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Herr und Knecht/Iljaß

Lew Tolstoi: Herr und Knecht/Iljaß - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLew Tolstoi
titleHerr und Knecht/Iljaß
publisherMax Fischer's Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorCarl Goritzky
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170403
projectidf340b03d
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VIII.

Unterdessen feuerte Wassilij Andrejitsch das Pferd mit den Füßen und den Enden der Zügel zum Vorwärtsgehen an; er schlug die Richtung ein, in der er Wald und Weg vermutete. Der Schnee hinderte ihn am Sehen, der Wind kam ihm gerade entgegen und schien ihn aufhalten zu wollen, er aber trieb unablässig das Pferd an und strebte vorwärts. Mit der einen Hand hielt er den Pelz zu und stopfte ihn zwischen sich und das Rückenpolster, das, ganz mit Schnee überzogen, ihn eisig durchkältete.

So ging es ungefähr fünf Minuten mühsam weiter. Er sah nichts als den Kopf des guten Braunen und das weiße wirbelnde Chaos, hörte nichts als das Schnauben des Windes und das Pusten seines Tieres.

Da tauchte etwas Dunkles vor ihm auf. Freudig klopfenden Herzens näherte er sich der Erscheinung, die er für die Mauern eines Hauses hielt; aber das Dunkle schien zurückzuweichen und sich bis ins Unendliche zu verlängern. Es war kein Haus, sondern nur ein Feldrain, dem die hohen, sich im Winde beständig neigenden Beifußsträucher das bewegliche Aussehen verliehen.

Diese Bewegung aber des so grausam gepeitschten Gestrüpps flößte Wassilij Andrejitsch seltsamerweise Entsetzen ein. Eiligst floh er den Anblick und merkte dabei nicht, daß er seine bisherige Richtung verließ und das Pferd nach einer ganz anderen Seite hinlenkte.

Immer noch in dem Glauben, daß er sich dem Weg und dem Wald nähere, schwenkte er links ab, während der Braune sich beständig rechts wandte, schließlich aber doch dem Willen seines Herrn folgen mußte.

Nach kurzer Zeit lag wieder etwas Dunkles vor ihm. Abermals glaubte er Häuser zu finden – abermals war es ein mit Beifuß bewachsener Rain, in dem der Wind sein tolles Spiel trieb.

Wassilij Andrejitschs Schrecken steigerte sich und er jagte wieder vorwärts. Da bemerkte er im Schnee unten Spuren von Pferdehufen, die der Wind schon halb verweht hatte. Das konnten keine anderen Spuren sein, als seine eigenen! Demnach hatte er bisher nur einen kleinen Kreis beschrieben.

Ich muß umkommen – dachte er, und nur um diesen schrecklichen Gedanken etwas zu vergessen, trieb er das Pferd von neuem vorwärts. Mit seinen Augen versuchte er, den Schnee vor sich zu durchbohren, sah aber nichts, als kleine, leuchtende Pünktchen, die bald aufflammten, bald wieder verschwanden.

Einmal klang es wie Hundegebell oder Geheul von Wölfen herüber, aber die Töne waren so leise und undeutlich, daß er nicht wußte, ob er sich vielleicht getäuscht habe; deshalb hielt er das Pferd an, um zu lauschen.

Da plötzlich hörte er ein entsetzliches, ohrenbetäubendes Brüllen, und der Boden unter ihm schien zu wanken. Krampfhaft faßte er nach dem Halse des Pferdes, doch auch dieses zitterte und bebte, und der Schrei klang noch furchtbarer wie vorher. Halb von Sinnen vor Schreck saß Wassilij Andrejitsch da, und erst allmählich wurde ihm klar, was eigentlich geschehen. Nichts weiter, als daß Gelbmaul recht laut gewiehert hatte, vielleicht um Hilfe herbeizurufen oder um sich selbst Mut zu machen in der furchtbaren Einsamkeit.

»Teufel, hat mich die verwünschte Bestie erschreckt!« brummte Wassilij Andrejitsch und sprach dann weiter zu sich selbst: »Ich muß wirklich ruhiger werden, sonst komm' ich noch ganz um vor Furcht.«

Damit trieb er das Pferd wieder an, merkte aber trotz seines guten Vorsatzes nicht einmal, daß sie den Wind jetzt im Rücken hatten, statt wie vorher im Gesicht.

Sein ganzer Körper zitterte vor Frost und war durchkältet, besonders da, wo der Pelz ihn nicht bedeckte. An den Wald und das Wachthaus dachte er schon nicht mehr, die waren vergessen, und es war nur sein sehnlichster Wunsch, zum Schlitten zurückzukehren, um nur nicht allein sterben zu müssen.

Auf einmal sank das Pferd unter ihm in die Kniee und begann mit den Hinterbeinen auszuschlagen. Wassilis Andrejitsch sah, daß es in eine tiefe Schneewehe geraten war und sich auf die Seite zu legen drohte. Eiligst sprang er ab, indem er dabei das Rückenpolster halb herabriß, so daß es auf der Seite hing, und beugte sich, nach dem Tiere zu sehen. Kaum aber fühlte sich das Pferd seiner Last ledig, so richtete es sich wieder auf, bäumte sich, machte einen Sprung, dann einen zweiten, und rannte, die schwere Decke und den Riemen nach sich schleppend, davon. Im Nu war es Wassilij Andrejitschs Augen entschwunden, der nun allein in dem tiefen Schnee zurückblieb.

In eiligem Lauf wollte er dem Tiere nach, aber bei jedem Schritt geriet er bis über die Kniee in den tiefen Schnee, so daß er binnen kurzem schweißbedeckt und atemlos innehalten mußte. Seine Kniee wankten unter der Last der schweren Pelze und der hohen Stiefeln.

»So werde ich hier elend umkommen müssen,« seufzte er, »und was soll dann mit dem Wald, dem Vieh, den Pachtgütern, dem Laden und den Schänken werden? Es ist doch nicht möglich, daß ich das alles verlassen muß!«

Ueber diesen Gedanken faßte ihn ein furchtbares Entsetzen, das im nächsten Augenblicke wieder der Hoffnung wich, daß alles das Fürchterliche, was er jetzt erlebte, nur ein Traum sei. Er versuchte, den schweren Traum abzuschütteln – er wollte erwachen, konnte es aber nicht.

Nein, es war Wahrheit: es war wirklicher Schnee, der da sein Gesicht streifte, es war eine wirkliche Wüste, in der er da allein stand, umtost vom Sturme, wie jener Beifuß am Feldraine, und den unvermeidlichen, schrecklichen Tod erwartete.

»Du himmlische Königin, Nikolaus, Du Wunderthäter!« flehte er, indem er sich des gestrigen Kirchengebetes vor dem goldblitzenden Heiligenbilde erinnerte, und ihm dabei auch die Kerzen in den Sinn kamen, die er in seinem Laden zum Anzünden vor diesen Heiligenbildern verkaufte. Man pflegte sie ihm, halb abgebrannt, wiederzubringen, und er verschloß sie dann wieder in seinem Kasten.

Zu eben diesem Heiligenbilde, dem wunderthätigen Nikolaus, betete er nun, indem er ihm eine ganze Menge Kerzen versprach. Dabei war es ihm freilich ganz klar und zweifellos, daß das Heiligenbild, der goldene Rahmen, die Kerzen, die Geistlichen, die Gebete dort in der Kirche zwar sehr wichtig und unbedingt nötig waren – daß sie hier, in dieser öden Wüste, ihm aber nichts nützen konnten, daß all diese Dinge mit seiner jetzigen trostlosen Lage gar nichts zu thun hatten und ihm nicht helfen konnten.

»Nein, sie können mir nicht helfen. Aber den Mut darf ich nicht verlieren. Ich werde jetzt schnell den Spuren des Pferdes folgen, ehe der Sturm sie ganz verweht!« sagte er zu sich und eilte weiter.

Zwar hatte er sich vorgenommen, langsam zu gehen, aber immer trieb ihn seine innere Unruhe so hastig weiter, daß er in den tiefen Schnee hinstürzte. Dann erhob er sich und machte ein paar weitere mühselige Schritte, um wieder hinzufallen.

Da er an den Stellen, wo der Schnee nicht tief lag, die Pferdespur schon nicht mehr sah, fürchtete er, sie noch ganz zu verlieren, und gab seine Rettung auf. Doch im Augenblick der größten Mutlosigkeit tauchte fast unmittelbar vor ihm etwas Dunkles auf: das Pferd, der Schlitten und die emporstehenden Deichseln mit dem wehenden Tuche.

Gelbmaul, dem das Rückenpolster, der Riemen und die Decke noch immer von der linken Seite herunterhingen, hatte sich jetzt dicht neben die Deichseln gestellt und schüttelte beständig den gesenkten Kopf. Wassilij Andrejitsch sah, daß das Tier in die Zügel getreten und sich hinein gewickelt hatte und deshalb den Kopf nicht heben konnte.

Wassilij Andrejitsch erriet nun, daß er auf dieser letzten Irrfahrt wahrscheinlich in dieselbe Schlucht geraten war, an die er schon vorher mit Nikita gekommen, und daß er es nur der Klugheit des Pferdes zu verdanken hatte, wenn er sich jetzt wieder bei seinem Schlitten befand.

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