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Gutenberg > Isolde Kurz >

Hermann Kurz

Isolde Kurz: Hermann Kurz - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiography
booktitleHermann Kurz
authorIsolde Kurz
year1906
firstpub1906
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleHermann Kurz
pages342
created20160117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das blaue Genie

Aus dem Umstand, dass ihr dreijähriger Hermann, wenn die Mutter ihn Sonntags mit sich zur Kirche nahm, nachher zu Hause auf einen Schemel stieg und im Predigerton Verslein und Gebetlein herunterschnurrte, hatte die Familie auf seine innere Berufung zum geistlichen Amt geschlossen und danach über sein Los bestimmt. Doch wäre vielleicht auch ohne diese Äusserung des kindlichen Nachahmungstriebs und ohne den glühenden Wunsch der weiblichen Familienangehörigen, ihren Liebling dermaleinst als wohlbestallten Pfarrherrn auf der Kanzel zu sehen, der Würfel nicht anders gefallen. Denn die Ausbildung an den theologischen Seminarien war unentgeltlich, ein Vorteil, den zu verschmähen bei der bedrängten Vermögenslage der Familie als ein Frevel gegolten hätte. So wurde der Jüngling unausweichlich diesen Weg gezogen und er betrieb im Tübinger Stift seine theologischen Studien und was damit zusammenhing, pflichtgetreu, wie alles, was er tat, aber ohne innere Befriedigung.

Doch neben der dürren unfruchtbaren Heide seines Brotstudiums tat sich ihm auf der Universität das grüne Wunderland der Poesie weit auf. Durch Uhlands Vorlesungen wurde er in den Urwald der deutschen Mythen eingeführt und er 48 hatte das Glück, an den poetischen Stilübungen teilzunehmen, die der Meister mit den begabtesten seiner Schüler abhielt. Die jungen Leute reichten Gedichte ein, die Uhland anonym vorlas und kritisierte; so machte er sie nicht durch öde Theorie, sondern durch die Analyse ihrer eigenen poetischen Versuche mit den Gesetzen des Schönen vertraut und wirkte aufs lebendigste für die Kultur der Jugend. Wie manche Poetasterei, die das Schöne im Schwulste suchte, wurde durch dieses einschneidende und doch persönlich schonende Verfahren zum Heil für die Nation im Keime erstickt. – Hermann Kurz legte seine Maulbronner Erstlinge und einige spätere Produkte vor; die Uhlandsche Kritik hat er treulich unter die Manuskripte eingetragen und aufbewahrt. Bei einem Liedchen im Volkston warnt der Meister vor Nachahmungen des Volkslieds, »weil sie leicht in einen tändelnden Ton verfallen,« welche Klippe er übrigens selbst in seinen Balladen nicht durchweg vermeiden konnte. An der PilgerfahrtS. Hermann Kurz' sämtliche Werke in zwölf Bände. Herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Hermann Fischer. Band I, Seite 7. rühmt er »die erfreuliche Ausführung gemütlicher, mit lyrischer Sicherheit ausgesprochener Gefühle und Ahnungen«. Die andern von Uhland rezensierten Gedichte, darunter zwei mit besonderem Lob bedachte, das Sonett »An die flüchtigen Polen« und die »Uhr« wurden in die erste bei Hallberger 49 erschienene »Gedichtsammlung aufgenommen, sind aber aus den späteren Gesamtausgaben weggeblieben.

Von Uhland wurde der junge, aber damals schon gefeierte Anfänger auch ausserhalb des Hörsaals herangezogen und ausgezeichnet; im Uhlandschen Hause knüpfte er vielfache literarische Beziehungen an, unter anderen mit Lenau, der auf kurzen Besuch nach Tübingen gekommen war. Als dieser beglückende Verkehr schon im Jahre 1833 durch Uhlands Vertreibung von seinem Lehrstuhl unterbrochen wurde, rief der Schüler dem verehrten Meister ein schmerzbewegtes Sonett nach.S. 39.

Auch zur dramatischen Muse trat die studentische Jugend in Beziehung, denn einer der geistig bedeutendsten unter den Professoren, der originelle Moritz Rapp, hatte in seinem Haus an der Neckarhalde eine Liebhaberbühne eingerichtet, wo klassische Stücke nebst seinen eigenen aufgeführt wurden. Hermann Kurz war unter den Mitspielern; er erinnerte sich noch in späteren Jahren mit Belustigung, wie er einst als Montgomery in der Hitze des Kampfes sich nicht entschliessen konnte, von den Händen der Jungfrau zu fallen, sondern den schwächeren Kommilitonen, der diese Rolle spielte, grimmig fechtend zur Bühne hinausdrängte.

Zu jener Zeit ging in Tübingen noch die Poesie 50 lebendig in der rührenden Gestalt des irrsinnigen Hölderlin um, den eine Studentengeneration der andern pietätvoll ans Herz legte. Auch Hermann Kurz besuchte ihn zuweilen in seinem Erkertürmchen am Neckar, das noch in meinen Tagen als ein Wahrzeichen der Stadt mit Stolz und Liebe betrachtet wurde, bis es in einer kalten Winternacht, die ich nie vergesse, durch Brandstiftung in Rauch und Asche sank. – Hölderlin soll bei solchen Besuchen still und freundlich gewesen sein wie ein Kind; doch konnte er auch unangenehm werden, wenn einer nicht das Glück hatte, den rechten Ton zu treffen. Er war die Höflichkeit selbst und überschüttete seine Besucher mit den erstaunlichsten Titulaturen; er selber wollte mit »Majestät« angeredet sein, doch gab er sich auch mit dem Titel »Herr Bibliothekar« zufrieden, denn die Hoffnung auf einen Bibliothekarsposten war noch, kurz bevor sein Leiden unheilbar wurde, als letzter Lichtblick in sein zerrüttetes Dasein gefallen, und dieser Lichtblick folgte ihm in die geistige Nacht hinüber. Die kleinen Züge, die mein Vater von jenen Besuchen erzählte, hab' ich leider vergessen. Dass der Unglückliche seinen Namen nicht mehr kennen wollte und sich auf den Blättchen, die er den Besuchern auf ihre Bitten vollschrieb, Sgartanelli unterzeichnete, ist bekannt. Durch die innere Verfinsterung warf der Genius jene überirdischen Strahlen, die weite, geheimnisvolle Gebiete so wundersam erleuchten; Gedichte voll 51 stammelnden Tiefsinns, oft noch ergreifender als was er in gesunden Tagen gedichtet hat, flossen aus seiner Feder. Mein Vater besass verschiedene dieser Blättchen, hat sie aber im Lauf der Jahre alle an Freunde verteilt. – Als er im Juni 1843 die Nachricht vom Tode Hölderlins erhielt, schrieb er einem jüngeren Kunstgenossen: »Es ist mir nicht, als ob einer gestorben wäre, sondern als ob ein Geist aufgehört hätte zu wandeln.«

Abgesehen von seinem literarischen Umgang fand der junge Mann in Tübingen keine Geselligkeit ausserhalb der studentischen Kreise. Das alte Städtchen mit seinem seltenen landschaftlichen und baulichen Reiz lag abseits vom Verkehr und befand sich in sehr zurückgebliebenem Zustand. War doch noch zu meiner Zeit, mehr als ein Menschenalter später, die Pflasterung so ungenügend, dass bei Regenwetter sich breite gelbe Schlammströme die steilen Gassen herabwälzten. Von den Säulen des Museumssaals pflegte ein witziger Spötter zu sagen, dass sie »auf Stiftlershöhe« schwarz seien. Alle Lebensverhältnisse waren kleinlich und bäurisch, der Ton plump, selbst in vielen Professorenfamilien hielt man nichts auf gesellschaftlichen Schliff; die Frauen als soziales Element fehlten ganz. Der Student war die Hauptperson, er herrschte fast schrankenlos, sah weltentief auf den »Philister« herab und genoss auf seine Weise das Leben. Aber Weltkenntnis konnte er keine gewinnen, er 52 konnte keine weitreichenden Verbindungen anknüpfen, sich von dort keinen Weg in ein grösseres Leben hinausbahnen. Deshalb fiel nach durchschwärmten Universitätsjahren das Tor des Paradieses hinter ihm zu, und er wurde selber »Philister«. Doch auch an dieser kurzen Burschenherrlichkeit hatte der »Stiftler« nur einen sehr beschränkten Anteil, weil er durch die Regeln des Stifts an einen bestimmten Tagesplan gebunden war.

In den Anfang der Universitätsjahre fällt der erste, aber noch anonyme Schritt, den Hermann Kurz in die Öffentlichkeit tat. Er hatte als ein begeisterter Verehrer der englischen Poesie schon in der Maulbronner Zeit, als er eben erst mit einigen Kameraden durch Nebenstudium des Englischen etwas mächtig geworden war, unter Mitwirkung seines Stubengenossen Eduard Zeller und des schon genannten Edmund Bilhuber eine Anzahl Gedichte von Byron, Moore und anderen übersetzt und die Auswahl in Tübingen noch ergänzt; ein gutmütiger Reutlinger Vetter, der Druckereibesitzer war, fand sich willig, das Bändchen unter dem Titel: »Ausgewählte englische Poesien in teutschen Übertragungen« in Verlag zu nehmen. Der Misserfolg des ganz unreifen Werkchens, das in seinem löschpapiernen Gewand auch nicht einmal die Augen bestechen konnte, hat der Dichter in seinen »Jugenderinnerungen« humoristisch dargestellt; aus der ersten Abrechnung des Verlegers stammt 53 das geflügelte Wort: »So stehet es mit den Poesien.« Die launige »Epistel eines Autors an den andern«S. Band I, S. 51. bezieht sich auf dasselbe Malör. Aber das Pech, das diesem Bändchen anhaftete, ging noch weiter als der Dichter erzählt hat. Als er nämlich mit seinem Freund Bilhuber nach Reutlingen ritt, um die Freiexemplare persönlich in Empfang zu nehmen, hatten sie dort so lange zu warten, dass sie auf dem Heimweg die »Philistersgäule« fast immer galoppieren lassen mussten, um die Stunde des Nachtessens im Stift nicht zu versäumen. Da stürzte im »Burgholz«, einer jetzt verschwundenen Waldpartie, als es schon dämmerte, des Dichters Pferd; er konnte zwar wieder aufsteigen, und auch das Stift wurde rechtzeitig erreicht, aber, o Schmerz, nun zeigte sich's, dass ihm beim Sturz die Exemplare unbemerkt entfallen waren, und als nach dem Essen die Unglücksstelle abgesucht wurde, waren sie nicht mehr zu finden. Wohlmeinende Basen suchten das Missgeschick des Reiters durch die Vermutung zu erklären, dass das Pferd wohl an jener Stelle den gespenstischen Schimmelreiter gewittert habe, der damals noch in dortiger Gegend die Wanderer mit dem Kopf in der Hand zu bekomplimentieren liebte. Wie der Dichter bald danach den Verleger für den schlechten Absatz der »Poesien« durch ein neues Volksbuch entschädigte, zu dem er die Vorrede dem Setzer 54 aus dem Stegreif in die Lettern diktierte, ist gleichfalls in den Jugenderinnerungen zu lesen.

Auf diesen Unfall bezieht sich eine Stelle in dem Danksonett, das Hermann Kurz am Schlusse seiner Übersetzung des Rasenden Roland seinen Vor- und Mitarbeitern gewidmet hat, zu welch letzteren in bescheidenem Grad auch jener Bilhuber gehört:

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
    Und dir, mein Haimonsbruder, Kampfgenosse,
Der sich mit mir zu den drei letzten Ritten
Auf den geflügelten Bayard geschwungen,

    Mit dem ich einst als Milchbart schon zu Rosse
Gesessen und manch lustigen Sturz erlitten –
Euch sei mein Danklied hier am Ziel gesungen.

Unter den Lehrern am Stift glänzte vor allen David Friedrich Strauss, dessen »Leben Jesu« noch während Hermann Kurz' Studienjahren erschien. Durch seinen Umgang war der Jüngling vorübergehend in die Philosophie hineingezogen worden, der er sich eine Zeitlang mit grösstem Eifer hingab, um doch in Bälde zu empfinden, dass dies nicht sein eigentliches Lebenselement sei. Der junge Lehrer selbst, der bald zu dem Schüler in freundschaftliche Berührung trat, war unter den ersten, die seinen wahren Beruf erkannten, und Strauss wurde auch späterhin nicht müde, dem Poeten zuzurufen: »Dichten müssen Sie, beileibe nicht spekulieren.«Freilich könnte es nach dem einzigen, der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Zeugnis, das Strauss über meinen Vater ablegte, einem Brief an seinen Freund Rapp (herausgegeben von Zeller) scheinen, als ob er aus einer kühlen überlegenen Höhe auf den Dichter herabgeblickt hätte. Allein dieser ziemlich abfällig gehaltene Brief stammt aus Strauss' letzten verbitterten Jahren, wo er die Welt durch einen Schwarzspiegel ansah und die Erinnerung ihm die Dinge verzeichnete. Sonst hätte er nicht klagen können, die politischen Tendenzen hätten den »Sonnenwirt« verpfuscht, da es doch gerade die Tendenzlosigkeit seiner Kunst war, die den Erfolg des Dichters bei den Massen hinderte. Dagegen fanden sich in meines Vaters Nachlass einige Briefe von Strauss aus seiner besten Zeit, worin er den Leistungen des Dichters die freudigste, unbedingteste Anerkennung entgegenbringt. »Vor Ihren philosophischen und mythologischen Studien«, schreibt er das eine Mal, »habe ich alle Achtung, auch Ihre Über- und Fortsetzung von Tristan und Isolde mit Vergnügen gelesen; Ihr eigentlicher Beruf aber ist, uns zu erzählen, wobei ich Ihnen immer zuhören möchte.« – Und an einer andern Stelle heisst es: »Wie Sie sich durch mythologische Studien angezogen fühlen, ist mir sehr begreiflich, und ich kann mir auch denken, dass dergleichen Zwischenbeschäftigungen auch wieder der Poesie zugute kommen werden. Denn wäre das nicht, wäre vielleicht zu fürchten, dass Sie durch gelehrte Arbeiten von den poetischen abgezogen würden –: dann müsste ich Ihnen unerbittlich das Merckische zurufen: . . ., das können die andern auch! – Das wenigstens kann ich Ihnen sagen, wenn ich imstande wäre wie Sie Lebendiges zu schaffen, so liesse ich die Toten ihre Toten begraben.« Auch die im Text zitierte Stelle ist einem dieser Briefe entnommen. – Zu einem andern 55 jugendlichen Gestirn unter seinen Lehrern, dem damaligen Repetenten Friedrich Theodor Vischer, konnte der junge Student keine Stellung gewinnen: Zwei Menschen von grossen Anlagen, aber 56 grundverschieden in den Instinkten und beide jugendlich unduldsam, mussten der herben Schwabennatur den Zoll zahlen, sich bei nächster Nähe innerlich fremd zu bleiben. Vischer verkannte, wie er mir selbst einmal gestand, in dem jungen Romantiker, der auch im Stift sein sondergängerisches Wesen fortsetzte, den mannhaften, pflichtbewussten Kern; der äusserst sensible Hermann Kurz dagegen fühlte sich durch manche Äusserung des damaligen Vischerschen Wesens befremdet, besonders durch die Brehmiade, deren trauriger und schauriger Gegenstand ihm in den Briefen seiner Mutter menschlich nahegerückt worden war. Erst als reife Männer lernten sie sich gegenseitig hochschätzen, doch ohne die frühen Missverständnisse völlig verwischen zu können. Vischer selbst, dessen grosse Natur sich bei zunehmendem Alter immer ins Edlere und Schönere entfaltete, hat mir einmal viele Jahre nach meines Vaters Tode in der würdigsten Weise das Herz darüber ausgeschüttet und er suchte das Versäumnis, dessen Schuld er vielleicht mit Unrecht sich allein beimass, durch die herzlichste Güte und Teilnahme an der Tochter gutzumachen.

Im Stift nannten sie Hermann Kurz »das blaue Genie« oder kurzweg »den Blauen«, welcher Spitzname bis in seine Mannesjahre an ihm hängen blieb. Er selber erklärt ihn im »Wirtshaus gegenüber« scherzhaft durch eine von blauen Schnupftüchern stets gefärbte Nase, womit er nicht nur sich selbst zu nahe tritt, sondern auch 57 der guten Tante Kenngott, die ihm damals noch die Wäsche besorgte und die in der klassischen Stadt der Färber sich besser auf waschechtes Zeug verstanden haben muss. Der wahre Grund soll des Dichters Vorliebe für bläuliche Röcke gewesen sein, mit denen er gegen das rigorose Schwarz der Stiftstracht verstiess.

Im Tübinger Stift, dem ehemaligen Augustinerkloster, das hoch von der »Neckarhalde« aufs Tal herniederschaut und schon durch sein Äusseres den Zwang seiner mittelalterlichen Einrichtung ausdrückt, hat von je ein besonderer und ein sonderbarer Ton geherrscht. Die äussere Einschränkung und Absperrung von allem Weltwesen bei einem mächtig vollen Schulsack gaben dem schüchternen Mittelschlag der Zöglinge einen Stempel fürs ganze Leben mit, ein unbeholfenes und zugleich selbstgenügsames Wesen, das man eben nur mit dem Worte »stiftlerisch« bezeichnen kann; bei den stark angelegten führten sie zur Überspannung und inneren Revolte. Je grösser der Zwang, desto schrankenloser der Freiheitstrieb, je reizloser die äussere Welt, desto höher der Flug der Phantasie. Auch war ja fast aller geistige Adel des Landes aus dem Stift hervorgegangen, es gab also eine Genietradition, und die Nachstrebenden verehrten die grossen Namen der früheren Promotionen wie die Griechen ihre Heroen. Was nun aber den Ruhm der Anstalt ausmachte, das war zugleich ihr Vorwurf; denn eben jene Genies waren ja zumeist entlaufene 58 oder »hinausgeworfene« Stiftler, und der Kultus, den die Nachfolger mit ihnen trieben, verschärfte noch die Opposition gegen das Stift und seine engherzige Regel. Man erbaute sich an ihren Taten, ahmte sie nach, besang und dramatisierte sie und sah diese Studentenstreiche gewissermassen symbolisch an als den Kampf des Lichts gegen die Finsternis. Das gab natürlich ein hochgespanntes Gefühl der eigenen Persönlichkeit, eine jauchzende Simsonsstimmung, die das Tor der Philisterstadt aus den Angeln heben oder sie und sich unter ihren Trümmern begraben möchte. Hermann Kurz, der feurigste von allen, hat dieses überreizte Geniewesen im »Wirtshaus gegenüber« mit blendenden Farben dargestellt: eine kleine Studentengenossenschaft, die sich im Gefühl ihrer höheren Kultur und ihrer Fähigkeit zum künstlerischen Lebensgenuss vom eigentlichen Studentenleben fernhält, um in geistigen Symposien zu schwelgen. In dieser Novelle hat er seine Person in zwei Hälften gespalten: die eine noch jugendlich gärende, unreife, stellt seinen damaligen Menschen unter dem Cerevisnamen Caeruleus dar, die andere geläuterte und menschlich gereifte einer etwas späteren Zeit hat er in die Hülle seines Freundes und Kommilitonen Rudolf Kausler gekleidet und zur Hauptperson der Erzählung gemacht. Denn der wirkliche Rudolf Kausler war nach allem, was ich von ihm weiss, eine viel stillere und scheuere Natur als dieser gebietende Ruwald, in dem der Verfasser sich selbst so völlig 59 mit dem Freunde verschmolzen hat, dass er ihm nicht nur seine eigenen Gesinnungen und die Art seines Auftretens, sondern auch seine frühen Herzenserfahrungen und sein erstes Liebesgedicht unterschiebt. Doch zeigt die überlegene Rolle, die er ihn hier spielen lässt, wie hoch er den Freund schätzte und welche inneren Kräfte er ihm beimass. – Auch Rudolf Kausler, der Mann mit dem feinen leidenden Schillerkopf, war ein geborener Poet, aber eine jener Naturen, die so tief ins poetische Element versinken, dass sie fast unfähig werden, es zu formen. Er hat später als Nachzügler der Romantiker in einer von der Romantik abgekehrten Zeit ein paar feine stille Novellen geschrieben, die im Lärm des Jungen Deutschlands verhallt sind. Eine edle, ebenso zarte wie feste ureigene Persönlichkeit, die verdient hätte, als Vorbild weithin sichtbar dazustehen und die nichts erreicht hat, als was sie in sich selbst besass. Ihm ist das Lebenslos noch viel karger gefallen als seinem Freunde Hermann Kurz, denn ihm gelang es nicht, sein Wesen in dauernder Gestalt vor die Nachwelt zu bringen, und für seine hohe Kultur hatte das arme Land keine bessere Verwendung als eine Dorfpfarrei, wo er ein einsames, fast schattenhaftes Dasein führte.

Es ist ein Mangel dieser Blätter, dass ich dem Freunde seiner Jugend, der meines Vaters zweites Ich gewesen, nicht durch persönliche Erinnerung besser gerecht werden kann. Ich habe Rudolf Kausler nie mit Augen gesehen, obgleich er 60 meinen Vater um ein Jahr überlebte. So weltflüchtig war der stille Weise geworden, dass er sein Stötten oder Klein-Eislingen nicht mehr verliess, uns zu besuchen. Die vielen Enttäuschungen seines Lebens hatten ihn zum Einsiedler gemacht; besonders gegen Tübingen, wo wir in den letzten zehn Lebensjahren meines Vaters wohnten, hegte er einen unüberwindlichen Groll. Seine Briefe sind aus dem Nachlass meines Vaters verschwunden, so kenne ich ihn eigentlich nur aus denen, die mein Vater an ihn gerichtet hat. Ich weiss, dass Hermann Kurz als Jüngling bei Kauslers Mutter und Schwester einen Ersatz für die eigene frühe verlorene Heimstätte fand; den Tod der ersteren hat er in einem schönen Gedichte besungen, das, so viel ich weiss, nirgends gedruckt ist. An Kauslers Nichte, Marie Kaspert, ist das liebliche Märchen vom »Wald- und Gassenfegerlein« gerichtet. Kausler starb als pensionierter Pfarrer im November 1874 zu Stuttgart; meine Mutter war bei seinem Ende zugegen. Sie erzählte von seiner Sterbenacht, wie, als man nach schwerem Kampfe schon den Frieden des Todes gekommen glaubte und alles sich zurückzog, plötzlich zum Schrecken der Anwesenden aus dem Sterbezimmer noch ein langer, letzter Seufzer ertönte – es war der Epilog eines grossangelegten, in der Enge erdrückten Lebens.

Jetzt aber segelten die Freunde noch mit tausend Masten, und der stürmenden jungen Schar schien die Zukunft zu gehören. 61 Erstaunliche Frühreife, Weite des Horizonts, Fertigkeit und Sicherheit des Geschmacks und Urteils und eine universelle literarische Bildung war die Signatur des ganzen Kreises um Hermann Kurz. Dazu gehörten neben Adalbert Keller, dem gelehrten Germanisten, der Zeitlebens einer von des Dichters Getreusten blieb, noch der reichbegabte Ludwig Seeger und der behäbige Reutlinger Gottlieb Finckh, wegen seines grotesken Äussern der »Ostjäck« genannt; ferner der geistvolle und tiefangelegte Hermann Mögling, Kauslers Intimus, der sich später der Religion in die Arme warf und als Missionar nach Indien ging, wohin ihm der Benjamin des Kreises, der liebenswürdige und allgeliebte Gottfried Weigle, nachfolgte, um dort den Tod zu finden.

Zu diesen tritt noch eine verhüllte Gestalt, vielleicht die anziehendste von allen, der »Gerettete« aus den schönen Gedichten, die diesen Titel führen.S. Band I, Seite 35 ff. Das Wesen dieses Jünglings musste den Dichter tief berührt haben als ein Stück lebendiger Poesie, und sein Tod griff ihm nahe ans Herz. Ich weiss nichts von ihm, als dass er Hermann Günzler hiess und dass er am 13. November 1835 starb; irgendwo äussert der Dichter über ihn, dass er am Übergang vom Märchen ins Leben zugrunde gegangen sei. Eine kurze handschriftliche Aufzeichnung in allemannischer Mundart unter meines Vaters Papieren, die den Initialen nach von diesem Unbekannten herrühren 62 dürfte, lässt auf eine originelle und reizvolle Persönlichkeit schliessen. Ich habe immer bedauert, dass das Gedicht »Der Bedrängte« aus dem Zyklus des »Geretteten«, das diese Gestalt so schön in wenigen unvergesslichen Strichen festhält, aus beiden Gesamtauflagen weggeblieben ist. Es möge deshalb hier stehen an Stelle der nicht mehr aufzufindenden Personalien.

                    Der Bedrängte.

    Die Götter haben
Dem Freunde verlieh'n
Des Gefühles tiefe Gewalt,
Und uns zu laben
Und an sich zu zieh'n
Die reizende Gestalt. –
Und seine Gesellen
Die scharfen und hellen,
Die Seelenrichter,
Haben ihm erregt mit kluger Rede
Des Zwiespalts Wellen
Und innere Fehde
Und getrübt die braunen Augenlichter.
Aber die Wangen steh'n in Jugendblüte,
Und ins Reich des Klanges,
Wo sie verrauschen,
Die Mächte des feindlichen Dranges,
Ist er geflüchtet, mit stillem Gemüte
Selig zu lauschen.
So ist ihm der Kampf gelind,
Und er ist für die Feinde blind:
Er mag nicht kriegen,
Er mag nicht siegen,
Er mag nicht herrschen, er mag nicht dienen,
So steht er mitten unter ihnen,
Ein sinnendes, schmerzlich lächelndes Kind.

63 Dies war der kleine Menschenbund, mit dem der Dichter damals nach seinen eigenen Worten »ein ganzes volles Leben durchgelebt« hat. Rechnet man nun auch noch den Verkehr mit Silcher hinzu, für dessen schöne Volksweisen Hermann Kurz um jene Zeit die Lieder dichtete, die gleich an allen Enden widerhallten, so muss man bekennen, dass die Jugend des Dichters trotz aller Kämpfe und Entbehrungen doch eine unendlich reiche und glückverheissende gewesen ist.

Das Bild der Universitätszeit wird noch vervollkommnet durch das der Vakanzen, die nach gastlich altschwäbischer Sitte meist auf dem Land in verwandten und befreundeten Pfarrhäusern verbracht wurden. Dort verkehrte männliche und weibliche Jugend auf unschuldig vertrautem Fuss, man las und musizierte zusammen und machte gemeinsame Ausflüge, und da die Verwandtschaften sich durchs ganze Land verzweigten, war es nicht schwer, in jedem der hübschen Kinder eine nähere oder fernere Cousine zu entdecken; dem Vetter aber, zudem wenn er hübsch und unterhaltend ist, kann das »Bäschen« ein Küsslein in Ehren nicht abschlagen. So spinnen sich leicht fast gleichzeitig eine Reihe kleiner Verhältnisse an, die halb geschwisterlicher Natur und halb mehr sind und neuen Reiz ins Leben bringen. Zwar in den ersten Universitätsjahren war das Herz des Dichters noch in festen Händen. In der Familie Bilhuber wurde lange und wird vielleicht noch eine zierliche Abschrift der 64 Fritjofsage in der Helvigschen Übersetzung aufbewahrt, die der junge Hermann Kurz für die Schwestern Luise und Pauline anfertigte, »eine Handarbeit so mühsam wie die kunstreichste Stickerei«. Wie ernsthaft der Neunzehnjährige diese Jugendliebe nahm, zeigen zwei Verse, die er in den Osterfeiertagen 1832 in sein Taschenbuch eintrug:

                                  1.

    Verhalten sei des Herzens Klage,
Ich wandre ruhig still von hier.
Wir scheiden freundlich und ich sage
Der Hoffnung Lebewohl und dir.
                                                (20. April Nachts.)

                                  2.

    Süss im Arm der Liebe ruht sich's
Wie an Mutterbrust das Kind.
Noch in einem andern Arme
Lässt sich's schlummern sanft und lind.
O wer solches Glück gekostet,
Kehre nicht dem Leben zu,
Sinke mit gelöschter Fackel
In den Arm der ewgen Ruh.
                                            (22. April Morgens.)

Was ihm das um mehrere Jahre ältere Mädchen so teuer machte, war, dass er in ihr Zug für Zug das Wesen seiner Mutter wiederzufinden glaubte. Als die Freundin nach einigen Jahren gemeinsamen poetischen Schwärmens eine prosaische Verlobung einging, gab ihm diese Erfahrung schwer zu schaffen, obwohl er es ja nicht anders hatte erwarten können, und als sie schon 65 1836 nach kurzer Ehe starb, traf ihn der Verlust zum zweiten Male tief ins Herz. Nur seinem Rudolf Kausler hat er sich darüber ausgesprochen; später nannte er den Namen des Mädchens niemals wieder. In jenen Tagen aber schloss er ein Sonett über die Rose und die Nachtigall mit den Strophen:

    Der Sänger weint: Ob sie mir längst verloren,
So muss ich doch zum zweitenmal ertragen
Den Schmerz, der immer wieder wird geboren.

    Denn immer werden süsse Rosen sterben,
Und ewig werden Nachtigallen klagen,
Dass Schönheit, Huld und Liebe muss verderben.

Unterdessen hielt in der alten Vaterstadt die Dote noch immer das Nest für den Ausgeflogenen warm. Die bei aller Einfachheit grundgescheite Frau war jetzt aus ihrer vormundschaftlichen Rolle in die einer Freundin und Vertrauten übergegangen und fuhr fort in mütterlicher Weise für seine leiblichen Bedürfnisse zu sorgen. Zwar fiel es ihr schwer, sich zu überzeugen, dass der süsse Mandelbrei, einst die Leibspeise des Knaben, die sie jetzt auch dem Jüngling nach heissem Ritte als Leckerbissen vorzusetzen pflegte, nicht mehr denselben Beifall fand; aber im übrigen war sie elastisch genug, den Sprung in die neue Zeit resolut mitzumachen und sich aus der altväterischen Frau Dote in die moderne Tante zu verwandeln. Von ihren Briefen, die der Neffe an jedem Botentag empfing und wie Liebesbriefe hütete, hat er jeden Zettel aufbewahrt. Diese kleinen, 66 pergamentartigen Papierwische bleiben jedem, der sie einmal in der Hand gehalten hat, unvergesslich. Sie sehen aus wie Keilschrift und haben in ihrer lapidaren Kürze, in der Direktheit des Ausdrucks, die vor nichts zurückschreckt, und in ihrer ganzen erhabenen Einfalt etwas geradezu Monumentales. Da ihr unzerreissliches Papier sie vor dem Untergang schützt, werden sie vielleicht einmal einem künftigen Sprachforscher als Fundgrube für jenes »Alt- und Urdeutsch einer altschwäbischen noch halb gotisch redenden Stadt«S. das Witwenstüblein. dienen, wenn er nämlich diese Gehörshieroglyphen, wie der Dichter sie nennt, weil die alte Frau nur dem Laute nach schrieb, entziffern kann. Unterdessen werden sie als kostbare Familienreliquie gehütet. Meist handeln sie zwar von den einfachsten, alltäglichsten Dingen, aber die tiefe Liebesmacht, die darin waltet, gibt ihnen einen unvergänglichen Zauber. Die alte Frau berichtet vom ausstehenden Gelde, das sie für den Neffen zusammentreibt: »Das Geld ist von 3 Personen bis wir es zu Samen gebracht haben« – von seiner Wäsche, die sie ihm besorgt und flickt: »Sick die schwarze Henter.«Schick die schmutzigen Hemden. Dazwischen gibt sie Familiennachrichten, etwa wie folgt: »Leider ist der Gotthold wieder gestorben, die Eltern tauren mich sehr, es ist arg alle jahr eim Kind die Augen zu trücken, der liebe Gott wolle sie stärken, sie tauren mich Sehr.« Oder: »Demmlers Kinder sind in einer Stund 67 gestorben, er thut ärgerjammert mehr. als sie. Jakobs Frau hab ich glaubt, die Sterb an Halsweh, die ist recht übel dran gewesen.« – Sie ängstet sich für ihres Lieblings Leben, wenn er ausreitet, und wenn er des Nachts einen finstern Wald passiert, so fühlt sie es aus der Ferne. »Die Waldangst,« schreibt sie einmal, »habe ich gehabt wen ich es gleich nicht gewusst hab.« Ein andermal: »Gottlob das du so glücklich durch den Wald gekommen bist, wissen hate ich es nicht dörfen, ich währe vergannen vor Elind. Der JohannesJohannes Kurtz, ein Bruderssohn meines Vaters, späterer Erzieher von Schillers Enkeln. ist sehr vergnüt kommen wie es so gut gegannen sey aber es ist keine halbe Stund an gestanden ist ein StuntenStudent. zu der AnamreiAnnamarei,die alte Magd. Siehe Jugenderinnerungen S. 97. unter das Haus gekommen hat nach dir gefragt, du seyst wider zurück gekonnen der Neckar sey aus geloffen da geinging. das Kreutz an. ach das vor meine Ohren keine traurige Botschaft kommen.«

Und wieder in wachsender Angst um den geliebten Wildfang:

»lieber Hermann H. VeterOffenbar der Verleger der »Poesien«. hat mir 2 Gedicht geben ich soll es dir Sicken. u. gesagt du werstet wie rumwerdest wiederum. Von Pferd gestürt Sey. ich soll dir 68 doch es Schreiben das du dein edles Leben nicht auf einer so elend merMähre. einbüsest, von den hast du mir nichts gesagt, u. doch hab ich so eine Angst gehabt bis ich einen Brief bekonnen hab das du noch lebest, ich bite dich Reit nicht nach Ehingen, was thust du so ein par Stund bey inihnen. kon lieber Freitag Morgen zu mir da kan man auch ein Wort mit einander reden wen man allein ist, deine wasch u. alles was du wilst will ich an Freitag Sicken, wen du gleich hier bist. Du kast sie helfen packen – – – ich bite dich um alles willen, Mach mir doch keine angst mehr wegen Reiten, lauf, lauf,Schwäbisch für »Geh zu Fusse.« aber aber kon nicht so Spat, Sonst mus ich vor Angst Sterben, wirklichSchwäbisch für gegenwärtig. bin ich Gottlob recht gesund u. mag brot essen, konn ummerherüber. da wirst du es Sehen. Deine Dich liebete tante Pfar. Kenngott.«

Das letztere ist ihr gewöhnlicher Schluss, manchmal unterschreibt sie sich auch schlechtweg »Deine tante bis in tod«.

Doch nicht allein des Neffen leibliches Wohl ist ihre Sorge, sie ahnt und fühlt auch seine Seelenkämpfe mit, als er mehr und mehr mit dem theologischen Studium in Zwiespalt gerät. Und gerade ihre tiefe echte Frömmigkeit macht sie gegen den Zweifelnden nachsichtig, da sie die 69 Redlichkeit seines Herzens kennt und ja in allem, was geschieht, Gottes Finger sieht. »Was du nicht fasen kanst,« schreibt sie einmal, »das denke Gott wolle dirs for jetz nicht auferlegen.« Seine innere Unruhe macht auch ihr schlaflose Nächte; als er in einer Saulsstimmung dem jüngeren Bruder, der ihn darum angeht, seine geliebte Flöte weggibt, die schon in den Wäldern Maulbronns seine treue Begleiterin war, damit nun auch kein Wohlklang den verstörten Sinn mehr beschwichtige, da fühlt sie den Riss in seinem Wesen schmerzlich mit.

Wenn aber die Nachricht kommt, dass er sich befriedigter fühlt, jubiliert sie: – – »Das du auch grose Männer lieb bist weil du mir so lieb bist, so was macht mich so Reich, u so ein inner Fried, u so ein heisser Dank gegen Gott in mir.«

Ich kann es mir nicht versagen, noch eines dieser Blättchen, der kritzligen Handschrift nach eines der letzten, in seinem Wortlaut wiederzugeben. Der Empfänger, der damals auf eigene Hand das Englische trieb, hat auf die Rückseite geschrieben: »Behold what a true and lovely letter!« Die arme Frau schreibt in ihrer unzusammenhängenden Satzbildung: lieber Herman. ich danke dir auch Vor das Buch, wo du den l. Ernst gesick hast, es hat rechte gute Gedanken die uns zur Wirklichen Zeit wo nichts als Pest u. Kriesgeschrey ist, derfen wir unsere Herzen von der Welt los reisen u zum Himmel 70 erheben, erDer Krieg nämlich. ist wol noch weit fon uns entfernt, aber wir Sind auch nicht besser als andere, in Gottes nahmen der Herr thue was ihn wol gefalt, ich freu mich das du bald zu uns konnst, es gibt bald gute trauben, der liebe Gott erhalte dich gesund, lebwohl Deine tante Pfar. Kenngott.

In ihren letzten Tagen, da der Husten, »der bös Kerl,« über den sie oft in den Briefen klagte, immer mehr überhand nahm, ritt der Neffe beinahe täglich nach dem nahen Reutlingen zu ihr hinüber und »sah mit verzweifelnder Gewissheit, wie das teure Leben nach und nach erlosch«. »Sie aber war heiter,« erzählt er im »Witwenstübchen«, »das Meer des Irdischen rauschte tief und unvernehmlich unter ihr, alle Sorgen um ihr Schmerzenskind hatte sie dem niederen Dunstkreis, dem sie sich schon zu entheben begann, zurückgelassen. Nur wenn sie mich ungebärdig sah, versprach sie mir, wieder gesund zu werden. So schieden wir an einem Augustabend unter tröstlichen Gesprächen, und noch einmal sass die Hoffnung mit mir zu Pferde, aber am andern Morgen hinkte mir die Todesbotschaft nach.«Sie starb am 9. August 1834.

Ihr letztes Brieflein, offenbar am Vorabend des Todes hingekritzelt, ist nur noch ein wirres Stammeln über Dinge, die ihren Liebling betreffen, und schliesst: »ietz will ich meine Hoffnung auf Gott Setzen, u der wird mich nicht verlassen.« Darunter steht von der Hand des jüngeren Neffen: »O Gott! hab Mitleid!«

71 Das Gedicht an ihren Tod, von Heyse in der späteren, gereifteren Form in die Vorrede versetzt, ist von dem neuen Herausgeber wieder in die Sammlung der Gedichte, und zwar in seiner ursprünglichen, noch unvollkommeneren Gestalt aufgenommen worden.

Mit dem Hingang dieser prächtigen Frau riss das stärkste Band, das den Eigenwilligen mit dem ordnungsmässigen Lebensgang, den die Seinigen ihm zugedacht hatten, verknüpfte. Seit er niemand mehr hatte, der ihn vor dem »bordierten Hütlein« warnte, und nicht mehr fürchten musste, ein liebendes Herz zu betrüben, verfeindete er sich immer mehr mit der Anstalt, der er angehörte und die auch ihre Ehre wollte. Ein Bändchen satirischer Epigramme, das er unter dem Titel »Fausts Mantelfahrt« drucken liess, soll im Stift sehr böses Blut gemacht haben; eine mehrtägige Reise, die er ohne Urlaub im Interesse eines andern unternahm, und deren Anlass er aus Ritterlichkeit nicht bekennen wollte, wurde endlich der äussere Grund seiner Entlassung.So erzählte mir Herr Prof. H. Fischer auf Grund genauer Nachforschungen; in der Familie war nichts davon bekannt.

Jetzt war er frei, aber die Freiheit kostete ihn den Rest seines kleinen väterlichen Erbteils. Denn da er nicht in den Verdacht kommen wollte, als habe er vor dem »lumpigen Examen« Reissaus genommen, musste er die Vollendung seiner Studien aus eigener Tasche bestreiten. Im Herbst 72 1835 bestand er die Prüfung mit Ehren und trat ein paar Wochen später bei seinem Onkel Mohr, einem philosophisch gebildeten und freisinnigen Manne, in Ehningen bei Böblingen als Vikar ein. Aber der Widerspruch zwischen seinem Amt und seiner Überzeugung, der Zwang, dasjenige als Dogma zu predigen, was er nur als symbolische Wahrheit anerkennen konnte, machte ihn tief unglücklich. Nicht als ob damals ein besonders starrer dogmatischer Geist geherrscht hätte. Schon der Umstand, dass so viele der Höchstbegabten die theologische Laufbahn wählten, musste einen freieren Zug in die württembergische Geistlichkeit bringen. Konnte es doch vorkommen, dass der protestantische und der katholische Seelsorger ein und desselben Ortes auf kollegialem Fusse verkehrten, dass sogar gelegentlich der erstere die Funktionen des letzteren versah; ja in einem Fall, den ich kenne, ging die Toleranz so weit, dass ein gebildeter Rabbiner der dritte im Bunde war. Hermann Kurz hätte also ebensogut wie manche seiner Kollegen, die in der gleichen Lage waren, sich mit seinem Gewissen durch die Erwägung abfinden können, dass jedes Bild des Unendlichen nur ein Gleichnis ist, während doch die Menge eine feste Form für ihre religiösen Bedürfnisse braucht. Aber in der Seele des Dichters liegt ein unwiderstehlicher, rücksichtsloser Wahrheitsdrang, und eine produktive Natur muss ihren eigenen Gesetzen gehorchen. Er fühlte sich ja nicht einmal äusserlich am rechten Platze, 73 denn der Landaufenthalt, in dem ein Eduard Mörike, der nur auf die inneren Stimmen lauschen wollte, oder auch der zartgestimmte Rudolf Kausler sich wohl fühlen konnte, wurde ihm auf die Länge zur Qual. Seine feurige epische Muse wäre in der Einöde verkommen, sie verlangte ihre Nahrung aus dem Leben zu saugen, der Dichter selber brauchte die Berührung mit der Welt, wenn er sich nicht selbst verzehren sollte.

Seine innere Stellung zur Religion hat er, bald nach seinem Bruch mit der Theologie, in einem Brief an Rudolf Kausler ausgesprochen. In diesem Schreiben aus dem Jahr 1836 heisst es: – – – »Ich glaube eine Vorsehung und zwar eine individuelle: lieber Gott, wer sorgte denn sonst für uns Genies, blaue und graue (aus dem Lied: meine Mutter hat Gänse). Aber es ist ein Instinkt, denn eine Intelligenz wäre erbärmlich, es ist ein Instinkt, der einen gewissen Knaben vor grossem Unglück bewahrte, der bei hohen Fällen oder Stürzen ›seinen Engel gesandt hat, auf dass sein Fuss an keinen Stein stiesse‹, der ihn einmal vor wilden Pferden durch die Hand eines furchtsamen und wahrhaft feigen Mädchens gerettet hat.Der Vorfall, auf den hier angespielt wird, ereignete sich in Reutlingen während der frühesten Kinderjahre meines Vaters, als er einmal mit andern Knaben auf der Strasse spielte und durch wild daher rasende Pferde in äusserste Lebensgefahr gebracht wurde. Ich glaube, es ist keiner was, der nicht 74 diesen Glauben hat, und dieser Glaube hat mir oft geholfen. So auch jetzt und ich bin's zufrieden, dass ich meinem Gesicht gegenüber eine Wand und keine Gemeinde habe.«

Kürzere Predigten sind wohl selten gehalten worden als die des Vikars Hermann Kurz. Eines Morgens ging er von Hause weg, während der alte Pfarrer sich noch ankleidete, und als dieser fertig war und ihm folgen wollte, fand er den Neffen auf dem Rückweg von der Kirche. – »Hast du deine Aufzeichnungen vergessen?« fragt er bestürzt, »bleib, bleib, ich bringe sie dir gleich.« – »Nein, Onkel,« ist die Antwort, »ich bin schon fertig.«

Vorzugsweise predigte er über die Liebe; wie die Gemeinde erbaut war, weiss ich nicht. Der freundliche alte Vorstand des Predigerinstituts sagte ihm als Kritik über eine seiner sonntäglichen Leistungen: »Recht hübsch – blühend – man könnte sagen edel – fehlt leider nur das spezifische Christentum.«

Als heitere Erinnerung an seine Vikariatszeit pflegte er die Anekdote zu erzählen, wie er einst mit einem andern Vikar eine ausgelassene Wette einging. Jener sollte seine Braut Sophie (schwäbisch im Dimunitiv »Sophiele«) von der Kanzel rufen und begann die Predigt mit den Worten: »So viele, ach so viele sind es, welche« – wogegen Hermann Kurz übernommen hatte, die seinige mit »sondern« zu beginnen, und demgemäss auf der Kanzel anhob: »Sondern wir, 75 meine geliebten Zuhörer, die christliche Religion von allen andern Religionen ab.«

Doch der Galgenhumor half ihm so wenig wie die Sophistik weltklügerer Kollegen über den Zwiespalt hinweg. Mehr als einmal trat die Versuchung, seinem Leben ein Ende zu machen, die ihn schon im Stift in leidenschaftlichen Momenten befallen hatte, an ihn heran. Als er diese Pein einige Wochen mit sich herumgeschleppt hatte, erklärte er eines Tages dem Onkel entschlossen: »Lieber tot sein, als Vikar!« und der Theologie auf immer Valet sagend, wagte er den Sprung ins Unbekannte, indem er zu Anfang des Jahres 1836 nach Stuttgart übersiedelte, um dort als freier Schriftsteller zu leben. 76

 


 

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