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Herr und Knecht/Iljaß

Lew Tolstoi: Herr und Knecht/Iljaß - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLew Tolstoi
titleHerr und Knecht/Iljaß
publisherMax Fischer's Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorCarl Goritzky
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170403
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VII.

Nikita hatte von dem Moment an, wo er, in eine grobe Decke gehüllt, sich an der Rückwand des Schlittens niedergekauert, regungslos dort gesessen. Ungeduld oder Aufregung kannte er nicht, wie es allen denen geht, die mit der Natur leben und an Entbehrungen gewöhnt sind. Er konnte warten – stunden-, ja tagelang warten, bis seine Zeit kam. Er hatte recht wohl gehört, als sein Herr ihn gerufen, die Antwort aber unterlassen, weil er sich nicht bewegen wollte.

Auch er hatte so seine Gedanken gehabt; schon in dem Augenblicke, da er sich zur Ruhe niedergelassen, war ihm die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, daß er in dieser Nacht sterben werde, vor Augen getreten.

Jetzt fühlte er sich allerdings noch warm, hatte er doch eine gehörige Menge heißen Thee genossen und sich außerdem durch das Umherwaten im Schnee tüchtig Bewegung gemacht; allein er wußte auch, daß diese Wärme nicht lange vorhalten werde und er sie durch erneute Bewegung nicht ergänzen könne, denn dazu fühlte er sich zu erschöpft. Ging es doch dem Braunen ebenso: war der müde, so ließ er sich auch nicht zum Weitergehen bewegen, bis er seine gehörige Portion Futter bekommen. Zu alledem kam, daß sein Fuß, der in dem zerrissenen Stiefel steckte, steif geworden war; in der rechten Zehe hatte er schon kein Gefühl mehr. Von Minute zu Minute fühlte er seinen Körper kälter werden.

Indes verursachte der Gedanke an sein bevorstehendes Ende Nikita doch keinerlei Bedauern. Weshalb hätte diese Aussicht ihn auch unangenehm berühren sollen? Sein ganzes Leben war in Dienstbarkeit, unter saurer Arbeit verflossen, Freuden- und Festtage waren ihm nur spärlich zu teil geworden. Nein, es war wirklich nicht schade, wenn das endlich vorüber war!

Aber auch nicht besonderen Schrecken vermochte ihm der Gedanke einzuflößen, denn er hatte stets außer den zahlreichen Herren, denen er im Leben gedient, einen höheren, einen gütigen über sich gefühlt und sagte sich nun, daß dieser eine ihm auch droben ein erbarmender Herr sein werde.

Schön ist es ja nicht, so plötzlich alles im Stich lassen zu sollen, an was man sich im Laufe der langen Jahre gewöhnt hat, aber was hilft es? Schließlich lernt man auch das Neue ertragen.

Nun aber schoß ihm der Gedanke an die Sünde durch den Sinn. Seine Trunksucht, das verschwendete Geld, die Beleidigungen, die er seiner Frau zugefügt, die Zänkereien, wie oft er versäumt hatte, die Kirche zu besuchen und die Fasten innezuhalten, und so viel anderes, wofür er in der Beichte Vorwürfe erhalten hatte, beschäftigten seine Gedanken.

Ja, das werden wohl Sünden sein! Aber an diesen meinen Sünden bin ich gar nicht schuld; Gott hat mich so geschaffen, wie ich bin – was gehen sie mich also an?

Auf diese Weise entledigte er sich aller Gedanken, die ihn möglicherweise beunruhigen konnten und gab sich dann in aller Ruhe den Erinnerungen hin, die sich seinem Geiste darboten: er dachte an Maria, an das gestrige Fest, an die Arbeiter, die wieder alle betrunken gewesen waren, an seinen Schwur betreffs des Branntweintrinkens. Dann wieder beschäftigten ihn die heutigen Irrfahrten, der Besuch bei Taraß und das dort geführte Gespräch über die Teilung der Güter, und schließlich kam er auf seine eigenen Kinder, dann auf den Braunen, den die Decke dort nur notdürftig schützte, und auf seinen Herrn, der sich in dem knarrenden Schlitten so ruhelos hin und her wälzte.

»Der gute Herr wird wohl selber nicht froh darüber sein, daß er nicht in Grischkino geblieben ist! Ja, ein Leben, wie er es führt, verläßt man nicht gern. Er ist eben nicht einer wie ich!«

Allmählich begannen sich seine Gedanken und Erinnerungen zu verwirren, in seinem Kopfe durcheinander zu fahren, und er schlief ein. – – –

Wie schon gesagt, wurde Nikita aus diesem Schlummer unsanft aufgeweckt, als sein Herr beim Besteigen des Pferdes den Schlitten ins Schwanken gebracht hatte. Ob er nun Lust hatte oder nicht – jetzt mußte er aufstehen. Mühsam nur, da seine Füße ihm nicht gehorchen wollten, erhob er sich, streckte sich, schüttelte den an seinen Kleidern haftenden Schnee ab und schaute sich dann nach seinem Herrn um.

Nachdem er eingesehen, was dieser vor hatte, meinte er, daß sein Herr ihm wohl die Decke zurücklassen könnte, die das Pferd auf seinem Rücken trug und die es nun nicht mehr brauchte. Das war der Inhalt jenes Zurufs, den der Davonreitende nicht verstand und nicht verstehen wollte.

Als nach wenigen Augenblicken Pferd und Reiter Nikitas Augen entschwunden waren, überlegte er, was nun zu thun sei. Das Beste wäre, auch fortzugehen, um Menschen aufzusuchen – aber dazu fehlte ihm die Kraft; seinen alten Platz konnte er nicht wieder einnehmen, denn der war ganz verweht. Seine einzige Zuflucht blieb demnach der Schlitten, und auch darin würde er sich nicht wieder erwärmen können, da er keine Decke hatte, und seine Kleider zu dünn waren. Er zitterte vor Frost und ihm war, als trüge er nichts als sein Hemd auf dem Leibe.

Nach einem Augenblick des Nachsinnens warf er sich, so wie er war, in die Ecke des Schlittens, die sein Herr bisher inne gehabt hatte, zog die Beine in die Höhe, so daß er wie ein Knäuel aussah, konnte sich aber trotz alles Bemühens nicht wieder erwärmen.

Eine ganze Weile fühlte er, wie ihm alle Glieder zitterten und wie seine Zähne aneinander schlugen, dann verließ ihn allmählich das Bewußtsein.

War es der Schlaf oder der Tod, der sich ihm jetzt näherte? Es war ihm gleich; er war zu allem bereit.

Sein letzter bewußter Gedanke war: Will Gott, daß ich noch einmal in dieser Welt zum Leben erwache, daß ich mein Dasein noch weiter als Knecht friste, daß ich fremde Tiere besorge, fremdes Getreide in die Mühle fahre, mich weiter abwechselnd betrinke und den heiligen Eid der Enthaltsamkeit ablege, all' meinen Lohn meiner Frau und jenem Böttcher überlasse – nun, dann geschehe sein heiliger Wille!

Will er aber, daß ich in einem anderen Leben erwache, wo alles neu und schön sein wird – so schön, wie hier nur die ersten Kinderjahre, die Mutterliebe, die Spiele mit den Freunden, die Wiesen und Wälder, die Eisbahn und Schlittenfahrt –, wo ich ein anderes, ganz unbegreifliches Leben führen soll – nun, so geschehe sein heiliger Wille!

Damit war Nikitas Bewußtsein völlig geschwunden.

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