrünen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten Mann scheiden mochte.

»Wünsche allerseits glückliche Reise!« sagte der Commerzienrath, ohne sich umzusehen und selbst den künftigen Verwandten keines Blickes würdigend.

»Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so früh entsagen zu müssen«, hörte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart gemurmelten »Bitte, bitte recht sehr!« kletterte er, den Reisesack und das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem übrigen Gepäck zu sehen. Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Führer anbot, geleitete ihn rasch zum Packwagen zurück, wo der Packmeister, der das für Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie mitgehender Packete in Empfang nahm,

»Ich möchte gern mein Gepäck haben!« rief der Commerzienrath.

»Liegt da drüben«, lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber schüttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:

»Das muß ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition.«

Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der Ketten, in Bewegung.

»Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath!« rief der semmelblonde junge Mann aus dem Coupéfenster heraus und winkte mit der Hand hinüber.

». . . pfehle mich. – Daß dich der Böse hole sammt deinem Regierungsrath!« knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gepäck gerichtet, der aufgeschichtet an der Barriere lag und in dem er nicht ein einziges Stück seines Eigenthums entdecken konnte.

»Wo sind denn meine Koffer?« fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen Unfalls dämmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.

»Ihre Koffer? – Weiß ich nicht«, brummte dieser, die Spitze eines Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der Hand, indem er die einzelnen Stücke zu überzählen schien, »3, 4, 5, 6 –«

»Aber sie sollten doch hier liegen –«, rief der Commerzienrath.

»Weiß ich nicht – 7, 8, 9, 10 – waren nach Lichtenfels bestimmt? – 11, 12, 13, 14.«

»Nein, nach München; aber ich fragte den Packmeister deshalb –«

Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine Miene zu verziehen, mit dem Bleistift über die Schulter, hinter dem wegbrausenden Zuge her.

»Futsch!« sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine Winkel und Falten gezogene Gesicht nur möglicherweise erkennen ließ, und notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen und registrirten Colli in sein kleines Buch.

Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben geht, wenn zu viel des Unheils über uns plötzlich und gewaltsam zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt hätte.

Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb, drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen Geschäften nach.

Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand, und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem nächsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten, als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.

Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche Mädchen, seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der nächsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen sah, und das Erstaunen wuchs, als ihn die Schöne auf die herzlichste Weise mit »Lieber Onkel« anredete und ihm mit halbverbissenem Lächeln erzählte, der »Herr« da – der Gendarm nämlich, habe sie gefragt, wo sie herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen verlangt.

Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche Mädchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, daß er nicht träume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein Zweifel, und die dem anständig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewußtsein zurück.

»Mahlhuber – Commerzienrath Mahlhuber«, sagte er mit einer gewissen Art von Selbstbewußtsein, denn einem königlichen Beamten gegenüber hörte jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu ein verbindliches Lächeln über das breite Gesicht zog.

»Entschuldigen Sie«, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung, »daß ich Ihr Fräulein Nichte belästigt habe, aber die junge Dame ging dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes Mädchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fräulein Nichte zuließ, zu fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, möglicherweise auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden entschuldigen –«

»Bitte, bitte«, sagte dieser, während er dem dankenden Blick der jungen Fremden begegnete, »aber – das ist ganz hübsch und gut – meine sämmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach Lichtenfels expedirt, und wie krieg' ich die wieder?«

»Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?« fragte der Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen zu können.

»Telegraphiren? – Nein – und wann kann ich die Sachen wieder hier haben?«

»Sollen sie hierher zurückgehen?«

»Ja«, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.

»Jedenfalls mit dem Nachtzuge – erlauben Sie mir, daß ich das für Sie besorge?«

»Mit Vergnügen«, sagte der Commerzienrath, und das junge Mädchen schien während der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben ließ und dann damit in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepäck hierher zurückzusenden, war schon in München und der Gendarm seinen Geschäften nachgegangen. Der Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem Platze.

»Aber nun, mein Fräulein«, brach er endlich, indem er sich die Brille abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, »möchte ich Sie doch um Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme –«.

»Zu so großem Dank ich Ihnen verpflichtet bin«, sagte tief erröthend die junge Fremde, »darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht vollen Aufschluß geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen großen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch bitten, mit mir zum Fluß hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen möchte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen.«

»Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fräulein«, sagte der Commerzienrath, dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu werden, »sowie Sie über den Fluß kommen, sind Sie doch allein, denn ich versichere Sie, daß ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir schon außerdem höchst unangenehme Sache einzulassen – meine Stellung als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir –«

»Sobald ich das andere Ufer betrete«, unterbrach ihn rasch die junge Dame, »bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.«

»Verfolgung?« wiederholte der Commerzienrath ängstlich, dem es überhaupt ein bängliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem sich ein Gendarm erkundigt hatte, »Sie werden doch nicht – nicht irgendetwas – irgendetwas angegeben haben?«

»Nichts Böses«, lächelte das junge Mädchen; ein tiefes Roth stahl sich dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und unschuldsvoll zu ihm auf, daß an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht zu denken war.

»Aber was verlangen Sie denn noch von mir?« fragte der Commerzienrath, dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und commerzienräthliche Gefühl arbeitete, »was muß ich thun, um sie wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner – irgendeiner unangenehmen Lage zu ziehen?«

»Mich nur an – oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, über den Fluß begleiten – dort hab' ich Freunde.«

Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam ihm mehr wie ein Märchen vor, das ihm Jemand erzählt hätte und das er glauben konnte oder auch nicht – wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverhältnisse zu einem solchen Schritte getriebene junge Mädchen nicht, und sie jetzt im Stiche lassen wäre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine schöne Schutzbefohlene – oder wurde vielmehr durch sie geführt – den schmalen Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine halbe Stunde später, in die Restauration zurückkehrte, ließ er sich ein Zimmer mit einem Bett geben, aß etwas, zog sich dann aus und legte sich – nachdem er die Thür vorher sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stören, bis er von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hände und war bald sanft und süß eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelächters einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten – er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.


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