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Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel

Felix Salten: Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHerr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel
authorFelix Salten
year1907
firstpub1907
publisherS. Fischer/Verlag
addressBerlin
titleHerr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel
pages116
created20160128
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In des Kaisers Herberge ward ich über halb dunkle Treppen / durch dämmernde Galerien / an den schweigsam hinwandelnden Garden vorbei in dasselbe Zimmer geführt / das ich heute Morgen betreten hatte.

Der Herr von Granvella war da und besprach sich leise mit einem der kaiserlichen Leibärzte. Als er mich gewahrte / sagte er: »Wartet.«

Ich stand im Zwielicht des weiten Raumes / hörte nur das Flüstern der beiden / und die tiefe Stille des kaiserlichen Hauses / in der alle Verwirrung des Weines und der Weiber von mir abglitt.

Indessen huschte der Arzt aus dem Zimmer und Granvella redete mich an: »Der Kaiser findet keinen Schlaf . . . es ist Gelegenheit / Euch vorzustellen . . . habt Ihr Euch eine besondere Truppe gewählt / dann sagt es mir jetzt . . .«

Ich überwand die Scheu / die mich bei seiner kalten Stimme befiel / und 69 brachte unter Räuspern und Schlucken heraus: »Wenn ich beim Regiment des Markgrafen Kulmbach eintreten könnte . . .«

Granvella stand ohne zu antworten auf / schritt zu einer niederen / verborgenen Türe und winkte mir. Während wir durch ein paar hohe / spärlich erhellte Gemächer gingen / redeten wir keiner ein Wort. Vor einer hohen Pforte blieb er stehen und sprach mich kurz an: »Beugt ein Knie vor dem Kaiser / und tretet nicht allzu nah an ihn heran. Redet nicht / es sei denn / er fragt Euch. Und vor allem / schaut ihm nicht zu dreist in das Antlitz.«

Da ging eben die Türe sachte auf / der andere Leibarzt kam heraus und ließ uns den Weg frei.

Mich schüttelte ein Fieber der Ehrfurcht / als ich in der Tiefe des großen Saales beim schwachen ruhelosen Schein einer Kerze des Kaisers ansichtig wurde.

70 Bleich und verfallen tauchte sein Angesicht vom dämmernden Zwielicht umwoben aus der Finsternis des Gemaches. Er stand hinter einem kleinen Tisch / hatte beide Hände auf die weiße Marmorplatte gestemmt und wie seine dünnen Arme aus dem dunklen Samt der Schaube hervorkamen / waren sie so weiß wie der Stein / worauf sie sich stützten.

Kniend vergaß ich Granvellas Befehl und schaute ergriffen zum Kaiser empor. Ihm hob und senkte sich das Kinn / wie er mit der klaffenden / vorgeschobenen Unterlippe nach Atem schnappte. Wirr stand sein kurzer Bart aus den Wangenhöhlen und seine Augen blickten erschöpft ins Leere.

Ich vernahm wie Granvella sprach / aber er hatte jetzt eine gedämpfte / liebreiche und demütige Stimme: »Dieses ist der Junker Wenzel auf Rehberg / der sich der kaiserlichen Gnade empfiehlt. Er stammt aus einem alten böhmischen 71 Hause / ist mir verwandt und bittet / unter Eurer Majestät Fahnen eingestellt zu werden.«

Der Kaiser sah mich an / mit einer unermeßlichen Gleichgültigkeit und wie aus der Ferne. Dann glitten wieder seine Blicke über mich hinweg ins Leere. Granvella redete weiter: »Geruhen Eure Majestät Erlaubnis zu geben / daß der Junker bei dem Markgrafen von Kulmbach sich melde . . .«

Weil keine Antwort kam / blickte ich wieder auf und merkte / daß der Kaiser zitterte. Ein Beben ging durch seinen schmalen Leib. Er riß die Hände vom Tisch und starrte mit Entsetzen darauf nieder / als drohe ihm von da her eine Gefahr. Ich sprang schnell auf / da verfärbte sich der Kaiser noch mehr und war wie von einem kalten Grausen an allen Gliedern geschüttelt. Ich spähte rasch / was seine Augen gebannt halte / und gewahrte eine kleine graue Spinne / die / vom Scheine des Lichtes angelockt / 72 mit hochgehobenen Beinen langsam ihren Weg über den Marmor nahm.

Herzuspringend / schlug ich das Tier mit der flachen Hand und wischte es hinweg.

»So« / entfuhr es mir leise und ich lächelte dem Kaiser zu.

Seine Brust keuchte und er sah mich verstört an. Gleich darauf winkte er heftig mit der Hand gegen mich / drohend / seine Mienen krochen zusammen / wurden spitz und böse und Granvella herrschte mir zu: »Entfernt Euch / Junker! Entfernt Euch!«

Gescheucht verließ ich das Gemach / ereilte die Treppe und wollte heim / als mich der Kämmerling anrief und mir von Granvella meldete / es sei alles in Richtigkeit / ich solle mich morgen früh nur zum Markgrafen begeben.

Wie ich aus dem Palaste trat / stand der Vollmond am Himmel und beschien den weiten Platz mit den schlafenden Häusern. Nur wenig Schritte hatte 73 ich getan / da flog das eiserne Klirren rasenden Hufschlags durch die Stille. In dem tiefen Schatten einer engen Gasse kam es heran. Ich sah nichts als die Funken aus den Steinen spritzen / näher und näher / als liefe das Pferd dort auf einer schmalen Feuerspur durch die Finsternis. Und ehe ich mich noch besinnen konnte / brach es auch schon aus der Dunkelheit der Seitengasse in das freie Mondlicht: ein Rappe / vom Dampf seines Schweißes wie von einem Geisternebel umwallt / ein schwarzgepanzerter Mann darauf / dem der schwarze Mantel um die Schultern flatterte / und nur die goldene Mantelspange blitzte hell / als trage er seine glühend gewordene Seele mitten auf der Brust. Den Platz querüber sauste er dahin / und es war / da er vor dem Haus des Kaisers anhielt / nur ein einziger Augenblick: das letzte Aufsprühen der Funken unter dem dröhnenden Eisen / das Niederschmettern des Pferdes / das wie von einem Streich 74 gefällt hinschlug / als wollte es die Flammen / die seine Hufe aus dem Boden gestampft hatten / mit dem eigenen Leib ersticken / und der jähe Sprung des Reiters auf die oberste Stufe des Tores. Aufgerichtet stand er als ein dünner schwarzer Streif vor der weißbeschienenen Mauer / dann glitt er wie ein Schatten in den Flur. Mir zuckte es / wie ich so völlig erstarrt da stand / durch die Glieder: Da ist der Satan um Mitternacht zu dem Kaiser gekommen . . . Dann zwang es mich gleich zu dem gestürzten Tier / aber wie ich mich darüber beugte / war es in Blut und Schaum verendet / und von dem Mondlicht / das in seinen gebrochenen Augen schimmerte / kam ein solches Grauen in mein Gemüt / daß ich erschreckt entfloh. Auf dem raschen Weg zur Herberge ward ich gepeinigt von einem Elend / das ich nicht kannte / dessen Nähe aber ich beklommen fühlte und ein Ahnen öffnete sich in mir 75 wie eine frische Wunde / die schmerzhaft ist und blutet.

In meiner Stube aber war das kleine blonde Mädchen / das der Schnabel mir gesendet hatte. Die sparte mir das Alleinsein. Ich schloß sie erlöst in meine Arme / wie sie / als ich kam / nackend im Bette sich aufrichtete. Und ich ergötzte mich an ihr bis zum Morgen.

 

Der Schnabel weckte mich frühe.

»Heraus mit Euch!« schrie er und seine Augen lachten über mir. »Die ganze Armada ist auf den Beinen / wir marschieren!«

Schnell war ich vom Lager auf und nach und nach fiel mir erst wieder ein / daß ich in Augsburg sei / und was mir seit gestern alles begegnet war.

»Der Markgraf hat schon Botschaft von Granvella« / erzählte mir der Schnabel / unterdessen ich mich rüstete. »Er soll Euch aufnehmen. Na / Euch 76 kann's nicht fehlen / wenn der Granvella Euer Gönner ist . . .«

»Er ist mein Anverwandter . . .« sagte ich stolz.

Mir fiel der schwarze Reiter wieder ein und ich erzählte dem Schnabel von dieser Erscheinung.

»Das ist der Alba gewesen . . .« sagte er. »Der steht jetzt in Ungarn im Felde. Er hat ein junges Weib daheim in Spanien / und nun reitet er / wenn's der Krieg erlaubt / vierzehn Tage lang / um eine Nacht bei ihr zu schlafen.«

Wir ritten durch enge Gassen und hatten Mühe genug / rasch vorwärts zu kommen. Von überall her liefen Soldaten zusammen / die Hörner wurden geblasen / die Trommeln allenthalben gerührt / und es war ein Rufen und Schreien und Waffendröhnen / welches mich mit Lust erfüllte.

Wie wir aufs freie Feld kamen / sah ich weithin überall Truppen / die sich sammelten und formierten. Die 77 bunten Feldzeichen und Fahnen wimpelten hoch im Morgenwind. Der Himmel aber war tief von dunklen Wolken verhängt und die Luft rauh. Doch das kümmerte mich nur wenig / denn ich war dem kriegerischen Getümmel ganz dahingegeben.

»Dort stehen die Kulmbachschen Reiter!« meinte der Schnabel. Wir sprengten herzu und trafen gleich den Markgrafen / der sein Roß tummelte und nach allen Seiten Befehle erteilte.

»Herr Markgraf / hier ist der Rehberg!« rief der Schnabel.

Ich verhielt mein Pferd und zog den Hut.

»'s ist gut Herr / 's ist gut . . .« rief mir der Markgraf kollernd zu.

Ich wollte meinen Gruß und Einstand nach Gebühr hersagen und tat den Mund auf.

»'s ist gut / Herr!« brüllte mich der Markgraf an / »haltet das Maul / ich werd' schon selber sehen / was Ihr 78 könnt . . .« damit warf er sein Pferd herum / und ließ mich verdutzt / wie ich war / zurück.

Die Schwadronen stellten sich in Ordnung. Ich nahm meinen Platz vor der Front neben dem Schnabel. Wir sahen jetzt nichts vor uns als freies Ackerfeld / das sich bis zu den Mauern von Augsburg hinzog / und rechts und links von uns die anderen Truppen zu Fuß und zu Pferd in einigen Treffen aufgestellt. Ich war fröhlich / weil ja nun alles für mich erst seinen rechten Anfang nehmen sollte.

Auf einmal vernahmen wir von weit her Zurufe wie ein Brausen / die Trompeter fingen alle zu blasen an / die Trommeln und Pauken schlugen Wirbel.

»Der Kaiser!« sagte der Schnabel.

Und da kam er herangeritten / in großem Abstand hinter ihm sein Gefolge. Er ritt auf einem schlanken / braunen Tier / das unter ihm wie im Tanzschritt ging und seinen Reiter sanft zu wiegen 79 schien. Indem er näher kam / sah ich die Blässe seines Gesichtes von einem ganz feinen Rosa-Hauch überflogen. Die Unterlippe klaffte freilich wiederum herab / so daß man seinen offenen Mund von weitem schon wahrnahm. Als er an unserer Front vorbeisprengte / ging ein leiser Regen an und ich sah / wie der Kaiser sein Barett abnahm / es unter dem Mantel verbarg und barhaupt weiter ritt. Ich verwunderte mich dessen / aber der Schnabel rief mir voll Munterkeit zu: »Seht / was für ein Filz! Da hat ihm der Fugger vor zwei Tagen das neue Barett aus Lyoner Samt verehrt und jetzt fürchtet er / es verdirbt / steckt's ein / als könne er sich keinen neuen Hut kaufen . . .«

»Was redet Ihr da für Unsinn?« fuhr ich den Schnabel heimlich an.

»Unsinn?« gab er lachend zurück / »fragt wen Ihr wollt / er ist ein Filz / und macht's immer so . . .«

Indessen war der Kaiser vorüber und 80 nach einer Weile rückten wir ab. Der Regen hörte bald auf / aber der Boden war aufgeweicht und der Straßenkot spritzte uns bis an die Hüften. Das schwere Fuhrwerk / darauf die neuen Kanonen waren / zog dem Heere ganz voran. Dahinter kam das Fußvolk / zwölf Fahnen stark / das der Baron Madrizzi befehligte / nachher ritten wir von des Kulmbachs Kürassieren / uns folgten dann die übrigen Soldaten / der Kaiser mit Troß und Wagen und die Nachhut.

Ich ward gleich beim Ausmarschieren an des Markgrafen Seite befohlen. Er schien mir jetzt recht gnädig und meinte: »Wenn Ihr gehorsam seid und tapfer / Freund / dann will ich dem Herrn Granvella gern die Liebe tun und Euch befördern . . .«

Ich dachte nun freilich bei mir / wenn ich gehorsam bin und tapfer / sollte ich wohl ohne Granvellas Fürsprache zu Ehren kommen / unterfing mich aber 81 nicht / dergleichen laut werden zu lassen und sagte nur: »Ich werd' mich schon zusammennehmen.«

»Wenn wir abends rasten« / sprach der Markgraf / »will ich Euch in Eid und Pflicht nehmen . . .'s ist gut / Herr!«

Ich wußte jetzt schon / was dieses »'s ist gut / Herr« bedeute / wollte mirs nicht noch einmal so schön erklären lassen / wie vordem / zog den Hut / und ritt an meinen Platz / zur Seite des Zuges.

Ein paar gute Stunden ging es nun vorwärts. Ich ließ meinem Pferd die Zügel / es ging im langsamen Trott mit den anderen / ich gab mich meinen Gedanken hin und lauschte auch wohl den Liedern / die unsere Reiter angestimmt hatten.

Die Kürassiere sangen:

»Der Kaiser hat viele Soldaten /
Er gibt ihnen Gut und Geld /
Er macht es wie's ihm gefällt /
Und läßt sie brav lustig marschieren /
Wohl durch die weite Welt.«

82 Dann wieder sangen die Reiter:

»Ich weiß nicht / bin ich arm oder reich /
Oder geht es mit mir zum Verderben /
Oder komm ich noch einmal gesund nach Haus /
Oder muß ich vor dem Feinde sterben.«

Es war eine nachdenkliche und milde Melodie und doch wie verhaltener Sturm darinnen. Hell und dunkel erschien mir das Lied / hob mein Gemüt hoch empor und umfing es doch wieder mit Beklommenheit.

Da plötzlich kam von hinten her ein Reiter vorbeigeprescht / ganz dicht am Straßenrand und fuhr wie das böse Wetter dahin / daß mein Tier erschreckt in die Hinterfüße stampfte. Und im Blitz des Vorbeisausens erkannte ich / daß es der Kaiser sei. Bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht / was mich antrieb. War es die Erinnerung an den Schwarzgepanzerten von heute Nacht / der seinen Gaul zu Tode gejagt / die mich jetzt befiel / war es die Wut / die ich 83 im vorübersausenden Kaiser verspürte und die mich mitriß / oder all die in mir angesammelte Erwartung / die jetzt mit einem Mal in mir zu sieden begann . . . ich hackte die Sporen ein und galoppierte dem Kaiser nach. Hinter mir fegte das Lied her / das die Reiter sangen / vor mir stob der Kaiser dahin und es war / als müsse ich ihn erjagen. Ich wußte von nichts mehr. Mir klangs nur in die Ohren: »Ich weiß nicht / bin ich arm oder reich. Oder geht es mit mir zum Verderben.« Und sonst konnte ich weiter nichts denken. Den Kaiser einzuholen / war ich nicht imstande / aber wie wir beim Fußvolk vorübersprengten / hörte ich ihn zu dem Obristen hinüberrufen: »Es geht all zu langsam. Das Fuhrwerk muß rascher fahren.«

Jetzt waren wir bei den schweren Wagen / die in langer Reihe bedächtig dahinzogen und Mühe hatten im tiefen Kot nicht stecken zu bleiben. Jetzt sah ich / wie der Kaiser über einen Kutscher 84 herfuhr / der neben seinen Gäulen fürbaß schritt. Jetzt sah ich des Kutschers Hand / wie sie auf dem Hinterteil des einen Zugpferdes auflag / diese breite / rote / große Hand . . . ich erkannte sie in der Sekunde: Das war der Kaspar Dinckel / den ich vergessen hatte. Wie ein Feuer gings mir jetzt auf / und zugleich auch / daß ein Unheil bevorstehe. Eine furchtbare Beschämtheit und eine eiskalte Angst schnürten mir im Nu die Kehle. Ich spornte mein Pferd wie rasend. Jetzt hatte ich Eile / jetzt auf einmal hatte ich Beflissenheit und Drang und Begier / dem Kaspar Dinckel mein Wort zu halten.

Aber ehe ich ihn noch erreichen konnte / war alles schon vorüber.

Ich hörte das breite vlämisch gequetschte Deutsch / womit der Kaiser ihn anschrie: »Treib Deine Gäule an / Bursch / es geht all zu langsam . . .«

Er rührte sich nicht / zog seine Hand nicht vom Schenkel des Pferdes / ließ 85 sie breit darauf liegen wie vorher. Unbekümmert schritt er dahin / den blonden Kopf zwischen die breiten Schultern geduckt / mit schleppenden Schritten. Ich sah / daß er widerspenstig war. Ich trieb mein Pferd / daß es schnaubte. Ich stellte mich in den Bügeln auf. Wenn ich dazu komme / wenn er mich erkennt / dann ist alles gewonnen. Rascher als ein Funken aufstiebt / jagte die Angst mir solches Erwägen hervor.

»Hörst nicht / Kerl!« schrie der Kaiser und seine Stimme schnappte. Der aber ging / die Hand auf dem Pferde liegend / als höre er nichts / als sähe er niemanden.

»Kaspar . . .!« wollte ich rufen / denn nun war ich nahe.

Aber der Kaiser hatte seinen Stecken erhoben und schlug zu. Ich sah den Streich auf die breite Schulter herabzucken / ein kleiner / schwächlicher / boshafter / rasch hinschnalzender Streich: »Da hast . . .« kreischte der Kaiser / »da hast . . .!«

86 Da reckte sich der Fuhrknecht auf. Mir stockte der Atem wie er's tat. Wie er dastand / das gute Angesicht von einem jähen Zorn lodernd und bös zusammengefaßt / wie er ausholte mit dem Arm . . . Und im weiten Bogen pfiff seine Peitsche / pfiff und schmitzte dem Kaiser übers Haar / über die Stirn / mitten über das kleine / blasse / entsetzte Antlitz.

»Daß dich spanischen Bösewicht Gotts Element schänden möge!« rief er mit seiner schweren / langsamen Stimme. Und stand noch aufrecht mit freier wutbrennender Stirn und schimpfierte den Kaiser noch mit den funkelnden Augen.

Er kennt ihn nicht / durchfuhrs mich / kennt den Kaiser nicht und dabei durchfuhr mich die unerklärliche Zuneigung / die ich für den Burschen hatte / durchfuhr mich der Jammer über sein Elend / durchfuhr mich die Pracht seiner Gebärde / die frische Kraft seines ausschwingenden Armes und zugleich auch 87 durchfuhr mich Geringschätzung gegen den schwächlichen / kleinen Mann / der da verkauert im Sattel hing und von dem jungen Kutscher gepeitscht worden war.

Mit Gewalt riß ich mich aus dem Zwang dieses Augenblicks / ließ mein Pferd noch ein paar Sprünge tun und befand mich an des Kaisers Seite. Jetzt erst ersah mich der Kaspar Dinckel. Zu spät. Wäre er auch nur um zwei Atemzüge früher meiner gewahr geworden / ich hätte ihn noch retten können. Seine grimmig gestrafften Züge lösten sich im Nu. Das Gesicht wurde ihm gleich ganz hell. Er lächelte mir entgegen und senkte doch wieder rasch in Beschämung die Augen. Ich wollte ihn anreden / aber da hörte ich den Kaiser zischen und pfauchen und wie ich mich gegen ihn wandte / deutete er nur immer mit fuchtelndem Arm wie rasend auf den Kaspar / indessen sein Mund keuchend offen stand und ihm der Schaum über die Lippen trat. Seine 88 Stimme war von Wut / von Schmerz und Krampf völlig verhängt / jeder Ton zugeschnürt / und vom Schnappen des Atems zerpreßt. »Henken . . .!« kreischte er ». . . Henken . . .! stracks . . . an den nächsten Baum!« Seine Augäpfel verdrehten sich / er stieß nur ein kurzes Heulen noch heraus / das umkippte ehe die Zunge es erwischen und ein Wort daraus machen konnte. Dann sank er nach hinten über / als sei er von einem Lanzenstoß aus dem Sattel gerannt.

Es hatten sich etliche Leute schon herumgesammelt / von denen einige den Kaiser auffingen. Andere legten allbereits Hand an / um Kaspar zu fahen.

»Das ist der Kaiser gewesen / dem Du so mitgespielt hast . . .« rief ich nun laut. »Laßt ihn los / er hat den Kaiser nicht gekannt . . .«

Die Männer gaben ihn frei und Kaspar Dinckel bekreuzte sich. »Dann sei Gott meiner Seele gnädig . . .« sagte er.

89 Wir sahen einander traurig in die Augen / und mir preßte eine solche Pein das Herz zusammen / daß Kaspar es wohl merken mußte: »Ich hab wirklich geglaubt / es sei nur so einer . . . von den spanischen Windhunden . . .« Und weil ich schwieg / setzte er hinzu: »Die wollen immer nur die Gäule schinden . . .«

»Wirf Dich zu des Kaisers Füßen / Kaspar . . .« rief ich und fühlte wohl / wie meine Lippen dabei zitterten.

»Ach nein« / sagte Kaspar mit sanftem Trotz in den Augen. »Nun ist es getan / nun sollen sie mir auch den Strick drehen . . .«

»Bitt um Dein Leben / Bursche!« Ich wollte streng sein / wollte daß es ein Befehl werde / aber es klang wie ein angstvolles Bitten und es schauten alle erstaunt zu mir her.

»Dem Kaiser ist sehr übel . . .« sagte einer von den spanischen Rittern / die nach und nach herbeigekommen waren. Ich sah hinüber / den Kaiser von den 90 Seinigen umringt / halb im Sattel sich wieder aufrichtend. Seine Augen waren noch verdreht und wie gebrochen und sein Kopf wackelte hin und her.

»Was gibts da / was war da?« rief eine schmetternde Stimme vor mir / die ich kannte. Es war der Hauptmann Rosenzwick / der um sein Fuhrwerk bekümmert / an den Kreis sprengte.

»Der Knecht da . . . hat den Kaiser ins Gesicht gehaut . . .«

»Mit der Peitschen . . .«

»Nein / mit der Faust . . .«

Die Leute schrien durcheinander.

»Er soll gehenkt werden / hat der Kaiser befohlen.«

»Sogleich an den nächsten Baum . . .«

Der Rosenzwick schielte von der Seite her zu der Gruppe hinüber / wo der Kaiser war / und ich meinte zu bemerken / wie ein leises Schmunzeln unter seinem weißen Schnurrbart zuckte.

»So! So!« knurrte er. »Dann henkt ihn nur gleich auf.«

91 Schon ward Kaspar wieder an der Schulter ergriffen.

Aber ich warf mich dazwischen: »Herr Hauptmann vergönnt mir ein Wort . . .« Ich ritt ganz nah an seine Seite. »Der Bursch da ist ohne Schuld. Hat den Kaiser nicht erkannt. Ich bitt Euch / Herr / laßt ihm Zeit / und ich werfe mich dem Kaiser zu Füßen. Ich bitt Euch / ich bitt Euch / ich bitt Euch!« Halb von Sinnen schrie ich ihm das zu. Er sah mich an.

»Was wollt Ihr junger Mann?«

»Laßt mir den Burschen . . . ich steh mit meinem Kopf für ihn. Gebt eine Stunde Frist . . .« Und die Frage in seinem Auge erspähend / antwortete ich vorweg. »Ich bin der Junker Wenzel aus Rehberg / stehe bei dem Markgrafen von Kulmbach . . . und ich bitt Euch . . . ich bin in das Schicksal dieses Burschen verstrickt . . .«

»Es ist viel gewagt / Herr Junker.«

92 »Ich wage alles« / schrie ich auf. »Alles wage ich.«

»Nehmt ihn also auf eine Stunde . . .«

»Ich danke Euch / Herr Hauptmann . . .« Und eilig befahl ich / daß Kaspar hinweggeführt werde / zu meinen Reitern.

»Erst bindet ihn« / befahl der Rosenzwick / »er muß gebunden werden . . .«

»Ich mags nicht leiden . . .« rief der Bursche wie toll. »Bin mein Lebtag nicht gebunden worden . . . sollen mich lieber gleich aufhängen . . .«

»Kaspar . . .« redete ich ihn an. Da bot er willig seine Hände dar und lächelte noch nach mir zurück / als sie ihn fortbrachten.

»Zum Kaiser jetzt« / sagte ich mir / riß mein Pferd herum und lenkte es ins Gras / wo seitab vom Wege das Gefolge noch immer um den Herrn bemüht war. Sie hatten seinen Gaul gewendet / daß er nun mit dem Rücken 93 gegen die Straße stand / auf der die Truppen langsam vorbeizogen.

Es war ein dichtes Getümmel um den Kaiser / denn alle Personen von Rang waren herbeigesprengt / weil es im Flug durch die Armada geeilt war / der Majestät sei ein Unglück geschehen.

Den Markgrafen von Kulmbach / der auch mit dabei war / ging ich sogleich um seine Fürsprache am »Laßt mich zufrieden mit Eurer Narrheit« / schrie er mir in die Augen. »Der Kerl soll baumeln!«

»Herr Markgraf« / drang ich auf ihn ein / »des Burschen Blut kommt über mich . . .«

Er brüllte. »Was geht's mich an? Lamentiert nicht so um solch ein Vieh . . . es wird so schad nicht sein . . .«

»Erlaubt Herr Markgraf« / sprach da der Rosenzwick dazwischen / »es ist ein kreuzbraver Geselle / der den Kaiser nur in aller Unschuld geschlagen hat . . . und« – er schien wieder zu 94 schmunzeln – »aus Haß gegen die Spanier . . .«

»Er hat nicht gewußt / daß es der Kaiser war« / begann ich wieder.

Der Markgraf wurde ruhig und nachdenklich. Das benützte ich und fing nochmals von vorne an und stellte ihm den ganzen Hergang dar.

»Schließlich« / sagte der Rosenzwick / »was braucht er sich um mein Fuhrwerk zu kümmern? . . . Was braucht er meine Kutscher schlagen . . . zum Teufel mit dem ganzen Unwesen / dem spanischen!«

»Jawohl!« schrie der Markgraf plötzlich heraus / »henken . . . henken . . . bei uns nur immer henken / spießen und rädern . . . Wegen solch einer verdammten Dummheit einfach henken . . .!«

Indessen ward in dem Getümmel eine Gasse frei und der Kaiser kam langsam hindurchgeritten. Er war noch sehr bleich und blickte wie im Traum.

95 »Sitzt ab und kniet . . .« flüsterte mir der Markgraf zu.

Wie der Blitz waren wir alle von den Pferden und ich lag auf dem Boden. Der Kaiser hielt an und hinter mir hörte ich den Markgrafen sprechen: »Dieser Junker da / wenn es Euer Majestät nicht mißfällt / bittet um Gnade für den armen Fuhrknecht . . .«

Der Kaiser verzog das Gesicht / schaute umher / als spähe er an den Bäumen und sprach mit erwürgter Stimme: »Noch nicht gehenkt?«

»Der Junker da bittet um Gnade« / fuhr der Markgraf unbekümmert fort.

»Henken! Henken!« schrie der Kaiser.

»Es ist ein ehrlicher Mensch!« knurrte der Rosenzwick. »Schenk Euer Majestät ihm das bißl Leben . . . ein braver Kerl.«

Auf den Knien liegend / das Haupt gesenkt / hörte ich über mir des Kaisers Stimme / breitgequetscht / überschnappend / zornig. »Henken! Henken!«

96 Ich sprang auf / denn ich mochte es nicht länger leiden im Staube vor ihm zu liegen. Nun wollte ich sprechen / sann darüber nach / womit ich ihn wohl bewegen könnte / aber wie ich ihn so vor mir erschaute / ganz blaß und armselig und mit giftiger Miene umherlauernd / meinte ich ihn zu ertappen / wie er sich inwendig freute / uns zu quälen / wie es ihn nach unseren Bitten gelüstete und da ging mir eine schallende Rede im Kopf herum / die ich nicht wegbrachte / sie ward lauter und lauter und schlug mir beinahe zum Mund heraus. Daß dich spanischen Bösewicht Gotts Element schänden möge! Ich wandte die Augen von ihm / sah an ihm vorbei zur Straße hinüber / wo all die Soldaten dahinzogen. Die läßt er alle marschieren / mußte ich denken. Das Lied sprang in mir auf. »Er macht es wie's ihm gefällt.« Ist alles ringsumher nur für ihn / und das zwang mich wieder / ihn anzuschauen.

97 »Er hat des Kaisers hohe Person nicht gekannt« / sagte eben der Markgraf. Aber es kam kein Bescheid. Wir standen umher / wußten nichts zu sagen und mir fiel plötzlich wieder ein / was ich tags zuvor hatte denken müssen: Daß wir alle um ihn herumstanden / wie um ein fremdartig Tier. Jetzt war es mir genau wiederum so. Dort saß er zu Pferd / blickte spähend / mit Angst und Wut / mit Haß und Schadenfreude auf uns. Hier standen wir und schauten mit Angst und Neugierde auf ihn / und lag eine unermeßliche Weite zwischen uns wie von Ufer zu Ufer des Meeres / wie von einer Welt zur anderen.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen / aber als ich zu reden anfing / ward ich staunend gewahr / daß ich gar keinen Mut mehr nötig hatte. Alle Scheu war von mir gewichen und ich sagte laut: »Ich biete mein eigenes Leben für das des Knechtes . . .« in mir 98 selbst aber ging eine andere Rede weiter: Daß dich spanischen Bösewicht Gott's Element schänden möge!

Der Kaiser blinzelte mich am Ich schwieg. Zwei- / dreimal wollte ich anheben und weiter reden / er aber blinzelte mich wißbegierig an / wie man einen Menschen betrachtet / der den Veitstanz hat / oder dem sonst sehr übel ist. Und ich schwieg unter diesen blinzelnden Augen. Ich haschte in meinem Herzen nach der Courage / die mir entgleiten wollte; es half nichts / sie schwand mir dahin und hätt' ich mich gleich zu Tode geschämt / sie war mit einem Male fort / irgendwo in mir verkrochen / von den Blicken des Kaisers verscheucht und kam erst langsam wieder hervor / als nun ein anderer zu reden begann.

Das war der Markgraf. Indessen schaute ich auf den Striemen in des Kaisers Antlitz. Er lief aus dem Haar hervor / die Stirne abwärts / sprang von den Brauen zur Wange und stürzte 99 sich / ein dünner brandroter Faden / in den schütteren Bart.

Plötzlich hörte ich den Rosenzwick sagen: »Es ist mein Kutscher / gnädiger Herr / laßt ihn mir / ich will ihn schon strafen. Nur gehenkt soll er nicht werden / denn er ist brav und hat's nicht verdient.«

Der Kaiser wandte seinen Blick zu mir / als wollte er mich auffordern / weiter zu bitten. Von beiden Seiten stießen mich der Markgraf und der Rosenzwick an: »Ich flehe um Eurer Majestät Gnade. Es ist ein so lieber Bursche / ich wollt' ihn in meine Dienste nehmen / Majestät / ich bin schuld daran / Majestät . . . mein Herz hängt an dem Gesellen.«

Der Kaiser lächelte. So überraschend war dieses Lächeln / daß ich fassungslos zu sprechen aufhörte. Da stieß mich der Rosenzwick an / daß ich erwachte: »Kniet nieder und dankt dem Kaiser . . . Euer Bursche ist begnadigt . . .«

100 Ich warf mich flüchtig zur Erde / hielt die Hand vor den Mund / damit das Jauchzen in mir nicht laut hervorschmettern solle / und dann murmelte ich irgend ein Zeug ohne Sinn / stotternd . . . Majestät . . . und wieder . . . Majestät. Wie ich aber zu Pferde sprang / fing ich einen seltsamen Blick auf / den mir der Kaiser nachsandte. Es war wie ein kaltes Staunen / und als ob er mir's nicht gönnen wolle / daß ich nun meinen Willen hatte. Im Abreiten spürte ich ihn noch im Rücken hinter mir herstechen / diesen Blick / und alle meine Freude war davon wie verschüchtert. Da ich jedoch nach kurzem Traben dem Kaspar begegnete / den sie gefesselt hinter unserer Schwadron einherführten / war ich doch des Glückes voll / weil nun alles so gut abgelaufen schien. Ich winkte ihm zu / lächelte / und schrie: »Gebt ihn los / Ihr Leute / der Mann ist frei!«

Kaspar schwieg still. Doch während 101 sie ihm dann abseits des Weges im Grase die Stricke lösten / schauten wir einander an / und mir war so warm zu Mute / als hätte ich einem verlassenen Kinde Gutes erwiesen.

Sowie Kaspar der Bande ledig war / hob er mit einem singenden Schrei die Arme hoch in die Luft / warf die Hände / und trieb es fröhlich genug. Alle lachten. Ich lachte auch / und am meisten der Kaspar.

Dann trat er zu mir / und den Hals des Pferdes streichelnd / sagte er: »Es ist derselbe Fuchs / den Ihr gestern hattet . . .«

»Und von heut' ab sollst du ihn pflegen« / meinte ich.

Kaspar schaute lachend zu mir auf. »Jetzt muß ich schon Euch gehören / gnädiger Herr / denn Ihr habt mich ja gradaus vom Galgen geholt.«

»Was bist du auch so dreist?« schalt ich ihn.

Er aber meinte: »Ich bin gar nicht 102 dreist / Herr Junker / mich hat's nur wegen der Pferde verdrossen . . .«

Indessen sprengte einer von den spanischen Offizieren heran. Er hielt am Wegsaum / wie er uns auf der Wiesen erspähte / kam dann zu uns / und an sein Hütchen greifend / fragte er mich: »Ist das dort der Schuft / der dem Kaiser mit der Peitschen ins Gesicht gefahren ist?« Und ohne meine Antwort zu erwarten / rief er die Soldaten an: »Heda! Hole einer von Euch den Profosen. Aber schnell!«

»Was wollt Ihr?« rief ich zornig. »Der Kaiser hat ihm gerade das Leben geschenkt.«

Da meinte der Spanier höhnisch: »Das Leben freilich. Das will ich ihm auch nicht nehmen. Aber seine Nase und seine Ohren wird er mir schon hergeben müssen.«

Kaspar sah mich erstaunt an und ich wurde zornig: »Kein Haar werdet Ihr dem Burschen da krümmen . . .« 103 schrie ich dem Spanischen ins Gesicht.

»Ihr werdets nicht hindern . . .« erwiderte er mir langsam.

»Herr!« ich hob mich dabei in den Bügeln / »ich rat Euch / treibt Eure Possen anderswo . . .«

»Ich treibe keine Possen. Ich komme vom Kaiser.« Er sprach immer langsam und wie mir schien verächtlich.

»Er ist begnadigt . . . in Teufels Namen . . .« / sagte ich erbost.

»Da habt Ihr recht« / rief in diesem Augenblick der Leutnant Schnabel / der eben herangaloppiert kam. »Da habt Ihr recht . . . in des Teufels Namen begnadigt. Gebt Euch zufrieden Rehberg / es ist wie der Hauptmann sagt.«

Nun wurde mir plötzlich Angst. »Was meint Ihr denn?« fragte ich den Schnabel / »der Kaiser . . .«

Der Schnabel lachte verlegen: »Den Galgen hat ihm der Kaiser geschenkt . . . 104 ja . . . freilich . . . aber ungestraft läßt er seine Keckheit nicht.«

Weil er nun merkte / wie's mich angriff / redete er mir im Ernste zu / und berichtete mir genau / was des Kaisers Wille sei: »Ihr habt Euch zu rasch davon gemacht / Junker Rehberg. Der Kaiser folgte Euch lange mit den Augen / ward dann nachdenklich und befahl zuletzt / was Ihr vom Spanier gehört habt. Es soll ein Signum sein / sagte der Kaiser / daß der Bursch sich an kaiserlich römischer Majestät Person vergriffen hat. Schaut nicht so wild und faßt Euch. Es ist nichts mehr dran zu ändern . . .«

»Und hat niemand« / fragte ich verzagt / »hat niemand von Euch ein Wort darüber gered't?«

»Das hat der Rosenzwick sich erlaubt.« Schnabel lachte wieder. »Der hat ja immer ein loses Maul.«

»Und was sagte er dem Kaiser?« drängte ich.

105 »Er meinte / nun habe der Junker Rehberg sich vergeblich gefreut / und es sei doch nur eine halbe Gnade.«

»Weiter nichts!« fuhr ich empört heraus / »weiter hat er ihm nichts gesagt . . .«

Schnabel war erstaunt. »Noch mehr? Wißt Ihr denn / was der Kaiser darauf erwidert hat? Wer hieß den Junker sich freuen / meinte er. Und dann: wenn ihm der Bursch gar so lieb ist / wird er ihn auch ohne Nase und Ohren behalten . . .«

»Gewiß« / rief ich aus / »ich will ihn halten und pflegen und er soll mir nicht geringer sein / weil ihn der Henker geschändet hat.«

Und plötzlich / ich wußte selbst gar nicht warum / brach ich los: »Was hab ich denn dem Kaiser getan / daß ihn meine Freude verdrießt?«

»Besinnt Euch« / meinte der Schnabel scharf / »der Kaiser weiß nichts von Euch / er kennt Euch nicht . . .«

106 In diesem Augenblick sprach mich Kaspar an. Er hatte während dieser Wechselreden immer nur mich voll Zuversicht angeschaut. Jetzt stand er neben meinem Bügel und redete zu mir: »Ist es wahr / gnädiger Herr / daß ich solchen Gräuel erleiden soll?«

»Es ist wahr / mein armer Kaspar . . . leider Gottes . . .« Ich vermochte seinen Blick nicht auszuhalten.

Da faltete er die Hände / und seine Stimme klang seltsam verändert / wie aus einem Abgrund zu mir herauf. »Gnädiger Herr / das nicht . . . um mein Leben hätte ich nie gebeten . . . aber laßt das nicht an mir geschehen . . . ich bitte Euch.«

»Kaspar« / antwortete ich ihm / »bei Gott / ich kann dir nicht helfen. Ich will gern alles für dich tun / was du nur verlangst / aber . . .

Er fiel mir ins Wort: »Ist das Euer Ernst / daß Ihr alles für mich tun wollt?« Und seine Augen trafen mich 107 mitten ins Gesicht / als suchten sie nach meinem guten Willen.

»Ich schwöre es dir / Kaspar« / sagte ich in diesen Blick hinein / »was du verlangst / will ich tun.«

Er spähte rasch zur Seite nach dem Spanischen und dem Schnabel / die sich miteinander unterhielten. Dann flüsterte er auf die Pistole in meinem Sattel deutend: »Da habt Ihr etwas / was mir helfen kann.«

»Kaspar« / rief ich leise. »Du bist ein Mann / wirst es verschmerzen und noch lange leben . . . bei mir leben.«

»Nicht bei Euch und nicht anderswo. Ich ertrag's nicht / gnädiger Herr. Verzeiht mir / aber das leid ich nicht. Haltet Euer Wort / und alles wird sein / als hätt' mir der Kaiser nicht das Leben geschenkt . . . besser noch / denn der Henker wird mich nicht angerührt haben . . .«

Ich schaute / während er mit festem Tone also redete / in sein helles Gesicht / darauf die Jugend blühte / und auch 108 mir war's unerträglich / daß er von Blut und Wunden sollte entstellt / unkenntlich und verstümmelt werden. Ich war auf einmal beinah froh und wie getröstet / weil der Kaiser damit um seinen Willen kam und ganz sachte flüsterte ich ihm zu: »Nimm dir / was du willst . . .«

»Nein« / entgegnete er mit einem unbeschreiblichen Lächeln. »Ich selbst darf es nicht tun / um meiner Seele Willen« / und dabei drang er mit seinen Augen in mich ein.

»Kaspar . . .« / sprach ich / » . . . Freund . . .«

»Macht schnell . . .« flüsterte er mir zu / »jene werden nicht mehr lange warten / und der Spanier soll mich nicht haben.«

»Nein« / gab ich zurück / als lenke er meine Worte in mir / »der Spanier soll dich nicht haben . . .«

Er lachte frisch auf und trat näher heran.

»Kaspar . . .« fing ich an / »vergib mir die Schuld / die ich um dich trage . . .«

109 Er streichelte die Mähne meines Pferdes: »Gnädiger Herr / ich hab nichts zu vergeben / vielmehr müßt Ihr mir verzeihen / . . . und laßt Euch danken / weil Ihr so barmherzig zu mir seid.«

»Kaspar« / sagte ich noch einmal / aber er hatte seine Wange auf den Hals meines Pferdes gelegt. So stand er vor mir und sah zu mir herauf / und ich hörte / wie seine Hand die Brust des Tieres klopfte / damit es ruhig bleibe.

Da zog ich das Pistol hervor und während wir uns in die Augen schauten / setzte ich ihm den Lauf an die Schläfe. Wie dann der Schuß fiel und der erschrockene Gaul ein paar Schritte tat / sah ich Kaspars lächelndes Antlitz unter mir versinken und sah noch / wie es im Abgleiten von der ersten Blässe des Todes überflogen ward.

Jetzt gab ich meinem Tier die Sporen und sprengte im Bogen auf die Straße zurück. Rascher als vor kurzer 110 Frist der Kaiser an mir vorbeigesaust war / galoppierte ich die Reihen entlang bis ich den Markgrafen ersah / inmitten seiner Offiziere. Stracks redete ich ihn an: »Herr Markgraf / vergönnt mir / daß ich Abschied nehme.«

Der wilde Kulmbach sah mich verdutzt an und die an seiner Seite waren / horchten auf.

»Was gibts / was wollt Ihr?« fragte der Markgraf.

»Abschied von Euch nehmen / Exzellenz« / sagte ich ruhig.

»Ihr seid wohl toll geworden?« brüllte er los.

»Das bin ich keineswegs / Herr Markgraf. Ich war es gestern und heut vielleicht / aber in dieser Stunde bin ich wieder bei Sinnen.«

»Ich versteh Euch nicht!« schrie der Markgraf erbost. »Laßt mich in Frieden / ich mag das Geschwätze nicht. Macht / daß Ihr auf Eueren Platz kommt!«

111 »Mein Platz / edler Herr / ist nicht hier / und deshalb will ich Urlaub nehmen.«

Ein junger Leutnant mengte sich ein. »Gewiß ist es die Sache mit dem Fuhrknecht / die Euch verdrießt. Macht doch nicht so viel Wesens um solch einen Kerl.«

Bevor ich ihm aber antworten konnte / wetterte mich der Markgraf an: »Ich weiß es schon. Da habt Ihr wider des Kaisers Mandat verfahren / Herr. Seid froh / daß ich Euch nicht schwer drum büße.«

»Ihr könnt mich gar nicht büßen / Herr Markgraf / denn noch habt Ihr mich nicht in Eid genommen. Ich aber will auch gar nicht mehr zu des Kaisers Fahnen schwören.«

»Habt Ihr gestern so gewollt und heute so? Seid Ihr ein kleines Kind / oder habt Ihr mich zum besten? Wißt Ihr / daß es gradaus in den Krieg geht / und macht Euch unterwegs davon?«

112 Der Junge lachte höhnisch.

»Herr Leutnant« / antwortete ich seinem Lächeln / »wenn Ihr mit mir dort auf die Wiesen wollt / da möcht ich Euch schon zeigen . . .«

»Der Teufel wird mit Euch auf die Wiesen!« tobte der Markgraf / »wer die Sache des Kaisers verläßt / ist ein Schelm und mit Schelmen ficht kein ehrlicher Soldat! . . . Macht / daß Ihr fortkommt!« fuhr er mich an / als ich ihm entgegnen wollte.

Langsam wandte ich mein Pferd und langsam ritt ich querfeldein / bei Tag und bei Nacht / bis ich wieder zu Hause war / in Böhmen.

 

Und es sind viele Jahre verflossen seit jenem Tag. Kaspar / dachte ich damals . . . Er war gerechter gegen das liebe Vieh und milder / als der Kaiser gegen ihn gewesen. Der Kaiser / dachte ich weiter. So ist dies alles geschehen: 113 Weil ich nur in seine Nähe kam / hat mich die Hoffahrt ergriffen / daß ich dem armen Burschen / der mir am Platz zu Augsburg die Zügel hielt / gleich meinen Dienst verhieß. Und dann hat mich dies Treiben so weit von meinem Worte fortgerissen / daß ich seiner nicht mehr gedachte. Wie geht das zu / dachte ich / was für eine Luft weht da / daß ich so schlecht werden mochte / solch ein Prahler / und so von Eitelkeit und von Untreue ergriffen? Neben mir stand der Rosenzwick in jenem Saale / wo die nackten Dirnen tanzten. Hätte ich ihn angeredet / mit wenig Worten nur gebeten / dann wär der Kaspar nicht mehr beim Fuhrwerk gewesen / sondern bei mir / der Kaiser hätte ihn nicht angeschrien und mit dem Stecken geschlagen / und er hätte dem Kaiser nicht die Peitschen ins Gesicht geschmitzt. Dann läge er jetzt nicht dort / als ein Toter auf dem Anger bei Augsburg / sondern könnte sich seines Lebens und seiner Jugend 114 freuen noch viele Jahre. Ein Wort damals von mir / nur eines. Nicht einmal den Fuß hätte ich rühren brauchen / nicht einmal den Kopf wenden / nur den Mund auftun / so dicht stand der Rosenzwick an meiner Seite. Aber ich war in Völlerei / war in Wollust versunken / in schnöder Gier nach Rang und Ehre und hab' des armen / aufrichtigen Burschen vergessen. Und weiter ist es geschehen / weil diese Schuld auf mir lag / daß mein Herz jauchzte / als ich den Peitschenhieb gegen des Kaisers Antlitz erblickte. Es ist geschehen / daß dieser geringe Bursche / dem ich die Treue gebrochen / vor mir den Arm erhob und gleichsam den Schleier von des Kaisers Angesicht herabriß / also daß er mir als ein kleiner und elender Mensch plötzlich enthüllt ward. Es ist geschehen / daß ich ihn keuchend boshaft / mit Schaum vor dem Mund in all seinem Jammer erschaute / daß ich den feigen Blick aus seinen Augen ertappte und daß ich in 115 meinem Gemüte vergeblich suchte nach der frommen Ehrfurcht vor dem Gesalbten des Herrn. Was war aus mir geworden von einem Tag auf den andern seit ich in Augsburg eingeritten voll Andacht und Achtung und voll Begier / dem Kaiser mein Schwert zu weihen? Es hatte sich also gewendet / daß ich ihn / wie ein Verräter / heimlich einen spanischen Bösewicht gescholten / und daß mein Arm als Rebell nach dem Schwert gezuckt hatte / um es gegen meinen Herrn zu ziehen. Es hatte sich also gewendet / daß mir jener niedere Knecht / der unter meines Pferdes Hufen veratmet hatte / teuerer war / als Kaiser Karls Majestät.

Und es sind viele Jahre verflossen seit jenem Tag. Nun aber ist mir die Kunde geworden / Kaiser Karl habe vor wenig Monden all seine Kronen von sich abgetan / sei in ein spanisch Kloster gegangen / und ein Mönch geworden. Ist ihm doch auch nicht wohl 116 gewesen / und ich hab ihn am Ende doch nicht gekannt. Was wußte der Kulmbach von mir / und was konnte er denken / da ich ihm so davonging. Und was weiß ich vom Kaiser / als daß er in jener Unglücksstunde zornig gewesen. Einen Schelm hat mich der Markgraf geheißen / aber das ist leicht gesagt. Die Menschen reden und wissen nichts voneinander / und man kann es ihnen auf keine Art beweisen / wie sie Unrecht tun. Und die Welt ist so geworden / daß der Kaiser des Kaisers Sache verläßt. Ich bin kein Schelm. In Gottes Namen.

 

Ende

 

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