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Herr Rochus

Adolf Pichler: Herr Rochus - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleJochrauten- Neue Geschichten aus Tirol, 2. Band
authorAdolf Pichler
year1897
firstpub1886
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleHerr Rochus
pages54
created20150104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wer in die Lotterie setzen will, findet leicht einen Laden, ja man bringt ihm allenfalls die Lose in das Haus, damit er seiner Pflicht als österreichischer Staatsbürger genüge; ist er gescheit, verputzt er wenig; – ist er unerfahren, viel, immerhin hat er dann eine Hoffnung gekauft, wenn auch meistens eine trügerische. Mancher baut aber den letzten Pfennig an, mit dem er sich und seinen Kindern einen Brotlaib kaufen könnte – aus Verzweiflung des Hungers, aber aufgeht nichts als eine Bleikugel oder ein Strick.

Wozu diese Einleitung?

Sie ist nur ein Vergleich. Gerade so, wie der Lottospieler, kommt uns der deutsche Romanschreiber vor, ja er ist sogar manchmal im Nachteil; denn jener weiß wenigstens, wo er kaufen, 132 dieser aber nicht, wo er verkaufen soll; jener verschwendet weder Zeit noch Kraft, dieser vergeudet manchmal Jahre und arbeitet bis zur Erschöpfung; nur der Teufel Glück spielt bei beiden die gleiche Rolle; beim Litteraten heißt er: Mode und die stempelt Messingblech zu Gold, um es nach etlichen Monaten in die Rumpelkammer zu werfen. Solche, die mich fragten und fragen: warum ich denn keinen Roman schreibe? – haben hier die Antwort und ich glaube, so manches schöne Talent, das sich darauf eingelassen, stände sich als Dienstmann besser.

Novellen habe ich manche verfaßt, und zwar erwuchsen sie aus dem Boden meiner Heimat, wo ich Land und Leute gründlich kenne; ich mußte jedoch allmählich erfahren, daß Berliner Gemsenjäger und Gemsenjägerinnen dieses Geschäft besser besorgen, wenn sie auch Tirol nur oberflächlich streiften, wie ja auch der Coulissenmaler keiner umfassenden Studien bedarf, um große Wirkungen zu erzielen. – Und was hätt' ich im besten Falle davon? Wozu 133 nachsinnen, schaffen, gestalten, wenn eine solche kleine Schöpfung heut durch eine Zeitschrift huscht und morgen im großen deutschen Makulatursumpfe versinkt. Also die Hand von der Butte.

In den langen einsamen Abenden, die jetzt schon früh niedersinken, tauchen jedoch aus der Vergangenheit manche Geister, manche Geschichten auf, die ich nachgenieße, denen ich, so weit es die Erinnerung vermag, eine feste Form verleihen will, eine Form, schlicht und kunstlos, denn warum eine Mühe aufwenden, die bei der Hast des Lesens doch kaum jemand beachtet?

So beginne ich denn mit einer kleinen Erzählung, vielleicht finde ich noch Zeit und Stimmung zu einer zweiten, dritten Skizze; denn so werdet ihr es nennen, um es nach deutscher Art ein für allemal zu registrieren.

* * *

Wir werden alt! – Nichts mahnt uns aufdringlicher daran, als wenn Leute, die wir in den Kinderschuhen herumlaufen sahen, unvermutet völlig erwachsen vor uns hintreten 134 und grüßen und wohl auch mit Berufung auf diesen oder jenen kleinen Vorfall fragen: »Ob wir sie denn nicht kennen?« Am öftesten widerfährt dies dem Lehrer, der lange Zeit seines Amtes gewaltet. »Ist denn der alte Herr, der mit grauen Haaren dasteht, wirklich einmal als greinender Bube vor mir auf der Bank gesessen?« – Er lächelt und führt Jahreszahlen an – ja, ja, es ist so. Du mußt es schwermütig zugestehen. Und wenn er dir nun gar einen erwachsenen bärtigen Sohn vorstellt, der unter dir studieren soll, wie es einst der Vater am Gymnasium gethan, aus dem du indes an die Universität aufgestiegen bist! – Nun, mir geschah das vor einigen Tagen. Der Herr Ricotto erläuterte mir, sein Sohn da, – der Laggel machte ein entsetzlich dummes Gesicht, als ich ihn näher betrachtete – sein Sohn da müsse Naturwissenschaften studieren, weil ihm das als Geschäftsmann und Landwirt sehr zu statten komme und er selbst mehr als einmal bedauert habe, nicht mehr gelernt zu haben. Nachdem das Amtliche abgethan war, plauderten 135 wir von den alten Zeiten, er wußte noch so manchen Schwank, so manchen lustigen Einfall und fragte mich, ob ich mich erinnere, wie er einmal dagesessen sei, gedankenlos, die langen Haare verwirrt über das Gesicht, den Mund weit auf. »Es war gerade Nikolaustag. Da riefen Sie: ›Nun, Ricotto, Sie schauen aus wie ein Krampus auf dem Markt!‹ Ein schallendes Gelächter brach los und meine Kameraden gaben mir lang den Spitznamen Krampus; hätt' ich zu Innsbruck weiter studiert, wär' er mir wohl in der Kneipe geblieben.« Vielleicht bekommt ihn der Sohn! dachte ich im stillen; doch wozu diese Schnurren!

Reden wir lieber vom alten Rochus Ricotto: wie ist es zugegangen, daß er zuerst keine Frau, dann einen Buben und endlich eine Frau bekommen hat? – Es darf niemand erschrecken, die Geschichte verläuft ganz anständig, so daß selbst die sprödeste Freundin Zolas ihrer Tochter, wenn sie auch eben aus dem feinsten Pensionate heimkehrt, das Blatt nicht aus der Hand zu nehmen braucht.

136 Wir sind in einer tirolischen Stadt; wer jemals dort war, wird sie aus unserer Schilderung gleich erkennen; für andere bleibt auch der Name ein leerer Schall. Am Nordufer des Flusses, der sie durchströmt, erheben sich mäßige Hügel; auf einem derselben blickt aus dem Obstwalde, der an ihm emporzieht, ein schönes Gut, die vordere Wand ist dicht mit Reben bekleidet, den Söller schmücken in langer Zeile Blumenstöcke. Rückwärts verbirgt sich bescheiden Stallung und Stadel und hinter einer Mauer werden bis an den Saum des Föhrenwaldes, über den neben einem Steinbruch ein großes Kruzifix emporragt, breite, wohlbewirtschaftete Äcker und Wiesen sichtbar.

Dort waltete Rochus als Herr und Besitzer. Er gebot den Knechten, die Mägde hielt eine alte Schaffnerin, die er mit dem Erbe seines Vaters übernommen hatte, in Ordnung. Der Landwirtschaft und der Gärtnerei wohl kundig, arbeitete er selbst mit, wußte jedoch, daß jeder Kreuzer, den man den Dienstboten abrackert, auf der anderen Seite zehnfach verloren geht. 137 Darum waren die Plätze bei ihm gesucht, sie galten fast für eine Hochschule, und mancher Bauer, der selbst ein hübsches Gütchen hatte, schickte den Sohn als Knecht, damit er etwas Rechtes lerne.

Rochus hatte studiert; sogar einige Semester Rechtswissenschaft, der Advokaten und Finanzleute wegen, die einem, wie es heißt, nicht mehr aus dem Sacke steigen, wenn sie einmal drinnen sind. Ueber seinen Beruf völlig klar, bezog er alles auf diesen, gönnte aber auch sich und anderen etwas. Die Freistunden der Sonntage, die er bei Menschen und Vieh streng einhielt, die langen Winterabende widmete er seiner kleinen Bibliothek; etliche Mappen mit breiten Deckeln bargen allerlei Kupferstiche, Holzschnitte und Zeichnungen wohlgeordnet nach Zeit und Meistern. Am liebsten las er historische Werke, aber auch die besten Dichter von Homer an. Da zweifelt bereits mancher, ob denn meine Erzählung überhaupt wahr sei. denn ein Deutscher hält sich keine Bibliothek und noch dazu ein Landwirt! – Richtig! Rochus ist 138 aber eigentlich kein Deutscher; er heißt ja Ricotto, was freilich nichts entscheiden würde, da in unserem zweisprachigen Lande die Namen hin und her wechseln. Sein Vater kam, wie so mancher andere »Welsche«, in den Tagen österreichischer Herrschaft aus der Lombardei hierher, begann als kleiner Gemüse-, Früchte- und Weinhändler und brachte es durch Fleiß, Einsicht und Sparsamkeit zu einem hübschen Vermögen, das er schließlich durch den Ankauf jenes Gutes verfestigte. Ich sah ihn bis zu seinem seligem Ende in der fadenscheinigen Jacke von gelbem Canevas herumlaufen, der figlio sollte aber ein possidente werden und danach leben, wozu hätte sich sonst der Vater geplagt? So sagte er gelegentlich zu mir, indem er auf den Lackdeckel der braunen Tabakdose klopfte und mir eine Prise bot; ich habe ihn während der Studien treulich beraten und es folglich zum Teil auf dem Gewissen, wenn Rochus auch jetzt noch – Bücher kauft.

Weil Müßiggang aller Laster Anfang ist, hatte er gar nicht Zeit, sich mit Liebschaften 139 zu verbandeln, wenn vielleicht auch an den groben Spruch gar nicht dachte: »Jedes Jahr vor dem vierzigsten ist gewonnen, wo man kein Weib anhängen hat«. – Es gibt jedoch überall Menschenfreunde, die da meinen: »Wenn es mir schlecht geht, warum soll es der und der besser haben?« Besonders wohlthätig sind stets alte Frauen, die es für eine Todsünde am siebenten Sakrament halten, wenn ein vermöglicher Mann noch im Dreißigsten ohne Gnädige herumläuft. Der arme Bursche! Was kann ihm alles widerfahren in dieser gottlosen Welt, und schon gar, wenn er unter die Bande der Junggesellen gerät, für die die ewige Lampe im Wirtshaus brennt und die Kellnerin die Vesper singt. – Sein geistliches und leibliches Heil ist bei Tag und Nacht am besten in der Hand einer frommen Frau aufgehoben. Amen! – Auch unseres Rochus erbarmten sich edle Seelen; ihre Wege sind zwar unerforschlich, aber sie führen in der Regel sicher vor den Traualtar und der gewünschte Kuppelpelz bleibt auch nicht aus.

Die Geschichte ist philiströs, darum will ich 140 mich kurz fassen – trotz meiner Anlage zur Schwärmerei, trotz dem Hexeneinmaleins des modernsten Realismus, der für solche Wunder die größte Ausführlichkeit fordert und gewiß die Kaffeekanne, neben der Rochus nicht zu einem Weibe gekommen ist, nach Umfang und Tiefe schildern würde.

Ganz zufällig brachte man ihn mit der Tochter eines mageren Finanzrates zusammen, deren Lob man ihm früher in allen Tonarten gesungen; eine Dame wagte sogar die verschämte Andeutung, daß sie ihn schon lange gern gesehen; aber ja nichts merken lassen! So ein Fräulein dürfe man nicht anpratzen wie ein Bauernmädel; so was vertraue man nicht einmal dem Beichtvater! Während dieses leisen Gespräches blickte Fräulein Julie, der boshafte junge Herren den Spitznamen »Visitiernadel« aufgebracht hatten, zur unbefleckten Empfängnis an der Wand empor und that, als ob sie nichts ahne.

Weil sich bis jetzt nur ein oder der andere hungrige Praktikant, der die Gunst des 141 Papa erlangen wollte, aber kein Romeo gemeldet hatte, wäre sie gar wohl mit einem Rochus zufrieden gewesen – Rochus und Julie als Aufschrift der zierlich gedruckten Verlobungsanzeige. Vorläufig trennte man sich, zum Abschied berührten sich die Fingerspitzen elektrisch. Der Klatsch war geschäftig, mein Freund erzählte mir lächelnd von der neuen interessanten Bekanntschaft und als das kleine Ding zimperlich wie ein kartesianisches Teufelchen unweit von uns über den Kot der Straße hüpfte, sagte ich zu ihm: »Die könnten Sie ja als Zahnstocher brauchen oder neben die Hutfeder auf den Hut stecken.« Den Spaß nahm er mir freilich übel, denn er meinte damals ganz platonisch: sie gefalle ihm wegen ihrer feinen Bildung. Das mußte richtig sein; Holz hatte sie keines an der Wand, um eine irdische Leidenschaft zu entflammen.

Der Alte, der rechnen konnte, lud ihn ein: er wolle ihm allerlei über die Steuersachen mitteilen. Kam er, so ließ er ihn bald bei der Tochter allein. Diese that verlegen, 142 blickte auf die Hände im Schoße und erhob sich dann, nachdem er über das Wetter vorgeredet, mit einem Seufzer, um sich an das Klavier zu setzen. Nachdem sie ihm jedoch ein drittesmal ihre Stückchen auf dem Fortepiano vorgetappt, verleidete ihm dies Strauß und Chopin. Einmal wurde sie sogar neckisch, sie bespritzte ihn mit eau de milles fleurs, damit er nicht nach dem Stall rieche. Das Lächeln auf dem lackierten Gesichtchen widerte ihn an; er stand auf und ging fort. Als ihm droben am Thor seines Gutes die Viehdirn entgegentrat, hätte er sie bald aus Freude umarmt; den Rock hing er unter das Dach, bis er ausgeduftet hatte, und in der Stadt machte er immer einen Umweg, um ja nicht den Kanarienvogel des Herrn Finanzrates, der im Messingkäfig vor dem Fenster das eingelernte »Ahi perfido!« herableierte, zu hören.

Kein Liebespfeil kam nachgeflogen, wohl aber fand er nach etlichen Wochen, als er einmal spät heimkehrte, ein wohlversiegeltes Schreiben des gestrengen Vaters. »Er habe durch seine 143 wiederholten Besuche Julie ins Geschrei gebracht und durch die Aussicht auf einen sicheren Abschluß mancherlei Kosten verursacht. Er solle seiner Pflicht nachkommen, umsomehr, da es für ihn nur eine Ehre sei, ein Fräulein aus so vornehmer Familie heimzuführen. Übrigens müsse er als Vater für die Zukunft der Tochter sorgen; er verlange daher, daß er dieser 30 000 fl. fest verschreibe, und erbitte sich, um sich von seinem Vermögensstand zu überzeugen, die Einsicht in seine Rechnungsbücher.«

Rochus warf den Brief zerknillt auf den Tisch, dann verfaßte er, nachdem er ein bißchen verschnauft, eine Antwort, die der Herr Rat schwerlich an den Spiegel gesteckt hätte. Er weckte den Knecht; dieser mußte sich anziehen und den Brief zur bezeichneten Adresse tragen. Der Knecht schaute seinen Herrn groß an; weil man ihm jedoch, wenn er in der Hitze war, nicht leicht widersprechen konnte, so gehorchte er schweigend. Der erste Groll hatte sich entladen. Rochus trank noch ein Glas Wein und 144 legte sich dann in das Bett, wo er bald in tiefen Schlaf sank – bis zur Morgendämmerung, da weckte ihn das Geläut der Kühe, welche die Magd vom Brunnentrog auf die Weide trieb. Er kleidete sich rasch an, stieg hinunter und erteilte einige Befehle. Dann ging er langsam auf und ab und naschte bald von einer roten, bald von einer gelben Traube, wie sie vollreif an der Mauer in der Sonne hingen, eine Beere. Der Knecht trat zu ihm; der Brief sei nicht anzubringen gewesen, trotz des Schellens habe ihm niemand aufgethan. Rochus griff an die Stirne; er erinnerte sich nicht mehr, was er geschrieben, und erbrach den Umschlag. »Da ist mir wieder die tolle Hitze in den Kopf gefahren,« murmelte er, »wie der Blitz in trockene Dachschindeln.« Er zerriß das Blatt, daß der Morgenwind die kleinen Fetzen über die Mauer trug, und kehrte in sein Zimmer zurück. Dort schrieb er dem Rat: »Er habe zu seiner Tochter nie ein Wort gesprochen, das ihn in irgend einer Weise binde, der Klatsch verfolge jeden, und er sei dafür nicht verantwortlich; jedoch 145 gleichviel! Durch ihn solle niemand zu Schaden kommen; die beiliegenden Banknoten von 200 Gulden mögen die Auslagen, die schwerlich groß gewesen sein dürften, ausreichend decken. Er sei der hohen Familie gegenüber nur ein gemeiner Bauer, würde aber die Frechheit nie wagen, auch nur seinen Knecht zu einem Ausweis des Vermögens in der Art aufzufordern, wie es der Herr Finanzrat ihm gethan. Dieser wolle ihm die Ungelegenheit, die er ihm ohne Absicht verursacht, gütigst verzeihen und die Bekanntschaft, die ein Zufall herbeiführte, für immer vergessen.«

Die 200 Gulden kamen nicht mehr zurück, doch wurde Rochus, der kaum noch an die Geschichte dachte, in sehr unangenehmer Weise daran erinnert. Es erschien eine Finanz-Kommission, untersuchte alle seine Aufzeichnungen und wollte durch ein langes Verhör feststellen, daß er zu wenig Steuer zahle. Rochus, der wahrscheinlich einen solchen Fall vorbedacht hatte, wußte sich aus der Schlinge zu ziehen; ob er jene Argusaugen getäuscht, mag er mit seinem 146 Beichtvater ausmachen; wenn man ihn auch, dem Strafgesetze zuwider, deswegen nicht loben darf, so wird ihn gewiß mancher entschuldigen. Er verdankte den Angriff seinem abgeschlipften Schwiegervater, der dachte: »Wer 200 Gulden mir nichts, dir nichts weggiebt, der ist gewiß reicher, als er einbekennt.« Da er bald in Pension ging, verrauchte die Sache; als er zu Graz nach mehreren Jahren starb, kannte man ihn kaum noch dem Namen nach. Seine Tochter zehrt von der Präbende eines Damenstiftes und trocknet ein wie eine Brixener Zwetschke; ihre Photographie hängt nicht über dem Bette von Rochus.

* * *

So manche Aussaat, so manche Ernte war vorübergegangen, ohne in seinem Haushalt etwas zu ändern. Er wurde nicht wohlbeleibt, aber seine eckigen Glieder rundeten sich ein wenig, auf seinem Antlitz zeigten sich keine Furchen, sie waren aber in feinen Strichen vorgezeichnet. Die Wirtschaft gedieh auf das beste, zur Ergänzung des Besitzes kaufte er hier und da ein 147 Äckerlein; abends vor dem Einschlafen fragte er sich manchesmal: »Für wen arbeitest du eigentlich? Überließest du das nicht klüger einem Verwalter und schautest dir die Welt ein bißchen an, vor allem Italien und seine Kunst?« Trotz dieser Erwägungen, die hie und da zu halben Entschlüssen auswuchsen, fing er jedoch zu Neujahr genau dort an, wo er es am Sylvesterabend gelassen und blieb treu an seiner Scholle kleben. Der Kapitalismus treibt in fieberhafter Hast zur Vermehrung, zum Umsatz, zum Wagen; ein ererbtes Stück Landes bindet, beruhigt und gewöhnt den Fuß an einen gleichmäßigen, wohl erwogenen Fortschritt. Darin liegt Fluch und Segen.

Das Freien hatte unserem Rochus die spitze Julie verleidet, in den letzten Jahren bemächtigte sich seiner jedoch eine steigende Unruhe, er wußte nicht, wo an und wo aus, man begegnete ihm bald auf einer Jagd, bald vor dem Scheibenstand oder auf einem Markte, er soll sogar verwegen wie ein Robler hübschen Dirndeln unter den Hut geguckt haben – freilich »im 148 Unverweiß,« wie man bei uns zu sagen pflegt.

Es war im Juli seines achtunddreißigsten Jahres. Die Sonne goß eine Flut von Hitze über das Thal, die sich zurückgeworfen von der prallen Felswand, neben der die Landstraße verlief, zu der eines Schmelzofens steigerte und die Luft in zitternde Schwingung versetzte, die Blätter der wenigen Bäume glänzten wie aus Blech geschnitten, der Staub lag unbeweglich auf dem Wege: fingerdick, glühend, daß man darüber hinschritt, wie auf einem Teppich von glimmendem Zunder, und er träg unter dem Fuß liegen blieb, ohne sich an den Schuh zu hängen – ein rechter Hundstag, dessen Schweigen nur das grelle Zirpen der Heuschrecken unterbrach, während Rochus, den schweren Stutzen im Ledersack über den Rücken, langsam dahinschritt, von Zeit zu Zeit die Stirne mit einem kühlen Blatt abwischte, endlich den Kragen einsteckte und an der Weste den letzten Knopf aufriß. Warum war er nicht bis abends in der kühlen Wirtsstube bei Domanig 149 geblieben? Die Leute hatten recht, wenn sie ihn den umgehenden Schuster hießen, der nirgends rasten darf. Hier und da störte ihn das Rascheln einer Eidechse aus dem Halbschlaf, mit dem er sich vorwärts schob, bis ein Weib seine Aufmerksamkeit erregte, das sich fast in der Dämmerung der bleigrauen Ferne verlor und hinkend eine Kilometersäule nach der anderen überwand. Eine der vielen Jammergestalten, die dem Elend auf unseren Straßen nachwandeln, beachtete er sie nur, weil sie ihm um diese Stunde in der Einsamkeit begegnete. Er hatte sie bald eingeholt, barfuß schlich sie dahin, tief gebeugt, in dem schmutzigen Leintuch auf dem Rücken rührte sich etwas wie ein Kind; als er vorüberschritt, schaute sie ihn matt und teilnahmslos aus den schwarzen Augen an. Bettlerin schien es keine, darum bot er ihr kein Almosen – bald war sie weit hinter ihm. Zu Hause ließ er sich sogleich ein kaltes Bad gießen und wechselte die Kleider. Als er sich erholt, sah er den Geschäften nach – auch das Weib von der Straße war da; es saß auf der Schwelle 150 vor dem Eisengitter des Hofes. Mitleidig sprach er es an: »Was kauerst du hier, dort ist die kühle Steinbank.«

Sie sagte italienisch: »Die gehört der Herrschaft und ihrem Gesinde.« Doch stand sie auf und setzte sich dort nieder. »Man hat mich oft genug,« fügte sie herb bei, »ja, oft genug von solchen Plätzen fortgejagt – auch Bauern, daß ich es nicht mehr wage . . .«

»Woher weißt du denn, daß ich deine Sprache verstehe,« unterbrach sie Rochus.

»Das seh' ich Euch am Gesicht an,« erwiderte sie, »ich habe Euch aber auch sogleich erkannt: wir Armen haben ein gutes Gedächtnis; vor ungefähr einem Jahre ließt Ihr mich im Stadl übernachten.«

Rochus dachte flüchtig nach, ohne sich klar zu werden, und sagte dann: »Mag sein, wo hast du jedoch dein Kind?«

Das Weib schlug die Schürze zurück. Da lag ein frischer Knabe, der verdrießlich an einer schwarzen Brotrinde lullte, von der er nichts loszunagen vermochte. Vorgebeugt blickte ihn 151 Rochus an und gebot dann der Schaffnerin, eine frische Semmel und Milch zu bringen. Das Weib dankte; er fuhr fort: »Du kannst auch heuer bei mir übernachten; vorläufig laß dir an dem Restchen Kaffee genügen, das in meiner Kanne blieb; abends und in der Frühe magst du mit den Dienstboten halten, dann wird dir unser Herrgott weiter helfen!«

»Ja. das wird er!« rief sie lebhaft, »aber auch gute Leute, wie ihr, haben es bisher gethan!«

Er hatte sich schon zum Gehen gewandt, kehrte aber noch einmal zurück: »Was treibst du denn eigentlich für ein Geschäft?«

»Ein ganz ehrliches.« erwiderte sie, »wie mein Reisepaß ausweist. Als Landwirt wißt Ihr ja, daß zur Zeit der dringendsten Feldarbeiten Weiber und Mädchen scharenweise über den Brenner kommen, um sich bei Euch zu verdingen. Ihr arbeitet mit eigenen Knechten und braucht uns nicht; aber im Unterinnthal sind die Großbauern froh um unsere Hände. Schon manche Schar ist mir vorausgezogen; 152 ich konnte nicht Schritt halten wegen des Kindes da.«

»Mußt du denn das mitschleppen?« fragte er.

»Mein Mann und ich« – erzählte sie weiter – »haben bei Pomarolo eine Hütte mit einem Äckerchen, davon könnten wir nicht leben; er wanderte jedoch im Sommer nach Frankreich und half ihnen dort die Festungen bauen, ich arbeite um Tagelohn; so schoben wir den Karren weiter, oft auf rauhen Wegen – es ging, wenn auch bisweilen etwas schwer. Das Kind hütete meine Mutter; nun ist sie aber im Lenz gestorben; das war ein schwerer Schlag und ich ermache es kaum mehr.« Sie schwieg mit einem tiefen Seufzer.

»Thut denn die Gemeinde in einem solchen Falle nichts?«

»Die Gemeinde ist eine harte Mutter; sie schilt bereits, daß sie für meinen armen Mann, der zu Langres an der Lungensucht im Spitale liegt, zahlen muß. Wir müssen halt beten, beten, beten.« Sie wischte mit der schwieligen Hand die Thränen ab, dann blickte sie 153 vertrauensvoll zu Rochus empor. »Seht Ihr, mein Kind ist mein einziges, liebstes auf der Welt; ich lebe nur für meinen Buben und ohne ihn möcht' ich mich gleich aufs Todbett legen. Wer jemanden sein Einziges, sein Liebstes schenkt . . . Herr, Ihr seid so gut, nehmt ihn . . .«

Rochus machte eine leicht abwehrende Bewegung.

»Habt Ihr eine Frau?«

Er schüttelte nein!

»Der Pfarrer predigte in den Fasten: ›Die Mühlen Gottes mahlen langsam, aber sicher – sie zermahlen die Bösen und mahlen den Weizen für die Guten. Er wird Euch ein braves Weib in das Haus schicken und die wird Euch frische, prächtige Kinder bringen, glaubt mir. Mein Mann und ich haben ohnedem das letzte auf der Mühle, nehmt den Buben als unser Vermächtnis; wenn wir im Fegfeuer unsere Sünden abbüßen, werden wir mitten in der Qual auch für Euch beten, und das braucht Ihr wie jeder Mensch.« Sie hielt den Knaben flehend auf den Armen empor.

154 Rochus war tief gerührt, aber zweifelte noch. Da fiel ihm aus der Jugend jene biblische Geschichte ein, die er einst bei der Christenlehre aufsagen mußte. Der Erlöser spricht: »Was ihr einem Kinde thut, habt ihr mir gethan!« Er legte die Hand auf den Kopf des fremden Knaben und reichte sie dann zur Bestätigung seines Willens dem Weibe, die einen dankbaren Kuß d'rauf drückte. Wie oft mag wohl die Erinnerung an ein heiliges Wort der Bibel selbst in alten Tagen noch ein gutes Werk erzeugt, ein schlechtes verhindert haben!

Dann erklärte er der Schaffnerin den Sachverhalt. Diese wußte im ersten Augenblicke nicht, solle sie lachen oder sich entsetzen und schaute stumm bald auf den Herrn, bald auf das Weib mit dem Kind im Schoße. Endlich stotterte sie: »Aber, aber, aber . . . was werden die Leute sagen, wenn Ihr ledig einen Buben habt, und nun soll ich gar noch in meinen alten Tagen anfangen, zu kind'zen . . .«

»Die Mäuler kannst du nicht petschieren und für das andere wird die Kaindelbäurin im 155 Gnadenwald sorgen. Bestelle sie, ich statte den Buben bei ihr aus. – Wie heißt er denn?«

»Achille!« rief das Weib, »mein Achille Bartoli!«

»Achille.« sagte Rochus gedehnt und setzte einen langen Pfiff daran, »Achille! Da bin ich ja mitten im ›Homer‹. Lieber Eumäos, der göttliche Sauhirt, denn ich will ihn einmal auf meinem Gut verwenden!«

Dann schloß er lachend seine Rede an die Schaffnerin. »Mit der Kaindlin machst du die Sache aus; für die Bezahlung bin ich ihr gut genug; es wird sich mit den Zinsen, die ich von ihr für den Pacht zu fordern habe, ausgleichen. Dem Gemeindevorsteher soll sie ausrichten, daß ich früher oder später die Angelegenheit mit ihm persönlich abthun werde.«

Ohne sich weiter umzuschauen, ging er mit großen Schritten in das Haus.

Am nächsten Morgen fand man den Achille ruhig im Heu schlafen; seine Mutter hatte sich davongeschlichen; wie hätte sie es über das Herz gebracht, ihn zu verlassen, wenn er die dunklen 156 Augen aufgeschlagen und die Ärmchen um ihren Hals geschlungen hätte. Am nächsten Samstag brachte der Kaindlknecht die wichtige Neuigkeit, daß der tugendhafte Rochus den Buben von einer Welschen, welche das Jahr zuvor bei ihm übernachtet, auf dem Gnadenwald ausgestattet habe, mit einem Erdäpfelsack brühwarm auf den Markt; alle Obstlerinnen schüttelten bedenklich die Köpfe und die ehrsamen Bürger dankten Gott, daß sie keine solchen Sünder waren. – Wie das Viperlein die Ohren spitzte! Schon am nächsten Markttag fratschelte es den Knecht beim Fasserlwirt genau aus und schrieb, wie es seine Art, hastig jedes Wort in das Notizbuch. Wer weiß, wozu man diese Angaben noch brauchen konnte, denn Rochus galt für einen Mann von Bedeutung. Das Viperlein? – So nannten Bekannte einen jungen Beamten, ein kleines, schusseliges Bürschchen, das überall herumspitzelte, mit schwarzen, stechenden Augen, von denen es wie das Chamäleon das eine aufwärts, das andere abwärts richten konnte, im erdfahlen Gesicht. Wenn es eine 157 Spitzbüberei aussann, preßte es die Unterlippe nach oben, daß der Mund einem umgekehrten Kipfel glich und der rote, dünne Spitzbart wagrecht vorstand. Ein unheimlicher Geselle, den man für fähig hielt, aus zweckloser Bosheit dem Nächsten zu schaden; daß er schneller befördert wurde als ältere Kollegen, schrieben manche seinem Talent für die Intrigue und Spionage zu. Man wich ihm gerne aus. Also das Viperlein hatte alles verbucht, während es Rochus kaum der Mühe wert hielt, Freunden, die ihn aufzogen. die Sache genau zu erzählen, so daß mancher Streit für und wider entstand.

Nicht ganz zwei Meilen abwärts von unserer Stadt liegt ein uraltes Städtchen friedlich zwischen grünen Feldern. über seine grauen Mauern und Türme weht noch der Hauch des Mittelalters, in den sich kaum der Pfiff einer Lokomotive mischt. Hier siedeln sich gerne Pensionisten an, und obwohl sie verschiedenen Kronländern entstammen, giebt es unter den alten Herren doch keinen Streit, wenn nicht, ob der Wein bei dem oder jenem Wirt besser 158 sei. Über der westlichen Ecke erhebt sich ein schloßähnlicher Bau, über dessen Thor ein Doppeladler die Schwingen breitet. Der Maler hat es aber ein bißchen versehen, denn die eine Hälfte ist neben der anderen, die kräftige Krallen und einen großen Schnabel vorreckt, dürr und ruppig – ein armseliges Pfuschwerk, tief unter der Würde des Gegenstandes. Darunter prangt die Inschrift: »Gasthaus zum österreichischen Kaiseraar«. An der Nordseite des Baues scheidet ein Lattenzaun den Schankgarten von der Straße. Er ist durch hohe Planken vom Obstanger getrennt – bist du neugierig, so kannst du durch ein Loch ein Fräulein erspähen, frisch und gesund, wie du dir ein Weib wünschen magst. Ihr Haar, das sich dem Kamme nicht recht fügen will, ist blond, die widerspenstigen Härchen schinnnern, wenn sie der Sonne entgegenläuft, wie Goldfäden. Sie ahnt nicht, daß wir sie beobachten, sonst spielte sie uns eine Komödie vor wie alle Weiber in einem solchen Fall. Schiller hätte sie kaum als Thekla gedichtet, und ob sie ein neuer 159 Maler schmachtselig in den Erker einer Ritterburg gesteckt hätte, zweifeln wir. Damit haben wir sie weniger beschrieben als charakterisiert. Sie pflückte aus dem Laub des Spaliers reife Birnen und kletterte dabei wohl an den Stäben empor; als sie das Körbchen voll hatte, schälte sie sich eine und verzehrte sie behaglich, während eine lüsterne Wespe, die kosten wollte, einen Klaps abkriegte. Dann griff sie nach einem Buche; schauen wir ihr über die Achsel: Lenau! Wie paßt das zu ihr? Sie verstand seine düstere Schwermut allerdings nicht, aber sie fühlte seine tiefen Naturempfindungen mit und so manches seiner Lieder schilderte das Leben der ihr so innig vertrauten Alpenwelt. Die Dämmerung sinkt nieder, einzelne Sterne öffnen das Auge, überlassen wir sie ungestört ihren Mädchenträumen, denn welches Mädchen träumte nicht zu dieser Stunde?

Treten wir in den Schankgarten. Die Küchenthür nimmt in voller Breite Frau Crescenzia Zipperl ein. Hinter ihr lodert das Herdfeuer, als wär' sie in der Hölle Satans Köchin, 160 oder wie ein Heiligenschein, je nachdem. Sie schaut nach, ob Leinenzeug und Besteck auf den Tischen in Ordnung sei, schilt die Kellnerin und steckt dem Jungen eine Tachtel, weil er das welke Laub auf dem Kies nicht weggefegt, und vertreibt mit dem Bratspieß etliche Enten, die zudringlich die Bratbrocken unter ihren Füßen wegschnappen wollen.

Crescenzia Zipperl! Die verdient einen eigenen Essay, wenn ich ihn nur zu schreiben vermöchte. Sie war eine königliche Gestalt! Um Stirn und graue Schläfe zog sich wie ein Diadem die gefältelte Haube mit großen schwarz-gelben Maschen; weh' dem, wer dem Winke ihres Kochlöffels nicht gehorchte! Bei jedem Widerspruche blitzten die grünen Äuglein, da war es geraten abzufahren, wenn auch selten das Donnerwetter losbrach. Ihr Lächeln war viel zu gutmütig, wenn es von den vollen Lippen zum Kinn hinabspielte, das in drei Stufen gegen den Hals abdachte. Ihre Büste mit dem grünen, rotbetupften Tuche: der Großglockner neben dem Ortler, beide im schönsten 161 Flor der Alpenrosen! – Ihre untadelhafte Schürze hatte sie mit einem anilinroten Band umgebunden; das sah aus, als hätte man sie wie den heiligen Thomas quer durchgesägt und dann die Hälften übereinandergestellt . . . . nur nie verkehrt! Sie rief noch gegen die Planke: »Wo ist denn Käthchen, die Gans? – Sie soll das Obst bringen und sich dann schnell weiter tummeln, ich brauche sie nicht unter den Gästen!« Dann hustete sie und verschwand unter der Thür, soweit sie überhaupt verschwinden konnte.

Crescenzia Zipperl!

Geboren in unserem kleinen Städtchen, hatte sie einen Korporal geheiratet und ihn von Garnison zu Garnison begleitet. Nachdem er ausgedient, schloß er sich der Armee als Marketender an, zu Verona eröffnete er eine Kantine, die immer mehr an Ausdehnung gewann, weil das Militär mit der aufgewühlten städtischen Bevölkerung ungern verkehrte. Er starb an einer alten Wunde, die wieder aufbrach und eiterte; weil er keine Kinder 162 hinterließ, vererbte sein ganzer Besitz auf die Witwe. Sie fühlte sich, alleinstehend im fremden Lande, der Last der Wirtschaft nicht mehr gewachsen und kehrte mit den erworbenen Kapitalien in die Heimat zurück. Hier siedelte sie sich bei günstiger Gelegenheit an und nahm als Trösteinsamkeit des Alters die verwaiste Tochter ihres Bruders zu sich. Dieser wendete sie die volle Liebe ihres guten Herzens zu, ließ sie lernen, was man in dem Städtchen lernen konnte; als sich der Kaplan Sebastian des talentvollen Kindes annahm, kaufte sie gerne Bücher, Landkarten, Zeichnungen: was er vorschlug. Dafür wurde Käthchen ihr Stolz: »Die kann besser schreiben als ich und liest Bücher, von denen ich gar nicht einmal den Titel verstehe; wenn ich einmal die Augen schließe, erhält sie 20 000 bis 30 000 fl. Ja, ja! 20 000 bis 30 000 fl.! Schaut mich nur an. Um die darf kein daumenlanger Hansel werben, sonst kann er sich im Korb heimtragen lassen; das muß ein rechter Mann sein, dem ich sie gebe.«

163 Bald empfand sie jedoch Langweile, sie beschloß das Geschäft, das sie aufgegeben, wieder fortzusetzen, und erhielt die Bewilligung zur Wirtschaft, wo ich sie dem Leser vorstellte. Da sie, wie Odysseus, als Marketenderin verschiedene Länder gesehen, so hatte sie auch den Speisezettel derselben studiert: der Wiener fand echte Wienerschnitzeln, der Magyar Gollasch, der Italiener Maccaroni und Risotto, die böhmischen Talken gerieten ihr besser als manchem Staatsmann an der Donau und Moldau. An ihrer Wirtstafel blieben daher die Stühle nie leer, die Pensionisten kamen fast alle. Oft setzte sie sich zu den ausgedienten Offizieren und redete mit ihnen von den alten Tagen; sie erzählte: »wie wir bei Novara den Feind schlugen, die Schanzen von Custozza stürmten, so viel Kanonen eroberten – ja wir!« als ob auch sie zur Armee gehört hätte. Käthchen durfte jedoch nicht bedienen, damit später nicht der Nächstbeste sagen könne: Diese Frau schaut mich jetzt nicht mehr an und doch hat sie mir einst manches Seitel Wein 164 eingeschenkt.« Nur für den Kaplan galt eine Ausnahme und für mich, wenn ich ihn begleitete.

Hier war Rochus eingefallen; bald verstanden er und Käthchen sich so gut, daß er gar nicht mehr fort wollte. Wie ich vermutete, hatte der Kaplan das Linienschiff klug und vorsichtig in diesen Hafen bugsiert. Es war eine aufrichtige, mildwarme Liebe, die sie verband, und eine solche bräutliche Liebe bedarf weder stürmischer Romantik noch verwickelter Abenteuer; ich wüßte nicht so viel Mondschein und Veilchenduft aufzutreiben, um sie salonfähig zu machen. Am besten, ihr nehmt die Thatsache einfach hin, wie sie ist; will mich eine Dame darüber aufklären, so bin ich ihr zum vorhinein dafür verpflichtet und füge nur bei, daß ich von jeher das Einfachste für das Wahrste hielt.

Der Tag der Hochzeit war schon angesetzt; Käthchen nadelte darauf los, Frau Crescenzia schob sich hin und her wie eine schwere Kruppsche Kanone, die jeden Augenblick donnernd losgeht, 165 aber nie das Richtige trifft; Rochus stand beim ganzen Rummel jedem im Wege, wie denn bei solchen Vorbereitungen der Bräutigam stets das überflüssigste Möbel der Welt sein soll. Er fuhr an jedem Tag knurrend heim, wo er manches einzurichten hatte, um an dem nächsten Morgen wieder ungerufen bei dem Hause der Braut vorzufahren, bis man ihn wieder weiter schickte. Endlich hoffte er doch sein Haupt in Ruhe niederlegen zu dürfen, aber:

»Zwischen Mund und Bechersrand!«

Auch das Viperlein hatte den Garten entdeckt. Ein guter Bissen, ein guter Tropfen – es kam öfter und öfter, dann erst die Zwanzigtausendguldenbraut, hübsch, frisch, jung – die hätte alles übergoldet! Käthchen schlug aber gegen ihn aus, wie ein junges Füllen; wenn er sie nur mit der feuchten Hand streifte, war ihr, als kröche sie eine schmutzige Nacktschnecke an. Das kümmerte ihn vorläufig wenig, denn mit Zeit und Geduld reifen ja die herbsten Mispeln.

Da traf ihn wie ein Donnerschlag die 166 Nachricht von der Verlobung, die alle Fäden seines feinen Gewebes zerriß. Er dachte eine Weile nach, dann gab er das Spiel noch nicht verloren. Nach Tisch suchte er den Kaindlknecht; er versprach ihm eine Zehnerbanknote, wenn er der Frau Zipperl alles erzähle, was er wisse und gehört habe. Nun ging er in den Schankgarten; die Gäste kamen erst abends und so hatte Crescenzia Zeit, ein paar Hühner zu rupfen. Er fetzte sich zu ihr in den Schatten des Kastanienbaumes. »Sie feiern ja bald eine Hochzeit?«

Schmunzelnd erwiderte sie: »Ist es nicht, als hätten die Tauben das Paar zusammengetragen?«

»Nun, Kathchen ist ein Prachtmädel. Aber . . .«

»Was haben Sie gegen Rochus einzuwenden?«

»Sie spannten die Saiten so hoch, daß sich gewiß etwas besseres gefunden hätte.«

Sie runzelte die Stirne: »Wer giebt Ihnen das Recht, ihn anzuschmutzen?«

167 »Er ist ein liederlicher Mensch.«

»Wenn er das erfrägt.«

»Es ist notorisch!«

»Wer ist denn dieser Herr Notorisch?«

»Der Kaindlknecht, der Ihnen hier und da Holz liefert. Der brave Herr Rochus hat da droben im Bauernhof ein uneheliches Kind ausgestattet; fragen Sie nur nach, jedes Platzweib, das einen Korb Gemüse herabträgt, kann es bestätigen. Mich geht übrigens die Sache nichts an – ich wünsche Glück!«

Er lächelte höhnisch, bezahlte die Zeche und drückte sich durch die Seitenthür. Da lümmelte aber gerade wie gerufen der Knecht vorbei. Crescenzia winkte ihm, er setzte sich zu ihr und kramte aus. Sie schob die Haube bald auf das rechte, bald auf das linke Ohr und von der Stirn in den Nacken, daß die grauen Locken wie eine Mähne emporquollen und der Knecht über den Eindruck seiner Erzählung fast erschrak. Die Kellnerin stellte ihm auf Befehl Crescenzias eine Halbe hin und schaute der Frau nach, die wild und aufgeregt in das Haus rannte. 168 Schreiend erzählte sie Käthchen die Schandmäre; nun sei es aus, aus, aus, weder sie noch ihr Bäschen sollten in Verruf kommen. Das wäre schön, den Ehestand als Stiefmutter eines Bastard zu beginnen; noch heute schreibe sie den Absagebrief. – Käthchen zitterte an allen Gliedern, bleich und stumm hörte sie zu und hätte auch nie zu widersprechen gewagt. Noch spät saß sie in ihrem Kämmerlein auf dem Bett; hilflos, ratlos, denn der Kaplan kehrte erst in zwei, drei Tagen von der Scholastica zurück. Wenn sie nur vermocht hätte, sich auszuweinen, aber keine Thräne! Dieser Schmerz war der erste Schnee, der auf die Blüten ihrer Jugend fiel. Erst in der Frühe beim Aveläuten entschlummerte sie auf ein Stündchen. Als sie erwachte, war sie etwas beruhigter. Die verworrenen Eindrücke des vorigen Abends ordneten sich, sie begann nachzusinnen. »Kann Rochus, der sie immer so gut und treuherzig angeschaut, wirklich ein schlechter Mensch sein? Und wenn er es gewesen, giebt es denn keine Besserung? Ist denn 169 ein kleines Kind eine gar so große Sünde?« – Sie erschrak über diesen höchst unjungfräulichen Gedanken, dann setzte sie sich nieder, faltete ein Blatt Papier und begann zu schreiben. Es fiel ihr schwer, denn sie kaute lange an der Feder; als sie fertig war, legte sie den Brief vorläufig in die Schublade.

Die Muhme rief zur Thür herein: »Dem hab' ich noch gestern den Zapfenstreich getrommelt, wie eine ganze Regimentsmusik! Sei nur ruhig, er kommt gewiß nicht mehr!« Sie eilte in die Küche hinunter.

Die Abfertigung, die Rochus erhielt, war allerdings ein ungewaschenes Stachelschwein, er las sie zweimal, dreimal; er sah unter den Tisch, ob etwa ein begütigendes Blatt, das Käthchen beigelegt, herausgefallen sei, dann erhob er sich finster grollend: »Nun so bleib' es denn, wie es ist. Der arme Achille! Ich werde ihn nicht verstoßen, obwohl er mein Unglück verschuldet und die Prophezeiung seiner Mutter, die mir eheliches Glück verhieß, in 170 nichts zerfließt. Ich Esel, der ich mich zweimal auf das Eis führen ließ.«

Schon am nächsten Morgen erfuhr er, daß der Knecht gegen ihn ausgesagt. Die Sache durfte nicht auf sich beruhen, er nahm den Taufschein Achilles und die Akten der Gemeinde Pomarolo und reichte die Klage auf Ehrenbeleidigung ein. Der Knecht wurde vorgeladen, wie erschrak er, als man ihm erklärte, was er angestiftet. Wie man ihn kreuz und quer verhörte, stöhnte er: »Hätt' ich nur die zehn Gulden nicht genommen!«

Rochus wurde aufmerksam, er bat den Richter um die Erlaubnis, mit dem armen Sünder allein sprechen zu dürfen. Dieser gestand ihm nun weinend aus Furcht vor der Strafe, wie ihn das Viperlein gedungen: er habe zu dem, was er nach und nach erfahren. keinen Buchstaben dazu gelogen! »Also doch,« murmelte Rochus und lachte bitter, »also doch, und dem haben sie geglaubt!« Er wandte sich zum Knechtlein, das ängstlich harrte: »Du unterschreibst eine schriftliche Abbitte, dann ist 171 es für dich abgethan. Dafür gehst du noch heute zu dem Herrn, der dich beschwätzt, und sagst ihm von mir: er habe dir hundert Gulden Schmerzensgeld und dann noch dem Armenfonds hundert Gulden auszuzahlen; wenn das binnen vierundzwanzig Stunden nicht geschehen sei, so wende ich die Klage gegen ihn, und er möge an die Folgen denken.« Der Knecht unterschrieb die Abbitte; am nächsten Abend bedankte er sich für die hundert Gulden, auch der Armenfonds sei bezahlt. Das Viperlein habe alle Farben des Regenbogens gespielt und die Faust geballt, aber kein Wörtlein gesagt. Ruh' es in Frieden; es ist längst bußfertig mit der Absolution eines Jesuiten, den es oft verhöhnt, in die Ewigkeit geschlüpft; die Gattung starb freilich nicht aus, sie gedeiht noch immer in üppigen Exemplaren, die den Sumpf der wachsenden Korruption schmücken.

Nun erst wollte Rochus mit Frau Crescenzia kurz abrechnen. Er schrieb ihr: »Wenn sie es noch der Mühe wert finde, möge sie sich bei Gericht aufklären lassen. Aus der Art ihres 172 Vorgehens müsse er schließen, daß man eigentlich nur auf eine Gelegenheit gepaßt habe, mit ihm zu brechen. Käthchen werde ihn gewiß bald vergessen, er habe sich jedoch diese Erfahrung ins Herz gegraben für immer. In ein Haus, wo man ihn so wohlfeil hinausgeworfen, setze er nie mehr den Fuß und wär's auch nur, um ein Glas Wasser zu trinken.«

Nun kam die schwere Not über Crescenzia; sie wollte über den Stolz des Menschen schelten, als sie aber die Verzweiflung Käthchens sah, sank ihr der Mut und sie lief händeringend auf und ab. Das Mädchen machte ihr keinen Vorwurf, sie legte den Brief in das Gebetbuch und eilte zum Kaplan, den das schlechte Wetter aus der Sommerfrische heimgetrieben hatte. Der setzte die Hornbrille auf, buchstabierte das Blatt – »ins Herz gegraben« – er zuckte die Achseln – »ins Herz gegraben« – die Sache ist schlimm, aber noch nicht verloren! Käthchen schluchzte: »Ich weiß mir nicht zu helfen, das Leid und die Schande ertrag' ich nicht, ich will ins Kloster!«

173 »Wo man mit den Wiegenbändern zur Messe läutet!«

Sie blickte ihn unwillig an: »Verdien' ich diesen Spott?« und wollte gehen.

Er faßte ihre beiden Händchen und sagte lächelnd: »Wenn für dich alle Thüren zugenagelt sind, brech' ich ein Loch in die Mauer. Spann' deinen kleinen Mädchenverstand nicht an, mach' keine Narreteien und versprich, daß du dich von mir trauen läßt.« – Sie schaute noch immer durch Thränen zu ihm auf, sein klares Auge beruhigte sie; er befahl ihr noch, die Base zu schicken.

Nach einer halben Stunde hörte er sie langsam auf der Treppe und wie leise sie heut' anklopfte! Barsch rief er: »Herein!« Sie war ganz schüchtern. Nun ließ er sie scharf an: »Was haben Sie für eine Suppe eingebrockt, die das arme Käthchen ausessen soll?«

Sie begann zu weinen.

Er stellte sich knapp vor sie hin: »So ist's, wenn der Kiesel und der Stahl zusammentreffen, giebt es Funken, und wenn zwei Leute, 174 die Zündhölzeln auf dem Kopf haben, wie Sie und Rochus, an einander geraten, lodert es lichterloh, daß sich Unschuldige daran verbrennen.«

Bei dieser Predigt trippelte sie wie eine Ente.

Nach kurzem Schweigen hob er drohend den Finger: »Können Sie vor Gott und den seligen Eltern Käthchens die Verantwortung tragen für das Unheil, das Sie über ihr Leben gebracht?«

Das grüne Busentuch mit den roten Tupfen wogte wie ein Saatfeld. »So ist's mit euch Weibern und euerem Eigensinn!«

»Mein Gott, mein Gott!« jammerte Frau Crescenzia.

»Versprechen Sie mir zu thun, was ich rate, ohne Dreinreden und Widerspruch, wie es Ihr Brauch ist?«

Sie stammelte: »Ich will ihm gern abbitten!«

»Da hat man's,« rief er unwirsch, »habe ich denn Ihren Schnittlauch für die Suppe 175 verlangt? Sie würde er höchstens hinauswerfen oder stehen lassen, denn wie sollt' er ein solches Stückfaß in Schwung setzen? – Verdient haben Sie es zehnfach, aber Käthchen? – Man muß die zwei jungen Leute zusammenbringen, Aug' in Auge, sie werden vor einander nicht davon laufen, wie Papageno und der Mohr. Zuerst wollte ich Käthchen dort in der Kammer verstecken und ihn einladen; sie hätt' es jedoch abgelehnt, und dann das Gerede! Eingeladen habe ich ihn, morgen ist Markt, da kommt er um so gewisser! Käthchen wird keine Lust haben, sich unter die Leute zu mischen, sie mag in ihrem Zimmerchen einstweilen Langweil geigen und Trübsal blasen. Ihn begleite ich zur Eisenbahn, er muß da vorüber, ich dränge ihn knapp an die Thür, Sie erscheinen wie der Genius im Bauernspiel, er ist überrascht . . .«

»Jetzt geht mir ein Licht auf,« fiel sie ein; »ich halte ihn wie ein Schraubstock, dann zur engen Stiege, er oben und ich unten, über meinen Kopf kann er nicht wegspringen, so von 176 Stufe zu Stufe bis an Käthchens Thür; ja, ja. Sie sind gescheiter als ich.« –

Warnend sagte er ihr noch zum Schluß: »Unterstehen Sie sich nicht, drein zu pfuschen, sonst ist alles verpatzt, wie Ihre letzten Leberknödel.«

Rochus kam zur bestimmten Stunde. Der Kaplan suchte ihn zu besänftigen. Vergebens! Er fragte immer wieder, ob denn Käthchen keine Tinte für einen Brief gefunden hätte? Crescenzia habe eben gehandelt wie eine Marketenderin, aber sie! Endlich zog Sebastian die Uhr; es war Zeit zur Abfahrt. Eifrig sprechend kamen sie bereits in die Nähe des Gartens. Rochus blickte zu einem Fenster empor, dann besann er sich und wollte umkehren. Der Kaplan flüsterte ihm mit einem Anflug von Ironie zu: »Das schickt sich nicht, schreiten Sie stolz vorüber!« – Richtig – wie ein Storch. Schon hatte ihn jedoch Crescenzia beim Arm, eh' er sich's versah, stand er auf dem Hausflur. »Wir haben noch zu reden, Herr Rochus.« Fast wäre er auf 177 der ersten Stufe der Treppe gestolpert. »Worüber? Sie konnten doch meinen Brief lesen?« – »Der war dumm genug, fast so dumm wie der meinige.« Rochus blickte sie unwillig an, war aber wieder ein paar Staffeln emporgeglitten. – »Ja, dumm genug! Wir sind beide zu rasch gewesen, es ist halt so meine Natur. Wir müssen einander verzeihen.«

»Recht so!« rief der Kaplan von unten, »wofür wären wir sonst Menschen!« – Sie waren droben angelangt. »Aber Käthchen . . .« Crescenzia ließ ihn nicht ausreden, öffnete schnell die Thür gegenüber, schob ihn in das Zimmer und schloß dann ebenso rasch, indem sie den Schlüssel umdrehte. »So, jetzt bleibt beisammen, wie die Kardinäle bei der Papstwahl; Radetzky und der König von Sardinien haben auch Frieden geschlossen, ihr könnt es ebenfalls.« – Sie humpelte über die Stiege hinunter, wechselte noch einige Worte des Dankes mit dem Kaplan, der sich lachend der gelungenen List freute, und dann hörte man 178 Creseenzia in der Küche die Butter zu einem Gugelhupf umrühren.

Rochus war erst vom einfallenden Licht geblendet, dann erblickte er Käthchen, die sich ihm über die Stuhllehne halb zugewendet hatte – unbeweglich wie ein Bild, fast atemlos. Schnell erkannte er seine Lage; er prallte an die Mauer zurück, sein Jähzorn flammte auf. »Gefangen wie ein Gimpel, aber sollte ich Arm und Beine brechen!« Er eilte gegen das Fenster. Das Mädchen warf sich ihm mit einem Schrei entgegen, er widerstand dem sanften Drucke nicht, mit dem sie ihn zurückhielt. Dann schaute sie ihn wild an und rief: »Bist du mir so feind geworden? Wenn eines von uns zweien d'ran muß, bin ich es!« Sie riß das Fenster auf, daß die Scheiben klirrten, er umschlang sie mit festem Arm und zog sie zurück. Sie stand noch aufrecht, da flimmerte es vor ihren Augen, die Glieder lösten sich und sie wäre der Länge nach hingefallen, wenn er sie nicht aufgefangen und zum Sofa getragen hätte. Er legte sie sanft nieder und stellte sich, 179 bis sie sich erholt hatte, ihr gegenüber. Mit einem Atemzuge kehrte das Bewußtsein zurück; er fragte sie ernst: »Warum hast du mir das gethan, Käthchen?« – Sie erwiderte matt: »Rochus, an allem, was geschehen ist, bin ich unschuldig; ich weiß nicht das Wie und das Was!«

»Hättest du mir nur eine Zeile geschrieben!«

Sie erhob sich, zog den Brief aus der Lade und überreichte ihm denselben. »Als dein Sturm daherfuhr, wagte ich nicht mehr, ihn abzuschicken.«

Er las: »Nie hätte ich erwartet, von Dir so schlechte Dinge zu erfahren. Ich bringe es aber dennoch nicht über das Herz, mich von Dir loszureißen. Was Du gethan hast, hast Du gethan, ehe Du mich kanntest und ich bin daher nicht berufen, Dich zu verurteilen. Du kannst es gut machen, Du wirst es! Damit Du siehst, wie redlich ich es meine, so erkläre ich Dir, daß ich für deinen Sohn ›eine treue und liebevolle Mutter sein werde‹.« Diese Stelle war ausgestrichen und beigesetzt: ›treu und 180 liebevoll sorgen werde‹. »Lass' der Zeit ihr Recht; die Base meint es gut und wird sich aussöhnen.«

Er drückte sie leidenschaftlich an die Brust. »Daß es der Bosheit Viperleins bedurfte, um dich ganz zu erkennen! Jetzt soll uns nichts mehr scheiden.« Sie setzten sich zusammen, gar mancherlei hatten sie sich mitzuteilen, vielleicht auch versäumte Küsse einzubringen.

Da schlürften die Filzpatschen über die Treppe.

»Wart', die Base soll ihren Streich büßen!« flüsterte Rochus und schob eilig den Riegel vor.

Sie griff an die Schnalle. Vergebens! Es war gesperrt, drinnen alles mäuschenstill. Sie brummte: »Wenigstens raufen sie nicht!« und kehrte in die Küche zurück.

Den beiden verfloß die Zeit sehr schnell; nach einer halben Stunde kam die Base wieder und rüttelte an der Thür. Drinnen alles mäuschenstill. Sie brummte: »Mir scheint gar, sie bauen schon ein Nestlein wie die Spatzen!« und kehrte in die Küche zurück.

181 Die Sonne neigte zum Untergange. Die Base stieg zum drittenmale empor. Sie rief hinein. Käthchen wollte antworten, Rochus schloß ihr mit der Hand den Mund. Da wurde Frau Crescenzia unwirsch: »Sind sie denn durch den Kamin davon, wie die Hexen? Den Schlosser darf ich nicht kommen lassen, aber wart'!« – Rascher als gewöhnlich war sie drunten und das Pärchen wollte ihr schon nachfolgen, da begann es vor dem Fenster zu rasseln, eine schwarz-gelbe Masche tauchte auf, dann die Haube, das Gesicht wie der Vollmond, der Ortler und Großglockner unter dem grünen Tuch mit den roten Tupfen.

Rochus sprang auf, stellte einen Stuhl an das Gesims und half der dicken Frau beim Einsteigen. Dann konnte er sich nicht mehr halten, trotz ihres Unwillens lachte er aus Leibeskräften, auch Käthchen kicherte leise. Als Frau Crescenzia auf festen Füßen stand, rief sie: »Ihr Gesindel, das wird ein schöner Sturm in der ganzen Stadt, wenn die Leute erfragen, wie ich auf der Leiter eingestiegen bin, und 182 ich komme noch gar in die ›Fliegenden Blätter‹.«

Als Rochus sie bat, in vierzehn Tagen die Hochzeit zu veranstalten, hatte sie den Zorn vergessen und meinte nur, das sei nicht leicht möglich, denn bis dort seien die Kapaune nicht gemästet und auch ihr Seidenkleid nicht fertig. Er tröstete sie: in seinem Hofe liefen fette »Steirer« herum und die Nähterin werde er schon stupfen.

Sie willigte ein. Die Vermählung schildern wir nicht und bemerken nur, daß Käthchen für den einen ledigen Buben ihres Rochus in etlichen Jahren ein halbes Dutzend Kinder mit Fettgrübchen an Ellbogen und Fingergelenken, und Wänglein so frisch rot wie die Äpfel, die im Anger vom Baum fielen, am Tisch ätzte und eine eigene Näherin dingen mußte, um zerrissene Höschen und Röcklein zu flicken.

Rochus wurde immer kerniger: welscher Verstand, deutsches Gemüt! Seine Mitbürger vertrauten ihm; was er angab, war wohl erwogen und schlug immer gut aus, darum hätten 183 sie ihn längst in Landtag und Parlament gewählt. Er lehnte jedoch ab, eingedenk der Worte Platos im »Gorgias«, der dem verständigen Manne mißriet, sich unter gewissen Verhältnissen bei den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen. Er sagte oft: »Der Einzelne ist ohnmächtig, wo sich kein Ziel absehen läßt, die Wellen brausen und rinnen, aber wohin? Ich kann den Kirchenstaat nicht wieder herstellen oder die österreichischen Finanzen ordnen, und so giebt es viele Dinge, über die kein Stimmzettel entscheidet. Erfülle in deinem engen Kreise jede Pflicht, und du hast für das Allgemeine gearbeitet. Leider zermalmt das Rad des Schicksals nicht bloß jene, deren Schuld es ins Rollen gebracht, wir müssen aber vertrauen – auch auf das Ungewisse!«

Was aus seinem Buben geworden? Die Mutter hat ihn nicht mehr geholt, weil sie zu Waidring begraben liegt. Er sollte zuerst Gärtner werden, da erwacht jedoch sein angeborenes Kunstgenie vor den Läden der 184 Konditoren; die schönen Torten mit den aufgeträufelten Sprüchen und Amoretten aus Zucker, die Mandelbögen und Indianerkrapfen begeisterten ihn; Rochus ließ ihn auf seine Bitte als Lehrling eintreten. Jetzt läuft er zu Bozen herum; auf dem Kopf eine Papierdüte mit einem Leitartikel der »Ostdeutschen Rundschau«, eingekleidet in eine weiße Jacke, wie es sein Stand fordert.

Wir sind zu Ende. Eine tiefsinnige Idee und symbolische Weisheit darf in dieser schlichten Geschichte niemand suchen, es sei denn, man begnügt sich mit einem Spruche aus Pindars siebenter Isthmia, man würde mich jedoch einen Pedanten schelten, wenn ich ihn hersetzen wollte.

 


 

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