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Hermann Kurz

Isolde Kurz: Hermann Kurz - Kapitel 10
Quellenangabe
typebiography
booktitleHermann Kurz
authorIsolde Kurz
year1906
firstpub1906
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleHermann Kurz
pages342
created20160117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schwarz-rot-gold

Alle Aussichten des Dichters auf eine gesicherte Existenz innerhalb der schwarz-roten Grenzpfähle hatten sich nunmehr zerschlagen. Da ward er endlich des Darbens und Harrens satt, und im Herbst 1844 sagte der treueste Sohn des Schwabenlandes seiner stiefmütterlichen Heimat Valet, einem Ruf nach Karlsruhe folgend. Obgleich mit der Redaktion eines tendenzlosen Familienblattes beschäftigt, geriet er dort in die schon hochgehenden Wellen des badischen Liberalismus, dessen Führer Hecker, Mathy, Bassermann ihm persönlich nahetraten. Sein demokratischer Landsmann Ludwig Pfau arbeitete Pult an Pult mit ihm im gleichen Redaktionslokal. Die politisch bewegte, schon mit allen Keimen der Revolution geschwängerte Atmosphäre war der poetischen Stimmung dort nicht günstig. Im gleichen Jahre 1844 erschien noch seine ›Tristan‹-Übersetzung mit der gewaltigen Lyrik des frei hinzugedichteten Schlusses, dann sahen ihn für lange die Musen nur in seltenen Pausen wieder. Ohnehin liessen ihm die Redaktiongeschäfte fast nur für kürzere feuilletonistische Arbeiten Zeit. Eine derselben galt Hebels Vreneli, mit der ihn ein Zufall zusammengeführt hatte, und er war so 121 glücklich, die hochbetagte Frau, die in tiefster Armut lebte, durch seine Feder aus dem Dunkel zu ziehen und in eine bessere Lage zu bringen. In die Karlsruher Zeit fällt auch eine Wallfahrt nach Sesenheim, wo noch ein alter blinder Mann am Leben war, der als Knabe dem jungen Goethe und seiner Geliebten das Frühstück nach Friederikensruh trug. Das Plätzchen selbst war in einen Kartoffelacker verwandelt. Der Führer erinnerte sich deutlich des jungen Goethe, wie er auf Anrufen mit seinem schnellen: »Was is?« herumgefahren sei; die Mädchen dagegen hätten elsässisch gesprochen. Das alte Pfarrhaus war damals schon umgebaut, der Garten aber im ganzen noch derselbe, die Laube noch am alten Orte. Auch der echte alte Jasmin, unter dem Goethe sein Märchen erzählt, blühte noch, von der Laube an die Gartenmauer verpflanzt.

Drei Jahre brachte Hermann Kurz in der badischen Hauptstadt zu. Durch zufällige Abwesenheit entging er dort einem grossen Theaterbrand, der viele Opfer forderte. – Persönlich mochte es ihm in den grösseren, freieren Verhältnissen wohl behagen, allein auf die Länge konnte er sich doch die poetische Ader nicht unterbinden lassen. Und wenn er es eine Zeitlang für unmöglich hielt, aus dieser Atmosphäre jemals wieder, wie er sich ausdrückte, in das »Drucksen und Mucksen, das Ächzen und Krächzen und die fuchsfalsche Gemütlichkeit« seiner engeren Heimat zurückzukehren, so täuschte er sich gründlich, denn seine 122 poetische Mission war an den Heimatboden geknüpft und musste ihn unausweichlich dahin zurückführen. Noch war er ja der Welt sein grösstes Werk schuldig, den »Sonnenwirt«, zu dem ihm schon, während er die »Heimatjahre« schrieb, der Plan aufgestiegen war. Einige Kapitel waren auch schon fertig und sogar gedruckt, und die Vollendung brannte ihm in der Seele. So gab er 1847 die gesicherte Existenz in Karlsruhe wieder auf und kam nach der Heimat, um die Fäden des »Sonnenwirts« weiterzuspinnen.

Aber als die Welle der Februarrevolution auch in Württemberg anrauschte, da geschah etwas Seltsames, aus der Zeitenferne schwer Verständliches: der Dichter überliess seinen tragischen Lieblingssohn bis auf weiteres abermals dem Limbo der Ungeborenen und sprang kopfüber in die Wogen der Politik. Die völlige Umgestaltung einer Welt, in der den Besten kaum die Luft zum Atmen gegönnt war, schien ihm jetzt eine noch nähere und dringendere Aufgabe, als poetische Gebilde ins Leben zu rufen.

* * *

Schwarz-rot-goldne Banner wallen
Nach der alten Stadt am Main.
Wo das Reich in Staub zerfallen,
Soll es neu geboren sein.
                                      Hermann Kurz.

Der Lebensabschnitt, über den ich dieses Motto zu setzen habe, würde eine andre Feder 123 zu seiner Darstellung fordern. Die Schreiberin dieses, die von Kindesbeinen an mit einer Idiosynkrasie gegen das Jahr Achtundvierzig behaftet war, kann die Stimmung jener Tage zwar begreifen, aber nicht nachfühlend wieder hervorbringen; auf ihrer Palette sind nicht die richtigen Farben für dieses Bild. Um den Idealen von Achtundvierzig gerecht zu werden, darf man sie jedenfalls nicht nach den Versteinerungen beurteilen, in denen ich sie kennen lernte. Ich glaube es den Überlebenden gern, wenn sie sagen, wer jene Zeit nicht erlebt habe, könne sie nicht verstehen. Es schien damals, als ob ein neuer Weltenmorgen angebrochen sei, etwas festlich-frühlingshaftes ging durch die Lüfte, alle Zöpfe fielen mit einem Schlag,Dem grossen Rassiermesser fiel auch ein unschuldiges Opfer, das historische t in unsrem Namen, das Hermann Kurz, der sonst so pietätvolle Hüter der Familientraditionen, jetzt als veralteten Schnörkel ausmerzte. es gab auf einmal keine Bureaukratie und keine gesellschaftlichen Vorurteile, keine Schranken des geselligen Verkehrs zwischen den Geschlechtern mehr. Als die Grundrechte verkündigt wurden, da umarmten sich die Menschen auf den Strassen, und auch die korrektesten Staatsbürger hielten eine Rückkehr zum Alten für unmöglich. Dass die bedeutendsten Männer, die edelsten Talente sich alle zumal in den Sturm der Zeit stürzten, das gab der Bewegung erst ihre Weihe. Kein Wunder, dass dieser neue Geist, der auch die zahmsten 124 Gemüter erfasst hatte, den Dichter wie mit Naturgewalt hinriss, der von dem grossen weltgeschichtlichen Hauche die Kulissen des schwäbischen Kleinwesens, das ihn erstickt hatte, einfallen und im Hintergrund ein mächtiges, brüderlich geeintes Alldeutschland aufsteigen sah:

»Wo sich Brüder feindlich grollen,
Gilt dein Wort im Friedenssaal,
Wo die Würfel blutig rollen,
Führt Entscheidung deinen Stahl,
Wo die kecksten Kiele schwanken
In dem fernsten Wogenbraus,
Halten deine Eichenplanken,
Deine Eichenherzen aus.«

Es war im März 1848, dass er diese prophetischen Strophen an das Vaterland sang, ganz als ob er das Deutsche Reich in seinem Siegesglanze und seiner Friedensmacht, die deutsche Flotte mit Welthandel und Kolonialbesitz schon mit Augen geschaut hätte. Wäre es doch bei solcher Dichter- und Prophetenpolitik geblieben! Nun aber wollte es der Dämon seines Lebens, dass er sich von seinem eigenen ritterlichen Gemüt und von drängenden Freunden im Augenblick der Gefahr zur Teilnahme an der praktischen politischen Arbeit treiben liess. Im April 1848 trat er in die Redaktion des oppositionellen Volksblattes »Der Beobachter« ein.

So sehr dieser Entschluss ihm zum Unheil gereichte und auch noch auf das Leben seiner erst später geborenen Kinder verhängnisvoll 125 nachwirkte, muss ich doch den oft erhobenen Vorwurf zurückweisen, als ob der Dichter damit seiner innersten Poetennatur untreu geworden wäre. Mein Vater war kein weltfremdes, rein lyrisches »vas dei« wie sein Freund Mörike, ich habe es schon an andrer Stelle gesagt; er war mit allen seinen Organen dem Leben zugewendet; wie Schiller lagen ihm die sozialen, die politischen, die philosophischen Tendenzen seiner Zeit, unbeschadet der Poesie, im Blute. Wie sollte er der stärksten Lebensbetätigung seiner Nation, jener mächtigen revolutionären Strömung, die allem Zwang, unter dem er mit geschmachtet hatte, ein Ende zu machen verhiess, gleichgültig gegenüberstehen? Dem Zwiespalt zwischen den Rechten seiner reinen, hohen Kunst und dem, was er als Mann seiner Überzeugung schuldig zu sein glaubte, hat er in seiner klangvollen Übersetzung des Victor Hugoschen Gedichtes »Der Dichter im Sturm der Zeit«Band I, S. 48. Worte gegeben. Man hört es diesen mit so unmittelbarem Pathos hervorbrechenden Strophen wohl an, dass dieselben Stimmen, denen er die sonorsten Laute seiner Muttersprache lieh, auch in seiner eigenen Brust geklungen haben müssen. Nur dass er für sich selber den Streit nicht ganz so entschied wie der französische Dichter: ihm war seine Leier doch zu heilig, um sie »als Schwert« zu erheben, er legte sie im Heiligtum der Kunst nieder bis auf bessere Tage und 126 ging als schlichter Kriegsmann in den Kampf der Zeit.

Es war eine gefährdete Stellung, die er übernahm; er übernahm sie nur, weil sie gefährdet war, weil sich nicht leicht ein anderer dafür fand. Als im folgenden Jahr sein Mitredakteur Adolf Weisser nach der Schweiz entfloh, harrte er allein auf dem verlorenen Posten aus mit jener hartnäckigen Grossmut, die er immer übte und die ihm nie gedankt ward. Neben den politischen Leitartikeln, die ihm Verfolgung und Festungshaft zuzogen, neben den Kammerberichten, die seine edelste Zeit aufzehrten, schrieb er die schönwissenschaftlichen Feuilletons und fütterte die gefrässige Tagespresse mit Früchten edelster Kultur und höchster philosophischer Erkenntnisse, die sich gleichwohl mit glücklichem Takte dem Gesichtskreis des gemeinen Mannes anpassen. Diese populären Aufsätze kann man noch heute mit Genuss lesen, ja sie machen jene Jahrgänge des kleinen württembergischen Tageblättchens zu einer Fundgrube gehaltvoller Gedanken und Mitteilungen. Wahrlich, zu kostbare Gaben für den beschränkten Leserkreis, der nur einen geringen Bruchteil Gebildeter zählte. Aber gerade hier war mein Vater in seinem Elemente, der es als höchsten Dichterberuf empfand, der Erwecker und geistige Erzieher seines Volkes zu sein. Lag doch für ihn Deutschlands edelster Ruhm trotz der geahnten Weltmacht immer in seiner geistigen Grösse, in den Opfern, die es – 127 bis zu völliger materieller Entkräftung – für die Freiheit des Gedankens gebracht hatte.

»Lauschend nach des Geistes Sonnen
Sankst du hin zum Sterben wund,
Aber Flut vom Lebensbronnen
Quoll dir aus des Todes Schlund.
Keine Freiheit ohne diese,
Bleiche Weltbefreierin,
Deine kühne Wahrheit giesse
Über alle Völker hin.«

In diesen Strophen aus dem mehrfach zitierten »Vaterlandslied« ist seine Überzeugung von Deutschlands grösster historischer Mission und zugleich des Dichters wahres politisches Programm enthalten.

»Ein adligerer Demokrat, ein vornehmer denkender Freund des gemeinen Mannes, ein mit stolzerer Seele sich den demütigsten Bürgerpflichten opfernder Weltbürger hat niemals an einem Redaktionstisch gesessen und für den Tagesbedarf seiner Parteigenossen sub specie aeterni Sorge getragen.« In diesen Worten Paul Heyses über meinen Vater ist die ganze politische Stellung und Wirksamkeit des Dichters zusammengefasst; es liegt darin auch die geheime Ursache angedeutet, weshalb er innerhalb seiner Partei, der er das ungeheure Opfer brachte, dennoch als Mensch und Dichter unverstanden und einsam blieb, weshalb er niemals die begeisterte Pietät fand, die z. B. seinem Kampfgenossen Ludwig Pfau in so reichem Maasse zuteil ward. Ein 128 adliger Demokrat, das war's, was ihn von der Mehrzahl der Parteimitglieder heimlich trennte: bei aller Treue und Opferwilligkeit witterte man doch in ihm den ästhetischen Aristokraten.

Ein echter Dichter, wie sehr er seiner Natur Gewalt antun möge, kann innerlich nie ein Parteimann sein. Da er gezwungen ist, eine Sache von allen Seiten zu sehen, so kann er das einseitige Parteidogma nicht annehmen und sich nicht ernstlich der Parteidisziplin unterwerfen. Das fühlen ihm die Parteimitglieder an, deshalb wird ihr Vertrauen immer nur ein halbes sein. Wenn er gar als verfeinerter Sohn einer höheren Kultur die Sache der Enterbten zu der seinigen macht, so können die schmerzhaftesten Reibungen nicht ausbleiben, denn die Kluft zwischen ihm und denen, für die er das Schwert gezogen hat, ist unausfüllbar. Zu der schwäbischen Volkspartei gehörte natürlich, wie es in revolutionären Zeiten immer der Fall ist, ein grosser, ja der grösste Teil vom geistigen Adel des Landes; aber die banausischen Elemente waren doch in der Mehrzahl, und mit ihnen musste eine aktive politische Rolle den feingearteten Dichter fort und fort in Konflikt bringen. Und auch unter den Gebildeten waren die künstlerischen Instinkte nicht durchweg so stark entwickelt, um sie ganz erkennen zu lassen, wieviel der Dichter sich's kosten liess, an ihrer Seite zu kämpfen. Nur allein Karl Mayer, selber der Sohn eines Poeten, hat es viele Jahre später, nach dem Tode meines Vaters, in einem würdigen 129 Nachruf, der noch wirksamer gewesen wäre, wenn der gefeierte Volkstribun ihm statt der Verse seine zündende Prosa geliehen hätte, der Partei ins Ohr gerufen, was es für den Dichter heissen wollte, »Eintägiges statt Dauerndem zu schaffen«, und sich mit unwürdigen Gegnern täglich neu herumzuschlagen, statt im Wettkampf mit den höchsten Geistern seiner Zeit zu ringen.

Während das Leben des Dichters diese Wendung nahm, war in demselben kleinen Lande, aber in völlig verschiedener Umgebung, ein andres Schicksal herangereift, das sich dem seinigen aufs innigste verbinden und einen bestimmenden Einfluss auf seinen ganzen ferneren Lebensgang gewinnen sollte. 130

 


 

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