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Herr Parent

Guy de Maupassant: Herr Parent - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleHerr Parent
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume6
year1910
firstpub1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc245d89a
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Einsamkeit

Es war nach einem Herrendiner. Wir waren sehr lustig gewesen und einer der Teilnehmer, ein alter Freund, fragte mich:

– Kommst Du mit über die Avenue des Champs-Elysées? Aber zu Fuß?

Wir machten uns auf und gingen mit langsamen Schritten die lange Promenade hinab unter den noch kaum mit dem ersten Grün bedecken Bäumen.

Kein Lärm war zu hören, nur das unbestimmte fortwährende Gesumme von Paris. Ein frischer Wind blies uns ins Gesicht und das Sternenmeer hatte den schwarzen Himmel wie mit Gold bestäubt.

Mein Begleiter sprach:

– Ich weiß nicht warum, aber nachts atme ich leichter als sonst, ich habe das Gefühl, als erweiterten sich meine Gedanken. Manchmal zuckt mir eine Sekunde ein Blitz durchs Gehirn, daß ich meine, ich käme hinter das Ende aller Dinge, dann schließt sich der Ausblick wieder. Es ist aus.

Ab und zu sahen wir an den Häusern hin zwei Gestalten huschen. Wir kamen an einer Bank vorüber, wo zwei Wesen Seite an Seite saßen, nur ein dunkler Schatten.

Mein Begleiter sprach:

– Arme Leute! Mich ekelt das nie an, mir erregt es nur unendliches Mitleid. Unter allen Wundern des menschlichen Daseins giebt es eins, das mich ganz durchdringt. Ich glaube, das ganze Elend, die ganze Qual unserer Existenz kommt nur daher, daß wir immer allein sind und alle unsere Versuche, alle unsere Bemühungen und Bestrebungen haben nur einen Zweck, der Einsamkeit zu entfliehen. Das Liebespaar da drüben auf der Bank im Freien sucht, wie wir, wie alle Kreaturen, nur diese ewige Einsamkeit aufzuheben, wenigstens für eine Minute. Aber sie bleiben allein und werden doch immer allein bleiben und wir auch.

Manchmal merkt man es mehr, manchmal weniger.

Seit einiger Zeit habe ich die fürchterliche Erkenntnis voll gewonnen von der grauenhaften Einsamkeit, in der ich lebe, und ich weiß, daß nichts sie enden kann, nichts, hörst Du. Was wir auch schaffen und thun, wie unser Herz sich auch müht, was auch unsere Lippe spricht und wenn der Arm sich auch um einen Nacken legt, immer sind wir allein.

Ich habe Dich heute abend mitgeschleppt, nicht um nach Hause zu gehen, denn die Einsamkeit meiner Wohnung quält mich jetzt zu fürchterlich. Doch was soll mir das nun helfen: ich spreche zwar mit Dir, Du hörst mich an, aber doch sind wir beide, wenn auch Seite an Seite, allein, verstehst Du mich?

Selig sind, die da geistig arm sind, sagt die Heilige Schrift. Sie haben noch einen Schimmer von Glück, sie fühlen nicht unser einsames Elend, sie irren nicht wie ich im Leben umher, ohne irgend eine andere Berührung als die der Ellbogen, ohne irgend eine andere Freude als die egoistische Befriedigung, zu verstehen, zu sehen, zu erraten, zu leiden ohne Ende: die Erkenntnis unsere ewigen Vereinsamung.

Du meinst wohl, ich sei etwas verrückt.

Hör' zu.

Seit ich die Einsamkeit meiner Seele entdeckt, ist es mir, als ob ich jeden Tag tiefer in ein unterirdisches Gewölbe eindränge, dessen Wände ich nicht finden kann, dessen Ausdehnung ich nicht kenne, das vielleicht unendlich ist. Ganz allein, ohne irgend jemand um mich ohne daß irgend ein anderer dieselbe Straße zieht, steige ich hinab. Dieses tiefe Gewölbe ist das Leben. Ab und zu höre ich Lärm, Stimmen, Rufe, ich taste vorwärts den unbestimmten Geräuschen entgegen, aber ich weiß nie, woher sie kommen, ich treffe nie einen anderen, ich fühle nie eine andere Hand in dem Dunkel, das mich umgiebt. Verstehst Du mich?

Einige wenige Menschen haben hie und da etwas von diesem furchtbaren Leiden empfunden.

Musset rief:

»Wer naht, der meinen Namen ruft hinaus?
Kein Mensch! Ich bin allem, die Uhr hebt aus ...
O Einsamkeit! O Armut! ...«

Aber bei ihm war es doch nur ein vorübergehender Zweifel und noch keine unbedingte Gewißheit wie bei mir. Er war Dichter, er bevölkerte das Leben mit seinen Traumgestalten. Wirklich allein ist er nie gewesen; ich bin allein.

Schrieb nicht Gustav Flaubert, einer der großen Unglücklichen dieser Erde, weil er einer der großen Erleuchteten war, an eine Freundin die verzweifelten Worte: »Wir sind alle in einer Wüste, keiner versteht den anderen.«

Nein, keiner versteht den anderen, was man auch denken möge, was man auch versuchen möge. Weiß die Erde hier irgend etwas davon, was da droben auf jenen Sternen vor sich geht, die wie feuriger Samen in den Himmel hinausgestreut sind, soweit entfernt, daß wir nur das Licht einzelner erblicken, während die ungezählte Menge der übrigen im ewigen Raum verloren ist, obgleich sie vielleicht nahe bei einander stehend ein Ganzes bilden, wie die Teilchen eines Körpers.

Nun, der Mensch weiß nicht mehr davon, was in einem anderen Menschen vor sich geht, als daß wir weiter von einander entfernt sind als diese Gestirne. Einsamer stehen wir da, weil der Gedanke unerforschlich ist.

Kannst Du Dir etwas Fürchterlicheres denken, als diese fortwährende Berührung mit Wesen, die wir doch nicht durchdringen können. Wir lieben einer den andern, als ob wir ganz nahe mit einander verkettet wären, wir strecken die Arme aus, ohne uns doch wirklich berühren zu können. Ein quälendes Bedürfnis, zu einander zu kommen, peinigt uns, aber unsere Anstrengungen sind fruchtlos, unsere Hingabe ist unnütz, unser Vertrauen vergeblich, unsere Liebe schwach, unsere Zärtlichkeit eitel. Wenn wir einander nahe kommen wollen, so stoßen wir uns nur einer am andern.

Niemals fühle ich mich mehr allein, als wenn ich einem Freunde mein Herz ausschütte, weil ich dann immer die unüberbrückbare Kluft deutlicher erkenne. Dort steht der Mensch, ich sehe seine klaren Augen auf mich gerichtet, aber die Seele hinter ihnen kenne ich nicht, er hört mir zu, was denkt er? Ja, was denkt er? Begreifst Du nicht diese Qual? Vielleicht haßt er mich, er verachtet mich, lacht mich aus, denkt über das nach, was ich sage, kritisiert mich, verspottet mich, verurteilt mich, hält mich für einen mittelmäßigen Menschen oder für einen Tropf? Wie soll ich wissen, was er denkt? Wie soll ich wissen, ob er mich liebt, wie ich ihn liebe? Was geht in diesem kleinen, runden Hirn vor, welch Rätsel ist dieser Gedanke eines anderen, den wir nicht kennen, dieser freie, verborgene Gedanke, den wir nicht entziffern, den wir nicht leiten, nicht beherrschen, nicht überwinden können?

Und ich, was nützt es mir, wenn ich den Willen habe, mich ganz hinzugeben, alle Thore meiner Seele zu öffnen, es gelingt mir doch nicht; ins Innerste, tief ins Innerste meines Ich dringt doch kein Mensch. Niemand kann hinein, niemand kann es enthüllen, weil niemand mir ähnlich ist, weil keiner den anderen begreift.

Verstehst Du mich wenigstens in diesem Augenblick? Nein, Du denkst wahrscheinlich, daß ich verrückt sei, Du siehst mich an, siehst mich prüfend an, Du willst Dich vor mir hüten, Du fragst Dich, was hat er denn nur heute abend? Aber wenn Du einmal dazu kommst, dieses fürchterliche Leiden zu erraten, dann komme zu mir, nur um mir zu sagen: »ich habe Dich verstanden.« Dann wirst Du mich glücklich machen, wenigstens auf eine Sekunde vielleicht. Die Frauen machten mich am meisten meiner Einsamkeit bewußt. O, wie ich durch sie gelitten habe, weil sie mir oft mehr als die Männer die Illusion gegeben haben, nicht allein zu sein.

Wenn die Liebe über einen kommt ist es, als wüchsen einem Flügel, eine übermenschliche Glückseligkeit durchströmt uns. Weißt Du warum? Weißt Du, woher dieses unendliche Glücksgefühl stammt? Nur, weil man sich einbildet, nicht mehr allein zu sein. Es ist, als hörte die Einsamkeit auf. Welch ein Irrtum!

Die Frau, der noch mehr wie uns dieses ewige Bedürfnis nach Liebe das Herz bedrängt, ist die große Lüge in diesem Traum.

Du kennst die wundersamen Stunden in Gesellschaft dieses Wesens mit dem langen Haar, mit den reizenden Zügen, dessen Blick einen berückt. Welche Seligkeit führt unseren Geist in der Irre! Welche Illusion reißt uns mit sich!

Sie und ich wollen gleich nur noch ein Wesen bilden, aber dieses ›gleich‹ kommt nie. Und nachdem man wochenlang gewartet, wochenlang gehofft und geharrt und das Glück wochenlang einen genarrt hat, findet man sich eines Tages einsamer, als je vorher.

Nach jedem Kuß, nach jeder Umarmung wird die Einsamkeit größer! O sie ist furchtbar, herzbrechend!

Dann aber geht es zu Ende, dann ist es aus. Diese Frau, die einmal in einem Augenblick unseres Lebens für uns alles gewesen, erkennt man kaum wieder, diese Frau, deren innerste, ja selbst oberflächlichste Gedanken wir wahrscheinlich doch niemals gekannt.

Selbst in den Stunden, wo man wie durch einen wundersamen Zusammenfluß der Wesen in vollständiger Verwirrung der Wünsche und des Sehnens bis in das tiefste Innere ihrer Seele geschaut zu haben glaubt, zeigt uns manchmal ein Wort, ein einziges Wort nur unseren Irrtum, zeigt uns wie ein jäher Blitz in der Nacht die Kluft, die schwarze Kluft, die zwischen uns gähnt.

Und doch einen Abend bei einer Frau zuzubringen, die man liebt, ohne zu sprechen, glücklich allein durch das Gefühl ihrer Gegenwart, das ist doch das schönste auf dieser Erde! Mehr dürfen wir nicht verlangen, denn niemals werden zwei Wesen wirklich eins.

Ich aber habe jetzt meine Seele geschlossen, keinem Menschen sage ich mehr, was ich glaube, was ich denke, was ich liebe. Da ich weiß, daß ich zu dieser furchtbaren Einsamkeit verurteilt bin, sehe ich den Dingen zu, ohne je eine Meinung zu äußern. Was sind mir Ansichten, Streit, Vergnügen, Glauben. Da ich mit niemandem etwas gemeinsam habe, interessiert mich nichts mehr. Meine unsichtbaren Gedanken bleiben unerforscht und verschlossen. Ich habe gleichgiltige Redensarten im Vorrat, um den täglichen Fragen Rede zu stehen, und ein Lächeln, das >Ja< bedeutet, wenn ich mir einmal nicht die Mühe geben will, zu sprechen.

Verstehst Du mich?

 

Wir waren die lange Avenue bis zum Are de triomphe hinaufgegangen, waren dann wieder umgekehrt bis zum Platz de la Concorde, denn er hatte alles das langsam auseinandergesetzt und noch vieles andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.

Jetzt blieb er plötzlich stehen, deutete mit der Hand auf den hohen Obelisk aus Granit, der dort auf dem Pariser Pflaster stand und dessen riesiges ägyptisches Profil bis hinauf in die Sterne zu ragen schien, jenes verbannte Denkmal, das auf seinen Seitenflächen die Geschichte seines Landes trägt in seltsamen Schriftzeichen. Da rief mein Freund:

– Siehst Du, so wie dieser Stein sind wir alle.

Dann verließ er mich, ohne ein Wort zu sprechen.

Hatte er zuviel getrunken? War er verrückt? Sprach Weisheit aus ihm? Ich weiß es noch nicht. Manchmal will mir dünken, als hätte er recht, und manchmal ist es mir, als müsse er den Verstand verloren haben.

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