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Herr Parent

Guy de Maupassant: Herr Parent - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleHerr Parent
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume6
year1910
firstpub1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc245d89a
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Eine Entdeckung

Das Schiff war voll Menschen. Da die Überfahrt sehr schön zu werden versprach, entschlossen sich die Havraiser einmal nach Trouville zu fahren.

Die Taue wurden gelöst, ein letztes Heulen der Dampfpfeife kündete die Abfahrt an und sofort zitterte der ganze Schiffsleib, während man rechts und links zur Seite den Lärm des wirbelnden gurgelnden Wassers hörte.

Die Räder drehten sich ein paar Sekunden, blieben stehen, und setzten sich darauf langsam wieder in Bewegung. Als dann der Kapitän auf der Kommandobrücke, durch das Sprachrohr, das in die Tiefen der Maschine hinunterführt, ›Volldampf‹ gerufen, begannen sie das Meer mit ihren Umdrehungen zu peitschen.

Es ging den Hafendamm, der voller Menschen stand, entlang. Auf dem Schiff wehten die Leute mit den Taschentüchern, als gelte es nach Amerika zu fahren, und die Freunde, die am Lande geblieben waren, gaben den Gruß zurück.

Strahlende Julisonne schien auf die roten Sonnenschirme, auf die hellen Kleider, auf die fröhlichen Gesichter, auf das wellengekräuselte Meer. Sobald der kleine Dampfer den Hafen verlassen hatte, machte er einen jähen Bogen, indem sich das spitze Vorderteil auf die ferne Küste richtete, die man durch den Morgennebel schimmern sah.

Zu unserer Linken lag die zwanzig Kilometer breite Seinemündung. Hier und da bezeichneten große Bojen Sandbänke. Und schon von weitem konnte man das schlammige Süßwasser des Flusses unterscheiden, das sich mit dem Salzwasser noch nicht gleich vermischt hatte, und große, gelbe Bänder in der grünen reinen See abzeichnete.

Sobald ich auf einem Schiff stehe, fühle ich das Bedürfnis, hin und her zu laufen, wie der Seemann, der die Wache hat. Ich weiß nicht, warum mir's so geht, kurz, ich begann auf dem Verdeck unter der Menge Reisender auf und ab zu schreiten.

Plötzlich rief mich jemand. Ich drehte mich um. Es war Heinrich Sidoine, ein alter Freund von mir, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen hatte.

Wir drückten uns die Hand und begannen von diesen und jenen Dingen redend, wie ich es eben noch gethan, einem Bären im Käfig gleich, auf dem Verdeck hin und her zu laufen. Während wir schwatzten, besahen wir uns die Reisenden, die rechts und links saßen.

Plötzlich sagte Sidoine mit empörtem Ausdruck:

– Alles steckt hier voll Engländer, diese ekelhafte Bande.

Allerdings saßen rundum lauter Engländer. Die Männer blickten in die Weite hinaus mit einer Art wichtiger Miene, als wollten sie sagen: »Wir Engländer sind die Herren der See. Bumms, da sind wir!«

Und die weißen Schleier, die von ihren weißen Hüten wehten, sahen wie gehißte Flaggen ihrer Selbgefälligkeit aus.

Die dürren, jungen Misses, deren Fußbekleidungen an die Schiffe ihrer Heimat gemahnten und die ihre Hopfenstangengestalten und mageren Arme in schottisch karrierte Plaids hüllten, blickten ausdruckslos lächelnd auf die sonnige Landschaft. Die kleinen Köpfe, die am Ende dieser langen Leiber saßen, trugen englische Hüte von seltsamer Form. Ihr spärliches Haar trugen sie am Hinterkopf zusammengesteckt wie eine aufgerollte Schlange. Die alten Misses, die noch dürrer waren, boten ihre gelben Riesenzähne drohend dem Wind. Wenn man an ihnen vorüberging, roch man etwas von Kautschuck und Zahnwasser. Sidoine sagte mit immer wachsender Wut:

– Dreckige Bande, ob man ihnen nicht verbieten könnte, nach Frankreich zu kommen?

Ich fragte lächelnd:

– Was hast Du denn nur gegen sie? Mir sind sie ganz wurst.

– Ja, Dir, das glaube ich schon, aber ich habe eine Engländerin geheiratet! Da liegt der Hase im Pfeffer.

Ich blieb stehen und lachte:

– Teufel noch einmal, erzähle mir mal das. Lebst Du denn so unglücklich mit ihr?

Er zuckte mit den Achseln:

– Nein, das nicht gerade.

– Also, sie hintergeht Dich wohl?

– Nein, leider nicht, dann könnte ich mich doch scheiden lassen und wäre sie los.

– Ja, dann verstehe ich Dich nicht.

– Verstehst mich nicht? Das wundert mich weiter nicht. Nun, sehr einfach – sie hat französisch gelernt! Das ist das Unglück. Höre mal zu. Ich wollte mich absolut nicht verheiraten. Da war ich vor zwei Jahren im Sommer in Etretat. Es giebt nichts Gefährlicheres, als so ein Seebad, Du glaubst gar nicht, wie dort die Mädchen uns gegenüber im Vorteil sind. Paris ist etwas für die Frauen, auf dem Lande regieren die Mädchen.

Alle diese Spazierritte zu Esel, die Bäder des Morgens, das Frühstück im Freien, sind bloß Fallen für die Männer, daß sie sich verheiraten sollen. Und es giebt allerdings nichts Netteres als so ein junges Ding von achtzehn Jahren, wenn es durch die Felder läuft und längs des Weges Blumen pflückt.

Ich machte die Bekanntschaft einer englischen Familie, die im selben Hotel abgestiegen war wie ich. Der Vater war etwa so wie alle diese Leute, die Du da siehst, und die Mutter wie jede andere Engländerin.

Sie hatten zwei Söhne, zwei jener knochigen Bengels, die vom Morgen bis zum Abend allerlei anstrengende Spiele spielen, mit Bällen, mit Keulen oder Rackets. Dann zwei Töchter. Die Älteste vertrocknet wie eine Konservenbüchse, die Jüngere reizend, blond oder vielmehr eine Blondine mit einem Engelsköpfchen. Wenn die Sorte noch hübsch ist, dann sind sie wirklich göttlich. Sie hatte blaue Augen, von jenem Blau, worin alle Poesie zu schlummern scheint, alle Hoffnung, alle Glückseligkeit der Welt.

O, solch ein paar Frauenaugen, die führen wie ins Wunderland.

Und dann muß man allerdings zugestehen, daß wir Franzosen die Ausländerinnen lieben. Sobald wir einer Russin, einer Italienerin, einer Schwedin, einer Spanierin oder einer Engländerin begegnen, die nur ein bißchen hübsch ist, verlieben wir uns augenblicklich. Alles, was von auswärts kommt, staunen wir an, seien es nun Hosenstoffe, Hüte, Handschuh, Gewehre oder Frauen, und doch haben wir unrecht.

Aber ich glaube, was uns bei den Ausländerinnen am meisten anzieht, ist ihre falsche Aussprache. Sobald eine Frau unsere Sprache schlecht spricht, finden wir sie reizend. Wenn sie im Französischen bei jedem Wort einen Fehler macht, findet man das süß, und wenn sie auf die blödsinnigste Art radebrecht, dann ist sie gar unwiderstehlich.

Du glaubst gar nicht, wie reizend es ist, wenn so ein kleiner rosiger Mund sagt: »Ich lieben sehr die Hammelbraten.« Meine kleine Engländerin Kate sprach eine ganz sonderbare Sprache. Ich verstand in den ersten Tagen keine Silbe, solche verrückten Worte erfand sie. Dann verliebte ich mich in diesen seltsamen, spaßigen Sprachsalat.

Alle verstümmelten, wunderlichen, lächerlichen Worte klangen aus ihrem Munde reizend, und abends hatten wir auf der Terrasse des Kasinos lange Unterhaltungen, die wie das reine Rätselraten verliefen.

Ich heiratete sie. Ich liebte sie wahnsinnig wie das Ideal meiner Träume, denn es ist ja nur ein geträumtes Frauenbild, das man wirklich liebt.

Du erinnerst Dich doch der wunderschönen Verse von Louis Bouilhet:

»Alltäglich Instrument, auch in des Glückes Tagen,
Warst du, darauf mein Bogen Siegesweisen sang.
Wie Lautenton auf hohlem Holze angeschlagen,
Mein schönstes Lied aus deines Herzens Leere klang.«

Also, lieber Freund, die größte Dummheit, die ich gemacht habe, war, meine Frau französische Stunden nehmen zu lassen.

Solange sie die Wörter verdrehte und die Grammatik marterte, habe ich sie lieb gehabt.

Unsere Gespräche waren ganz einfach, ich erfand darin den erstaunlichsten Liebreiz ihres Wesens, die unvergleichliche Eleganz ihrer Bewegungen. Sie war für mich ein wundervolles, sprechendes Kleinod, eine lebendige Puppe, zum Küssen gemacht, die etwa das sagen kann, was sie liebt, manchmal eigentümliche Laute ausstößt und auf kokette Art nicht zu komplizierte Gemütsbewegungen und Eindrücke wiederzugeben vermag.

Sie sah jenem hübschen Spielzeug ähnlich, das ›Papa‹ und ›Mama‹ sagen kann.

Aber wenn ich geahnt hätte...... Jetzt spricht sie nämlich immer noch sehr schlecht, macht noch ebensoviel Fehler, aber ist verständlich, ja ich verstehe sie jetzt, ich weiß, was sie sagen will.

Ich habe meine Puppe kaput gemacht, um hineinzusehen und ich habe es nun gesehen. Aber man muß doch reden lieber Freund.

Ach Du hast eben keine Ahnung von den Ansichten, Ideen, Theorien einer jungen, gut erzogenen Engländerin, der nichts vorzuwerfen ist und die mir von früh bis spät lauter Redensarten aus einem Komplimentierbuch für Damenpensionate vorplappert.

Du kennst doch jene Kotillonüberraschungen, jene wunderhübschen, vergoldeten Papiere, die fürchterliche Bonbons enthalten? So eins habe ich gehabt, ich habe es zerrissen, ich wollte den Inhalt essen, und jetzt ekle ich mich so, daß mir geradezu schlecht wird, wenn ich nur irgend einer ihrer Landsmänninnen begegne.

Ich habe einen Papagei geheiratet, dem eine alte englische Lehrerin französisch beigebracht hat. Verstehst Du?

 

Man sah jetzt die hölzerne Mole des Hafens von Trouville, auf der eine große Menschenmenge stand:

Ich fragte:

– Wo ist denn Deine Frau?

Er antwortete:

– Ich habe sie wieder nach Etretat gebracht.

– Ja, wo fährst Du denn hin?

– Ich? Ich will mich in Trouville ein bißchen zerstreuen.

Dann fügte er nach einem Augenblick Pause hinzu:

– Du hast keine Ahnung, wie blödsinnig albern so 'ne Frau manchmal sein kann!

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