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Herr Parent

Guy de Maupassant: Herr Parent - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleHerr Parent
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume6
year1910
firstpub1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc245d89a
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Die Haarnadel

Ich will nicht sagen, wo und wer; kurz es war weit von hier an einer fruchtbaren heißen Küste. Schon von Morgen an schritten wir zwischen dem erntebestandenen Gestade und dem blauen sonnenbestrahlten Meere hin. Nahe an den Wogen blühten Blumen, an den Wogen, die so leise einschläfernd plätschern. Es war heiß. Eine Hitze, durch die der Hauch der fruchtbaren nassen Erde zog, als atmete man Nahrung ein.

Man hatte mir gesagt, ich würde an jenem Abend im Hause eines Franzosen Gastfreundschaft finden, der in einem Orangenhain an der Spitze eines Vorgebirges wohnte. Wer mochte es sein? Ich wußte noch nichts weiter. Eines Morgens vor zehn Jahren war er angekommen, hatte ein Stück Land gekauft, Weinberge angelegt und Felder. Er hatte mit Leidenschaft, mit Wut beinahe gearbeitet, und so war es ihm von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr gelungen, seine Besitzung zu erweitern, dem jungfräulichen kräftigen Boden unausgesetzt die Ernte abzuringen. Endlich hatte er so durch unermüdliche Arbeit ein Vermögen erworben. Und doch arbeitete er, wie es hieß, noch immer. Beim Morgengrauen stand er auf und inspizierte bis zur sinkenden Nacht seine Felder. Unausgesetzt überwachte er Alles, als quäle ihn eine fixe Idee, die unersättliche Gier nach Geld, die nichts beruhigen, nichts stillen kann.

Jetzt mußte er offenbar sehr reich sein.

Als ich an sein Haus kam, war die Sonne im Sinken. Das Gebäude erhob sich inmitten von Orangenbäumen an der Spitze eines Kaps. Es war ein großes viereckiges, ganz einfaches Haus hoch über dem Meere gelegen.

Als ich näher kam, erschien ein Mann mit langen Bart unter der Thür. Ich grüßte ihn und bat ihn um Nachtquartier. Lächelnd reichte er mir die Hand:

– Bitte, treten Sie ein. Thun Sie, als wären Sie zu Haus.

Mit den Manieren eines Weltmannes führte er mich in ein Zimmer und stellte mir einen Diener zur Verfügung. Dann verließ er mich mit den Worten:

– Sobald Sie die Freundlichkeit haben herunter zu kommen, werden wir essen.

Und wir aßen in der That, wir beide allein, einander gegenüber sitzend, auf einer Terrasse mit der Ausficht auf das Meer. Zuerst sprach ich mit ihm von diesen reichen fernen, unbekannten Gestaden. Er lächelte und antwortete zerstreut:

– Ja, die Gegend ist schön; aber wenn es nicht die ist, die man liebt, so gefällt sie einem doch nicht.

– Haben Sie Heimweh nach Frankreich?

– Ich möchte in Paris sein.

– Warum gehen Sie nicht wieder hin?

– O, ich werde schon noch einmal zurückkehren.

Und allmählich begannen wir von unserer Heimat zu sprechen, von den Boulevards, von allen möglichen Dingen in Paris. Er fragte wie ein Mann, der alles das einmal gekannt hat, nannte mir Namen, alle Namen, die man etwa auf dem Boulevard des Italiens hört.

– Wer verkehrt denn so jetzt bei Tortoni?

– O, immer dieselben bis auf die, die inzwischen gestorben sind.

Ich blickte ihn aufmerksam an, mir war es, als tauchte eine Erinnerung auf, ich mußte diesen Kopf schon irgendwo gesehen haben, aber wo und wann? Er schien müde zu sein, obgleich er einen kräftigen Eindruck machte, traurig, obwohl er etwas sehr Entschiedenes hatte. Der große blonde Bart siel ihm bis auf die Brust herab und ab und zu umfaßte er ihn unter dem Kinn, drückte ihn mit der geschlossenen Hand zusammen und ließ ihn bis zum Ende durch die Finger laufen. Sein Haupthaar war etwas gelichtet. Er hatte starke Augenbrauen, einen mächtigen Schnurrbart, der mit dem Barte auf den Backen zusammenwuchs.

Hinter uns tauchte die Sonne ins Meer und warf einen Feuerregen auf die Küste. Die blühenden Orangenbäume strömten ihre süßen, starken Düfte in die Abendluft aus. Er schien nur mich zu sehen, blickte mich gerade an und schien in meinen Augen in der Tiefe meiner Seele das ferne geliebte Bild des breiten schattigen Trottoirs wieder zu erblicken, das sich von der Madeleine bis zur Rue Drouot zieht.

– Kennen Sie Boutrelle?

– Gewiß.

– Hat er sich verändert?

– Er ist ganz weiß geworden.

– Und La Ridamie?

– Immer noch wie früher.

– Und die Frauen? Erzählen Sie mir etwas von den Frauen, bitte. Kennen Sie etwa Susanne Verner?

– Ja, dick geworden, ihre Zeit ist vorbei.

– Ah, und Sofie Astier?

– Tot.

– Armes Ding. Und kennen Sie vielleicht –

Aber plötzlich schwieg er und dann sagte er, bleich geworden, mit veränderter Stimme:

– Nein, ich möchte lieber nicht davon sprechen! Es regt mich zu sehr auf.

Als wollte er dann seine Gedanken auf etwas anderes richten, stand er auf:

– Wollen wir hinein gehen?

– Mir ist es recht.

Und er schritt voran in sein Haus.

Die Zimmer unten waren riesig, kahl, traurig, wie verlassen. Teller und Gläser standen auf den Tischen herum, da die braunen Diener, die unausgesetzt in der ganzen weiten Wohnung umherirrten, sie nicht abgeräumt hatten.

Zwei Gewehre hingen an der Wand und in den Ecken standen Hacken, Angelruten, getrocknete Palmblätter, alle möglichen Gegenstände, die einfach aus der Hand gestellt worden und die nun dort ihres Dienstes warteten.

Mein Wirt lächelte:

– Das ist die Wohnung oder vielmehr das Loch eines Verbannten. Aber mein Zimmer sieht etwas anständiger aus, ich zeige es Ihnen wenn's Ihnen recht ist.

Als ich eintrat, war es mir, als käme ich in den Laden eines Trödlers, so war das Zimmer voll gestopft mit allen möglichen seltsamen verschiedenen Dingen, die gar nicht zu einander paßten. Man fühlte gleich, es müßten wohl Erinnerungsstücke sein. An der Wand hingen zwei hübsche Zeichnungen von bekannten Malern, Stoffe, Waffen, Degen, Pistolen und dann gerade in der Mitte der Längsseite ein viereckiges Stück weißen Satins in Gold gefaßt.

Ich trat erstaunt näher und erblickte eine Haarnadel, die mitten in dem glänzenden Stoff steckte.

Mein Wirt legte seine Hand auf meine Schulter und sagte lächelnd:

– Das ist der einzige Gegenstand, den ich hier betrachte und der einzige Gegenstand, den ich seit zehn Jahren sehe. Ich kann sagen: diese Nadel bedeutet mein ganzes Leben.

Ich wollte zuerst irgend eine Redensart machen. Dann, fragte ich:

–bSie haben wohl um eine Frau gelitten?

Und er erwiederte heftig:

– Sagen Sie lieber, ich leide noch und ich leide furchtbar. Aber bitte, kommen Sie auf den Balkon. Vorhin war mir ein Name auf die Lippen gekommen, ich wagte nicht, ihn auszusprechen, denn wenn Sie gesagt hätten: tot, wie von Sofie Astier hätte ich mich heute noch erschossen.

Wir waren auf einen breiten Balkon getreten, von dem aus man zwei Meerbusen, einen links und einen rechts, überblickte. Hohe, graue Bergzüge säumten sie ein. Es war die Dämmerungsstunde, wo die untergegangene Sonne die Erde nur noch durch den Widerschein beleuchtet. Er fragte:

– Lebt Jeanne de Limours noch?

Sein Auge war auf meines gerichtet und zitternde Beklemmung sprach daraus. Ich antwortete lächelnd:

– Allerdings, und sie ist schöner denn je.

– Kennen Sie sie?

– Ja.

Er zögerte:

– Ganz genau?

– Nein.

Er ergriff meine Hand:

– Erzählen Sie mir etwas von ihr.

– Ja ich kann weiter nichts erzählen. Sie ist eine der reizendsten Frauen, oder vielmehr Mädchen, die in Paris eine Rolle spielen. Und sie führt ein sehr angenehmes, ein geradezu fürstliches Dasein.

Er flüsterte:

– Ich liebe sie.

Als ob er hätte sagen wollen: ich werde sterben. Dann fügte er kurz und rauh hinzu:

– O, Gott drei Jahre lang war unser Leben mit einander furchtbar und doch wundervoll. Fünf oder sechs Mal hätte ich sie beinahe getötet und mit dieser Haarnadel da, die Sie dort sehen, hat sie versucht mir die Augen auszustechen. Sehen Sie hier diese kleine weiße Narbe unter meinem linken Auge. Wir liebten uns. Aber wie soll ich diese Leidenschaft erklären, das würden Sie gar nicht verstehen. Es muß wohl eine einfache Liebe geben, die darin besteht, daß zwei Herzen und zwei Seelen eben eins sind. Aber ebenso giebt es eine furchtbare, grausam quälende Liebe, die aus der Verbindung zweier verzweifelter Wesen fließt, die sich hassen, wenn sie sich lieben.

Dieses Mädchen hat mich binnen drei Jahren ruiniert. Ich besaß vier Millionen. Die hat sie in ihrer ruhigen, selbstverständlichen Art mit dem süßesten Lächeln verbraucht.

Sie kennen sie. Ach, sie hat etwas Unwiderstehliches. Was? Ich weiß es nicht; sind es ihre grauen Augen, deren Blick sich wie eine Schraube einbohrt und wie der Widerhaken eines Pfeiles in uns sitzen bleibt? Oder ist es ihr süßes, verführerisches Lächeln, das auf ihrem Antlitz haften bleibt wie eine Maske? Ihr Liebreiz bezwingt allmählich, er geht von ihr aus wie ein Parfüm, von ihrer hohen Gestalt, wenn sie fast schwebend vorüberschreitet. Denn mir ist es immer, als ob sie mehr glitte als ginge. Er geht von ihrer etwas singenden Sprechweise aus, von ihrer süßen Stimme, die wie die Begleitung ist zu ihrem Lächeln. Er geht aus von ihren immer maßvollen Bewegungen, die das Auge geradezu berauschen, so harmonisch sind sie. Drei Jahre hindurch habe ich auf dieser Erde nur sie gesehen. O, wie ich gelitten habe. Denn sie betrog mich mit aller Welt. Warum? Um nichts, nur um zu betrügen. Und jedesmal, wenn ich es erfahren hatte, wenn ich sie wie eine Dirne, wie ein Frauenzimmer behandelte, gab sie es ganz ruhig zu mit den Worten:

– Ja, sind wir denn verheiratet?

Seitdem ich hier bin, habe ich solange über sie nachgedacht, bis ich ihr Wesen begriffen habe. Dieses Mädchen ist nichts anderes als eine wieder erstandene Manon Lescaut. Manon, die nicht hätte lieben können, wenn sie nicht betrogen, Manon, für die Liebe, Lebenslust und das Geld nur eins ist.

Er schwieg. Nach einigen Minuten fuhr er fort:

– Als ich für sie meinen letzten Groschen durchgebracht, sagte sie ganz einfach zu mir:

»Lieber Freund, Du wirst einsehen, daß ich von der Luft nicht leben kann. Ich liebe Dich sehr, ich liebe Dich mehr als irgend jemand, aber ich muß leben. Not, sich einschränken und ich passen nicht zu einander.

Und dabei habe ich an ihrer Seite ein fürchterliches Dasein geführt. Wenn ich sie anblickte, überkam mich ebenso sehr die Lust sie zu küssen, als sie zu töten. Wenn ich sie ansah, fühlte ich ein fürchterliches Bedürfnis, die Arme zu öffnen, sie an mich zu pressen, und sie zu erwürgen. In ihr, im Hintergrunde ihrer Augen, lauerte etwas Niederträchtiges, Unfaßbares, daß ich sie hätte hassen können, und deshalb vielleicht liebte ich sie so sehr. In ihr war das Weib im Weibe, das berückende und hassenswerte Weib stärker, als in irgend einer anderen Frau, ausgeprägt. Sie war geladen damit wie mit einem bestrickenden Gifte. Sie war mehr Weib, als es je ein Weib gewesen ist.

Und wissen Sie, wenn wir zusammen ausgingen, dann ließ sie ihr Auge auf allen Männern ruhen, daß es mir war, als ob sie sich allen mit diesem einen Blick schon hingäbe. Das brachte mich zur Verzweiflung. Und doch hing ich desto mehr an ihr. Dieses Mädchen gehörte, wenn sie nur auf der Straße ging, trotz meiner, trotz ihrer, sofort jedermann. Ihre Natur war einmal so, obgleich sie eigentlich ein zurückhaltendes, weiches Wesen hatte. Verstehen Sie mich?

O Gott, wie war das bitter. Mir war 's überall, im Theater, im Restaurant, als ob sie andere besäßen unter meinen Augen. Und sobald ich sie auch nur einen Augenblick allein ließ, besaßen sie Andere wirklich.

Jetzt habe ich sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen und liebe sie mehr denn je.


Die Nacht war auf die Erde niedergesunken, starker Orangenduft zog durch die Luft. Ich fragte:

– Wollen Sie sie wiedersehen?

Er antwortete:

– Nun, wissen Sie, ich besitze jetzt hier, sei es an Liegenschaften, sei es an barem Geld, sieben bis acht mal hunderttausend Franken; sobald die Million voll ist, werde ich alles verkaufen und abreisen. Dann habe ich genug, um mit ihr ein Jahr zu leben, ein ganzes, köstliches Jahr. Und dann ist's aus, dann ist mein Leben fertig.

Ich fragte:

– Und dann?

– Dann? Das weiß ich nicht, dann ist's eben aus. Dann bitte ich sie vielleicht, mich als Diener anzunehmen.

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