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Herr und Knecht/Iljaß

Lew Tolstoi: Herr und Knecht/Iljaß - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLew Tolstoi
titleHerr und Knecht/Iljaß
publisherMax Fischer's Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorCarl Goritzky
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170403
projectidf340b03d
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II.

Munter trabte der gute Braune die breite, ausgefahrene Dorfstraße entlang und zog hinter sich den leichten Schlitten her, dessen Kufen auf dem hartgefrorenen Schnee leise knarrten.

»Hat der Schelm sich wirklich da hinten angehängt? Lang mir mal die Peitsche her, Nikita! Wart, Dich will ich kriegen. Lauf schnell heim zur Mutter, Närrchen!« so rief Wassilij Andrejitsch seinem Sohne zu, der sich hinten auf die Schlittenkufe gestellt hatte, und deutlich sprach väterlicher Stolz aus seinen Augen.

Eilends machte sich der Junge davon, und der Herr versetzte das Pferd in noch munterere Gangart.

Das Dörfchen Kresty, in dem Wassilij Andrejitschs Besitztum lag, bestand nur aus sechs Bauernhäusern. Kaum lag das letzte dieser Häuser hinter ihnen – es gehörte dem Schmied – so merkten die beiden Insassen auch schon, daß der Wind viel heftiger blies, als sie geahnt hatten. Man sah in dem wirbelnden Schnee schon fast den Weg nicht mehr; er war nur daran zu erkennen, daß er etwas höher lag als seine Umgebung.

Ueber die Felder fegten ganze Wogen von Schnee; die Schlittenspuren waren im Nu verweht und die Grenze zwischen Himmel und Erde verschwamm in der nächsten Nähe. Sonst konnte man den Wald von Teljatinsk immer ganz deutlich sehen – heute erschien er in dem Schneestaub nur wie ein düsterer, schwarzer Streifen.

Der von links herkommende Wind trieb hartnäckig den stämmigen, wohlgenährten Hengst zur Seite, wehte ihm Mähne und Schweif aufwärts und schlug immer wieder den langen Burnuskragen Nikitas, der an der linken Seite saß, über seinem Kopfe zusammen.

»Sonst kann er besser ausgreifen; heute hindert ihn der tiefe Schnee,« bemerkte Wassilij Andrejitsch, mit Stolz auf sein schönes Pferd blickend. »Er hat mich einmal in einer halben Stunde bis nach Paschutino gebracht.«

»Wie?«

»Ich sagte, daß ich einmal mit ihm nach Paschutino gefahren bin, und er nur eine halbe Stunde gebraucht hat!«

»Ja, ja, jedermann muß sagen, daß es ein gutes Pferd ist!« stimmte Nikita bei.

Eine Weile fuhren sie in Schweigen weiter; Wassilij Andrejitsch aber schien redselig zu sein.

»Hast Du denn Deinem Weibe auch recht eingeprägt, daß sie dem Böttcher nichts von Deinem Branntwein geben soll?« setzte der Herr die Unterhaltung bald fort. Seiner Meinung nach mußte Nikita sich sehr geehrt fühlen, wenn ein so vornehmer und kluger Mann, wie er, dies sprach. Außerdem gefiel ihm auch sein Scherz so gut, daß ihm die Vermutung, Nikita könnte dies Gesprächsthema nicht lieben, gar nicht in den Sinn kam.

Der Knecht hatte in dem Sturm die Worte seines Herrn abermals nicht verstanden, und Wassilij Andrejitsch wiederholte deshalb fast schreiend seinen guten Witz über den Böttcher.

»Ach, Wassilij Andrejitsch, der Herr sei mit den beiden! Darum kümmere ich mich nicht. Sie mag thun, was sie will, so lange sie nur die Kinder nicht schlecht behandelt.«

»Das ist die Hauptsache,« erwiderte Wassilij Andrejitsch und fuhr dann, dem Gespräch eine andere Wendung gebend, fort: »Nun, wie steht's? Wirst Du Dir nächstes Frühjahr ein Pferd kaufen?«

»Ganz sicher!« bejahte Nikita eifrig. Nun schlug er den Kragen seines Kaftans auseinander und beugte sich so weit als möglich zu seinen Herrn hinüber, um ja alles gut zu verstehen, denn das Gespräch begann ihm interessant zu werden.

»Der Kleine ist nun so groß, daß er allein pflügen kann; bis jetzt mußten wir immer jemand zur Feldarbeit mieten,« erklärte er.

»Du könntest eigentlich den Braunen kaufen, ich laß ihn Dir sehr billig!« schrie Wassilij Andrejitsch, nun auch lebendig geworden, denn jetzt näherte er sich seiner Lieblingsbeschäftigung, die all sein Sinnen in Anspruch nahm – dem Schacher.

»Wenn Sie mir fünfzehn Rubel geben wollten so würde ich mir lieber eins auf dem Pferdemarkt kaufen,« versetzte Nikita ausweichend, denn er wußte, daß der Hengst, den ihm sein Herr anbot, höchstens sieben Rubel wert war, daß er ihm aber sicher mit fünfundzwanzig Rubel angerechnet wurde, und daß er dann ein halbes Jahr keinen Pfennig in seiner Tasche sehen würde.

»Du weißt, daß es ein gutes Pferd ist, und daß ich nur Dein Bestes will!« Ganz nach bestem Wissen und Gewissen! Brechunow bringt niemand zu Schaden. Lieber leide ich selber darunter, denn ich bin nicht unehrlich, wie andere Leute!« So redete er in demselben überzeugenden Tone auf Nikita ein, wie er bei seinen Kunden zu thun pflegte, wenn er sie nicht zu Worte kommen lassen wollte. »Es ist unbedingt ein gutes Pferd!«

»Ja, wie Sie so sind!« sagte Nikita ohne große Begeisterung.

Damit war das Gespräch zu Ende, und nachdem Nikita sich überzeugt hatte, daß es nichts mehr zu hören gab, hüllte er Ohren und Gesicht wieder in seinen Kragen und zog sich in sich selbst zurück. An der Seite, wo sein Pelz zerrissen war, blies der schneidende Wind herein und durchkältete ihn vom Kopf bis zum Fuß.

Er kauerte sich noch mehr zusammen und hauchte in den Kragen, der sein Gesicht umgab; fast schien es ihm, als würde er dadurch wärmer.

»Ob wir wohl über Karamyschewo fahren oder lieber hier geradeaus? Wie denkst Du?« frug Wassilij Andrejitsch.

Der Weg nach Karamyschewo war zweifellos besser: er war breiter und befahrener und hatte zu beiden Seiten hohe Wegzeichen, die vom Schnee nicht verweht werden konnten. Er war jedoch ein gut Teil länger als der andere Weg, der weniger benutzt wurde und dessen Wegzeichen gewiß schon längst verweht waren.

Nikita überdachte die Frage seines Herrn eine Weile.

»Ueber Karamyschewo ist es zwar weiter, aber der Weg ist besser und sicherer,« erwiderte er dann.

»Sind wir einmal durch den Hohlweg, so können wir uns auf dem geraden Weg auch nicht verirren, und dort fährt sich's auch gut.« versetzte Wassilis Andrejitsch, der mehr Lust zu dem kürzeren Wege hatte.

»Machen Sie es, wie Sie wollen,« sagte Nikita und schlug seinen Kragen abermals in die Höhe.

Diesen Rat befolgte Wassilij Andrejitsch auch, und nach einem kurzen Stück schweigsamer Fahrt lenkte er bei einem im Winde schwankenden hohen Eichenzweig, an dem noch die dürren Blätter festsaßen, links ab.

Jetzt hatten sie den Wind fast gerade ins Gesicht, und es fing an zu schneien. Wassilij Andrejitsch auf seinem Kutschersitz blies die Backen dick auf und schnob ganze Wolken weißlichen Hauches in seinen Bart hinab.

Während der nächsten zehn Minuten, die sie schweigend zurücklegten, schlummerte Nikita.

Plötzlich fuhr er, die Augen aufreißend, in die Höhe; ihm war, als hätte sein Herr etwas gesagt.

»Was!« schrie er.

Es erfolgte keine Antwort, denn Wassilij Andrejitsch bog sich tief aus dem Schlitten und musterte, bald vorwärts, bald rückwärts blickend, aufmerksam die nächste Umgebung. Das Pferd hatte seinen munteren Trab aufgegeben und ging mürrisch im Schritt. Die Haare an den Weichen und am Halse glänzten vor Schweiß und waren kraus geworden.

»Was ist denn los?« forschte Nikita nochmals.

»Was ist denn los? Was ist denn los?« höhnte Wassilij Andrejitsch ingrimmig. »Wir müssen vom Wege abgekommen sein; ich sehe ja keine Stangen mehr!«

»Ich werde das untersuchen!« schlug Nikita vor, indem er auch schon gewandt aus dem Schlitten sprang, die Peitsche zur Hand nahm und zunächst nach links ging.

Obwohl der Schnee nicht besonders hoch lag, so daß man überall durchkommen konnte, sank der Knecht doch stellenweise bis an die Kniee ein, und der Schnee drang von oben in seine schlechten Stiefeln. Er scharrte mit den Füßen, stieß mit der Peitsche in den Schnee, ging suchend hin und her und mußte schließlich auf die ungeduldige Frage seines Herrn berichten, daß auf dieser Seite kein Weg zu finden sei. Darauf kehrte er zu dem Schlitten zurück, ging um denselben herum und begann seine Forschungen auf der rechten Seite.

»Ich sehe vor uns etwas Schwarzes; sieh doch nach, was es ist!« rief ihm Wassilij Andrejitsch nach.

Nikita begab sich nach der bezeichneten Stelle; von den hochgelegenen Feldern hatte der Wind etwas lose Erde über den Schnee geweht, der dadurch schwarz erschien. Im Uebrigen fand der Knecht auch hier keine Spur eines betretenen Pfades.

Er ging noch eine Weile prüfend hin und her und kehrte dann schneebedeckt zu seinem Herrn im Schlitten zurück. Bedächtig klopfte er zunächst die kalten weißen Flocken von seinen Stiefeln ab, schüttelte dieselben dann aus und stieg wieder in den Schlitten.

Nun erst bequemte er sich zum Reden. Entschiedenen Tones sagte er:

»Wir sind zu weit nach links gekommen. Zuerst hatten wir den Wind von der Seite, jetzt bläst er mir direkt ins Gesicht. Sie müssen nach rechts fahren, schloß er in bestimmtem Tone.

Das that Wassilij Andrejitsch denn auch und lenkte das Rößlein nach rechts ab. Doch auch nachdem sie eine Weile gefahren waren, spürten sie noch keinen festen Weg unter sich. Der Sturm blies mit unverminderter Heftigkeit, und der Schnee fiel dichter.

»Mir scheint, wir haben uns ganz verirrt Wassilij Andrejitsch,« hob Nikita nach einer Weile wieder an. Er sagte das in einem Tone, als ob ihm diese Thatsache ganz und gar nicht unangenehm wäre. »Doch was sehe ich!« setzte er plötzlich lebhaft hinzu und deutete mit der Hand auf einen schwarzen Kartoffelstengel, der durch die Schneedecke hindurchspießte.

Schon hatte Wassilij Andrejitsch das dampfende Pferd zum Stehen gebracht und frug begierig:

»Was giebt's?«

»Nichts anderes, als daß wir unter unseren Füßen Sacharjewkasches Feld haben! So weit sind wir vom Wege ab geraten.«

»Ach Dummheit, Du Narr!« ließ sich Wassilij Andrejitsch groben Tones vernehmen. All seine Feinheit, auf die er sich so viel zugute that, schien ihn verlassen zu haben.

»Das ist kein dummes Zeug, sondern die Wahrheit, Wassilij Andrejitsch!« erwiderte Nikita entschiedenen Tones. »Wir fahren über einen Kartoffelacker. Fühlen Sie nicht, wie der Schlitten holperig geht, und sehen Sie nicht dort die Berge ausgerauften Kartoffelkrautes? Ohne Zweifel ist es das zur Fabrik des Sacharjewka gehörige Feld.«

»Ich möchte nur wissen, wie wir hierher gekommen sind!« meinte Wassilij Andrejitsch kopfschüttelnd. »Aber wie nun weiter?«

»Nur immer geradeaus! Fahren Sie gerade aus, da werden wir schon irgendwohin kommen; ist es nicht Sacharjewka, so stoßen wir doch auf das herrschaftliche Pachtgut.«

Wiederum fügte sich der Herr, und der Schlitten bewegte sich in der angedeuteten Richtung vorwärts.

So fuhren sie eine lange Strecke. Bald kreuzten sie grüne Flächen mit Wintersaat, von denen der Schnee hinweggeweht war, bald schmutzig graue Feldraine, bald tiefe Schneewehen. Dann kamen sie wieder auf Stoppelfelder, von denen noch einzelne dürre Halme aus dem Schnee hervorragten, und endlich lag vor ihnen eine lange, ebene Schneefläche, auf deren gleichmäßigem, blendendem Weiß auch nicht die geringste Unterbrechung zu sehen war. Ueberall Schnee, nur Schnee. Von den eisigen Windstößen getrieben, wirbelte Schnee vom Boden empor, und Milliarden von Schneeflocken schwebten leise vom Himmel zur Erde hernieder.

Den beiden im Schlitten schwindelte fast; bisweilen schienen sie stillzustehen, während die Schneefläche an ihnen vorübertanzte, dann wieder schien es bergab zu gehen, dann bergauf.

Sie schwiegen.

Augenscheinlich begann der Braune zu ermatten; sein durch die Ausdünstung struppig gewordenes Fell war bereift, und er bewegte sich nur noch in müdem Schritt vorwärts. Plötzlich sank er tief ein: er mußte in ein Loch oder einen Wassergraben gesunken sein. Als aber Wassilij Andrejitsch die Zügel anzog, um das Tier zum Stehen zu bringen, rief Nikita munteren Tones:

»Sie wollen es doch nicht anhalten? Was soll denn werden? Es muß doch wieder heraus aus dem verwünschten Loche!«

Damit sprang er aus dem Schlitten und rutschte augenblicklich selbst in den Graben hinab. Doch das störte seine gute Laune nicht; er klopfte das Pferd und sprach ermutigend:

»Nun, nun, mein Liebchen, mein Täubchen, willst Du etwa hier stecken bleiben, Du Närrchen? Komm, komm!«

Mit geringer Anstrengung arbeitete das Pferd sich aus der Vertiefung heraus, und der Knecht folgte ihm, bis sie beide wieder auf festem Boden standen.

»Wenn ich nur wüßte, wo wir sind!« frug Wassilij Andrejitsch besorgt.

»Das wird sich ja wohl finden. Fahren Sie nur vorwärts; wenn wir ankommen, werden wir's ja wissen. Irgendwo müssen wir ja doch endlich landen,« erwiderte Nikita nicht gerade höflich.

Wieder erschien im Schnee vor ihnen ein schwarzer Punkt.

»Das wird wohl der Wald von Gorjatschkino sein,« sagte Wassilij Andrejitsch wieder voller Zuversicht.

»Wenn wir dort sind, werden wir sehen, welcher Wald es ist,« bemerkte Nikita in demselben kurzen Tone. Er hatte längst gesehen, daß das Schwarze kein Wald war, sondern ein Weidengestrüpp, an dessen schlanken Ruten noch die verdorrten länglichen Blätter hingen. Weiden aber deuten auf Menschenwohnungen hin – das behielt er jedoch einstweilen für sich.

Und Nikita hatte richtig geraten. Je mehr sie sich dem dunklen Streifen näherten, umso deutlicher klang das geheimnisvolle Rauschen des dürren Laubes zu ihnen herüber, und umso klarer traten die Formen der Weidenbäume hervor. Augenscheinlich waren sie längs eines Grabens als Einzäunung angepflanzt.

Plötzlich zog auch das Pferd den Schlitten, der dabei fast in Gefahr kam, zu kippen, eine Bodenerhebung hinauf und trabte leicht, ohne noch länger so tief in den Schnee einzusinken, weiter, denn es hatte nun endlich einen festen Weg unter seinen Hufen.

»Da wären wir denn endlich,« bemerkte Nikita. »Aber wo mag das sein!«

Das Pferd lief nun sicher auf dem Wege vorwärts, ohne wieder abzuirren, und nachdem sie ihn kaum vierzig Faden verfolgt hatten, kamen sie plötzlich dicht an eine Getreidedarre, von deren Flechtwerk der Schnee in dichten Wolken herabwehte. Darnach wandte sich der Weg, so daß die im Schlitten Sitzenden den Wind nun entgegen hatten und sich durch hohe Schneewehen hindurcharbeiten mußten. Dahinter aber tauchten nun zwei Häuser auf und bald konnte Wassilij Andrejitsch sein Pferdchen in die Dorfstraße einbiegen lassen.

Im Hofe des ersten Hauses hing Wäsche auf einer Leine; wild zauste der Wind an den steifgefrorenen Hemden – es war ein rotes und ein weißes – und ließ Unterhosen, Fußlappen und Frauenröcke heftig aneinander schlagen. Besonders wild bewegte sich das weiße Frauenhemd, dessen Aermel nur so hin und her flogen.

Einen Blick warf Nikita auf das flatternde Linnen und sagte wegwerfend:

»So ein faules Weib! Die Wäsche vor den Feiertagen nicht einmal abzunehmen! Wenn das Faultier nicht gerade im Sterben liegt, ist es unerhört.«

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