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Herr und Knecht/Iljaß

Lew Tolstoi: Herr und Knecht/Iljaß - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLew Tolstoi
titleHerr und Knecht/Iljaß
publisherMax Fischer's Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorCarl Goritzky
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI.

Obwohl Wassilij Andrejitsch gerade jetzt, nach dem er sich bei der Schneewehe so angestrengt hatte, sich in seinen zwei Pelzen recht warm fühlte, rieselte es ihm doch eiskalt den Rücken hinunter, als er hörte, daß er hier übernachten sollte.

Während Nikita das Pferd vollends ausspannte, kroch sein Herr wieder in den Schlitten und holte Zigarretten und Streichhölzer hervor, um zu rauchen, denn das war ein Beruhigungsmittel für ihn.

»Nu komm nur heraus, komm heraus!« sprach Nikita indessen zum Gelbmaul, nachdem er Zügel, Gurt und Riemen gelöst und Kumt und Krummholz abgenommen hatte. »Komm nur heraus aus deinen Deichseln, ich werde dich hier anbinden und dir etwas Stroh geben. Wenn du etwas zu kauen hast, wird dir schon besser zu Mute werden.« Diesen Worten ließ er die That folgen und brachte dem Braunen einen Arm voll Stroh.

Doch das Tier wollte sich weder durch Streicheln und Klopfen, noch durch gute Worte beruhigen lassen. Bald drückte es sich an die Schlittenwand, bald trat es von einem Fuß auf den anderen oder wendete sich, daß es den Wind von hinten bekam, und rieb dann wieder seinen Kopf an Nikitas Arm. Gleichsam als wollte es das dargebotene Mahl doch nicht ganz verschmähen, nahm das Tier einmal ein paar Hälmchen Stroh aus dem Schlitten, schien aber sofort zu der Ueberzeugung zu kommen, daß in diesem Augenblicke Stroh nicht die Hauptsache sei. Darum ließ es das kaum aufgenommene fallen, dessen sich der Wind sofort bemächtigte, um sein Spiel damit zu treiben.

»Nun will ich ein Signal aufstellen!« meinte Nikita. Er drehte den Schlitten so um, daß die Deichseln gegen den Wind standen, dann richtete er sie beide in die Höhe, band sie oben zusammen und schnallte sie mit einem Riemen am Vorderteil des Schlittens fest. Mag der Schnee uns nun auch verwehen – dachte er –, so wird man doch dieses Zeichen bemerken, und gute Leute werden uns ausgraben. Ein solches Zeichen darf man nicht vergessen, hat mir manch alter Mann gesagt.

Indessen machte Wassilij Andrejitsch im Schlitten vergebliche Versuche, eine Zigarrette anzuzünden. Er schlug den Pelz auseinander, um hinter den Schößen einen gegen den Wind verwahrten Raum herzustellen. Dort strich er nun ein Streichholz nach dem anderen an seiner kleinen Büchse an; doch so oft er auch versuchte, eins zu seiner Zigarrette zu erheben, so oft blies es der Wind aus und entriß es seinen zitternden Händen.

Endlich aber brannte eins doch an. Einen Augenblick war alles hell erleuchtet, sein Pelz, seine Hand mit dem goldenen Ring am Zeigefinger, das schneebedeckte Innere des Wagens, das Haferstroh, das unter der Decke hervorlugte – dann wieder Dunkel – die Zigarrette brannte.

Mit tiefstem Behagen that er zwei Züge, indem er die Hälfte des Rauches schluckte, den anderen Teil durch seinen buschigen Bart blies. Als er sich aber zum dritten Zug anschickte, faßte der Wind sein Labsal und trug es fort wie vordem das Stroh.

Doch auch schon die zwei Züge hatten Wassilij Andrejitsch aufgeholfen.

»Wenn's nicht anders geht, nun, dann bleiben wir eben die Nacht hier!« sprach er mutigen Tones.

Bisher war das von Nikita errichtete Merkzeichen seiner Aufmerksamkeit entgangen; jetzt aber bemerkte er es und ergriff die Idee mit Feuereifer.

»Ich werde eine Fahne dran machen, das ist noch besser!« rief er ganz fröhlich, nahm das Tuch, das er vorhin von seinem Halse gelöst hatte, zog die Handschuhe aus, stellte sich aufrecht in den Schlitten, reckte sich in die Höhe und knüpfte das Tuch oben an der Deichselstange fest. Es begann sofort hin und her zu wehen, dann legte es sich wieder fest um die Stange, um im nächsten Augenblicke von neuem ein Spiel des Windes zu werden und wild hin und her zu flattern.

»Ist das nicht gut gemacht?« sagte der Herr befriedigt und versuchte es sich im Schlitten bequem zu machen. »Wenn wir beide hier drin nebeneinander liegen könnten, wäre es freilich besser; aber es geht nicht, zwei haben nicht Platz.«

»Ach was! Ich werde schon ein Eckchen finden,« sagte Nikita gleichmütig. »Aber das Pferd muß zugedeckt werden; das gute Tier ist ganz in Schweiß geraten. Geben Sie her!« rief er ziemlich rauh und zog unter seinem Herrn eine Decke hervor. Dann legte er sie doppelt, befreite das Pferd vom Rückenpolster und Riemen, bedeckte das Tier mit der Decke und befestigte dann beides wieder darauf.

»Die starke Decke können Sie wohl auch entbehren? Und einen Arm voll Stroh brauche ich auch,« sprach Nikita, nachdem er diese Arbeit beendet hatte, bittend zu seinem Herrn und begab sich wieder an den Schlitten.

Wassilij Andrejitsch rührte sich nicht, sondern blieb geduldig liegen, als der Knecht das Verlangte unter ihm vorzog.

Hinter dem Schlitten, dessen Rückwand eine Art Schutzwehr bildete, grub nun Nikita eine Höhle in den Schnee, die er mit Stroh ausfüllte. Dann schob er die Mütze weit ins Gesicht, wickelte den Chalat um seine Glieder, nahm die Decke um Kopf und Schultern und setzte sich nun auf das Stroh, indem er Kopf und Rücken an die schützende Rückwand lehnte.

Diese Vorbereitungen schienen in Wassilij Andrejitsch, der sich über Bauernverstand hoch erhaben fühlte, höchste Mißbilligung zu erregen, denn er schüttelte den Kopf und nahm sich vor, für sein eigenes Lager besser zu sorgen.

Er schichtete alles übrig gebliebene Stroh in eine Ecke, in welcher er liegen wollte, steckte die Hände in seine Pelzärmel wie in einen Muff und, seinen Kopf an die Vorderwand des Schlittens lehnend, wo er ebenfalls Schutz vor Schnee und Wind fand, machte er es sich so bequem als möglich. Zum Schlafen verspürte er keine große Neigung.

Da lag er nun, und es war ein einziger Gedanke, der ihn unablässig beschäftigte; er dachte an das Sinnen und Trachten, das Glück, die Freude, den Stotz, ja, den Inhalt seines Lebens: das Geld. Er berechnete, was er bisher verdient hatte und was er noch verdienen konnte, wieviel Geld seine Bekannten besaßen und verdient hatten, auf welche Weise sie es erworben, und auf welche Weise er noch viel, sehr viel Geld anhäufen wollte.

Damit kam er auf den Wald Gorjatschkino, und es that ihm leid, daß er nun mit dem Kauf bis morgen warten mußte.

»Die Eichenäste geben prächtige Schlittenkufen, die Stämme werden im ganzen verkauft und außerdem dürften auf eine Dessjatine Wald immer noch dreißig Schachen Brennholz kommen« – so berechnete er bei sich den zu lösenden Profit. »Aber zehntausend Rubel kriegt er keinesfalls,« sprach er weiter. »Das Höchste sind achttausend. Dabei darf er die Wiesen nicht berechnen. Den Landmesser muß ich auf meine Seite kriegen! Freilich werde ich ihm wohl hundert oder gar hundertfünfzig Rubel in die Hand drücken müssen, dafür muß er aber fünf Dessjatinen Wiesen herausmessen. Nein, mehr als achttausend kriegt er keinesfalls. Aber er giebt's auch dafür, wenn ich ihm dreitausend bar gebe.«

Dabei drückte er den Arm an die Seitentasche, in welcher er sein Geld hatte. –

»Wir müssen rein an der Wegteilung abgekommen sein,« – spekulierte er dann weiter. »Der Himmel weiß, wo der verfluchte Weg eigentlich ist. Auch der Wald, an dem gleich vorn das Wächterhaus steht, ist nicht da – man müßte doch die Hunde bellen hören. Aber die einfältigen Köter bellen ja niemals, wenn man sie gerade braucht.« –

Er steckte den Kopf ein wenig aus dem Pelzkragen hervor, hob ihn in die Höhe und lauschte aufmerksam in die Ferne. Nichts war zu sehen als Gelbmauls dunkler Kopf und die Decke auf seinem Rücken, die der Wind auf- und niederblähte – nichts zu hören, als das unheimliche Sausen des Windes, das Aneinanderschlagen der Deichselstangen und das gespenstische Flattern des Tuches oben in der Luft.

Enttäuscht lehnte Wassilij Andrejitsch den Kopf wieder zurück und schlug den Kragen in die Höhe. »Es ist eben nichts zu machen. Zwar ist ein Tag verloren, aber das bleibt sich gleich, denn in dem Wetter können die Händler aus der Stadt auch nicht herauskommen.«

Nun fiel ihm ein, daß am neunten der Fleischer ihm Geld für die verkauften Hammel bringen wollte. »So dumm. Nun wird er kommen und mich nicht treffen! Die Frau kann das Geld nicht in Empfang nehmen, denn sie ist sehr ungebildet! Sie weiß gar nicht mit den Leuten umzugehen,« sprach er in Gedanken weiter, denn es kam ihm in den Sinn, daß sie gestern dem Kreisrichter gegenüber sehr ungeschickt gewesen war, als er sie zum Fest besuchte. »Ja, das wissen wir schon, sie ist eben ein Frauenzimmer. Wo sollte sie's denn auch her haben! – Was hatten wir für einen Haushalt, als der Vater noch lebte! So einfach! Er war eben ein reicher Bauer, der nichts als die Schänke besaß, die sein ganzes Vermögen ausmachte. Was habe ich dagegen in den fünfzehn Jahren vorwärts gebracht! Einen Laden, zwei Schänken, eine Mühle, zwei Güter gepachtet, große Getreidevorräte. Neben dem Haus steht eine Scheune mit eisernem Dach.« Letzteres schien ihn mit besonderem Stolze zu erfüllen. »Ja, es ist anders geworden, als zu des Seligen Zeiten! Von wem spricht man in der Umgegend? Von Brechunow. Wessen Stimme gilt im Bezirk? Es ist Brechunows Stimme.

Und wie kommt das? Ja, ich bekümmere mich um meine Sachen, plage und schinde mich mehr wie irgend einer. Wenn die auf der Bärenhaut liegen oder sich vergnügen, arbeite ich. Manche lange Nacht sieht mich beim Geschäft. Ob gutes oder schlechtes Wetter, ich bin unterwegs. Na, und Gott sei Dank, es geht ja auch vorwärts. Im Schlafe verdient sich das Geld nicht – das braucht niemand zu denken. Versucht's einmal und plagt Euch auch, da werdet Ihr's ja sehen! Glück muß der Mensch haben – meinen manche – ja, prosit die Mahlzeit! Die Mironows sind Millionäre geworden und wodurch? Sie haben sich tüchtig geplagt – da hat ihnen Gott den Erfolg gegeben. Ach, wenn er mir nur immer Gesundheit schenkt!«

Der Wunsch, es den Mironows nachzuthun und auch Millionen zu erwerben, regte Wassilij Andrejitsch so auf, daß er das brennende Verlangen empfand, mit jemandem darüber zu reden. Aber es war niemand da, mit dem er hätte reden können. Ja, wäre er bis nach Gorjatschkino gekommen, so hätte er mit dem Besitzer des Waldes geredet und ihm gründlich die Wahrheit gesagt. Der hätte ja dann gewußt, was man thun muß, um reich zu werden!

»Horch nur, wie das pfeift! Schließlich werden wir so zugeweht, daß wir nicht wieder heraus können,« sprach er klopfenden Herzens zu sich und lauschte. Und wieder klang nichts an sein Ohr, als die Windsbraut und das Peitschen des Schnees gegen die Schlittenseiten.

»Besser wär's gewesen, ich hätte nicht auf Nikita gehört, sondern wäre weitergefahren. Einen Ausgang mußte dieses verwünschte Loch doch haben. Die ganze Nacht hier zu sitzen, ist gerade kein Spaß! Besser noch wir wären nach Grischkino zurückgefahren und bei Taraß geblieben! Ja freilich, der liebe Gott giebt dem Menschen etwas, aber keinesfalls den Bettlern, Tagedieben und Strohköpfen!«

»Ob ich noch ein wenig rauche?«

Der Gedanke schien ihm verlockend. Er richtete sich auf, nahm die Zigarrettentasche, kehrte sich dann der Schlittenwand zu, zog wieder den Schooß seines Pelzes nach vorn und strich ein Zündhölzchen an. Doch der Wind blies herein und löschte eins nach dem anderen wieder aus.

Endlich aber brannte ein Hölzchen doch. Allerdings rauchte der Wind mehr die Zigarrette als Wassilij Andrejitsch, aber drei Züge gönnte er ihm immerhin, und diese erfrischten ihn ungemein.

Nachdem er sich wieder gehörig eingehüllt hatte, legte er sich zurück und verfiel abermals in Gedanken und Träumereien, denen allmählich der Schlummer folgte.

Plötzlich fühlte er einen Stoß und erwachte. War es der Braune, der an den Schlitten gestoßen, oder war es ein innerlicher Schreck gewesen? Er wußte es nicht. Sein Herz aber begann so heftig zu klopfen, daß es ihm schien, als ob der Schlitten unter ihm bebte.

In seiner Umgebung hatte sich nichts verändert – nur heller schien es geworden zu sein. »Der Morgen graut,« sagte er zu sich, »da wird der Tag bald kommen!« Bald aber besann er sich, daß wohl nun der Mond aufgegangen sein möchte. Nun richtete er sich auf und sah sich um. Da stand Gelbmaul, am ganzen Körper zitternd, das Hinterteil gegen den Wind gerichtet, aber ganz mit Schnee bedeckt, und seine Decke war auf der einen Seite heruntergerutscht. Die Mähne flatterte heftig im Winde.

Nun richtete sich Wassilij Andrejitsch etwas auf und bog sich vor, um über die Rückwand des Schlittens hinweg nach Nikita sehen zu können. Dieser saß noch genau so da, wie er sich niedergelassen hatte, aber seine Füße und die über ihn gebreitete Decke waren mit hohem Schnee bedeckt.

»Daß er nur in seiner schlechten, dünnen Kleidung nicht erfriert!« Ich werde ja doch für ihn zur Verantwortung gezogen! Er ist vorhin tüchtig umhergelaufen und hat sich dabei müde gemacht, überdies ist er so wie so nicht sehr kräftig. Am besten ist's, ich nehme die Decke vom Pferde und lege sie noch auf ihn,« – überlegte Wassilij Andrejitsch. Doch konnte er sich nicht zum Aufstehen entschließen; es war zu kalt, und er fürchtete auch, das Pferd könne erfrieren.

»Hätte ich ihn nur nicht mitgenommen! Blos die Dummheit des Weibes ist daran schuld!« zürnte der Herr, indem er sich seiner Frau erinnerte, die er nicht liebte. Dann legte er sich wieder zurück auf seinen Strohhaufen.

»Ach, das Onkelchen hat auch einmal die ganze Nacht im Schnee gesessen,« monologisierte er dann, »und er hat gar keinen Schaden davon getragen. Mit Sebastian freilich war das anders: den mußte man am Morgen ausgraben und fand ihn tot – steif und starr wie ein geschlachtetes Schwein. Warum ich nur nicht in Grischkino geblieben bin!«

Noch einmal schlug er nun den Pelz sorgsam um seine Glieder, damit ja keine Wärme verloren gehen könnte, und er am Halse, an den Knieen, den Füßen wohl verwahrt war. Darauf machte er die Augen zu und versuchte zu schlafen. Das wollte ihm jedoch nicht gelingen. Er fühlte sich ganz munter, und seine Gedanken arbeiteten unablässig. Wieder dachte er an sein Geld. Alles zog ihm durch den Kopf, was er bisher gewonnen und was er von seinen Schuldnern einzuziehen hatte. Er prahlte vor sich selbst, war stolz auf seine Kunst, freute sich über sein schönes Besitztum – doch störte ihn in diesen angenehmen Gedanken beständig die immer größer werdende Furcht vor dem Erfrieren und der Aerger darüber, daß er nicht in Grischkino geblieben war.

Er legte sich bald auf die, bald auf jene Seite, suchte es sich auf alle Weise bequemer zu machen und rückte noch mehr an die Schlittenwand, um gegen Wind und Schnee geschützt zu sein, aber nichts gefiel ihm; nun richtete er sich auf, hüllte sich noch einmal ein, machte die Augen zu und versuchte still zu liegen – aber alles umsonst. Bald blies es irgendwo herein, bald drückte ihn etwas, bald fühlte er einen Krampf in den eingezogenen Füßen. Dann wieder ärgerte er sich über sich selbst bei dem Gedanken, wie schön ruhig er jetzt in der warmen Stube bei Taraß liegen könnte. So quälte er sich eine ganze Weile.

Da plötzlich erschien es ihm, als ob er Hähne krähen hörte. Hocherfreut hob er den Kopf, schlug den Pelzkragen herab und lauschte. Doch nichts war zu hören, als die Sturmnacht mit ihrem unheimlichen Geräusch.

Wassilij Andrejitsch meinte es nicht mehr aushalten zu können in dieser Einsamkeit. Zweimal rief er laut Nikitas Namen, ohne eine Antwort zu erhalten.

»Ach, der hat freilich keinen Kummer!« sprach er ingrimmig zu sich selbst, indem er wieder über den Schlitten auf den halbbegrabenen Nikita hinabblickte.

Wohl mehr als zwanzig Mal hatte sich Wassilij Andrejitsch in dieser Nacht, die ihm endlos schien schon erhoben und wieder gelegt.

»Ob es nur nicht bald Morgen wird?« meinte er seufzend und blickte um sich. »Ob ich nach der Uhr sehe? Doch da muß ich den Pelz öffnen und werde frieren! Aber wenn ich dann weiß, daß der Morgen nahe ist, so wird mir anders zu Mute werden, und ich kann aufstehen und anspannen!

Obgleich Wassilij Andrejitsch genau wußte, daß der Morgen noch nicht da sein konnte, suchte er es sich doch einzureden, um sich Mut zu machen, denn eine grenzenlose Furcht hatte sich seiner bemächtigt. Sorgsam öffnete er einen einzigen Knopf seines Pelzes, steckte die Hand in die Oeffnung und wühlte nun vorsichtig so lange, bis er zur Weste kam und seine silberne Uhr hervorziehen konnte.

Angestrengt betrachtete er das Ziffernblatt, konnte jedoch ohne Licht nichts unterscheiden. Er legte sich darum wieder auf die Seite und traf dieselben Vorsichtsmaßregeln wie vordem, als er rauchen wollte. Doch war er jetzt vorsichtiger. Zunächst betastete er alle Streichhölzchen und suchte dasjenige heraus, welches den dicksten Kopf hatte. Wirklich fing dasselbe sofort Feuer und beleuchtete einen Augenblick hell seine Uhr.

War's möglich? – – Zehn Minuten nach Mitternacht! Also kam erst die ganze lange Nacht!

»Ach, die ganze lange Nacht!« dachte Wassilij Andrejitsch, und es überlief ihn ein Schauer. Seufzend schloß er den Pelz, wickelte sich wieder ein und kroch in seine Schlittenecke.

Auf einmal hörte er wieder – und diesmal ganz sicher, sich nicht getäuscht zu haben – einen lauten Ton, der sich von dem einförmigen Heulen des Windes deutlich unterschied. Dieser Ton wurde stärker und erstarb dann wieder. Er begann von neuem, um aufs neue zu verhallen. Das war ein Wolf, und zwar mußte das Tier ganz nahe sein, sonst hätte der Wind seine Stimme nicht so deutlich bis hierher getragen.

Gespannt lauschte Wassilij Andrejitsch, nachdem er seine Ohren vom Pelzkragen wieder befreit hatte. Auch Gelbmaul spitzte die Ohren, scharrte unmutig mit dem Vorderfuß und wieherte ganz leise, als der Ton verklungen war.

Nun war es mit Wassilij Andrejitschs Ruhe ganz vorbei. All seine Bemühungen, seine Gedanken auf das zu konzentrieren, was ihm vorhin so viel Freude gemacht hatte – sein Geschäft, sein Reichtum, sein Ansehen bei den Leuten – waren vergebens. Das Entsetzen gewann immer mehr die Vorhand und drängte alle anderen Gedanken zurück, außer dem Gedanken darüber, nicht in Grischkino geblieben zu sein.

»Der dumme Wald! Mag er ihn doch verkaufen, wem er will! Ich habe ja Gott sei Dank genug, auch ohne das verwünschte Holz. Ach, wäre ich doch dort geblieben!« wiederholte er immer wieder. »Es heißt, Betrunkene erfrieren leichter – und ich habe getrunken!«

Nun begann er sich zu beobachten und merkte, daß er zitterte, ob vor Furcht oder Kälte, wußte er selbst nicht. Keinen Augenblick lang konnte er mehr in derselben Lage verharren; es trieb ihn aufzustehen. Er mußte sich mit etwas beschäftigen, was ihm die Furcht benahm, die von seinen ganzen Sinnen Besitz ergriffen hatte.

Zigarretten und Streichhölzer wurden wieder hervorgeholt. Freilich waren von den letzteren nur noch drei und, wie er wußte, die schlechtesten vorhanden. Kein Wunder, daß keins von ihnen Feuer fing.

»Zum Teufel mit dir!« rief er ingrimmig, die zerdrückte Zigarrette wegschleudernd, und war eben im Begriff, das Streichholzbüchschen denselben Weg gehen zu lassen, als ihm ein Gedanke kam, der ihn bewog, das Etui wieder einzustecken.

Seine innere Angst ließ ihm nun keine Ruhe mehr; er verließ daher den Schlitten, kehrte den Rücken dem Winde zu und wickelte sich, so fest es gehen wollte, in seinen Pelz.

Da durchzuckte ihn blitzschnell ein neuer Gedanke.

»Eigentlich dumm, daß ich so lange hier bleibe und auf den Tod warte!« sagte er sich. »Weshalb nicht den Braunen besteigen und davonreiten? Wenn ich ihn unter mir habe wird er schon nicht stehen bleiben! Der dort,« – damit meinte Wassilij Andrejitsch Nikita – »macht sich ja doch nichts draus, wenn er stirbt. Sein Leben gilt ihm nicht viel. Aber ich – ja, wenn einer so da steht, wie ich – –«

Und da stand er auch schon am Pferde. Er band es los, legte ihm die Zügel an und versuchte, es zu besteigen. Das gelang ihm aber nicht. Nun trat er auf den Schlitten, um von demselben aus auf das Tier zu gelangen, aber das Gefährt neigte sich unter seinem Gewicht, so daß er herunter fiel. Er wiederholte indessen seinen Versuch, und beim dritten Mal hatten seine vorsichtigen und ausdauernden Bemühungen doch insoweit Erfolg, daß er mit dem Leibe quer über den Rücken des Tieres zu liegen kam. Das war schon etwas; er schob sich langsam vorwärts, hob dann ein Bein über Gelbmauls Rücken und richtete sich auf. Ein Riemen des Pferdegeschirrs mußte ihm als Steigbügel dienen.

Das Hin- und Herschaukeln des Schlittens weckte Nikita aus seinem Schlummer. Er erhob sich schnell, und es kam Wassilij Andrejitsch vor, als hätte er etwas gesagt.

»Was sagst Du, Du Dummkopf? Auf Dich soll ich hören? Soll mich wohl mutwillig der Gefahr preisgeben, hier umzukommen!« schrie er laut zurück, wickelte die im Winde flackernden Schöße seines Pelzrockes fester um seine Kniee, lenkte das Pferd um und ritt nach der Richtung zu, wo seiner Ansicht nach Wald und Waldhütte lagen.

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