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Herr Parent

Guy de Maupassant: Herr Parent - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleHerr Parent
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume6
year1910
firstpub1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc245d89a
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Herr Parent

I

Der kleine Georg kroch auf allen Vieren in der Allee umher und machte Sandhäufchen. Er nahm den Sand mit beiden Händen, baute eine Pyramide, dann pflanzte er auf der Spitze ein Kastanienblatt.

Sein Vater saß auf einem eisernen Stuhl in der Nähe und betrachtete ihn unausgesetzt mit zärtlicher Aufmerksamkeit. In dem großen öffentlichen Garten, der voll Menschen war, sah er nichts als sein Kind.

Längs des ganzen Rundweges, der am Bassin, an der Dreifaltigkeitskirche vorbei um den großen Rasenplatz herumführt, spielten andere Kinder genau so, während die Kindermädchen gleichgültig mit stumpfsinnigem Ausdruck in die Luft blickten oder die Mütter mit einander schwatzten, jedoch ohne auch nur einen Augenblick das Kindervolk aus dem Auge zu lassen.

Ammen schritten paarweise auf und ab mit würdiger Miene, während die langen, farbigen Bänder ihrer Hauben hinter ihnen dreinwehten. Im Arme trugen sie etwas Weißes, in Spitzen Gehülltes, während kleine Mädchen in kurzen Kleidchen, mit nackten Beinen eine Pause im Reifenspiel zu ernsthaften Gesprächen benützten. Der Gartenaufseher lief in seinem grünen Rock mitten durch dieses Kindergewimmel und mußte unausgesetzt Bogen machen, um die Erd-Sandbauten nicht zu zerstören, um auf keine Händchen zu treten, um die ganze Ameisenthätigkeit dieser reizenden, kleinen Menschenkindchen nicht zu beeinträchtigen.

Die Sonne versank eben hinter den Dächern der Rue St. Lazare und warf ihre langen schrägen Strahlen auf diese geputzte, bunte Menge. Golden färbte sie die Kastanienbäume, und die drei Springbrunnen vor dem hohen Portal der Kirche glänzten wie flüssiges Silber.

Herr Parent betrachtete seinen Sohn, der vor ihm im Sande spielte. Mit liebevollem Blick folgte er den geringsten Bewegungen, und schien immerfort mit gespitztem Munde dem kleinen Georg ein Küßchen zuzuschicken.

Aber als er nach der Uhr am Kirchturm blickte, bemerkte er, daß er schon fünf Minuten zu lange geweilt. Sofort stand er auf, nahm den Kleinen beim Arm, schüttelte den Sand aus dessen Kleidchen, wischte ihm die Händchen ab und zog ihn mit sich zur Rue Manche. Er beeilte sich, um nur ja nicht später heimzukommen als seine Frau. Und das kleine Kerlchen, das nicht mitkonnte, trippelte an seiner Seite.

Da nahm ihn der Vater auf den Arm, beschleunigte seinen Schritt noch mehr und keuchte mühsam die ansteigende Straße hinan. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, schon grau, ein wenig dick, der etwas verlegen auf seinen Schmerbauch blickte.

Vor ein paar Jahren hatte er aus rasender Liebe eine junge Frau geheiratet, die ihn jetzt ganz unter dem Pantoffel hatte und schlecht behandelte. Unausgesetzt schalt sie ihn um alles, was er that, um alles, was er nicht that, warf ihm mit Bitterkeit die geringsten Dinge vor, alle seine kleinen Angewohnheiten, seine einfachen Vergnügungen, seinen Geschmack, sein Aussehen, seine Bewegungen, seine Körperfülle und den sanften Ton seiner Stimme.

Dennoch liebte er sie noch immer. Aber über alles liebte er das Kind, das er von ihr besaß, seinen Georg, der nun drei Jahr alt war, sein größtes Glück und sein einziger Gedanke.

Er war ein kleiner Rentier, hatte keine Beschäftigung und verzehrte seine zwanzigtausend Franken Einkommen. Seine Frau, die ihm keine Mitgift gebracht, war immer empört über die Unthätigkeit ihres Mannes.

Endlich erreichte er sein Haus, setzte das Kind auf der ersten Treppenstufe nieder, wischte sich die Stirn und fing an hinaufzugehen.

Im zweiten Stock klingelte er.

Eine alte Dienerin, die ihn erzogen hatte, eines jener Prachtexemplare von einem Dienstboten, die Tyrannen der Familie werden, öffnete. Er fragte ängstlich:

– Ist die gnädige Frau schon zu Haus?

Das Mädchen zuckte die Achseln:

– Seit wann hat Wohl der gnädige Herr erlebt, daß die gnädige Frau um halb sieben Uhr zurück ist.

Er antwortete fast verlegen:

– Nun, dann ist's gut. Desto besser, dann habe ich Zeit, mich umzuziehen, denn ich bin sehr warm geworden.

Die Dienerin blickte ihn mit etwas erregtem und verächtlichem Mitleid an. Sie brummte:

– Ah, das sehe ich schon, daß der gnädige Herr ganz naß ist. Der gnädige Herr ist gelaufen, vielleicht hat er den Kleinen auch noch geschleppt und das alles nur um auf die gnädige Frau bis halb achte zu warten. Jetzt soll mir aber keiner mehr damit kommen, daß ich zur richtigen Zeit angerichtet haben muß! Nee, nee! Ich richte eben um achte an und wenn die Herrschaften dann warten müssen, meinetwegen, der Braten darf nicht verbrennen.

Herr Parent that, als hörte er nichts und brummte:

– 's ist gut, 's ist gut. Georg müssen die Hände gewaschen werden, weil er im Sande gespielt hat. Ich werde mich umziehen. Sag nur dem Stubenmädchen, sie soll den Kleinen ordentlich rein machen.

Dann trat er in sein Zimmer, und sobald er dort war, schob er den Riegel vor, um allein zu sein, allein, ganz allein.

Er war jetzt so daran gewöhnt, schlecht behandelt und herumgeschubst zu werden, daß er sich nur sicher fühlte hinter Schloß und Riegel. Er wagte es nicht einmal, sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen, wenn er sich nicht gegen Blicke und Unterstellungen im abgeschlossenen Zimmer in Sicherheit fühlte.

Er hatte sich, ehe er andere Wäsche anzog, auf einen Stuhl niedergelassen und überlegte sich, daß Julie anfing, eine neue Gefahr für sein Haus zu werden. Sie haßte seine Frau, das war ganz augenscheinlich, und vor allen Dingen haßte sie seinen Freund Paul Limousin, der – was selten vorkommt – der intimste, beste Freund des Ehepaares geblieben war, nachdem er sein unzertrennlicher Freund während der Junggesellenzeit gewesen.

Limousin diente sozusagen als Puffer zwischen Henriette und ihm und schützte ihn sogar mit Eifer und Erfolg gegen unverdiente Vorwürfe, gegen häusliche Szenen, gegen das ganze tägliche Elend seines Daseins.

Aber nun erlaubte sich Julie schon seit einem halben Jahr unausgesetzt Bemerkungen und böswillige Urteile über ihre Herrin. Immerfort sagte sie etwas über sie, und oft wiederholte sie zwanzig Mal am Tage:

– Wenn ich der gnädige Herr wäre, würde ich mich nicht so an der Nase rumführen lassen. Na, meinetwegen – ener macht's so – eener so!

Eines Tages war sie sogar unverschämt gegen Henriette gewesen, die sich damit begnügt hatte, abends gegen ihren Mann zu äußern:

– Ich will Dir nur eins sagen: wenn das Frauenzimmer nur einmal wieder unverschämt wird, so setze ich sie vor die Thür.

Und trotzdem war es, als ob sie, die sonst nichts fürchtete, vor der Alten Furcht empfände. Parent meinte, diese Nachsicht entstamme einer Achtung für die alte Dienerin, die ihn erzogen und seiner Mutter die Augen zugedrückt hatte.

Aber nun wurde es zu toll, so konnte das nicht mehr lange weitergehen, und mit Entsetzen überlegte er sich, was nun eigentlich werden sollte. Was sollte er thun? Julie fortschicken, erschien ihm eine so bedenkliche Maßregel, daß er gar nicht daran zu denken wagte; ihr aber recht geben gegen seine Frau, war ebenso wenig möglich, und es konnte eigentlich kaum mehr ein Monat vergehen, daß die Lage einfach unhaltbar werden mußte.

So saß er da, ließ die Arme herabhängen und suchte vergeblich nach irgend einem Mittel zur Versöhnung. Er fand nichts. Da brummte er vor sich hin:

– Ach, wenn ich Georg nicht hätte! Ohne ihn wäre ich doch zu unglücklich!

Dann kam ihm der Gedanke, Limousin um Rat zu fragen. Dabei blieb er. Aber bald fiel ihm ein, daß jener wegen seiner Feindschaft mit der alten Dienerin ihm raten würde, ihr zu kündigen. Und wieder versank er in Ängste und Unschlüssigkeit.

Es schlug sieben Uhr. Er fuhr in die Höhe. Sieben Uhr? Und er hatte sich noch nicht umgezogen! Da kleidete er sich schnell mit fliegender Hast aus, wusch sich, legte ein frisches Hemd an, so eilig, als ob ihn jemand zu, irgend etwas außerordentlich Wichtigem erwartete.

Dann trat er in den Salon und fühlte sich ganz erleichtert, daß ihm nichts mehr passieren könnte.

Er warf einen Blick in die Zeitung, sah auf die Straße hinab, und setzte sich dann wieder auf das Sofa; da öffnete sich eine Thür und sein Sohn kam herein, gereinigt, gekämmt, lächelnd. Parent schloß ihn in die Arme und küßte ihn leidenschaftlich, zuerst auf das Haar, dann auf die Augen, dann auf die Wangen, auf den Mund und auf die Hände. Er hob ihn in die Luft, beinahe bis zur Decke. Dann aber setzte er sich, weil die Anstrengung, ihn müde gemacht, und ließ Georg auf seinen Knieen reiten.

Das Kind war glückselig, lachte, zappelte mit den Armen, kreischte vor Vergnügen; und auch der Vater lachte und schrie vor innerer Befriedigung, daß sein dicker Bauch wackelte; und die Geschichte machte ihm beinahe noch mehr Spaß als dem Kinde. Er liebte es mit seinem ganzen Herzen, ein still ergebener schwacher zermürbter Mensch! Seine Liebesbeweise äußerten sich oft närrisch und stürmisch, als ob er all die heimliche verschämt-verborgene Zärtlichkeit ausströmen lassen wollte, die er nicht einmal in den ersten Stunden seiner Ehe mit dieser leidenschaftslosen gleichgültigen Frau hatte zeigen und von sich geben dürfen.

Julie erschien auf der Schwelle mit bleichem Gesicht und glänzenden Augen und kündete, mit von Verzweiflung zitternder Stimme an:

– Gnädiger Herr, es ist halb acht.

Parent blickte unruhig und ergeben auf die Uhr und murmelte:

– Ja allerdings, es ist halb acht.

– Ja, mein Essen ist nun fertig.

Da er das Gewitter kommen sah, so versuchte er sie zu beschwichtigen:

– Aber, hast Du mir denn nicht gesagt, als ich nach Hause kam, daß Du um acht Uhr anrichten wolltest?

– Um achte? Das glauben Sie wohl selbst nicht; Sie wollen doch das Kind nicht jetzt um achte essen lassen. Das sagt man so, jawohl, das ist so'ne Redensart. Aber der Magen des Kindes würde das nicht vertragen. Um achte essen! Ja, wenn's bloß nach seiner Mutter ginge, die kümmert sich den Deubel um das Kind. Allerdings – na – von der Mutter wollen wir lieber gar nicht weiter reden. Ist das nicht 'n Jammer, so' ne Mutter!

Parent zitterte, aber er fühlte, daß er mit einem Gewaltwort die drohende Szene abschneiden mußte und sagte:

– Julie, ich verbiete Dir, in diesem Tone von Deiner Herrin zu reden, hörst Du! Und ich bitte Dich, das in Zukunft nicht zu vergessen.

Die alte Dienerin war derartig erschrocken, daß sie sich auf dem Absatz herumdrehte und hinauslief, wahrend sie die Thür so heftig zuschmiß, daß alle Krystallprismen am Kronleuchter klingelten. Ein paar Sekunden hindurch war es, als töne in dem schweigenden Salon ganz leises, unbestimmtes Glockengebimmel.

Georg war zuerst erstaunt, dann klatschte er vor Vergnügen in die Hände, blies die Backen auf und machte laut mit aller Kraft seiner Lungen:

– Bum! um das Zuschlagen der Thüre nachzuahmen.

Nun erzählte ihm der Vater Geschichten. Aber da er dabei immer an andere Dinge dachte, so verlor er fortwährend den Faden, und der Kleine, der seine Geschichte nicht mehr verstand, riß erstaunt die Augen auf.

Parent ließ keinen Blick von der Wanduhr. Es war ihm, als sähe er den Zeiger gehen. Er hätte die Zeit anhalten mögen bis zur Rückkehr seiner Frau. Er verdachte es Henriette weiter nicht, daß sie sich verspätete, aber er hatte Angst, Angst vor ihr und Julie, und Angst vor all dem, was da passieren konnte. Noch zehn Minuten – und eine nicht wieder gut zu machende Katastrophe konnte eintreten, Auseinandersetzungen und sogar Thätlichkeiten, an die er nicht einmal zu denken wagte. Schon der Gedanke an diesen Streit, dieses Schreien, die Schimpfworte, die wie Kugeln durch die Luft sausen würden, an die beiden Frauen, die sich einander gegenüber stehen, sich anblicken und allerlei Verletzendes an den Kopf werfen würden, ließ sein Herz schlagen und ihm die Kehle eintrocknen wie bei einem Spaziergange in der Sonnenhitze, machte ihn schlapp, weich wie einen Waschlappen, daß er nicht einmal mehr die Kraft besaß, sein Kind aufzuheben und es auf den Knieen reiten zu lassen.

Es schlug acht Uhr. Die Thür ging auf und Julie erschien. Sie sah nicht mehr wütend aus, sondern hatte einen Ausdruck von bösartiger, kalter Entschlossenheit, der noch gefährlicher schien.

– Gnädiger Herr, – sprach sie, – ich habe Ihrer Frau Mutter bis zu ihrem Tode gedient. Ich habe auch Sie von ihrer Geburt ab bis heute gepflegt, und ich glaube, daß man sagen kann, ich bin eine treue Dienerin Ihrer Familie.

Sie erwartete eine Antwort.

Parent stotterte:

– Nu ja, meine gute Julie.

– Sie wissen sehr wohl, daß ich niemals etwas aus Geldinteresse gethan habe, sondern nur aus Interesse für Sie, daß ich Sie nie betrogen und nie belogen habe, daß Sie niemals Grund gehabt haben, mir einen Vorwurf zu machen.

– Nu ja, meine gute Julie.

– Nun, gnädiger Herr, das kann nicht mehr so weiter gehen. Bis jetzt habe ich aus Freundschaft für Sie nichts gesagt und habe Sie in Ihrer Ahnungslosigkeit gelassen, aber das ist zu toll, man lacht ja über Sie im ganzen Stadtviertel. Jetzt können Sie machen, was Sie wollen, alle Welt weiß es und ich muß es Ihnen mal sagen, obgleich es mir nicht gerade angenehm ist, zu klatschen. Wenn die gnädige Frau so nach Hause kommt, wann's ihr paßt, so macht sie böse Geschichten.

Er blieb erschrocken stehen und begriff nicht. Er konnte nur stottern:

– Willst Du ruhig sein, Du weißt, daß ich Dir verboten habe ...

Aber sie schnitt ihm mit unwiderstehlicher Entschlossenheit das Wort ab:

– Nein, gnädiger Herr, jetzt muß ich Ihnen Alles sagen: schon seit langer Zeit hat die gnädige Frau mit Limousin ein Verhältnis. Ich habe zwanzig Mal mindestens beobachtet, wie sie sich hinter der Thüre küßten, O, wissen Sie, wenn Herr Limousin reich gewesen wäre, dann hätte die gnädige Frau sicher nicht Herrn Parent geheiratet. Der gnädige Herr soll sich bloß mal erinnern, wie das mit der Heirat überhaupt war und dann würde er die ganze Geschichte verstehen.

Aschfahl war Parent aufgestanden und stammelte:

– Willst Du schweigen! Willst Du schweigen! oder ...

Sie fuhr fort:

– Nein, ich werde Alles sagen. Die gnädige Frau hat den gnädigen Herrn mit einer bestimmten Absicht geheiratet. Sie hat ihn betrogen vom ersten Tage ab. Die zwei haben das zusammen ausgemacht, das ist nun mal so, man braucht nur 'n bißchen nachzudenken, um das einzusehen. Und nicht genug damit, daß sie den gnädigen Herrn geheiratet hatte, den sie gar nicht liebt, hat sie ihm das Leben sauer gemacht, so sauer, daß mir hätte das Herz brechen können, mir, die ich all das mit angesehen habe.

Mit geballter Faust schritt er auf sie los und rief.

– Schweig! Willst Du schweigen!

Denn er wußte nicht was er antworten sollte.

Aber die alte Dienerin wich nicht von der Stelle. Sie schien zu allem bereit.

Der kleine Georg war zuerst erstaunt, dann erschrocken über den Ton der erregten Stimmen. Endlich fing er laut an zu brüllen, indem er hinter seinem Vater mit verzerrtem Gesicht und offenem Munde stehen blieb.

Das Geschrei seines Sohnes brachte Parent zur Verzweiflung, flößte ihm Mut ein und Wut zugleich. Er stürzte sich auf Julie mit erhobenen Armen, als wollte er sie schlagen, und rief:

– Du elendes Frauenzimmer, Du wirst noch den Kleinen ganz verrückt machen!

Er war nahe daran, sie zu berühren, als sie ihm ins Gesicht warf:

– Der gnädige Herr kann mich schlagen, wenn er will, mich, die ihn großgezogen hat, das ändert nichts daran, daß ihn die gnädige Frau betrügt und daß der Kleine nicht sein Kind ist.

Da blieb er wie angewurzelt stehen, die Arme fielen ihm schlaff herab und er war so erschrocken, daß er überhaupt von nichts mehr etwas verstand.

Sie fügte noch hinzu:

– Man braucht ja bloß den Kleinen anzusehen, um zu wissen, wer der Vater ist! Das Kind ist das reine Abbild von Herrn Limousin, man braucht bloß seine Augen und seine Stirn zu sehen! Das fühlt ja der Blinde mit dem Stocke.

Aber er hatte sie bei den Schultern gepackt und schüttelte sie mit aller Kraft, während er sie anherrschte:

– Schlange! Schlange! 'raus, alte giftige Schlange! Mach, daß Du 'rauskommst, oder ich schlage Dich tot! Hinaus! Hinaus!

Und mit verzweifelter Anstrengung stieß er sie in das Nebenzimmer. Sie fiel über den gedeckten Eßtisch, dessen Gläser umstürzten und zerbrachen. Sie richtete sich wieder auf, lief um den Tisch herum, damit er zwischen ihren Herrn und sie käme, und während er sie verfolgte, um sie zum zweiten Mal zu packen, warf sie ihm noch die Worte ins Gesicht:

– Der gnädige Herr braucht nur auszugehen heute abend nach Tisch, und dann plötzlich nach Haus zu kommen! Dann werden der Herr schon sehen! Dann werden der Herr schon sehen, ob ich gelogen habe. Der gnädige Herr soll's nur mal versuchen, der Herr werden schon sehen!

Sie hatte sich zur Küchenthür geflüchtet und lief davon, er hinter ihr her, die Hintertreppe hinauf bis zum Mädchenzimmer, wo sie sich eingeschlossen hatte. Er donnerte an die Thür:

– Du wirst sofort mein Haus verlassen!

Sie antwortete hinter der Thür:

– Der gnädige Herr kann sich darauf verlassen, in einer Stunde bin ich weg.

Langsam, sich dabei am Geländer haltend, um nicht zu fallen, ging er hinunter in den Salon, wo Georg an der Erde saß und heulte.

Parent ließ sich in einen Stuhl fallen und blickte das Kind ganz verstört an. Er wußte nicht mehr wo er war, alles drehte sich um ihn, als sei er toll geworden, als ob er einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte. Er entsann sich kaum der fürchterlichen Dinge, die ihm eben die alte Dienerin gesagt.

Endlich beruhigte sich allmählich sein Gehirn, seine Gedanken klärten sich, und die gräßliche Entdeckung begann in seinem Herzen ihr Werk zu thun.

Julie hatte so offen, so entschieden, mit solcher Bestimmtheit und Ehrlichkeit gesprochen, daß er an der Wahrheit nicht zweifelte. Aber er meinte immer noch, sie könnte sich geirrt haben, sie könnte durch ihre Anhänglichkeit an ihn blind geworden sein, der Haß gegen Henriette könnte ihre Urteilskraft getrübt haben. Aber wie er versuchte, sich zu beruhigen, erinnerte er sich an tausend Kleinigkeiten: Worte seiner Frau, Blicke Limousin's, eine Menge von gleichgültigen, kaum wahrgenommenen Dingen, einmal ein später Ausgang, gleichzeitige Abwesenheit. Sogar die unbedeutendsten Bewegungen der beiden, die aber doch sonderbar gewesen waren, an denen er nichts hatte finden können, fielen ihm ein und nahmen nun plötzlich für ihn eine außerordentliche Wichtigkeit an. All das verdichtete sich dahin, daß er meinte, ein Einverständnis zwischen den beiden müsse bestehen. Er erinnerte sich plötzlich alles dessen, was seit seiner Verlobung geschehen. Alles kam ihm wieder zu Sinn und nun sah sein armes, von Zweifeln hin und hergeworfenes Hirn, alles das, was vielleicht nur einen Verdacht hätte abgeben können, schon als Gewißheit.

Er durchflog in Gedanken die fünf Jahre seiner Ehe, klammerte sich an jede Kleinigkeit, suchte alles Monat um Monat Tag um Tag, wieder zu finden, und alles, was ihn hätte beunruhigen können, fand er auch wieder und es traf ihn ins Herz wie ein Dolchstich.

An Georg dachte er nicht mehr. Das Kind saß jetzt still auf dem Teppich. Aber da man sich mit ihm nicht mehr beschäftigte, fing es wieder an zu weinen.

Der Vater ging auf den Jungen zu, nahm ihn auf den Arm und bedeckte ihn mit Küssen. Sein Kind blieb ihm doch wenigstens! Da war ihm das Übrige einerlei. Er hielt es in den Armen, drückte es an sich, preßte den Mund auf sein blondes Haar und stammelte erleichtert und getröstet:

– Georg, mein kleiner Georg! Mein lieber, kleiner Georg!

Aber plötzlich dachte er an das, was Julie gesagt. Sie hatte doch gemeint, der Knabe wäre Limousin's Kind. Aber das war unmöglich. Nein, das konnte er nicht glauben, nicht einen Augenblick, das war eine jener gemeinen Niederträchtigkeiten, die in solchen Bedienten-Seelen schlummern. Und er wiederholte:

– Georg, mein lieber Georg!

Der Bengel schwieg, als er geliebkost ward.

Parent fühlte die Wärme des kleinen Körpers durch den Stoff hindurch. Sie erfüllte ihn mit Liebe, Mut und Freudigkeit. Die süße Körperwärme des Kindes schmeichelte sich in ihn hinein, gab ihm Kraft und erhob ihn wieder. Da bog er das kleine Köpfchen ein wenig von sich ab, um es liebevoll zu betrachten. Er besah den Knaben mit leuchtenden Augen, versank ganz in seinen Anblick, wahrend er immer wiederholte:

– O mein kleiner, mein kleiner Georg!

Plötzlich dachte er:

– Und wenn er doch Limousin ähnlich sähe?

Da durchzuckte ihn etwas ganz Seltsames, Fürchterliches. Ein heftiges schneidendes Kältegefühl lief ihm über den Leib, als ob plötzlich seine Knochen zu Eis erstarrten.

O, wenn er Limousin ähnlich sähe!

Und nun blickte er immerfort Georg an, der jetzt lachte. Er sah ihm erschrocken, starr in die Augen, und suchte in dieser Stirn, in der Nase, im Munde, in den Wangen, ob er nicht etwas von der Stirn, der Nase, dem Munde und den Wangen Limousin's wieder fände.

Die Gedanken fingen an ihm zu schwinden, als würde er verrückt, und unter seinem Blick schien sich das Antlitz des Kindes zu verändern, nahm seltsame Gestalt an und wunderliche Ähnlichkeit.

Julie hatte zu ihm gesagt: »das fühlt der Blinde mit dem Stocke.« Es mußte also eine Ähnlichkeit sein, die nicht zu leugnen war. Aber wo? Die Stirn? Ja, vielleicht. Und doch hatte Limousin eine schmälere Stirn. Dann also der Mund? Aber Limousin trug einen Vollbart. Wie sollte man zwischen dem rundligen Kinn des Kindes und dem behaarten des Mannes eine Ähnlichkeit finden?

Parent dachte:

– Ich kanns nicht erkennen, kanns nicht mehr erkennen. Ich bin zu sehr befangen. Jetzt wärs mir überhaupt nicht möglich, so was festzustellen. Ich muß warten. Ich muß ihn mir mal morgen früh wieder ansehen. Dann überlegte er sich:

– Aber wenn er mir nun ähnlich sähe? Dann wäre ich ja gerettet! Gerettet!

Und mit ein paar großen Schritten eilte er durch den Salon, um im Spiegel des Kindes Züge mit den seinen, zu vergleichen.

Er hielt Georg auf dem Arm, daß ihre Wangen sich an einander schmiegten, und nun sprach er ganz laut, so groß war seine Erregung:

– Ja ... wir haben dieselbe Nase ... dieselbe Nase ... vielleicht ... sicher ist es nicht ... und denselben Blick aber nein ... er hat ja blaue Augen ... ja dann ... o mein Gott ... mein Gott ... ich werde verrückt ... ich kann nicht mehr sehen ... ich bin verrückt.

Er floh vom Spiegel bis zum andern Ende des Salons, ließ sich in einen Stuhl fallen, setzte den Kleinen auf einen anderen daneben und fing an zu weinen. Er schluchzte laut, und Georg war so erschrocken, seinen Vater stöhnen zn hören, daß er plötzlich auch anfing zu heulen.

Da klang die Glocke an der Entreethür. Parent sprang auf, als ob ihn eine Kugel getroffen hätte, indem er sich sagte:

– Da ist sie. Was soll ich nun thun?

Und er lief in sein Zimmer, um Zeit zu gewinnen, sich wenigstens die Augen abzuwischen. Aber nach ein paar Sekunden fuhr er zusammen: wieder klang die Glocke. Dann erinnerte er sich, daß doch Julie fortgegangen ohne daß das Stubenmädchen etwas davon wußte. So machte also niemand auf. Was sollte er thun? Er ging hin.

Und plötzlich fühlte er sich tapfer zu allem entschlossen, zum Kampfe bereit. Die furchtbare Entdeckung hatte ihn in wenigen Augenblicken reifer gemacht. Und dann wollte er jetzt Alles wissen, er wollte es mit zaghafter Wut und der Beharrlichkeit eines sonst gutmütigen Menschen der zur Verzweiflung gebracht ist.

Und doch zitterte er davor. War es Furcht? Ja, vielleicht hatte er noch Furcht vor ihr. Der Mut besteht ja doch so oft nur aus einer bis zum äußersten gebrachten Feigheit. Hinter der Thür, zu der er mit eiligen Schritten gestürmt, blieb er nun stehen, um zu lauschen. Sein Herz klopfte laut. Er hörte nichts, als das starke dumpfe Pochen in seiner Brust und die schrille Stimme Georg's der im Salon fortwährend schrie.

Plötzlich fuhr er zusammen unter dem Ton der Glocke, die wiederum über seinem Kopfe klang. Dann nahm er die Klinke in die Hand und atemlos mit wankenden Knieen machte er auf.

Seine Frau und Limousin standen vor ihm auf der Treppe.

Sie fagte mit erstaunter Miene, aus der ein wenig Erregung klang:

– Jetzt machst gar Du auf? Wo ist denn Julie?

Die Kehle war ihm wie zusammengeschnürt. Er atmete heftiger und gab sich Mühe zu antworten, brachte aber kein Wort heraus.

Sie fing wieder an:

– Bist Du denn stumm geworden? Ich fragte, wo Julie ist?

Da stotterte er:

– Sie ist – sie ist fort.

Seine Frau fing an wütend zu werden:

– Was, fort? Wohin denn? Warum?

Allmählich gewann er seine Gelassenheit zurück und nun stieg in ihm ein wütender Haß auf gegen diese unverschämte Frau, die da vor ihm stand:

– Ja fort ist sie, ganz fort, ich habe sie fortgeschickt.

– Du hast sie fortgeschickt? Julie? Du bist wohl verrückt!

– Ja, ich habe sie fortgeschickt, weil sie unverschämt war und weil sie – weil sie das Kind schlecht behandelt hat.

– Julie?

– Ja, Julie.

– Wieso ist sie denn unverschämt gewesen?

– Deinetwegen!

– Meinetwegen?

– Ja, weil ihr Mittagessen angebrannt war und Du nicht nach Hause kamst. Sie hat gesagt – sie hat Dinge gesagt, die Dir nicht zur Ehre gereichen und die ich nicht anhören durfte, nicht anhören konnte.

– Was für Dinge?

– Das brauche ich nicht zu wiederholen.

– Ich wills wissen!

– Sie hat gesagt, daß es ein Unglück wäre für einen Mann wie mich, so eine Frau wie Dich, geheiratet zu haben! Eine Frau die unpünktlich ist, unordentlich, sich um nichts kümmert, nicht um den Haushalt, die eine schlechte Mutter ist und eine schlechte Gattin dazu.

Die junge Frau war in den Vorsaal getreten, und Limousin, der kein Wort sprach, folgte ihr. Sie schloß schnell die Thür, warf ihren Mantel auf einen Stuhl und ging stammelnd auf ihren Mann los:

– Du sagst – Du sagst, daß ich – –

Er war sehr bleich, sehr ruhig und antwortete:

– Liebe Freundin, ich sage gar nichts, ich wiederhole Dir nur, was Julie gesagt hat, und das hast Du hören wollen. Und ich bitte zu bemerken, daß ich sie gerade wegen dieser Redensarten 'rausgeschmissen habe.

Es zuckte ihr in den Fingern, ihm den Bart auszurupfen und ihm die Nägel ins Gesicht zu schlagen. In seinem Ton, in seiner Stimme, in seinem Benehmen fühlte sie die Empörung, die in ihm zitterte, obgleich sie nichts antworten konnte. So suchte sie denn zum Angriff überzugehen durch irgend ein verletzendes Wort:

– Haft Du gegessen? – fragte sie.

– Nein, ich habe gewartet.

Ungeduldig zuckte sie die Achseln:

– Das ist einfach albern, nach halb achte noch zu warten. Du hättst Dir wohl denken können, daß ich eine Abhaltung gehabt habe, daß ich Besorgungen zu machen hatte und Geschäfte.

Und plötzlich überkam sie das Bedürfnis auseinanderzusetzen, wie sie die Zeit verbracht. Sie fing daher mit kurzen Worten von oben herab an zu erzählen, daß sie Möbel ausgesucht hätte, sehr weit, sehr weit fort, drüben in der Rue de Rennes, und da habe sie, als es schon sieben Uhr vorüber gewesen sei, zufällig Limousin getroffen auf dem Boulevard Saint-Germain, als sie schon auf dem Rückwege gewesen, und habe ihn gebeten, sie in ein Restaurant zu begleiten, um einen Happen zu essen. Denn sie hatte sich nicht getraut allein hinein zu gehen, obgleich sie vor Hunger beinahe umgefallen wäre. So wäre es gekommen, daß sie mit Limonsin gegessen hätte, wenn man das überhaupt essen nennen könnte, denn sie hätte weiter nichts zu sich genommen als eine Tasse Thee und ein halbes Huhn, so sehr hätten sie sich beeilt, schnell nach Hause zu kommen.

Parent antwortete ganz ruhig:

– Schön, schön, ich mache Dir ja auch keinen Vorwurf. Da näherte sich Limousin, der bis dahin, halb hinter Henriette versteckt, stummer Zuhörer gewesen war, seinem Freunde, drückte ihm die Hand und sagte:

– Wie geht's?

Parent nahm die angebotene Hand und drückte sie lau:

– Ganz gut.

Aber die junge Frau hatte ein Wort in dem letzten Satz ihres Mannes aufgegriffen:

– Vorwurf? Wie kommst Du dazu, von Vorwurf zu sprechen? Du scheinst irgend eine besondere Absicht dabei zu haben.

Er entschuldigte sich:

– O durchaus nicht. Ich wollte einfach antworten, daß ich mich über Deine Verspätung nicht weiter beunruhigt hätte und Dir keinen Vorwurf daraus machte.

Da sah sie ihn von oben bis unten an und suchte einen Grund, um Streit anzufangen:

– Über meine Verspätung? Das klingt ja so, als ob es schon frühmorgens wäre und ich gleich ganze Nächte fortbliebe.

– Aber nein, liebe Freundin, ich habe Verspätung gesagt, weil ich eben kein anderes Wort dafür habe. – Du solltest um halb sieben nach Hause kommen und Du kommst um halb neun wieder, das nenne ich eine Verspätung. Ich versteh's ja wohl und ich bin gar nicht weiter erstaunt darüber, aber ich wüßte nicht, welches andere Wort ich gebrauchen sollte.

– Du drehst das aber so, als ob ich geradezu draußen genächtigt hätte.

– O durchaus nicht, durchaus nicht!

Sie sah ein, daß er immer nachgeben würde und wollte in ihr Zimmer gehen, als sie endlich Georg gewahrte, der immer noch heulte. Da fragte sie mit einer Bewegung:

– Was hat denn der Kleine?

– Ich habe Dir ja gesagt, daß ihn Julie schlecht behandelt hat.

– Was hat denn die unverschämte Person mit ihm angestellt?

– Sie hat ihn gestoßen, und da ist er gefallen.

Sie wollte ihr Kind sehen und trat ins Eßzimmer; sie blieb wie angewurzelt vor dem Eßtisch stehen, worauf der Wein floß und zerbrochene Flaschen und Gläser und umgeschüttete Salzfässer herum lagen.

– Was ist denn das für eine Verwüstung!

– Julie hat ...

Aber sie schnitt ihm wütend das Wort ab:

– Da hört aber doch wirklich Alles auf. Julie behandelt mich als ob ich ein ehrvergessenes Frauenzimmer wäre, schlägt mein Kind, zerbricht meine Sachen, schmeißt mein ganzes Haus über den Haufen, und Du scheinst das noch ganz natürlich zu finden.

– O bitte sehr, durchaus nicht, denn ich habe sie fortgeschickt.

– Wirklich, fortgeschickt hast Du sie? Arretieren lassen müßte man sie; Du hättest einen Schutzmann holen sollen.

Er stammelte:

– Aber liebe Freundin, ich konnte doch nicht – es war doch weiter kein Grund; das wäre wirklich sehr schwierig gewesen.

Mit unsäglicher Verachtung zuckte sie die Achseln:

– Weißt Du, Du wirst eben doch nie was anderes sein, als ein alter Waschlappen, ein elender Schlappier, ein armer, armer Kerl, der gar keinen Willen hat, keine Energie. Deine Julie wird Dir schon nette Sachen zu hören gegeben haben, daß Du Dich wirklich entschlossen hast, sie 'rauszuschmeißen. Ich hätte mal bloß eine Minute zuhören mögen, nur eine Minute.

Sie hatte die Thür zum Salon geöffnet und eilte auf Georg zu, hob ihn auf, preßte ihn in die Arme und küßte ihn mit den Worten:

– Mein Georgi, was hast Du denn, mein armes Kindel, mein kleines Tierchen, mein guter, kleiner Kerl?

Da die Mutter ihn liebkoste, schwieg er. Und sie wiederholte:

– Was fehlt Dir denn?

Er antwortete, da er gar nicht recht wußte, was eigentlich geschehen war, in seiner Kinderangst:

– Julie hat Papa geschlagen.

Henriette wandte sich zuerst ganz erschrocken gegen ihren Mann um, dann lauerte in ihrem Blick eine tolle Lust zu lachen, glitt wie ein Hauch über ihre feinen Wangen, kräuselte ihre Lippen, blähte die Nasenflügel auf, und endlich schoß aus ihrem Munde ein ganzer Wasserfall von Heiterkeit, ein helles Lachen gleich dem Zwitschern eines Vogels, und sie antwortete mit lauter boshaften, kleinen Ausrufen, die zwischen ihren weißen Zähnen hervorsprudelten und Parent wie Bisse angriffen:

– Ach so! ... ach so! ... Sie hat ... hat Dich ge ... schlagen ... nein so was! ... ist das komisch ... hören Sie nur, Limousin, Julie hat ihn geschlagen ... geschlagen ... Julie hat meinen Mann geschlagen ... Nein, nein! Ist das komisch.

Parent stotterte:

– Aber bitte, durchaus nicht, das ist nicht wahr,, das ist nicht wahr! Im Gegenteil, ich habe sie in's Eßzimmer geschmissen, und zwar so, daß sie den Tisch umgeworfen hat. Das Kind hat nicht richtig gesehen. Ich habe sie geschlagen.

Henriette sagte zu ihrem Sohn:

– Nun mein kleines Kerlchen, nun sag noch einmal, hat Julie den Papa geschlagen?

Er antwortete:

– Ja, Julie.

Dann kam sie plötzlich auf einen anderen Gedanken und sagte:

– Aber das Kind hat ja nichts zu essen bekommen. Hast Du denn noch nichts gegessen, mein Liebling?

– Nein, Mama.

Da wandte sie sich wütend gegen ihren Mann:

– Du bist wohl verrückt? Du bist wohl ganz toll geworden, es ist ein halb neun und Georg hat noch nichts zu essen bekommen.

Er entschuldigte sich. Er wußte mit seinen Erklärungen nicht aus noch ein, so drückte ihn diese ganze Niedertracht zu Boden:

– Aber liebe Freundin, wir warteten doch auf Dich, ich wollte ohne Dich nicht essen. Da Du Dich täglich verspätest, dachte ich, Du müßtest nun jeden Augenblick kommen.

Sie warf ihren Hut, den sie bis dahin auf dem Kopfe behalten, auf einen Stuhl und rief mit nervös zitternder Stimme:

– Wirklich? Das ist ja unerhört, mit solchen Leuten zu thun zu haben, die nichts verstehen, von nichts einen Schimmer haben, keine Ahnung, keinen Dunst. Wenn ich nun um Mitternacht nach Hause gekommen wäre, hätte das Kind überhaupt nichts zu essen gekriegt! Als ob Du nicht kapieren könntest, daß, wenn es halb sieben vorbei ist und ich nicht komme, ich da eben verhindert bin – irgend eine Abhaltung habe.

Parent zitterte. Er fühlte, wie die Wut ihn überkam. Aber Limousin legte sich ins Mittel und wandte sich zu der jungen Frau:

– Liebe Freundin, jetzt sind Sie ungerecht. Parent konnte doch nicht erraten, daß Sie so spät wiederkommen würden, da es doch sonst nie passiert. Und was sollte er denn allein anfangen, nachdem er Julie fortgeschickt hatte!

Aber Henriette antwortete ganz verzweifelt:

– Er wird sich wohl allein herausfitzen müssen, denn ich helfe ihm nicht. Mag er nun sehen, was er fertig kriegt.

Und sie ging schnell in ihr Zimmer und hatte schon völlig vergessen, daß das Kind noch nichts zu essen bekommen hatte.

Da riß sich Limousin plötzlich ein Bein aus, um seinem Freunde zu helfen. Er las die zerbrochenen Überreste, die auf dem Tisch herumlagen, zusammen, deckte von neuem, setzte das Kind in seinen kleinen, hochbeinigen Stuhl, während Parent das Stubenmädchen holte, daß sie das Essen bringen sollte.

Erstaunt kam sie an. Sie hatte in Georgs Zimmer, wo sie gearbeitet, nichts von all dem gehört.

Nun brachte sie die Suppe, eine verbrannte Hammelkeule und Kartoffelbrei. Parent hatte sich in dumpfer Verzweiflung neben sein Kind gesetzt. Er gab dem Kleinen zu essen, versuchte selbst etwas zu essen, schnitt ein wenig Fleisch klein, kaute es und würgte es mühsam herunter, als ob ihm der Schlund gelähmt sei.

Da stieg allmählich in seiner Seele der unbezwingliche Wunsch auf, Limousin, der ihm gegenüber saß und Brotkügelchen machte, anzusehen um zu vergleichen, ob er Georg ähnlich sehe. Aber er wagte es nicht, die Augen zu erheben, und trotzdem zwang er sich dazu und betrachtete verstohlen dieses Gesicht, das er doch so gut kannte. Und es war ihm, als hätte er's noch nie gesehen, so verschieden war es von seiner Vorstellung. Alle Paar Sekunden warf er einen hastigen Blick auf dieses Antlitz, um in den geringsten Linien der Züge die Ähnlichkeit festzustellen. Dann blickte er wieder auf seinen Sohn und that immer dabei, als ob er äße.

Zwei Worte klangen ihm im Ohr: »sein Vater!« Sie summten ihm in den Schläfen, bei jedem Herzschlag. Ja, dieser Mann da drüben, dieser ruhige Mann, der auf der andern Seite des Tisches saß, war vielleicht der Vater seines Sohnes, der Vater des kleinen Georg. Parent hörte auf zu essen, er konnte nicht mehr. Ein fürchterlicher Schmerz, einer jener tiefbohrenden Schmerzen die einen schreien machen können, daß man sich am Boden wälzen möchte, und in die Möbel beißen, durchschnitt ihm die Seele. Die Lust überkam ihn, sein Messer zu packen und es sich in den Leib zu rennen. Das würde ihm Erleichterung verschaffen, ihn vielleicht retten, denn dann wäre es aus.

Denn konnte er jetzt weiter leben? Konnte er leben? Früh aufstehen? Sich zu Tisch setzen? Auf die Straße gehen? Abends zu Bett gehen und die Nacht schlafen, immer mit diesem bohrenden Gedanken im Gehirn: »Limousin ist Georg's Vater!?« Nein, er würde keine Kraft mehr haben, auch nur einen Schritt zu thun, sich anzuziehen, an etwas zu denken, mit jemandem zu reden. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde würde er sich diese Frage wieder vorlegen, würde er versuchen, etwas zu erfahren, zu erraten, dieses fürchterliche Geheimnis zu lüften. Und den Kleinen, seinen lieben Kleinen würde er nicht mehr ansehen können ohne furchtbaren Zweifel, ohne daß ihm ein Schmerz durch die Eingeweide schnitte, ohne daß es ihm durch und durch ginge. Und dann müßte er hier leben in diesem Hause, neben diesem Kinde, daß er lieben und hassen würde zugleich. Ja mit der Zeit würde er es bestimmt hassen. Welche Marter! O, wenn er gewußt hätte, daß Limousin bestimmt der Vater war, so wäre er vielleicht ruhiger geworden, wäre er vielleicht eingeschlafen in seinem Unglück, in seinem Schmerz. Aber nichts zu wissen, nein, das war ja ein unmöglicher Zustand!

Nichts wissen, immer suchen, immer leiden, dieses Kind immer küssen, dieses Kind, das einem Andern gehörte, mit ihm in der Stadt spazieren gehen, es in seinen Armen tragen, sein seines Haar an der Lippe fühlen beim Kusse, es anbeten und immerfort denken: vielleicht gehört es mir nicht? Nein, da war es doch besser, es nie wieder zu sehen, es zu verlassen, es auf der Straße zu verlieren oder selbst auszureißen, weit fort, weit fort, daß er nie wieder etwas davon hörte.

Er fuhr auf. Die Frau hatte die Thür geöffnet und trat ein mit den Worten:

– Ich habe Hunger. Und Sie, Limousin? Limousin antwortete zögernd:

– Nun, ich auch.

Und sie ließ die Hammelkeule wieder bringen. Parent fragte sich:

– Haben sie gegessen, oder haben sie sich verspätet, weil sie ein Rendezvous gehabt haben.

Sie aßen beide jetzt mit großem Appetit. Henriette war ganz ruhig, lachte und machte Scherze. Ihr Mann blickte sie spähend an, schnell und flüchtig. Sie trug einen rosa Schlafrock mit Weißen Spitzen und ihr blonder Kopf, ihr frischer Hals, ihre rundlichen Hände traten aus diesem koketten, duftendenden Gewande wie aus einer Muschel, aus der der Schaum steigt. Was hatte sie mit dem Manne da den ganzen Tag getrieben? Parent sah in Gedanken, wie sie sich küßten, wie sie sich Worte der Liebe zuflüsterten. Wie war es nur möglich, daß er nichts gewußt! daß er nichts geahnt!

Wie sie sich wohl über ihn lustig gemacht, wenn er wirklich vom ersten Tage ab der Dumme gewesen war. War es nur möglich, daß man mit einem Mann, einem braven Mann, so spielte, nur weil sein Vater ein bißchen Geld gehabt! Konnte man denn in ihren Seelen nicht lesen? Wie war es möglich, daß einem ehrlichen Menschen solcher Betrug niedriger Seelen entging, wie war es möglich daß diese Menschen mit demselben Tonfall lügen konnten und Worte der Liebe sagen, daß in den Augen dieser selben Menschen eine Falschheit lag und Ehrlichkeit zugleich?

Er blickte sie spähend an, er wartete auf irgend eine Bewegung, ein Wort, einen Ton und plötzlich dachte er:

– Ich werde sie heute abend überraschen. – Und er sagte:

– Liebe Freundin, da ich eben Julie fortgeschickt habe, muß ich mich darum kümmern, und zwar sofort, ein anderes Mädchen zu finden. Ich werde gleich ausgehen, um für Morgen jemand zu schaffen. Vielleicht komme ich. etwas spät nach Haus.

Sie antwortete:

– Bitte, geh, ich rühre mich nicht vom Fleck. Limousin kann mir Gesellschaft leisten. Wir werden auf Dich warten.

Dann wandte sie sich zum Stubenmädchen:

– Bringen Sie Georg zu Bett. Dann können Sie abdecken und in Ihr Zimmer hinaufgehen.

Parent war aufgestanden, ihm war ganz taumelig und er brummte:

– Auf Wiedersehen!

Dann ging er nach der Thür, und mußte sich daber an der Wand halten, denn ihm war, als ob der Boden unter ihm schwankte, wie in einem Schiff.

Das Mädchen nahm Georg auf den Arm und brachte ihn fort. Henriette und Limousin gingen in den Salon hinüber. Sobald sich die Thür geschlossen hatte, sagte er:

– Aber bist Du denn verrückt, Deinen Mann so zu quälen?

Sie wandte sich zu ihm:

– Höre mal, ich finde diese Manier zu toll, die Du seit einiger Zeit hast, zu thun, als ob Parent der reine Märtyrer wäre.

Limousin warf sich in einen Stuhl und schlug die Beine übereinander:

– Ich stelle ihn gar nicht als Märtyrer hin, aber ich finde, daß es in unserer Lage lächerlich ist, diesen Mann auch noch von Früh bis Abend zu reizen!

Sie nahm eine Cigarette vom Kamin, zündete sie aund antwortete:

– Aber ich reize ihn gar nicht, im Gegenteil, er reizt mich durch seine Dummheit, und ich behandle ihn nur so, wie er es verdient.

Limousin antwortete ungeduldig:

– Aber was Du thust, ist mindestens ungeschickt. Übrigens seid ihr Frauen alle so.

– Ja wieso denn?

– Er ist ein famoser Kerl! Er ist viel zu gut in seinem Vertrauen und in seiner Gutmütigkeit. Er stört uns nicht im Mindesten, er schöpft nicht einen Augenblick Verdacht, wir können machen, was wir wollen und Du bringst es fertig, alles anzustellen, um ihn geradezu verrückt zu machen und uns das Leben zu verbittern!

Sie wandte sich zu ihm:

– Ach, Du langweilst mich! Du langweilst mich! Du bist feige wie alle Männer, Du hast Angst vor diesem elenden Kerl.

Wütend stand er auf:

– O bitte, ich möchte bloß wissen, was er Dir gethan hat und was Du eigentlich gegen ihn hast. Macht er Dich unglücklich? Schlägt er Dich? Betrügt er Dich? Nein. Da hört doch wirklich alles auf, den armen Kerl nur deshalb so zu schinden, weil er zu gut ist, und es ihm auch noch anzurechnen, daß Du ihn hintergehst.

Sie näherte sich Limousin und sah ihm in die Augen:

– Du machst mir Vorwürfe darüber, daß ich ihn betrüge? Du? Du? Du? Pfui! muß es in Deiner Seele aussehen!

Er verteidigte sich etwas verlegen:

– Aber ich mache Dir keinen Vorwurf liebe Freundin, ich bitte Dich nur, gegen Deinen Mann rücksichtsvoller zu sein, weil wir alle beide sein Vertrauen brauchen! Das mußt Du doch einsehen.

Sie standen nebeneinander, er groß, von dunkler Gesichtsfarbe, mit herabhängendem Backenbart, ein bißchen der Typus des selbstbewußten nicht sehr feinen, schönen Kerls, sie rosa, blond, eine reizende kleine Pariserin, halbe Kokotte, halb anständige Frau, die im Kaufmannsladen groß geworden, durch ihr Augenspiel einmal einen Mann gefunden, einen jener naiven Vorübergehenden, der sich in sie verliebt, weil er sie jeden Tag an dieser Thür gesehen.

Sie sagte:

– Aber Du großes Kind, verstehst Du denn nicht, daß ich ihn hasse gerade weil er mich geheiratet hat, weil er mich gekauft hat, und weil alles was er sagt, was er thut, was er denkt, mich rasend macht. Er macht mich durch seine Dummheit, die Du Güte nennst, verrückt. Er ärgert mich durch seine Schwerfälligkeit. – Du sagst dafür »Vertrauen« – und dann vor allen Dingen, weil er mein Mann ist und nicht Du. Ich fühle, wie er zwischen uns steht, obgleich er uns nicht weiter stört. Und dann: ist er ja viel zu dumm, um irgend etwas zu merken. Ich möchte, daß er wenigstens eifersüchtig wäre. Manchmal tickt's mich, ihm ins Gesicht zu schreien: du dummes dickes Tier, siehst Du denn nicht, daß Paul mein Liebhaber ist?

Limousin fing an zu lachen:

– Na es wäre allerdings das schlaueste, wenn Du schweigen wolltest und unser Verhältnis nicht weiter stören.

– O ich werde es schon nicht stören, sei ganz ohne Sorge, bei diesem Rindvieh ist weiter nichts zu fürchten, nein, aber ich kann nicht begreifen, daß Du nicht verstehst wie verhaßt er mir ist, wie er mich nervös macht! Du thust immer so, als hättest Du ihn riesig gern, als drücktest Du ihm mit besonderer Vorliebe die Hand! Die Männer sind wirklich manchmal komisch.

– Ja liebe Freundin, man muß sich zu verstellen wissen.

– Ach, um Verstellung handelt es sich gar nicht, sondern um Gefühle. Wenn ihr einen Mann betrügt, macht ihr den Eindruck, als ob ihr die dicksten Freunde wäret. Wir aber, wir hassen den Mann von dem Tage ab, an dem wir ihn betrogen haben.

– Ich sehe nicht ein, warum man einen ganz braven, anständigen Mann, dem man die Frau wegnimmt, hassen soll.

– Das siehst Du nicht ein? Das siehst Du nicht ein? Ja, dafür fehlt euch eben die Empfindung, das sind Sachen, die muß man eben fühlen, erklären kann man sie nicht. Und warum soll man denn nicht – nein das verstehst Du nicht – da ist alle Erklärung unnütz, ihr Männer habt eben kein Feingefühl.

Sie lächelte dirnenhaft und legte ihm die Hände auf beide Schultern, indem sie ihm die Lippen bot. Er drehte den Kopf zu ihr und umarmte sie. Als ihre Lippen sich begegneten, standen sie gerade vor dem Kaminspiegel und ihre Spiegelbilder hinter der Uhr auf dem Sims küßten sich auch.

Sie hatten nichts gehört, weder das Geräusch des Schlüssels im Schloß noch das Knarren der Thür. Aber plötzlich stieß Henriette einen lauten Schrei aus, ließ Limousin jäh los und sie sahen Parent, der sie, aschfahl geworden anblickte und dastand mit geballten Fäusten, in bloßen Strümpfen, den Hut auf dem Kopfe.

Er sah sie einen um den andern an, mit einem schnellen Blick, ohne den Kopf zu drehen. Er schien verrückt geworden und dann stürzte er sich, ohne ein Wort zu sagen auf Limousin, packte ihn mit beiden Händen, als wollte er ihn erwürgen und warf ihn mit solcher Gewalt in eine Ecke des Salons, daß der Andere das Gleichgewicht verlor, mit den Händen in der Luft herumfuchtelte und heftig mit dem Kopfe gegen die Wand stieß.

Als Henriette jedoch begriff, daß ihr Mann ihren Liebhaber totschlagen würde, warf sie sich auf Parent, packte ihn beim Halse und preßte ihm ihre zehn zarten, rosigen Finger ins Fleisch, drückte ihm so stark in der Verzweiflung den Hals zusammen, daß unter ihren Nägeln das Blut hervorquoll. Dann biß sie ihn in die Schulter, als ob sie ihn mit ihren Zähnen zerfleischen wollte. Parent rang nach Atem und ließ Limousin los, um seine Frau, die an seinem Halse hing, abzuschütteln. Er packte sie bei der Taille und schleuderte sie mit einem einzigen Stoß bis in die andere Ecke des Salons.

Da nun sein Zornesanfall wie bei allen sonst gutmütigen Menschen nur kurze Zeit dauerte, so blieb er außer Atem, erschöpft, zwischen den beiden stehen und wußte nicht, was er thun sollte. Seine wilde Wut hatte sich in dieser einen Bewegung erschöpft, wie die Kohlensäure, die aus der entkorkten Champagner-Flasche entweicht. Und die ungewöhnliche Anspannung seiner Energie endete mit einem Schwächeanfall.

Sobald er sprechen konnte, stammelte er:

– Hinaus ihr beiden! Fort! Hinaus!

Limousin blieb unbeweglich in der Ecke stehen, an die Wand gelehnt, viel zu erschrocken, um schon irgend etwas zu begreifen, zu verdutzt, um einen Finger zu bewegen. Henriette stemmte beide Hände auf einen kleinen Tisch, bog den Kopf vor und stand so da mit unordentlicher Frisur, aufgerissener Taille, halbentblößter Brust und wartete wie ein Tier, das zum Sprunge bereit ist.

Parent rief noch einmal lauter:

– Hinaus! Macht, daß ihr sofort hinaus kommt!

Da seine Frau sah, daß seine erste Wut verraucht war, faßte sie Mut, richtete sich auf, ging zwei Schritte auf ihn zu und sagte beinahe schon wieder unverschämt:

– Du hast wohl ganz den Kopf verloren! Was fällt Dir denn ein! Wie kommst Du denn zu diesem unglaublichen Angriff?

Er drehte sich zu ihr herum und hob die Faust, um sie zu schlagen, während er stammelte:

– O – O! Das ist zu stark – zu stark! Ich habe – ich habe – ich habe alles gehört, alles, alles – verstehst Du? Alles! Elende, Elende! Ihr seid zwei elende Betrüger! Hinaus! Beide! Sofort! Ich schlage euch tot! Hinaus!

Sie sah ein, daß nichts mehr zu machen sei, daß er alles wußte, daß sie die Unschuldige nicht mehr spielen konnte und das Feld räumen mußte. Aber ihre ganze Unverschämtheit war wieder über sie gekommen und ihr Haß gegen diesen Mann. Und die Verzweiflung gab ihr Mut; der Wunsch überkam sie, ihn von neuem zu reizen und herauszufordern. Deshalb sagte sie mit scharfer Stimme:

– Kommen Sie Limousin, da man mich fortjagt, werde ich zu Ihnen gehen.

Aber Limousin rührte sich nicht. Parent überkam ein neuer Wutanfall und er brüllte:

– Macht, daß ihr hinauskommt. Ihr Elenden! Macht daß ihr 'raus kommt, Elende, oder ...

Er ergriff einen Stuhl und schwang ihn über dem Kopf.

Da lief Henriette schnell quer durch den Salon, packte ihren Liebhaber beim Arm, riß ihn von der Wand fort, an die er angeklebt schien und zog ihn zur Thüre mit den Worten:

– Kommen Sie doch, lieber Freund, Sie sehen, daß er verrückt ist. Kommen Sie doch!

Im Moment, wo sie hinausging, drehte sie sich noch einmal zu ihrem Manne um und suchte irgend etwas um ihn tötlich zu verletzen, ehe sie das Haus verließ. Da schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf, einer jener teuflischen Gedanken, in denen sich die ganze Gemeinheit des Weibes offenbart.

Sie sagte entschlossen:

– Ich will mein Kind mitnehmen!

Parent stammelte erschrocken:

– Dein Kind! Du wagst von Deinem Kinde zu sprechen! Du! Du wagst nach Deinem Kinde zu verlangen! O! O! O! Das ist zu stark! Das wagst Du! Mach daß Du 'rauskommst, Du Dirne! Hinaus!

Sie kam auf ihn zu, beinahe lächelnd, beinahe schon ihrer Rache gewiß. Und ganz nahe schleuderte sie ihm das Wort ins Gesicht:

– Mein Kind will ich! Du hast kein Recht, es zu behalten, denn es ist nicht Dein Kind, hörst Du! Hörst Du wohl? Deins ist's nicht. Es gehört Limousin.

Da rief Parent, niedergeschmettert:

– Du lügst, Elende!

Aber sie antwortete:

– Rindvieh! Alle Welt weiß es, bloß Du nicht! Ich sage Dir, dort steht sein Vater! Du brauchst ihn ja bloß anzusehen, um das zu kapieren!

Schwankend wich Parent vor ihr zurück, dann drehte er sich plötzlich um, nahm einen Leuchter und stürzte ins Nebenzimmer.

Sofort kam er wieder, den kleinen Georg in die Bettdecke eingewickelt auf dem Arme. Das Kind, das so jäh aufgeweckt worden, war erschrocken und heulte. Parent warf es seiner Frau in die Arme und dann stieß er sie, ohne ein Wort weiter zu sagen, hinaus zur Treppe, wo Limousin schon – vorsichtigerweise draußen – wartete.

Dann schloß er hinter ihr die Thür, drehte den Schlüssel zweimal herum und schob den Riegel vor. Kaum stand er wieder im Salon, so schlug er der Länge nach zu Boden.

II

Parent lebte ganz allein während der ersten Wochen. Nach der Trennung war ihm das Leben so ungewohnt, daß er kaum viel nachdachte. Er hatte seine Junggesellengewohnheiten wieder aufgenommen, bummelte auf den Straßen herum, aß im Restaurant wie einst. Da er allen Skandal vermeiden wollte, so zahlte er seiner Frau eine jährliche Rente. Der Rechtsanwalt hatte die Sache für ihn geordnet. Aber allmählich begann die Erinnerung an das Kind ihn zu quälen. Manchmal, wenn er abends allein zu Hause saß, war es ihm plötzlich, als hörte er Georg ›Papa!‹ rufen und dann fing sein Herz an zu klopfen. Er stand schnell auf, um die Thür zur Treppe zu öffnen und nachzusehen, ob nicht etwa zufälligerweise der Kleine wieder gekommen wäre. Warum hätte er nicht wieder kommen sollen, wie Hunde oder Tauben? Warum sollte ein Kind weniger Instinkt besitzen als so ein Tier? Wenn er dann seinen Irrtum erkannt, trat er wieder in sein Zimmer, warf sich in einen Stuhl und dachte an den Kleinen. Stundenlang, tagelang dachte er an das Kind. Nicht nur sein Geist beschäftigte sich damit, sondern körperlich fehlte ihm der Kleine. Er fühlte das Bedürfnis, ihn zu umarmen, ihn auf dem Schoß zu haben, ihn zu streicheln, ihn auf die Kniee zu setzen, ihn reiten zu lassen, mit ihm zu scherzen. Und wenn er an die einstigen Zärtlichkeiten dachte, dann kam die Verzweiflung über ihn. Er fühlte noch die Arme des Knaben um seinen Hals, er fühlte den kleinen Mund auf seinem Bart, wenn er ihn küßte, er fühlte die Haare des Kindes an seiner Wange. Und der Gedanke an all diese Zärtlichkeiten, an die seine, warme Haut, an die Küsse des Kleinen, an all das, was verschwunden war, quälte ihn so, wie die Sehnsucht nach einer geliebten Frau, die man auf ewig verloren hat.

Auf der Straße fing er manchmal ganz plötzlich an zu weinen, wenn er daran dachte, daß jetzt sein kleiner, dicker ›Georgi‹ neben ihm herlaufen könnte wie einst, wenn er mit ihm spazieren ging. Dann kehrte er heim, barg das Antlitz in den Händen und weinte bis zur Nacht.

Dann stellte er sich zehn – zwanzigmal am Tage die Frage: war er oder war er nicht Georg's Vater? Aber vor allem nachts verließ ihn dieser Gedanke nicht. Wenn er sich kaum zu Bett gelegt, ging es wieder los, jeden Abend dieselbe Reihe von Betrachtungen.

Zuerst hatte er, nachdem seine Frau fort war, nicht mehr daran gezweifelt, daß das Kind unbedingt Limousin's Sohn sei, dann zweifelte er doch allmählich, denn Henriettes Versicherung konnte ja unmöglich Wert haben. Sie hatte ihn eben herausfordern, – ihn zur Verzweiflung bringen wollen. Und indem er kühl das Für und Wider abwog, meinte er, spräche doch alles dafür, daß sie gelogen.

Der einzige, der ihm vielleicht hätte die Wahrheit sagen können, war Limousin selbst. Aber wie sollte er es von ihm erfahren? Wie ihn fragen? Wie ihn zum Geständnis bringen?

Und manchmal stand Parent mitten in der Nacht auf, faßte den Entschluß, Limousin aufzusuchen, ihn zu bitten, anzuflehen, ihm alles anzubieten, was er nur wollte, wenn er es sagte, damit endlich sein Kummer ein Ende nehme. Dann legte er sich verzweifelt wieder hin, weil er sich überlegt, daß ihr Liebhaber doch ohne Zweifel lügen würde. Bestimmt sogar würde er lügen, schon um den wirklichen Vater daran zu hindern, sein Kind zurückzuholen. Was sollte er also thun? Nichts.

Und nun war er verzweifelt darüber, daß er in der ersten Wut gehandelt, sich nicht Zeit zu überlegen gelassen, sich nicht etwas geduldet, daß er nicht gewartet, sich nicht während ein paar Monaten verstellt hatte, um selbst mit eigenen Augen die Wahrheit zu ergründen. Er hätte so thun müssen, als merkte er nichts und er hätte sie ruhig die Ehe brechen lassen sollen. Wenn er dann gesehen, wie der Andere das Kind geküßt, so wäre das genug gewesen, um der Wahrheit gewiß zu sein. Ein Freund küßt nicht wie ein Vater. Er hätte ihm hinter der Thür aufgelauert. Warum hatte er nur daran nicht gedacht? Wenn Limousin mit Georg allein im Zimmer gewesen und ihn nicht sofort genommen, an sich gezogen und heiß geküßt, wenn er ihn gleichgültig hätte spielen lassen, ohne sich um ihn zu kümmern, dann wäre kein Zweifel mehr möglich gewesen, dann konnte er nicht der Vater sein oder sich wenigstens nicht dafür halten.

Dann hätte Parent die Mutter davon gejagt, aber den Sohn behalten, und dann wäre er vollkommen glücklich gewesen. In Schweiß gebadet, suchte er sein Bett wieder auf und dachte daran, wie Limousin sich wohl mit dem Kleinen benommen. Aber er erinnerte sich an nichts, gar nichts, keiner Bewegung, keines Blickes, keines Wortes, keiner verdächtigen Zärtlichkeit. Und dann hatte sich ja auch die Mutter nicht viel um das Kind gekümmert. Wenn sie es von ihrem Liebhaber gehabt, würde sie es wohl mehr geliebt haben. Man hatte ihn also von seinem Sohne aus Rache, aus Grausamkeit getrennt, um ihn dafür zu bestrafen, daß er die beiden überrascht.

Da faßte er den Entschluß, sobald es Tag geworden, wäre, zur Polizei zu laufen, um sich Georg wieder aushändigen zu lassen.

Aber kaum hatte er sich dazu entschlossen, als ihn wieder die Ungewißheit überkam, ob nicht doch das Gegenteil der Fall wäre. Wenn Limousin schon von Anfang an Henriettes Liebhaber gewesen war, der Mann, den sie liebte, dann hatte sie sich ihm auch wohl so hingegeben, daß sie von ihm Mutter geworden. War nicht die kühle Zurückhaltung, die sie immer gegen ihren Mann gezeigt, schon Grund genug, daß nicht er der Vater sein konnte?

Dann hätte er das Kind eines Andern beansprucht, zu sich genommen und groß gezogen. Und nie hätte er es ansehen können, nie küssen, nie das Wort ›Papa‹ hören, ohne daß ihm der Gedanke wiedergekommen wäre und ihm das Herz zerfleischt hätte: er ist ja doch nicht mein Sohn! Dann würde er sich selbst die größten Qualen auferlegt und sein Leben zerstört haben. Nein, da war es denn doch noch besser, allein zu bleiben, allein zu leben, allein alt zu werden, allein zu sterben.

Und jeden Tag, jede Nacht fingen diese gräßlichen Zweifel wieder an, diese Leiden, die nichts beruhigen, nichts beendigen konnte. Vor allem fürchtete er sich vor den Abenden. Wenn die traurige Dunkelheit kam, dann war es ihm, als ob auf sein Herz der Schmerz niedersänke, als ob mit der Finsternis eine Flut der Verzweiflung ihn überschütte, er darin untertauchte und den Verstand verlöre. Er fürchtete sich vor seinen Gedanken wie vor einem Verbrechen, und floh vor ihnen wie ein verfolgtes Tier. Vor allem fürchtete er seine leere, dunkle, fürchterliche Wohnung und die verlassenen Straßen, wo nur hier und da eine Gasflamme brennt, wo ein Einsamer, den man von weitem gehen hört, einem wie ein Dieb erscheint, daß man den Schritt verlängert oder verkürzt, je nachdem er auf einen zukommt oder einem folgt.

Und Parent suchte instinktmäßig die großen erleuchteten, belebten Straßen auf. Das Licht und die Menge zog ihn an, zerstreute und betäubte ihn. Wenn er dann müde war, so herum zu irren, in dem Gedränge sich herumstoßen zu lassen, wenn das Gedränge auf der Straße geringer wurde und die Bürgersteige verlassener, dann überkam ihn die Furcht vor der Einsamkeit, dem Schweigen, und trieb ihn dazu, ein Café aufzusuchen, wo es Menschen gab und Helligkeit. Er strebte dorthin wie der Falter zum Licht, setzte sich vor einen kleinen runden Tisch und bestellte ein Glas Bier. Langsam trank er es aus und ward jedesmal unruhig, wenn ein anderer Gast aufstand, um zu gehen. Er hätte ihn beim Arme nehmen mögen, ihn zurückhalten, ihn bitten, doch noch ein wenig da zu bleiben, so fürchtete er sich vor der Stunde, wo der Kellner zu ihm kommen würde mit den Worten:

»Bitt' schön, es wird geschlossen!«

Denn jeden Abend war er der Letzte, der ging. Er sah zu, wie man die Tische von draußen ins Lokal hereinholte, wie man die Gasflammen eine nach der andern auslöschte bis auf zwei: die über seinem Tische und die am Büffet. Er sah, wie die Kassiererin das Geld zählte und es einschloß und er ging davon, weil ihn das Personal vor die Thür setzte, das leise hinter ihm dreinrief:

»So ein alter Trottel! Der scheint gar nicht mehr zu wissen, wo er übernachten soll.«

Und sobald er allein auf der Straße stand, begann er wieder, an Georg zu denken, sich den Kopf zu zerbrechen, sich die Gedanken zu zerquälen, um festzustellen, ob er der Vater des Kindes sei oder nicht.

So gewöhnte er sich daran, ins Restaurant zu gehen, wo das fortwährende Hin und Her der Gäste einen unter Menschen bringt, ohne daß man mit ihnen zu reden braucht, wo der dicke Tabaksqualm die dummen Gedanken einhüllt, während das schwere Bier das Gehirn einschläfert und das klopfende Herz beruhigt.

Dort lebte er nun ganz. Kaum war er aufgestanden, so ging er dort hin, um seine Augen und seine Gedanken zu beschäftigen. Dann nahm er bald dort, aus reiner Bequemlichkeit, nur, um nicht mehr fortgehen zu müssen, auch seine Mahlzeiten ein. Gegen Mittag klopfte er mit dem Bieruntersetzer auf den Marmortisch: – dann brachte ihm sofort der Kellner einen Teller, ein Glas Bier, eine Serviette und zu essen, was es gerade gab. Sobald er fertig war, schlürfte er langsam seinen Kaffee, immer das Auge starr auf die Cognacflasche gerichtet, die ihn in süße Stumpfheit versenken sollte. Zuerst netzte er bloß die Lippen mit dem Cognac, als wollte er kosten, als wollte er nur mit der Spitze der Zunge den Geschmack der Flüssigkeit feststellen. Dann goß er sich ihn in den Mund, Tropfen auf Tropfen mit zurückgeneigtem Kopf. Endlich ließ er das starke Getränk auf dem Gaumen hin und her fließen, spülte sich damit den Mund aus, daß es sich mit dem Speichel mischte, den der Alkohol zusammenlaufen ließ. Der Schnaps that ihm wohl, – andächtig schluckte er ihn herab, und fühlte wie er die Kehle hinunterrann bis in den Magen hinab.

So trank er nach jeder Mahlzeit drei bis vier kleine Gläser, die ihn allmählich einschläferten. Dann sank ihm der Kopf auf den Leib, er schloß die Augen und schlummerte ein bißchen. Im Laufe des Nachmittags wachte er dann wieder auf, streckte sofort die Hand nach dem Glase Bier aus, das der Kellner, während er geschlafen, vor ihn hingestellt. Und wenn er es getrunken, erhob er sich ein wenig auf der rotsammtenen Bank, schob die Hose herauf und die Weste herab, um den weißen Streifen, der zwischen beiden aufgeklafft, zu verbergen. Dann zog er sich den Rockkragen zurecht, die Manchetten etwas heraus, und nahm die Zeitungen vor, die er schon am Morgen gelesen.

Er las sie noch einmal von der ersten Zeile bis zur letzten, durchflog die Reklamen, die Dienstgesuche, die Annoncen, den Börsenzettel, das Theaterprogramm.

Zwischen vier und sieben Uhr machte er dann einen kleinen Spaziergang auf den Boulevards, um Luft zu schöpfen, wie er sagte. Dann kam er wieder zurück, an seinen Platz, den man ihm freigehalten und verlangte einen Absinth.

Darauf schwätzte er mit Stammgästen, deren Bekanntschaft er allmählich gemacht. Sie sprachen über die Neuigkeiten des Tages, über Stadtklatsch und Politik. Das ging so fort bis zur Essensstunde, Und der Abend strich hin wie der Nachmittag, bis zum Augenblick, wo geschlossen wurde. Das war für ihn das Furchtbare! Der Augenblick, wo er nach Hause mußte in das dunkle leere Zimmer, das erfüllt war von all den Erinnerungen, den grauenvollen Ängsten und Beklemmungen. Er sah seine alten Freunde nicht mehr, keinen seiner Verwandten, niemand, der ihn an sein verflossenes Leben erinnert hätte.

Aber da ihm seine Wohnung zur Hölle ward, mietete er sich ein Zimmer im Grand Hotel, ein schönes Zimmer im Zwischengeschoß, um die Leute vorbeigehen zu sehen. In diesem großen öffentlichen Gebäude war er nun endlich nicht mehr ganz allein. Jetzt spürte er doch Menschengewimmel um sich herum, hörte Stimmen, und wenn die alten Qualen ihn wieder abends im Bett oder am einsamen Kamin, zu sehr überfielen, dann ging er in die langen Gänge hinaus, lief wie ein Wachtposten längs der verschlossenen Zimmer auf und ab und sah traurig die Stiefelpaare an, die vor den Thüren auf dem Gange standen. Er betrachtete die kleinen, niedlichen Damenschuhchen, neben großen derben Männerstiefeln. Und er dachte betrübten Sinnes: all diese Menschen sind nun ohne Zweifel glücklich, schlafen still, zärtlich und ruhig, Arm in Arm, in dem warmen Bett.

Fünf Jahre strichen so dahin, fünf traurige Jahre, ohne eine andere Abwechselung für ihn als ab und zu einmal eine Liebe von zwei Stunden für zwei Goldstücke.

Da, als er eines Tages seinen gewöhnlichen Spaziergang unternahm, zwischen der Madeleine und der Rue Drouot bemerkte er plötzlich eine Frau, deren Gang ihm auffiel. Ein großer Herr und ein Kind begleiteten sie. Alle drei schritten vor ihm her. Und er fragte sich, wo habe ich die nur schon mal gesehen? Und plötzlich erkannte er sie an einer Handbewegung: es war seine Frau, seine Frau mit Limousin und seinem Kinde, seinem kleinen Georg.

Sein Herz schlug zum Ersticken. Aber er blieb nicht stehen, er wollte sie sehen, und er ging ihnen nach. Sie schauten wie ein gut bürgerliches Ehepaar aus. Henriette hatte Paul's Arm genommen und sprach leise mit ihm, indem sie ab und zu zur Seite bückte. Nun gewahrte Parent ihr Profil, erkannte die graziösen Linien ihres Gesichtes, die Bewegungen ihrer Züge, ihr Lächeln und ihren süßen Blick. Vor allem beschäftigte ihn das Kind. Wie groß es war, wie kräftig! Parent konnte sein Gesicht nicht sehen, nur das lange blonde Haar, das in künstlichen Locken bis auf die Schultern fiel. Das war Georgi, dieser große Bengel mit nackten Beinen, der wie ein kleiner Mann da neben seiner Mutter herschritt!

Als sie vor einem Laden stehen blieben, sah er sie plötzlich alle drei. Limousin war ergraut, älter geworden, magerer; seine Frau im Gegenteil frischer denn je, eher etwas stärker geworden; Georg aber war gar nicht wieder zu erkennen, so hatte er sich verändert. Sie gingen weiter. Parent folgte ihnen wieder, überholte sie dann mit eiligem Schritt, um wieder umzukehren und sie so ganz nah von vorn zu sehen. Als er an dem Kinde vorüberschritt, packte ihn eine tolle Begierde, es bei der Hand zu nehmen und mit ihm davon zu laufen. Er berührte es wie aus Versehen. Der Kleine drehte den Kopf herum und sah den ungeschickten Mann unzufrieden an. Das traf Parent schmerzlich und er eilte davon, durch den Blick verletzt, als würde er verfolgt. Er floh wie ein Dieb. Die furchtbare Angst packte ihn, er möchte gesehen, von seiner Frau und deren Liebhaber erkannt worden sein. So lief er ohne anzuhalten bis zu seinem Café und fiel dort, außer Atem in seinen Stuhl.

An jenem Tage trank er drei Gläser Absinth.

Vier Monate lang blieb ihm die schmerzliche Erinnerung dieser Begegnung im Herzen hängen. Jede Nacht sah er sie immer alle drei, wie sie Vater, Mutter und Sohn, ruhig und glücklich auf dem Boulevard spazieren gingen, ehe sie heimkehrten, um zu essen. Diese neue Erinnerung ließ allmählich die alte verblassen, das war nun wieder etwas anderes, etwas Neues, auch ein neuer Schmerz. Der kleine Georgi, sein kleiner Georg, den er einst so geliebt, einst so heiß geküßt, verschwand ihm in unendlich ferner Vergangenheit. Er sah jetzt einen andern Georg vor sich, einen Bruder des einstigen, einen großen Jungen mit nackten Beinen, der ihn gar nicht mehr kannte. Bei dem Gedanken litt er unsäglich! Die Liebe des Kindes zu ihm war erstorben. Es gab ja auch kein Band mehr zwischen ihnen. Wenn er des Weges kam, streckte ihm der Kleine nicht mehr die Arme entgegen! Er hatte ihn sogar böse angeblickt.

Aber allmählich ward es ruhiger in seiner Seele, sein Leid ließ nach, das Bild verblaßte vor seinen Augen, ward unbestimmter und quälte ihn nächstens nur noch selten. Er fing wieder an zu leben, wie andere auch, wie alle, die nichts zu thun haben, die ihr Glas Bier an den Marmortischen trinken und ihren Hosenboden auf dem fadenscheinigen Sammet der Cafésofas abnutzen.

Er ward alt im Tabaksqualm. Unter dem Schein der Gasflammen gingen ihm die Haare aus. Das Bad, das er jede Woche nahm, erschien ihm nun wie ein großes Ereignis! Der Haarschnitt alle vierzehn Tage, die Anschaffung eines neuen Rockes oder eines neuen Hutes, als etwas ganz Besonderes. Wenn er mit einer neuen Kopfbedeckung in sein Bräu kam, betrachtete er sich lange Zeit im Spiegel, ehe er sich niederließ, setzte den Hut auf und nahm ihn mehrmals ab, schob ihn einmal rechts, einmal links, und fragte endlich seine Freundin, die Kassiererin, die ihm zugesehen:

»Finden Sie, daß er mir gut steht?«

Zwei oder drei Mal jährlich ging er ins Theater, und im Sommer brachte er hier und da einmal einen Abend in einem Tingeltangel der Champs-Elysees zu. Dann blieb ihm immer im Gedächtnis irgend eine Melodie hängen, die ihn dann wochenlang beschäftigte, die er vor sich hinsummte, während er mit dem Fuß den Takt dazu schlug, wenn er bei seinem Glase Bier saß.

Ein Jahr ging nach dem andern hin, langsam, inhaltlos. Er merkte nicht, wie die Jahre enteilten. Ohne sich vom Flecke zu bewegen, ohne sich über irgend etwas mehr aufzuregen, immer an seinem Biertisch im Bräu, ging er langsam dem Tode entgegen, und nur der große Spiegel, an den er immer seinen täglich grauer werdenden Kopf lehnte, zeigte die Verheerungen, die im flüchtigen Vorbeieilen die Zeit anrichtet, die Menschen, die armen Menschen verschlingend.

Jetzt dachte er nur noch selten an das furchtbare Ereignis, das den Wendepunkt in seinem Leben bedeutet, denn seit jenem schrecklichen Abend waren zwanzig Jahre verstrichen.

Aber das Leben, das er seitdem geführt, hatte ihn verbraucht, entkräftet und geschwächt. Und oft sagte zu ihm der Wirt, der sechste Wirt, seidem er zum ersten Mal das Bräu betreten:

»Herr Parent, Sie sollten sich ein bißchen Bewegung machen, ein bißchen Luft schnappen, mal aufs Land gehen. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie sich seit einigen Monaten sehr verändert haben.«

Und wenn sein Gast hinausgegangen war, teilte der Wirt der Kassiererin seine Beobachtungen mit:

»Mit dem armen Herrn Parent stehts schlecht. Das taugt nichts, niemals aus der Stadt heraus zu kommen. Reden Sie ihm doch zu, da er Vertrauen zu Ihnen hat, daß er mal einen Ausflug machen soll. Jetzt wird's bald Sommer. Das kann ihn wieder auf den Damm bringen.«

Und die Kassiererin, die großes Mitleid mit dem alten Stammgast hatte, sagte jeden Tag zu Herrn Parent:

– Aber entschließen Sie sich doch mal, Luft zu schnappen. Ach, auf dem Lande ists so hübsch! Wenn die Sonne scheint! Wenn ich nur könnte, ich würde mein ganzes Leben im Freien sein!

Und sie teilte ihm ihre Träume und Hoffnungen mit, die poetischen Ideen aller jener armen Mädchen, die das ganze Jahr hindurch hinter den Fensterscheiben eines Ladens sitzen, das lärmende Treiben der Straßen an sich vorbeibrausen hören und immer nur an das ruhige süße Dasein auf dem Lande denken, an das Leben unter schattigen Bäumen, in lachendem Sonnenschein, auf der Wiese, im dunklen Wald, am plätschernden Bache, wo die Kühe im Grase liegen, wo tausend Blumen blühen, blau, rot, gelb, lila, rosa, weiß, alle so reizend, so frisch, so duftend, Blumen, die man auf dem Spaziergange pflückt und zum Strauße bindet.

Sie fand Vergnügen daran, ihm von ihrer ewigen Sehnsucht zu sprechen, die sie nicht erfüllen konnte, die sich nicht erfüllen ließ. Und er, der arme alte Mann, der im Leben nichts mehr zu hoffen hatte, fand Gefallen daran, ihr zu lauschen. Er setzte sich neben das Büffet, um mit Fräulein Zoë über das Landleben und über sie selbst zu schwatzen. Da überkam ihn allmählich eine unbestimmte Sehnsucht, auch einmal den Wald wieder zu schauen, zu sehen, ob es dort, fern von der großen Stadt wirklich so schön sei, wie sie sagte.

Eines Morgens fragte er:

– Wo kann man denn wohl in der Umgegend von Paris am besten frühstücken?

Sie antwortete:

– Gehen Sie doch auf die Terrasse von Saint-Germain, dort ist es reizend.

Als Bräutigam war er einmal dort gewesen und deshalb entschloß er sich, dorthin zurück zu kehren.

Ohne eigentlichen Grund, nur weil man eben allgemein Sonntags auszugehen pflegt, selbst wenn man sonst in der Woche nichts zu thun hat, wählte er gerade einen Sonntag.

Früh brach er nach Saint-Germain auf. Es war Anfang Juli. Der Tag hell und warm. Er lehnte sich an das offene Fenster des Eisenbahnabteils, sah die Bäume und die kleinen seltsamen Häuser der Umgebung von Paris vorübergleiten. Ihm war traurig zu Sinn. Er ärgerte sich darüber, daß er der plötzlichen Regung gefolgt und seine alte Gewohnheit aufgegeben. Die Landschaft, die ewig wechselte und doch immer dieselbe blieb, ermüdete ihn. Er hatte Durst, und wäre am liebsten an jeder Station ausgestiegen, um sich ins Cafe zu setzen, das er hinter dem Bahnhof sah, ein oder zwei Glas Bier zu trinken und dann mit dem nächsten Zuge in der andern Richtung nach Paris zurückzukehren. Und dann schien ihm die Reise so weit, zu weit. Ganze Tage lang konnte er ruhig dasitzen, wenn er die ewig gleichen Gegenstände sah, aber hier auf einem Fleck bleiben, während die Landschaft immerfort vor ihm wechselte und er selbst sich nicht bewegen konnte, nein – das langweilte ihn.

Trotzdem blickte er auf die Seine, als sie darüber fuhren. Er sah unter der Brücke von Chatou Boote vorüberschießen, durch die nackten Arme der Ruderer mit starken Ruderschlägen getrieben. Und er dachte: die Kerls da unten langweilen sich wenigstens nicht.

Als er den Fluß erblickte, wie er sich zu beiden Seiten der Brücke von Pecq in langem Bande durch die Landschaft zog, stieg ihm aus der Tiefe seines Herzens der Wunsch auf, dort am Ufer sich zu ergehen. Aber der Zug tauchte in einen Tunnel vor dem Bahnhofe von Saint-Germain und hielt bald darauf auf der Station.

Parent stieg aus und ging müde, die Hände auf den Rücken gelegt, zur Terrasse. Als er an das Eisengeländer kam, blieb er stehen, um die Aussicht zu betrachten. Die unendliche Ebene dehnte sich vor ihm aus, weit wie das Meer, mit Dörfern übersät, volkreich wie ganze Städte. Weiße Straßen durchschnitten das breite Land. Hier und da tauchte das Grün einer Waldparzelle auf, die Teiche von Besinet blitzten wie Silberspiegel und die fernen Höhenzüge von Sannois und Argenteuil zeichneten sich kaum ab im hellen, bläulichen Schimmer, daß man sie nur erraten konnte. Die Sonne strahlte mit aller Macht warm und reich auf die weite Landschaft nieder, auf der nur ein Paar morgenliche Nebelstreifen lagen, die aufstiegen von der sonnenbestrahlten Erde und von der Seine, die sich wie eine endlose Schlange durch die Ebene wand, an Dörfern und Hügeln vorüber.

Ein lauer Wind voll Frühlingskraft und Blumenduft umfächelte ihn, drang in seine Brust, schien sein Herz zu verjüngen, seinen Geist aufzufrischen, sein Blut zu beleben.

Parent sog ihn fast erstaunt tief in die Lungen und betrachtete mit offenen Augen die weite Landschaft, während er zu sich sprach:

– O, hier ist es schön!

Dann machte er ein Paar Schritte und blieb wieder stehen, um zu betrachten. Er meinte Entdeckungen zu machen, nicht mit dem Auge, sondern mit der Seele. Es war ihm wie ein kommendes, unbekanntes Erlebnis, wie nahendes Glück, wie ungeahnte Freude. Bei diesem unendlichen Blick auf die Natur ging vor ihm eine ganz neue Welt auf, von der er nie etwas geahnt.

Die ganze fürchterliche Traurigkeit seines Daseins schien ihm jetzt durch die Helle, die auf die Erde niederstrahlte, klar zu werden. Er dachte an die zwanzig Jahre, die er eintönig, traurig, trübselig in seinem Cafe zugebracht. Er hätte reisen können wie andere Lente, weit fort, zu fremden Völkern, zu unbekannten Ländern, über die Meere, fort, fort; er hätte sich begeistern können für alles, was andere Menschen erhebt, für die Kunst, für die Wissenschaft. Er hätte das Leben lieben können in tausend Formen und Gestalten, das wundersam reizende oder schmerzliche Leben, das immer wechselt, immer unerklärlich ist, immer seltsam.

Nun war es zu spät. Jetzt wankte er von einem Glas Bier zum andern bis zu seinem Tode, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Hoffnung, ohne Interesse für irgend etwas. Da überkam ihn eine fürchterliche Traurigkeit, das Bedürfnis, davon zu laufen, sich zu verstecken, nach Paris zurückzukehren und wieder in sein dumpfes Bräu zu tauchen, Durch das lockende Sonnenlicht auf der weiten Ebene waren alle Gedanken, alle Träume, alle Wünsche, die träge schlummern in stumpfen Seelen, wieder erwacht.

Er fühlte, daß wenn er noch länger hier bliebe, er den Kopf verlieren würde, und schnell ging er zum Pavillon Heinrichs IV. um zu frühstücken, um sich in Wein und Alkohol zu betäuben und wenigstens mit irgend jemand zu reden.

Er setzte sich im Garten an einen kleinen Tisch, von dem man die ganze Landschaft übersah, bestellte sein Essen und bat, es ihm möglichst schnell aufzutragen.

Andere Spaziergänger kamen, setzten sich an die Nachbartische, und er fühlte sich wohler, er war nicht mehr allein.

In einer Laube frühstückten drei Personen. Er hatte sie ein paar Mal flüchtig angesehen, wie man eben den Blick über gleichgültige Menschen schweifen läßt.

Plötzlich zuckte er zusammen unter dem Ton einer Frauenstimme.

Diese Stimme hatte gesagt:

– Georg, Du kannst mal das Huhn tranchieren. Und eine andere Stimme antwortete:

– Ja, Mama.

Parent blickte auf und er begriff, erriet sofort, wer diese Leute waren. Erkannt hätte er sie gewiß nicht. Seine Frau war jetzt ganz weiß, ziemlich stark geworden, eine alte, ernste, würdige Dame. Während sie aß, schob sie den Kopf vor, in der Befürchtung, sie möchte Flecken auf ihr Kleid machen, obgleich sie sich eine Serviette am Busen festgesteckt hatte. Georg war Mann geworden. Er hatte einen Bart bekommen, jenen fast farblosen Flaum, der dem Jüngling um die Wange sproßt. Er trug einen Cylinder, weiße Weste und Einglas, wahrscheinlich aus Afferei. Parent sah ihn erstaunt an. Das war Georg, sein Sohn! Nein, diesen jungen Mann kannte er nicht, zwischen ihnen gab es nichts Gemeinsames.

Limousin saß mit dem Rücken gegen ihn und aß, ein wenig krumm vornüber gebeugt.

Die drei Menschen schienen glücklich und zufrieden zu sein. Sie wollten eben auf dem Lande frühstücken, in einem bekannten Restaurant; ihr Leben floß ruhig, ungetrübt dahin, ein Familienleben in einer gemütlichen, warmen Wohnung, wo es allerlei Dinge gab, die das Leben angenehm machen, wo sie Liebe fanden, wo zärtliche Worte klangen, wie eben zwischen Leuten, die sich gern haben. So hatten sie gelebt, auf seine Kosten, mit seinem Gelde, nachdem sie ihn betrogen, bestohlen und verlassen. Ihn, den gutmütigen, unschuldigen, naiven Mann hatten sie zum Jammer der Einsamkeit verurteilt, zu dem gräßlichen Dasein, das er geführt, zwischen Straße und Wirtshaus, zu allen seelischen Leiden und zu allem körperlichen Elend. Sie hatten aus ihm ein unnützes, in der Welt verirrtes und verlornes Wesen gemacht, einen armen, alten Mann, der keine Freude mehr hatte, nichts mehr von den Dingen, noch von den Menschen erhoffen durfte. Für ihn war die Erde leer, denn auf dieser Erde liebte er nichts. Er konnte durch die ganze Welt irren, durch die Straßen laufen, in alle Häuser von Paris treten, er würde doch hinter keiner Thür irgend ein Gesicht finden, das er gesucht, das er liebte, irgend ein Frauen- oder Kinderantlitz, das etwa gelächelt hätte, wenn es ihn sah. Der Gedanke an die Thür, die man öffnet um jemandem dahinter zu finden, den man küssen möchte, fraß an seiner Seele.

Und diese drei Elenden da waren schuld daran, diese unwürdige Frau, dieser infame Freund, und dieser große, blonde Bursche dort, der unverschämt dreinschaute.

Jetzt verdachte er es dem Kinde genau so, wie den beiden Andern. War es nicht Limousin's Sohn! Würde ihn sonst Limousin bei sich behalten haben, geliebt haben? Würde Limousin sich nicht bald der Mutter wie des Sohnes entledigt haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß der da bestimmt sein Sohn war? Erzieht man die Kinder fremder Leute?

Da saßen sie nun, ganz nahe bei ihm, diese drei Missethäter, die an seinem ganzen Elend schuld waren.

Parent betrachtete sie, und ward immer erregter und wütender bei dem Gedanken an all den Kummer, an all sein Herzeleid, an all seine Verzweiflung. Am meisten empörte ihn ihr ruhiges befriedigtes Aussehen. Er hatte Lust, sie niederzuschlagen, ihnen einen Syphon an den Kopf zu werfen, Limousin, der sich gerade auf seinen Teller beugte, den Schädel zu zerschmettern.

Die lebten so dahin ohne irgend welchen Kummer, ohne irgend eine Aufregung. Nein, nein, das war zu stark! Er wollte sich rächen, er wollte sich sofort rächen, da er sie einmal hier hatte. Aber wie? Er überlegte es sich und dachte an fürchterliche Dinge, wie sie in den Schauerromanen der Zeitungen vorkommen. Aber einen praktischen Plan fand er nicht. Und um Mut zu bekommen, trank er ein Glas nach dem andern, denn diese Gelegenheit durfte ihm nicht entgehen, so leicht kam sie nicht wieder.

Plötzlich hatte er einen Gedanken, einen furchtbaren Gedanken. Er setzte sein Glas ab, um ihn reifen zu lassen. Er mußte lächeln und murmelte:

– So, jetzt habe ich sie, nun wollen wir mal sehen! Jetzt werden wir mal sehen.

Der Kellner fragte ihn:

– Wünscht der Herr noch etwas?

– Nichts, nur Kaffee und Cognac; aber vom besten!

Und nun beobachtete er sie, wie sie tranken. Um das zu thun, was er vorhatte, waren doch zu viel Menschen hier. Er wollte also abwarten, er wollte ihnen nachschleichen, denn sie würden unbedingt auf die Terrasse gehen oder in den Wald. Wenn sie ein Stück entfernt wären, wollte er ihnen folgen, und dann sich rächen, ja, ja, sich rächen. Zu früh war's gerade nicht, jetzt nach dreiundzwanzig Jahren des Leides. O, sie hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand.

In ruhiger Unterhaltung beendeten sie ihr Frühstück. Parent konnte ihre Worte nicht verstehen, aber er sah ihre bedächtigen Bewegungen. Vor allem empörte ihn das Gesicht seiner Frau. Sie hatte eine hochmütige Art angenommen, eine Art fetter Würde, der nichts nahe kommen konnte, mit strengen Prinzipien gepanzert, strotzend vor Tugend.

Da bezahlten sie und standen auf. Nun sah er Limousin von vorn. Er hatte etwas von einem Diplomaten außer Dienst, ein so würdiges Aussehen verlieh ihm der schöne weiße lange Backenbart, dessen Spitzen bis auf den schwarzen Rock niederfielen.

Sie gingen davon. Georg rauchte eine Cigarre, den Hut schief auf dem Kopf. Parent folgte ihnen sofort.

Zuerst machten sie einen Rundgang auf der Terrasse und bewunderten die Landschaft bedächtig, wie es eben wohlsituierte Leute thun; dann gingen sie in den Wald.

Parent rieb sich die Hände und folgte ihnen immer von weitem, indem er sich etwas versteckt hielt, um ihre Aufmerksamkeit nicht zu zeitig zu erregen.

Sie gingen bei der lauen Luft mit kleinen Schritten unter dem wundervollen Laubdach dahin. Henriette hatte Limousin's Arm genommen. Sie schritt gerade aufgerichtet an seiner Seite, wie eine selbstbewußte ihrer selbst sichere Gattin. Georg schlug mit seinem Stöckchen die Blätter ab, sprang ab und zu einmal über den Graben mit einem Satz wie ein junges feuriges Pferd.

Parent näherte sich allmählich, außer Atem vor Erregung und Müdigkeit, denn er war das Gehen nicht mehr gewohnt. Bald hatte er sie eingeholt. Aber eine unerklärliche, unbestimmte Furcht hatte ihn überkommen und er lief an ihnen vorbei, um ihnen von vorn entgegenzutreten.

Sein Herz klopfte. Er fühlte, wie sie hinter ihm gingen und immer sagte er sich: also jetzt Mut, Mut, der Augenblick ist ja gegeben, jetzt muß es sein.

Er drehte sich um. Sie hatten sich alle drei ins Gras gesetzt zu Füßen eines großen Baumes und unterhielten sich.

Da entschloß er sich und trat schnell auf sie zu, blieb vor ihnen stehen, mitten auf dem Wege und sagte mit kurzer stockender Stimme, aus der die Erregung klang:

– Ich bin's. Da bin ich. Ihr habt mich nicht erwartet.

Alle drei blickten den fremden Mann an, in der Meinung, er sei verrückt.

Er fuhr fort:

– Ihr scheint mich gar nicht zu erkennen. Seht mich nur mal genau an. Ich bin Parent, Heinrich Parent. Ja, ihr habt wohl nicht geglaubt, daß ich gerade hier her käme, ihr dachtet wohl, nun wäre alles aus, ihr würdet mich nicht wiedersehen! O nein, nein, nein, da bin ich, und nun wollen wir mal miteinander abrechnen.

Henriette verbarg erschrocken ihr Gesicht in den Händen und stammelte:

– O mein Gott!

Georg hatte sich erhoben, als er den Unbekannten sah, der gegen seine Mutter eine Drohung ausstieß und wollte ihn beim Kragen packen.

Limousin stand niedergeschmettert da und starrte erschrocken die Erscheinung an, die, nachdem sie ein paar Sekunden Atem geschöpft, fortfuhr:

– Also jetzt wollen wir mal Abrechnung halten. Der Augenblick ist gekommen. Ihr habt mich betrogen, ihr habt mich zu einem Sträflingsdasein verurteilt! Und habt wohl gedacht, dafür gebe es keine Vergeltung.....

Aber der junge Mann packte ihn bei der Schulter und stieß ihn zurück:

– Sind Sie verrückt! Was wollen Sie denn? Machen Sie, daß Sie sofort weiter kommen, oder ich zieh Ihnen eins über!

Parent antwortete:

– Was ich will? Ich will Dir sagen, wer die Leute da sind.

Aber Georg schüttelte ihn wütend und war im Begriff, ihn zu schlagen, als der andere fortfuhr:

– Laß mich los, ich bin Dein Vater! Da sieh mal hin, ob die beiden Elenden da mich wieder erkennen.

Der junge Mann ließ ihn erschrocken los und wandte sich zu seiner Mutter.

Parent trat nun auf sie zu:

– So, jetzt sage ihm mal, wer ich bin, sag ihm, daß ich Heinrich Parent heiße und daß ich sein Vater bin, da er Georg Parent heißt und da Du meine Frau bist, und da ihr alle drei von meinem Gelde lebt, von meinen Zehntausend Franken, die ich euch bezahle, seitdem ich euch 'rausgeschmissen habe. Und dann könnt ihr ihm noch sagen, warum ich euch 'rausgeschmissen habe, weil ich Dich mit diesem Lumpen, diesem Hund dort, mit Deinem Liebhaber abgefaßt habe! Und sag ihm, daß ich ein anständiger Mann gewesen bin, den Du seines Geldes wegen geheiratet hast und den Du betrogen hast, vom ersten Tage ab. Sag ihm, wer ihr seid und wer ich bin.

Er stotterte und verlor den Atem, so übermannte ihn die Wut.

Die Frau schrie mit verzweifeltem Ton:

– Paul! Paul! Leide doch nicht, daß er weiter spricht. Er soll den Mund halten! Leide doch nicht, daß er so etwas vor meinem Sohne sagt.

Limousin seinerseits war aufgestanden und sagte gedämpft:

– Schweigen Sie! Schweigen Sie! Wissen Sie denn nicht, was Sie da thun?

Parent antwortete heftig:

– Ich weiß sehr wohl, was ich thue, und das ist noch lange nicht alles. Eins will ich wissen, etwas, das mich seit zwanzig Jahren quält.

Nun wandte er sich gegen Georg, der sich ganz erschrocken gegen einen Baum gelehnt hatte:

– Du, hör mal zu. Als sie damals von mir fortgegangen ist, hat sie gemeint, es genügte noch nicht, mich hintergangen zu haben, sondern sie wollte mich auch noch verrückt machen. Du warst mein einziger Trost. Sie hat Dich mitgenommen und mir geschworen, daß ich nicht Dein Vater bin, sondern daß der da Dein Vater ist. Hat sie gelogen? Ich weiß es nicht. Seit zwanzig Jahren möchte ich's wissen.

Er trat ganz nahe an sie heran mit tragischen Gebärden, fürchterlich anzuschauen, riß ihr die Hand vom Gesicht und rief:

– Ich fordere Dich hiermit auf, mir jetzt zu fagcn, wer von uns beiden der Vater des jungen Mannes da ist, er oder ich, Dein Mann oder Dein Geliebter. Vorwärts, jetzt schnell Antwort.

Limousin warf sich auf ihn. Parent stieß ihn zurück mit wütendem Gelächter:

– Ah, heute bist Du tapferer, nicht wahr, heute bist Du tapferer als damals, als Du die Treppe runter ausgerissen bist, weil ich Dich sonst totgeschlagen hätte. Nun, wenn sie nicht antwortet, dann antworte doch Du, Du mußt's doch ebenso gut wissen, wie sie. Jetzt sag mir, wer ist der Vater dieses Jungen? Vorwärts, sprich.

Er trat wieder auf seine Frau zu:

– Wenn Du es mir nicht sagen willst, so sag es, wenigstens Deinem Sohn. Heute ist er ein Mann und jetzt hat er wohl das Recht zu erfahren, wer eigentlich sein Vater ist. Ich weiß es nicht, ich habe es nie gewußt, niemals, und ich kann Dir's nicht sagen, mein Junge.

Er wurde ganz verrückt, seine Stimme nahm einen scharfen Klang an und er fuchtelte mit den Armen umher, wie ein Epileptiker:

– Na, nu vorwärts, antwortet doch. – Sie weiß es nicht, ich möchte wetten, sie weiß es nicht – weiß der Deubel, sie weiß es nicht! Sie hat mit beiden geschlafen, ah, ah, kein Mensch weiß es, kein Mensch. Woher soll man auch so was wissen? Und Du mein Junge, wirst ja auch nichts wissen, wirst's nie wissen, nie sicherer als ich. Frage sie doch mal, frage sie doch mal, Du wirst sehen, daß sie's nicht weiß – ich auch nicht, er auch nicht, Du auch nicht, kein Mensch weiß es. Du kannst einfach wählen, jawohl Du kannst wählen, zwischen ihm und mir. Nun wähle mal – und nun gute Nacht. Jetzt ist's aus. Wenn sie sich dazu entschließt, Dir's zu sagen, da kannst Du mich benachrichtigen im Hotel zu den fünf Weltteilen. Nicht wahr? Es würde mir wirklich Freude machen, 's zu erfahren. Gute Nacht, ich wünsch euch viel Vergnügen.

Heftig gestikulierend ging er davon, sprach immer vor sich hin unter den großen Bäumen in der frischen freien Luft, durch die die Wohlgerüche zogen. Er drehte sich nicht um, um sie noch einmal zu sehen, er ging seiner Wege. Die Wut trieb ihn, die Verzweiflung und die fixe Idee, die in ihm wühlte.

Plötzlich stand er am Bahnhof. Ein Zug sollte eben abgehen. Er stieg ein. Und während der Fahrt legte sich seine Wut. Er ward wieder seiner Sinne mächtig und kehrte nach Paris zurück, selbst ganz erstaunt über seinen Mut.

Er fühlte sich wie zerbrochen, als ob man ihm alle Knochen zerschlagen. Trotzdem ging er in sein Bräu, um sein Glas Bier zu trinken.

Als Fräulein Zoë ihn eintreten sah, fragte sie erstaunt:

– Schon zurück? Sind Sie müde?

Er antwortete:

– Ja, ja, sehr müde, sehr müde. Wissen Sie, wenn man das Ausgehen nicht gewöhnt ist – na für mich ist es alle, ich gehe nicht wieder aufs Land. Ich wäre besser hier geblieben. Jedenfalls jetzt bringen mich keine zehn Pferde wieder fort.

Und trotz ihrer Bemühungen gelang es ihr nicht, irgend etwas von seinem Ausflüge aus ihm herauszulocken.

Und zum ersten Mal in seinem Leben betrank er sich an diesem Abend wie ein Stier, sodaß man ihn nach Hause schaffen mußte.

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