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Hermann Kurz

Isolde Kurz: Hermann Kurz - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
booktitleHermann Kurz
authorIsolde Kurz
year1906
firstpub1906
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleHermann Kurz
pages342
created20160117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Dichterkreis um Alexander von Württemberg

Ich erinnere mich, einmal einen aus den vierziger Jahren stammenden Stich gesehen zu haben, der den Dichterkreis des Grafen Alexander von Württemberg darstellt. Diese Gesellschaft, die sich in des Grafen reizendem Schlösschen Seerach bei Esslingen zu versammeln pflegte, darunter Uhland, Schwab, Lenau, Justinus Kerner und viele andre, ist sitzend und stehend um den fürstlichen Freund gruppiert, der in seiner ritterlichen Schönheit den Mittelpunkt einnimmt. In der rechten Ecke des Bildes, nur mit halbem Leibe sichtbar, steht Hermann Kurz, eine gebietende männliche Erscheinung mit klaren regelmässigen Zügen und dichtem Haar und Bart. Das Porträt entspricht, obwohl es ihn bedeutend jünger darstellt, ziemlich genau meinen eigenen frühesten Erinnerungen an meinen Vater. Nur dass in jenen späteren Jahren die Züge und die ganze Erscheinung noch bestimmter und imposanter geworden waren. Ich glaube, dass er zu jenen Gestalten gehörte, die sich erst bei völlig erlangter geistiger Reife zu harmonischer körperlicher Schönheit entwickeln. Aus seinem dritten Lebensjahre stammt ein in der 111 Familie bewahrtes Bild, das sehr ähnlich gewesen sein muss, weil mehrere Familienglieder aus den jüngern Generationen eine Zeitlang auffallend diesem Bilde glichen: ein rundes trotziges Kindergesicht mit grossen blauen Augen, das bräunliche Haar in die Stirn gekämmt. Eine Zeichnung aus den Jünglingsjahren entspricht den von ihm selbst und andern entworfenen Schilderungen seines noch unreifen Äussern aus jener Zeit. Erst in den Mannesjahren wurde er ganz er selbst, wozu der späte, aber alsdann reiche und regelmässige Bartwuchs viel beitrug. Die Gestalt war hoch, die Brust breit und mächtig, der etwas kurze Hals gedrungen. Die frühere Schwächlichkeit hatten die Jahre und körperliche Übungen überwunden. Bekannt von je waren die ungewöhnlich glänzenden Augen; Mörike hatte sie besungen, noch ehe der mündliche Austausch der beiden Dichter begann; sie behielten ihren Glanz und ihr tiefes Blau auch im nahenden Alter.

Jener literarische Stuttgarter Zirkel stand mit den gebildetsten Elementen der aristokratischen Gesellschaft in nahem Zusammenhang, wodurch die in Württemberg so weit verbreitete Stickluft des Kleinbürgertums hinausgetrieben wurde und grösseren, freieren Lebensauffassungen Platz machte. In solcher Atmosphäre, wo auch die aristokratische Weiblichkeit eine Rolle spielte, konnte sich der Dichter behagen, der mit dem gewinnenden Äussern und seinem jungen Ruhm damals eine von den Damen sehr bevorzugte 112 Erscheinung war. Er ging in Hinsicht auf die Frauen seinerzeit weit voran, indem er die Gleichberechtigung der Geschlechter vertrat. Er freute sich immer, wenn er Frauen mit geistigem Streben traf, statt wie es damals noch üblich war, hochmütig auf sie herabzusehen; seine ritterliche Zuneigung für das ganze Geschlecht liess ihn sogar leicht einzelne Individuen desselben überschätzen. Eine am weiblichen Geschlecht begangene Roheit war ihm etwas unfassbar Abscheuliches; er ging in seiner chevaleresken Rücksicht soweit, dass er sich nicht einmal von einem weiblichen Dienstboten bedienen lassen wollte. Später als Ehemann konnte er sich nicht entschliessen, von der Gattin die kleinste Dienstleistung zu fordern. Er pflegte zu sagen: »Bitte, gib mir eine Nadel, denn ich habe einen Knopf anzunähen,« und zur Dienerin: »Haben Sie die Güte, mir Holz zu bringen, damit ich einheizen kann.« – Die Frauen aller Stände haben das auch stets mit feinem Instinkt erkannt, denn sie pflegten seine zarte Aufmerksamkeit mit schwärmerischer Verehrung zu erwidern. – Wenn er im Hause des Grafen Alexander mit seinen Eroberungen unter der adligen Damenwelt geneckt wurde, so wies er es immer weit von sich; dann sagte die schöne Gräfin lächelnd: »Wo Sie sich am meisten wehren, darf man sicher sein, dass etwas dahinter steckt.« Nie liess er merken, dass er gefiel, und das Prahlen anderer mit Liebeserfolgen setzte ihn in solche Empörung, dass er, wo es auch vorfiel, 113 augenblicklich dagegen einschritt. Eitelkeit war ihm überhaupt in jeder Hinsicht fremd; das Gefühl seines Wertes gab ihm in guten wie in widrigen Umständen jene feinfühlige und stolze Zurückhaltung, die unter dem falschen Prädikat »Bescheidenheit« ihm nachgerühmt zu werden pflegte. Nur banausischem Geschäftsgeist gegenüber, der künstlerische Erzeugnisse nach ihrem Erfolg bei der Masse bewertet, fiel er gelegentlich in einen hohen und gereizten Ton. – Rasch und freudig in der Anerkennung der andern, hilfreich und wohlwollend ganz besonders gegen jüngere Talente, hatte er vor allem gar nichts von der so verbreiteten Eigenheit des Nergelns an sich; wo er nicht unbedingt loben konnte, da schwieg er lieber.

Für einen genauen Kenner der Zeit müsste es eine lockende und lohnende Aufgabe sein, die Mitglieder jener schwäbischen Tafelrunde in ihrem gegenseitigen Verkehr zu zeichnen; meine Mittel reichen hiefür nicht aus. Auch die Beziehungen zwischen Hermann Kurz und den übrigen kenne ich nur bruchstückweise. Des Verhältnisses zu Uhland und Schwab ist schon gedacht worden; den Briefwechsel mit letzterem hat Professor Fischer im »Staatsanzeiger für Württemberg« veröffentlicht. Mit Lenau scheint die Berührung eine oberflächliche geblieben zu sein, dagegen stand mein Vater eine Zeitlang zu Justinus Kerner auf sehr freundschaftlichem Fusse. Das gastliche Kernerhaus in Weinsberg 114 beherbergte ihn des öfteren. Aber trotz einem geheimen mystischen Zuge, der wohl allen Poeten gemeinsam ist, waren es weder die Poltergeister von Weinsberg noch die Seherin von Prevorst, vielleicht war es nicht einmal der joviale Kerner selbst, was den jungen Dichter so mächtig nach dem Fuss der Weibertreu zog, sondern Kerners jüngere Tochter Emma, der die in den »Heimatjahren« stehenden Strophen: »Der Mond ist hell und kalt die Nacht« gewidmet sein sollen. Dagegen ist das in die neue Sammlung aufgenommene Gedicht: »Ich habe dich im Traum gesehen« für deren ältere Schwester Marie gedichtet, der er gleichfalls huldigte.

Die Gewohnheit, spät aufzustehen, die der bei Nacht arbeitende Dichter sein Leben lang beibehielt, veranlasste Kerner, in meines Vaters Gedichtsammlung von 1836 unter das tief elegische Gedicht »Mein Bette« im selben Versmass die neckische Strophe zu schreiben:

Weil du der erste Dichter, der gesungen
Dem Bette hat ein warmes Liebeslied,
So hält zum Dank, wenn längst der Mittag glüht,
Das Bett dich oft noch warm und lieb umschlungen.

Das Exemplar, worin dieser Zusatz steht, erhielt mein Bruder Erwin im Herbste 1874 von Mörike zum Geschenk.

An das Kernerhaus und das gastliche Turmzimmer in Weinsberg, wo er logierte, samt dem dort spukenden mönchischen Poltergeist, der sich ihm als eine grosse Eule entlarvte – was freilich 115 Justinus nicht gelten liess –, pflegte mein Vater, der sonst selten von seiner Jugend sprach, sich immer gern zu erinnern. In einem seiner Taschenbücher steht ein noch ungedrucktes Sonett an Justinus Kerner zu seinem Geburtstag, durch dessen scherzhaften Ton die gleiche verhaltene Wehmut zittert wie durch das den »Heimatjahren« eingefügte Gedicht an die Tochter:

Ein Geist, nicht eben gut, doch auch nicht böse,
Schwebt Nachts wohl an den hellen Fenstern hin,
Wo wohnt die Milde, wo ein frommer Sinn?
Er seufzt und harrt, ob niemand ihn erlöse.

So sass ich jüngst, und machte kein Getöse,
Auf deiner Galerie – wie traulich drin
Beim Kerzenschein! Da fühlt ich, was ich bin:
Ein armer Geist in seiner ganzen Blösse.

Was darf ein solcher dir zu geben glauben?
Du bist gesegnet, bist unnahbar reich.
Sieh nur nicht scheel, als wollt ich dir was rauben.

Kann mein Gebet den hohen Himmel meistern?
Ich weiss es nicht. Sein Friede sei mit euch!
Und ich? Gott helfe allen armen Geistern.

Die treuherzig schlaue, wohlwollende Art des alten Justinus hatte einen mildernden Einfluss auf meines Vaters brausende Jugendkraft, bis später die politischen Strömungen und Gegenströmungen, in denen Justinus eine schwankende Haltung zeigte, auch in dieses Freundschaftsverhältnis zerreissend eingriffen.

Den liebenswürdigen fürstlichen Dichter, der zwar nicht der poetische, aber der 116 gesellschaftliche Mittelpunkt des Kreises war, kenne ich mehr aus den Schilderungen meiner Mutter, mit deren Familie er gleichfalls verkehrte. Er gehörte zu jenen Dichtern, bei welchen der persönliche Zauber für die Zeitgenossen eine mangelhafte Kunst ergänzt. Seine »Lieder des Sturms«, einst hoch gefeiert, sind heute fast verschollen, während das Andenken an die Schönheit und gewinnende Persönlichkeit des Verfassers noch in der Überlieferung fortlebt. Vor langen Jahren wurde mir einmal auf dem Schlösschen Lichtenstein sein Porträt gezeigt, dessen brünette, melancholische Schönheit mir in der Erinnerung haftet. Graf Alexander kam häufig von seinem Seerach in das nahe Oberesslingen zu meinem Grossvater, dem alten Freiherrn von Brunnow, geritten, mit dem ihn eine gemeinsame Liebhaberei eigentümlicher Art verband. Sie waren beide geschickte Drechsler und pflegten sich mit Stolz gegenseitig ihre Arbeiten vorzuweisen. Der Graf brachte wohl auch die seinigen mit und schenkte sie meiner Mutter, die damals im Backfischalter stand und den schönen fürstlichen Dichter schwärmerisch verehrte. Sie war selig, wenn sie ihren Vater nach Seerach begleiten durfte und dort von dem Grafen, dem die Bewunderung der Fünfzehnjährigen schmeichelte, in Haus und Garten herumgeführt wurde. Seine an die Lenausche Muse sich anlehnenden Dichtungen, die damals vielfach mit dem Vorbild für ebenbürtig gehalten wurden, trug sie immer mit sich. Um jene Zeit ahnte sie 117 noch nicht, dass in demselben Seerach derjenige aus- und einging, dem später ihr ganzes Leben gehören sollte.

In einem von meines Vaters Heftchen finde ich noch ein ungedrucktes Gedicht: »Gebet bei einer Flasche Wein,« das dem Dichter der Sturmlieder gewidmet ist und als Zeuge einer heitern Geselligkeit hier stehen mag:

Von meiner Grotte traulich still umgeben,
Hell angefacht von deines Trankes Gluten,
Ruf ich zu dir – und schäme mich des Guten –
Der du die Seelen schufest und die Reben.

Für die Verstürmten mögen andre beben,
Mir muss das Herz um jene Schiffe bluten,
Die draussen auf den grenzenlosen Fluten
Windstill, vermodernd, Plank' um Planke schweben.

Vor allem bet' ich für den Alexander,
Er ist ein edles Schiff mit starken Masten,
Zwar von dem Sturm in etwas angegriffen.

Ja, geht's nicht anders, schick ihm einen Brander,Brander zuweilen von meinem Vater gebraucht für Rausch.
Der ihn heraussprengt aus dem Wasserkasten.Die Wasserheilanstalt zu Kennenburg, wo der Graf sich damals zur Kur aufhielt.
Barmherz'ger Gott, sei mit den armen Schiffen.

Das Sonett trägt keine Jahreszahl, es dürfte aber, nach den Daten der daneben stehenden Gedichte zu schliessen, aus dem Ende des Jahres 1841 stammen. Im Juli 1844 starb der edle Fürst, der schon längere Zeit gekränkelt hatte, noch keine vollen dreiundvierzig Jahre alt. Am 118 12. September schrieb eine dem Verstorbenen befreundete Dame an Hermann Kurz, der sich eben zur Übersiedlung nach Karlsruhe rüstete: – – –  Sie haben wie ich einen Freund verloren an dem Grafen Alexander. Kurze Zeit vor seinem Tode war ich einen ganzen Tag bei ihm in Seerach, und wir waren in der Erinnerung unsrer frohen Jugendtage vergnügt. Da kamen wir auch auf Sie zu sprechen, ich sagte: der Hermann Kurz ist mir lieber als alle die andern, die so viel und so schön sprechen. – Sie haben auch ganz recht, liebe Ida, antwortete der Graf, er ist auch mehr wert als die alle miteinander; er ist ein ganzer Kerl, ein Mann, an dem etwas ist – es tut mir leid, dass er mich nicht besucht. – Welch schönes Dasein wurde in dem Geschiedenen zerstört! Und während wir seinen Tod beklagen, können wir kaum sein Leben wünschen.

»Alles Gute begleite Sie nach Karlsruhe! Ich hoffe, Sie sind dem Vaterlande nicht verloren.

Ida.«

In einer Nachschrift heisst es: »Sie wissen vielleicht gar nicht, wer die Ida ist, das ist auch nicht einmal nötig. Ein Roman von d'Arlincourt endet mit den Worten qu'il y a des Ida partoutDie Persönlichkeit der liebenswürdigen Schreiberin ist nicht vergessen; es war Frau Ida v. Mittnacht, die Mutter des nachmaligen württembergischen Staatsministers, die nebst den Damen Pappenheim und Sukkow zu dem nahen Freundeskreis des Fürsten gehörte.

119 So lebte sich's unter der schwäbischen Dichtergilde in der geruhsamen vormärzlichen Zeit. Bei dem Mangel eines grossen allgemeinen Hintergrundes nahmen, wie wir gesehen haben, persönliche Scherze, Schnurren, kleine Anzüglichkeiten einen ungebührlichen Raum ein, wie denn das schwäbische Leben von dazumal überhaupt nur ein erweitertes Familienleben war. Das sollte in den nächsten Jahren alles anders werden. 120

 


 

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