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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VII

Im Garten des »Englischen Kaffeehauses« wurden bereits die Lampen angezündet, als Ifinger endlich kam; die Maler saßen seit mehreren Stunden in einem der äußersten Winkel, am Platz, sie suchten sich durch den stärkeren Luftzug, der hier vorüberstrich, zu erfrischen. Es hatten sich noch ein paar Gäste zu ihnen gesellt, die auch Ifinger kannte: Doktor Schwalbe, ein junger Arzt, der sich als Kunst- und Bierfreund gern mit den »Zigeunern« herumtrieb, und ein Schriftsteller von mittleren Jahren, Übersetzer, Feuilletonist, vor allem Kunstkritiker; Brenzel war sein Name. Während Schwalbe ein harmloses, bärtiges, leise gerötetes, allgemeines Gesicht hatte, das man sogleich wieder vergaß, fiel Brenzel durch eine nicht uninteressante Häßlichkeit auf; ein knochig mageres, erdfahl blasses Antlitz mit hoher, eckiger Stirn, nur noch schwach behaart und vollkommen bartlos; die Nase charakterlos, aber die Lippen schmal, lang, fast bläulich, von scharfen Falten umgeben, über einem fliehenden Kinn. Er sah nicht wohlwollend aus, und für Ifinger war es heute, wie immer, ein unfrohes, beinahe widerwärtiges Gefühl, diese »verpfuschte Maske«, wie er sie nannte, zu sehen. Auch die Augen der Maler hatten ihn nicht gern, Franz Erhart bekam zuweilen sogar Anfälle von nervösem Ekel, wie andre vor gesottenen Krebsen; es war aber ein Zustand stillschweigender Duldung eingetreten, die mit Furcht gemischt war, da Brenzel mit Vorliebe über die bildenden Künste schrieb und jede Woche wenigstens einmal zu »beißen«, und von Zeit zu Zeit zu »vernichten« liebte.

In der Nähe der Maler begann sich der Garten schon zu leeren; vom Musikzelt her erklang aber noch Musik. Brenzel, dadurch nicht beirrt, führte, als Ifinger kam, das Wort; seine Stimme, die herb und scharf war wie sein Gesicht, übertönte alle andern Geräusche und bewies eben, nicht ohne Scharfsinn und Beredsamkeit, daß die Deutschen schon wieder einen Anlauf nähmen, ihr bißchen Kunst durch Wahrheitssimpelei zugrunde zu richten, wie sie vorzeiten schon einmal getan hätten; daß man unsern guten Landsleuten nur immer wieder predigen müsse: Schönheit, Schönheit, Schönheit! – Leo Falk, dessen Augen sachte vor sich hinglühten, nickte stumm dazu; Nämlich und Kircher lächelten siegreich, als kämen nun ihre »schönheitsfreudigen« Schöpfungen zu Ehren; nur Erhart, durch dieses Lächeln gereizt und wohl auch durch sein körperliches Mißbehagen an Brenzel aufgestachelt, schien sich zu einer Gegenrede zu rüsten. Ifinger faßte ihn aber am Ärmel: »Bitte, auf ein Wort!« sagte er leise. Er setzte sich auf einen leeren Stuhl, der neben Erhart an der Tischecke stand, und fuhr flüsternd fort: »Sie sind mir noch eine Aufklärung schuldig. ›Porzelläne‹ sagten Sie vorhin. Warum nennen Sie Kirchers Schwester ›Porzelläne‹?«

»Nun, so sagen wir alle«, erwiderte Erhart leise, während Brenzel weiter redete. »Sie heißt eigentlich Milli, oder noch eigentlicher Emilie; aber da sie, wie mehrere von uns, die Dummheit begangen hat, arm auf die Welt zu kommen, und ihr Bruder den Tizian und Van Dyck ganz umsonst ins Kircherische übersetzt, man kauft sie ihm doch nicht ab –, so steht das Mädel in einem Porzellangeschäft hinter dem Ladentisch und verkauft Kaffeetassen. Darum sagen wir: ›die Porzelläne‹. So ein hübsches Mädel und keinen Mann und kein Geld, es ist eine Schande. Da bringt Ihnen aber der Kellner Ihr Bier. Mir auch eins. Doktor, Ihre Blume!«

Hermann Ifinger trank. Er löschte seinen Durst wie ein Tulpenstengel, ohne es zu wissen. Es hatte sich ihm ein klägliches Gefühl auf die Brust gelegt; »arme Porzelläne!« dachte er, fast mit einem Gewissensdruck, wie wenn er selbst daran schuld wäre, daß Milli Kircher kein Geld hatte. »Nun, was schneiden Sie für ein Gesicht!« sagte Erhart, den der milde Abend und das kühle Bier in die volle Freiheit gesunden Behagens versetzt hatten. »Sehen Sie, Brenzel hört auf zu reden. Kein Unglück dauert ewig. Ich wollte ihm eigentlich widersprechen, weil ich ihn nicht ausstehen kann; aber er hat ja recht ... Was erzählen mir übrigens die andern von dem unnatürlichen Glanz, der sich über Ihre äußere Erscheinung verbreitet hat? Ich hab' Ihnen noch gar nicht zu ›Ihrem hohen Rock, Ihrer edlen Gestalt‹, gratuliert, die der große Schneider Van Hees auf so menschenfreundliche, aber mir gänzlich unbegreifliche Weise hervorgebracht haben soll –«

»Was für einen Rock?«

»Einen Reiserock; die andern haben Sie gestern oder vorgestern darin bewundert. Bitte, schonen Sie ihn, damit ich auch einmal das Glück hab', Sie in so verklärter Gestalt zu sehn; das tut Gott nicht zweimal!«

»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn«, erwiderte Ifinger.

»Ja, ich bin heiter, weiß Gott. Ich ertrage sogar Brenzel ...«

Auf einmal wandte Erhart sich mit dem ganzen Körper dem Verhaßten zu, dessen »garstigen« Anblick er sonst zu vermeiden suchte, und erklärte ihm seine Zustimmung, aber wie mit Brenzels Stimme: er ahmte seine hohen und scharfen Töne, den leise mitklingenden Nasenlaut, gelegentliche gurgelnde Geräusche, den ganzen Vortrag und Tonfall so überraschend vollkommen nach, daß man Brenzel zu hören meinte. Alle lächelten verstohlen, Ifinger war erschrocken; nur Brenzel, der zwar zuerst etwas verwundert aufhorchte, erkannte das Urbild nicht. Er sah den Maler arglos an, er schien anzunehmen, daß dieser einen seiner »verrückten Humore« loslasse, indem er so vernünftige Sachen mit so krächzender Stimme spreche. Eine Handbewegung über den Tisch machend, wie wenn er Erharts Zustimmung als schuldiges Honorar einstriche, setzte er dann mit derselben krächzenden Stimme hinzu: »Nun, natürlich und gewiß hab' ich recht.«

Das übermannte Ifinger, und er lachte auf. Doch schnell wieder gefaßt, blickte er in sein Glas, um den erstaunten Augen Brenzels auszuweichen, setzte an und tat einen langen Zug. Erst als er den Kritiker wieder ruhig reden hörte, legte er seinen Kopf hinter Erharts Schulter und flüsterte ihm zu: »Ich kannte Sie bisher nur als sehr begabten Nachahmer von Vogelstimmen; jetzt merk' ich, daß Sie auch den Menschen gefährlich sind!«

»Finden Sie?« sagte Erhart und sah ihn mutwillig an. Im nächsten Augenblick stand er auf, versank in die nachlässige, etwas vorgeneigte Haltung Ifingers, ließ seine Arme baumeln, rückte an einer gedachten Brille, ganz wie Ifinger, und begann mit der drolligsten Geschwindigkeit zu sprechen. Es war eine Erwiderung auf Brenzels Rede, aus Sinn und Unsinn verwirrend gemischt; sogar spanische und italienische Wörter purzelten in diesen Strudel hinein, in dem sie nach einer Weile von neuem auftauchten; das Ganze aber klang wie von Ifinger gesprochen, rastlos, farblos, reizlos, und von Ifingerschen Bewegungen in übertriebener Eckigkeit begleitet. Man erkannte sofort, wem es galt; es währte nicht lange, so brach man rund um den Tisch in schallendes Gelächter aus. Erhart ließ sich nicht stören, er sprach fließend weiter. Er steigerte sich noch, er ward wirklich zum Ifinger. Nur verschwand aus seiner Rede der Sinn, und der Unsinn siegte. Sich bald nach rechts, bald nach links wendend, als unterbreche man ihn, redete er jeden Einwand nieder, ohne daß ihm einer gemacht ward, widerlegte alle in Grund und Boden hinein, und verlor sich endlich in einem Chaos von ausländischen Worten und Versen, das kein menschlicher Verstand mehr entwirren konnte.

Brenzel hatte ebenso schnell wie die andern begriffen, wer hier nachgeahmt ward; er überließ sich seiner wachsenden Heiterkeit mit kräftigstem Behagen, er lachte so, daß ihm die Tränen über die Backen liefen.

Um so befangener saß Ifinger da; er war stark errötet, er fühlte das, es wurmte ihn. Es wurmte ihn aber auch, daß da ein zweiter Ifinger so entsetzlich ähnlich – er erkannte sich –, so unerfreulich, so lächerlich sprach, daß sie alle lachten, daß auch Brenzel lachte. Wie sich der seinen beginnenden Bauch hält, dachte er gereizt. Wie seine Maske grinst! Mich hat er erkannt; sich nicht ... Also das bin ich; eine so lächerliche Figur spiel' ich in der Welt. Und mit welchem Behagen mich dieser Erhart brandmarkt ... So mir ins Gesicht, als wollt' er mich verhöhnen; so infam begabt; und mit dieser Frechheit ...

Erhart endete, sah mit einem unwiderstehlich echten Ifingerschen Blick umher, hob und senkte den Kopf wie er, nahm dann die gedachte Brille ab und putzte sie bedächtig. Ein neues, herzliches Gelächter ging um den Tisch.

Durch Ifinger zuckte es. Sein Stuhl blieb leer unter ihm zurück, er war im Begriff, sich völlig zu erheben und davonzugehen. Plötzlich erschrak er über sich selbst; eine heiße Röte übergoß ihn. Er sank auf den Stuhl zurück. Indem seine raschen Gedanken durcheinanderblitzten, fuhr ihm durch den Kopf: Pfui, die alte Geschichte! Empfindlich! Schon als Junge ein so empfindlicher Bengel ... Aber wenn da so ein niederträchtiges zweites Ich sich hinstellt ... Was fängt man da an? So ein zweites Ich – das kann man nur hassen – oder lieben. Nu – dann lieber lieben! Wenn er es schlecht meint, dann in Gottes Namen könnt' man ihn ja hassen; aber wenn's ein guter Kerl tut – nur so aus Talent –, dann ihn tapfer lieben! das hilft! – Er kann ja was. Ein ganzer Kerl, dieser Erhart. Gram war ich ihm noch nie ...

Er sah sein »zweites Ich« von der Seite an. Eine gutgebaute, kraftvolle, männliche Gestalt; ein hochgewölbter Kopf (Platz für Gedanken! dachte Ifinger), eine leuchtende, breite Stirn unter dunkelblondem Haar, feurig blaue Augen. Unter dem etwas schwachen Bart feine, geistreich sinnliche Lippen; aber nichts Kleines, Gemeines ... Der Kopf wandte sich jetzt zu Ifinger, als fühlte er sich beobachtet; und diese durch und durch dringenden Maleraugen lächelten gutmütig schalkhaft, da sie auf des Doktors blaßgelbem Gesicht die letzte vergehende Röte bemerkten. »Fühlen Sie sich getroffen?« fragte er mit seiner eigenen, angenehmen Stimme.

»Tödlich«, antwortete Ifinger, der auf einmal behaglich und gelassen lächeln konnte.

»Das tut nichts; ein Mann wie Sie, dem kann nichts geschehn. Einen Hochachtungsschluck, Doktor. Also ich kann es? Wie?«

»Vollendet«, erwiderte Ifinger und nickte ihm zu. Lieben! dachte er dann. Mit dem mach' ich noch Brüderschaft ... Daß der Kerl so viel Humor hat, ist doch nur zum Lieben. Wenn ich eine lächerliche Erscheinung bin, ist das seine Schuld? – Dabei verhungert er lieber, als daß er nach dem Geschmack der Leute malte und nicht nach seinem Ideal. Ein famoser Kerl ...

Wie um den letzten trüben Rest von sich auszustoßen, hob er seinen Arm und schlug dem »zweiten Ich« sanft auf die linke Schulter. »Prost!« sagte er, da ihm gerade nichts andres einfiel. Erhart lächelte ihn an und nickte.

»Er spielt Sie wunderbar, Herr Doktor! zum Wälzen!« rief der vergnügte Brenzel über den Tisch herüber. Ifinger durchzuckte es wieder; aber er hielt es aus. »Die Porzelläne!« hörte er plötzlich eine Stimme sagen; es war Leo Falk, der bis dahin die andern hatte reden lassen. Seine glimmenden Augen gingen nach links, zum Maximiliansplatz. Ifinger, fast erschrocken, schaute eben dorthin. Auf dem Fußweg, der am »Englischen Kaffeehaus« entlang führte, standen zwei junge Frauenzimmer; die eine sah herüber.

»Die Porzelläne!« wiederholte Erhart und sprang auf. Er zog seinen Hut ab und grüßte mit der Hand. »Nun, so kommen Sie doch herein, Milli!« rief er. »Trinken Sie ein Glas!«

Die Angerufene zögerte noch; dann nickte sie der andern einen Abschiedsgruß und trat langsam in den Garten ein. »Guten Abend«, sagte sie, als sie näher kam; »ich wollte eigentlich nicht; wollte meinen Bruder nur abholen, ihm zuwinken. Er hatte wieder so viel Kopfweh und soll beizeiten ins Bett.«

»Gut, das soll er auch«, erwiderte Erhart, der ihr entgegengegangen war und sie an der Hand zum Tisch führte; »aber einen Tropfen werden Sie doch trinken. Nach dem langen Frondienst!«

Also das ist sie, da steht sie, dachte Ifinger. Unwillkürlich zuckte er mit den Schultern, denn er war enttäuscht; nach dem Schürzenbild hatte er sie sich schöner, blendender gedacht. Sie wirkte nicht so »plötzlich« wie dort; die Farben waren schlichter, ihr einfaches braunes Kleid so gewöhnlich, unter dem modernen dunklen Strohhut erschien ihm das feine Gesicht etwas klein, auch etwas blaß. Nur ihre Stimme hatte ihn wunderbar getroffen; sie kam so sanft und weich heran, es wiederholte sich eine rätselhafte Wirkung, die er schon zuweilen, wohl in besonders empfänglichen Stunden, von Menschenstimmen verspürt hatte: ein leiser und süß fröstelnder Schauder rieselte ihm über die Haut. Er hatte sich übrigens schon zweimal gegen sie verneigt; nun erst bemerkte sie ihn.

»Ah ja!« sagte Erhart, »den kennen Sie ja noch nicht. Die andern sind Ihnen bekannt; das ist Doktor Ifinger, zuweilen genannt ›Hermann der Cherusker‹ – weil er Hermann heißt. Für diesen gelehrten Herrn müssen Sie sich interessieren, Milli: denn er hält Sie für grausam schön. Ihr mißlungenes Konterfei, das Falk nicht fertiggestrichen hat, das hat er dem Koller für eine märchenhafte Summe abgekauft und will nun täglich sein Morgengebet davor verrichten. Auf Ehre! – heute nachmittag!«

Das Rosenrot, das Ifinger soeben auf ihren Wangen vermißt hatte, konnte er nun sehen: es stieg langsam und reizend auf und schien auch ihre Lippen voller, blumiger zu färben. Mit einer fast kindlichen, verlegenen Freude blickte sie ihn an und schob die aufgesprungene Oberlippe leise hin und her. »Haben Sie das wirklich gekauft?« fragte sie dann, sich offenbar sehr zusammennehmend. »Ist das wahr?«

»Durchaus wahr und beglaubigt«, antwortete Ifinger. Er hörte mit Verdruß, wie klanglos nach ihrer einschmeichelnden süßen Stimme sein grauer Baß hervorkam.

»Aber mein Gott – warum?«

»Vielleicht aus den von Herrn Erhart angegebenen Gründen«, erwiderte Ifinger, der, weil er so ungern diesen Baß nochmals sprechen hörte, halb verwirrt das erste beste hervorstieß. Ihr schien es aber nicht zu mißfallen; sie lächelten beide, und beide erröteten. Er sah sie dann eine Weile schweigend an und zog unbewußt mit dem Zeigefinger in der Luft den wunderbaren langen Bogen ihrer Braue nach, der sich erst an der Schläfe wie ein Hauch verspielte.

»Jetzt setzen Sie sich und trinken Sie«, sagte Leo Falk zur »Porzelläne«, die noch immer stand. »Wollen Sie meine Blume?« Mit einer fast zarten, ritterlichen Gebärde schob er ihr sein neu gefülltes Glas hinüber; sie nahm es auch, dankte und trank. Wie reizend sie das Seidel küßt, dachte Ifinger. Darauf setzte sie sich, spitzte aber plötzlich ihre sanften Lippen zu einem Schmollen und sagte in einem drolligen Klageton, zu Falk gewendet: »Das ist aber schön von Ihnen! Koller verkauft mein Bild; dem haben Sie's also geschenkt. Mir wollten Sie's nicht geben –«

»Weil es nichts wert war«, warf Leo ein.

»Was soll dann Koller damit?«

»Das fragen Sie?« rief Erhart komisch verwundert aus. »Der hat es –«

Leo ließ ihn aber nicht ausreden. »Holde Porzelläne, nur gut sein!« rief er so laut und kräftig dazwischen, wie man ihn selten hörte. »Dieser verunglückte Farbenscherz ist ja jetzt in den besten Händen; Ihnen mal' ich was Neues, was Gutes, so gut, wie ich's kann. Kommen Sie, wann Sie wollen, für Sie bin ich immer da. Gut soll's werden, wahrhaftig!«

»Das ist ein Wort«, sagte sie wieder vergnügt. »Ich dank' Ihnen. – Ach,« seufzte sie gleich darauf, »ich kann ja nur Sonntags – oder am Abend, beim Gaslicht. Ich bin eine ›europäische Sklavin‹, wie Sie wissen. – Und Ihr neues Bild, der ›Frühling‹? Wird der morgen fertig?«

»Morgen wohl noch nicht. Warum?«

»Weil übermorgen Sonntag ist: da könnt' ich in den Kunstverein gehen und das Bild dort anschauen.«

»Was wollen Sie im Kunstverein?« fragte Leo Falk. »Sie können ja meine Bilder bei mir sehn.«

»Das ist nicht das gleiche«, sagte sie mit einem reizenden, fast geistreichen Lächeln. »Im Kunstverein werd' ich stolz sein auf Sie: da hör' ich, was die andern sagen und sehe, was sie für Gesichter dazu machen. Ich steh' dann so wie verloren da, stell' mich wie ein Trottel, dreh' mich auf dem Absatz, schau' auf die Decke oder auf meine Stiefel – seh' und hör' aber alles. Und dann brüst' ich mich – als wär' ich selber berühmt!«

»Haben Sie mich so gern?« fragte Leo lächelnd.

Sie ward wieder rosenfarb; Ifinger sah es und fühlte einen Stich. »Ich bin halt stolz auf Sie«, antwortete die Porzelläne; »auf den großen Mann – der zwar oft gar nicht lieb ist. So auch jetzt wieder nicht: malt das neue Bild nicht fertig –«

Sie unterbrach sich selbst, da Leo ihre auf den Tisch gelegte Hand in seiner stummen Weise ergriff. Verwundert fragend blickte sie auf die Hände, dann auf sein Gesicht. Indessen er, völlig unbeirrt, ließ seine Finger mehrmals an den ihren entlanggleiten, als gehörten sie niemand, als hätte er sie auf der Straße gefunden; dann lächelte er das Mädchen an. »Morgen früh mal' ich's fertig«, sagte er endlich, mit einem zärtlichen Blick.

»Ihren ›Frühling‹?«

»Ja. Für Sie. Um fünf steh' ich auf; um zehn bin ich fertig. Abends wird's gefirnißt. Am Sonntag sollen Sie's im Kunstverein sehn.«

Die Porzelläne hüpfte beinahe auf ihrem Stuhl, so einen Ruck gab ihr die plötzliche Freude. »Das wollten Sie für mich tun?« fragte sie.

»Nu ja doch.«

»Ohne Ihr Modell?«

»Ich hab's jetzt im Kopf. Was ich will, das weiß ich. – Sonst behauptet ja die Porzelläne, ich bin ›gar nicht lieb‹!«

»Für mich armes Mädel? Ein so großer Künstler?«

»Dummes Zeug; schwefeln Sie doch nicht. Ich will ja erst einer werden. Also abgemacht!«

Er griff noch einmal nach ihrer Hand und strich mit seinen gebräunten Fingern an ihren blühweißen hin. Sie strahlte ihn dankbar an; auf ihrem runden Gesicht lag nun all das Weiche, Schmelzende, Gute, das Ifinger vorhin von ihrem Konterfei abgelesen hatte. Er sah es auch jetzt, aber mit weniger Freude; dieser Glückliche! dachte er. Auf den ist sie stolz. Der nennt sie »Porzelläne«. Er kann für sie malen, und das macht sie selig. Was kann Hermann Ifinger?

Auf einmal stand das Mädchen auf und wischte sich geschwind mit dem Handrücken etwas vom Auge fort. »Mit dieser Freude sollten wir gehn«, sagte sie, etwas nervös heiter. »Komm, Bruder Anton. Komm!«

»Muß das Kind schon zu Bett?« fragte Erhart.

»Ja, es muß zu Bett«, sagte sie. »Diese dummen Kopfschmerzen kommen immer wieder; und sie regen ihn so auf, er wird so verstimmt, so – tragisch. Geh, Anton! Komm!«

»Quälgeist«, erwiderte Kircher, der seinen Stuhl mit dem rechten Arm behaglich und in malerischer Stellung umschlungen hatte. »Es sitzt sich hier so schauderhaft gut. Bis zum ersten Hahnenschrei sollten wir noch warten!«

»Du Meineidiger!« gab sie ihm zurück. »Hast du nicht geschworen?« – Er antwortete nicht, suchte nur zu lächeln, plötzlich saß sie neben ihm auf dem Stuhl, nahm sanft seinen Arm von der Lehne fort und drückte ihre Stirn gegen seinen langbehaarten Kopf.

Es waren erstaunlich unähnliche Geschwister; an ihm alles knochig und kantig, was an ihr fein und rund war; ihr herrliches blondes Haar mischte seine sonnigen Locken mit den dunklen Strähnen des Bruders, wie wenn verschiedene Rassen sich mischten. Mit einem rührend schwesterlichen Ausdruck suchten aber ihre Augen die seinen. Sie flüsterte an seinem Ohr, wohl minutenlang. Sein Gesicht ward immer weicher, widerstandsloser, während sie so zu ihm sprach. Endlich drückte er ihr flüchtig, fast verschämt die Hand und stand langsam auf. Mit einem Lächeln humoristischer Verzweiflung sagte er über den Tisch hinüber: »Der Zuchthäusler muß gehorchen. Wenn man in der Dummheit was geschworen hat und dann von der weiblichen Schlauheit beim Wort genommen wird, das ist furchtbar traurig. Ich geh' also in die Baba. Meine Herren Nichtgeschworenen, gute Nacht!«

Mit seinen Scherzen glückte es ihm nicht recht, sie kamen erzwungen und gemacht heraus; in den dunklen Augen, die unter geröteten Lidern wie unter schweren Deckeln hervorblickten, dämmerte eine mühsam verhehlte Melancholie. Er trank aus und zahlte; die Porzelläne schob ihn sacht vom Tische fort. »Allerseits gute Nacht!« sagte sie mit ihrem weichen, zutraulichen Lächeln. Ihnen dank' ich noch einmal, Leo, von Herzen; – aber Sie halten nicht Wort!«

»Das werden Sie ja sehen«, erwiderte Leo trocken.

Sie schwieg und nahm ihres Bruders Arm. Er war nicht viel größer als sie; ihre schöne, offenbar zur Fülle neigende, aber noch schlanke Gestalt erschien neben ihm bedeutender, als sie war.

»Na, und Sie?« sagte sie, sich plötzlich noch zu Ifinger wendend. »Soll ich Ihnen auch danken?«

»Wofür?« sagte er, fast verlegen.

»Nun – weil Sie das Bild – –«

Sie lächelte und brach ab. Offenbar errötete sie leicht, denn ihre Wangen färbten sich wieder. Als sie im Gehen an Erhart vorbeikam und ihn spitzbübisch leise ihr ins Gesicht lachen sah, gab sie ihm einen Schlag auf die Schulter. Er krümmte sich, als hätte sie ihm grausam weh getan. Durch die Lichtscheine der Laternen und die Schatten der Nacht hindurch entfernten sich die Geschwister, indem die Porzelläne mit Kircher gleiche Schritte machte.

Erhart, nachdem er ihnen eine Weile nachgesehn, stand auf. »Wollen Sie schon gehn?« fragte Ifinger, der wie aus einem Traume erwachte.

»Ja – mir ist heute so. Ich will zu Hause noch lesen, eh' ich schlafen gehe. Warum greifen Sie zu Ihrem Hut? Wollen Sie auch schon mit?«

»Zu dienen«, antwortete Ifinger, der es auf einmal in dieser Gesellschaft nicht mehr aushielt. Brenzel war nach seinem Gefühl noch häßlicher geworden. Die Bäume des Gartens standen ihm zu eng, zu nah. »Ich muß mich noch bewegen!« murmelte er. »Also zahlen, Kellner!« – Die Worte der Porzelläne wiederholend, ohne es zu wollen, setzte er, gleichfalls lächelnd, hinzu: »Allerseits gute Nacht!«

Es ward ihm etwas leichter um die Brust, als er draußen war. Ein gelindes, aber doch erfrischendes Wehen empfing sie; Erhart ging neben ihm her. Am Himmel waren Sterne, aber von schwachem Licht; ein feiner Dunst lag wie eine Lasur auf dem gedämpften Blau. Schwärzlich ragten die Häuser hinein, sie schienen Ifinger alle zu hoch, zu anmaßend, sie hätten auf irgendeine Weise sich entfernen sollen, um die Welt offen und frei und für ihn oder für seine Gefühle Platz zu machen. Er nahm seinen Hut ab und schwenkte ihn langsam in der rechten Hand hin und her. Eine Zeitlang wartete er, ob Erhart nicht anfangen werde, von der Porzelläne zu sprechen; der Maler ging aber schweigend in die Max-Joseph-Straße hinein, auf den Karolinenplatz zu, und begann nur eine unbedeutende Melodie vor sich hin zu summen.

»Ich hatte sie mir nach dem Bild wirksamer vorgestellt«, nahm Ifinger endlich selber das Wort.

»Die Porzelläne?« fragte Erhart, der zu summen aufhörte. »Das begreif' ich, Doktor. Was Leo Falk in die Hand nimmt, das kriegt so ein gewisses Bum-Bum; geben Sie ihm ein Volkslied, er macht ein großes Orchesterstück daraus. Einfach Porträt malen, der Natur einen Menschen aus den Zähnen reißen und auf die Leinwand nageln, das ist seine Sache nicht. Aber sehen Sie, die Porzelläne – in Wirklichkeit ist sie doch viel interessanter, als er sie gemalt hat. Finden Sie das nicht?«

»O ja – doch wohl auch!« erwiderte Ifinger möglichst gleichmütig; es ging ihm aber ein sonderbar wohliges, streichelndes Gefühl über die Brust.

»Dabei ist sie ein guter Kerl. Das kann er nicht malen. Er phantasiert auf seiner Geige wie ein Virtuos, er macht ein verrückt reizendes Märchen aus der Welt, der kleine Kerl hantiert wie ein Zauberer, wie ein Hexenmeister; alle Achtung! Das ist mal einer. Aber daß in so 'nem hübschen Mädel auch ein Mensch, ein Charakter steckt, das kommt nicht an ihn. Haben Sie nicht gesehn, wie die Porzelläne mit dem Bruder ist? Sie hat's schwer mit ihm, das können Sie mir glauben. Er sollte sie ernähren – was? So eine einzige Schwester; ohne Eltern ... Aber das kann er nicht. Sein Talent ist verkrüppelt; weil ihm nichts Eigenes einfällt, schleppt er sich Photographien nach den alten Meistern zusammen, stiehlt ihnen die Motive weg, malt sie ein bißchen um, zwei, drei nebeneinander, in so 'ner verfluchten weichen, seifigen Schmiermanier; dann setzt er sich davor und bildet sich ein, er hat da ein Bild gemacht. Sonst ein guter Kerl; liest viel, denkt, macht Verse, schreibt Aufsätze über das Schöne und die ›große Kunst‹; wenn man ihn so anhört, denkt man: der kann's! Wär' er nicht so dumm, zu malen, so glaubte vielleicht alle Welt, 's ist ein großer Maler; – dann stellt er aber seine Bilder aus, und die Leute sehen: er kann's nicht!«

Ifinger mußte lächeln; er fühlte aber einen schmerzhaften Druck dabei, wegen der Porzelläne. »Nun, und – sie?« fragte er.

»Die Schwester? – Das arme Ding; sie hat viel gelernt, ist nicht dumm, hat so einen gewissen Blick, was gut ist, horcht uns allerlei ab – kurz, sie ahnt ungefähr, wie es mit ihm steht. Seine Bilder bleiben unverkauft, er verbittert sich, hadert mit Gott und der Welt, wird ›tragisch‹, wie sie sagt, legt dem guten Mädel all seinen Grimm und Gram auf die runden Schultern; – seine ›Kopfschmerzen‹, die kommen ja nur von den Weltschmerzen her, und daß er gern zu viel trinkt, um sie zu ersäufen. Da kämpft sie denn nun mit ihm, wie ein Heldenweib, so weich und zart wie sie ist; wickelt ihn in ihre Gutheit ein wie in einen Mantel, nimmt ihm Schwüre ab, tröstet an ihm herum ... Ich sag' Ihnen, die ist nicht schlecht! Die könnte mit ihrem niedlichen Verstand und ihrem feinen Gestell einen Mann tüchtig glücklich machen; aber sie denkt nicht an sich, denkt an keinen Mann, lebt mit diesem tragischen Bruder wie ein Nönnchen, das sich zum Engel ausbildet!«

»Hm!« murmelte Ifinger. Ihm fiel bei diesem zuversichtlichen »denkt an keinen Mann« die gerührte Freude des Mädchens ein, als Leo Falk ihr jenes ritterliche Versprechen gegeben hatte. Etwas unsicher fragte er, auf dem Karolinenplatz stehenbleibend: »Wissen Sie das so gewiß? Sollte nicht ein gewisser Leo Falk – –?«

»Der Porzelläne gefährlich sein? – Ach nein; ich glaub's nicht. Sie schwärmt für ihn, ja – das heißt, für sein Talent; sie ist, sozusagen, eitel auf ihn; – und allerdings, die berühmten Männer, die tun es ihr an, aus reiner Begeisterung könnte sie einmal schwach werden, glaub' ich ... Aber mir scheint, der Falk taugt dazu nicht. Der zupft nur so an den Mädeln herum, um sie malerisch herauszuputzen; schaut sie an und übersetzt sie ins Falksche, weiter will er nichts. Und dann – dieses Mädel – die hat so ein weiches Stimmchen und so süße Lippen, aber auch ihren eigenen Kopf!«

»Hätten Sie etwa selbst –?« fragte Ifinger.

»Nun ja – warum soll ich's nicht sagen – der Porzelläne macht's ja keine Schande, ganz im Gegenteil. Ich vernarr' mich nicht leicht, meine Augen sind sehr empfindlich; mehr als zum Beispiel die Ihren, Doktor. So einem Gelehrten kommt's ja mehr auf die Seele an; was liegt euch Platonikern an einer Stülpnase, oder unküßlichen Lippen; ich bin menschlicher gebildet, Doktor ... Aber also die Porzelläne – die wurde mir plötzlich zu hübsch, so vor einem Jahr, und ich vergaloppierte mich. Damals hatt' ich das Modellieren gekriegt, wenn Sie sich erinnern; es schien mir der größte Spaß, so ein schönes Stück Natur rund herauszukneten; – dem Mädel imponierte das, abends saß sie mir. Indem ich an dem redenden Kopf herumbossele, wird mir nach und nach sonderbar; also kurz, verliebt! – Ans Heiraten denk' ich nicht, überhaupt nicht, dazu fehlt mir alles; mir wuchs aber das Ding über den Kopf, und da sie so lieb, so gut zu mir war – – nu, Sie wissen schon. Da hab' ich dann Respekt gekriegt vor der Porzelläne! Obwohl sie mich auch überschätzt, wie den Leo, und obwohl sie zigeunerisches Blut und einen rührenden Hang hat, aus Bewunderung zärtlich oder großmütig zu werden, gab sie mir doch keinen Finger zuviel; machte mich auch nicht klein, tat nicht groß, führte mich so lieb und zart aus dem Labyrinth wieder heraus – und als ich draußen stand, waren wir wie zuvor gute Kameraden. Und das sind wir noch heut'. ›Ein guter Kamerad‹ – das ist ihre Stärke!«

Sie hatten die Propyläen durchschritten und näherten sich Ifingers Hause; Erhart bemerkte das, blieb stehen, sah einige Augenblicke wie beobachtend umher – nach der Art von Menschen, die hauptsächlich mit den Augen leben – ging dann wieder weiter. »Sie müssen das Mädel näher kennenlernen«, fuhr er langsamer fort; »sonderbar genug, daß Sie sie bisher nie bei uns gesehen hatten. Die Arme ist eben angehängt; den ganzen Tag im Geschäft – abends arbeitet sie meist für sich. Ihr Porzellantempel ist in Ihrer Straße, aber da unten, gegenüber dem Wittelsbacher Platz. Vielleicht kann sie morgen abend mit uns zum Bier gehen; ich schick' Ihnen dann Botschaft. Oder liegt Ihnen nichts daran? Haben Sie an Ihrer gemalten Porzelläne genug?«

»O nein«, sagte Ifinger lächelnd. »Ich möchte dieses merkwürdige Mädchen gern – –«

»Nu, besonders merkwürdig ist sie weiter nicht; aber ein lieber Kerl. Da sind wir vor Ihrem Haus. Gute Nacht. Sie haben aber wunderbar geduldig zugehört, Doktor; so hab' ich Sie noch nie schweigen hören, wie heut'! – – Also, daß ich Sie heute abend gespielt hab', darum keine Feindschaft?«

Ifinger zögerte mit der Antwort einen Augenblick. Er hätte dem Maler gern gestanden, daß er eine Weile empfindlich und klein gewesen; aber so unter dem Sternenhimmel und vor diesen klaren Augen schämte er sich. »Ihnen könnt' ich überhaupt nicht gram sein«, erwiderte er kurz. »Ich schätze Sie auffallend hoch. Ich – – ich liebe Sie.«

»Das ist hübsch von Ihnen. Merkwürdigerweise geht es mir mit Ihnen ungefähr ebenso; Sie sind ein so lächerlich unverdorbener Mensch ... Und so gar nicht weltklug. Kurz, Sie gehören zu den wenigen Menschen, vor denen ich Respekt habe. Also, wenn es Ihnen recht ist, lieben wir uns weiter. Schlafen Sie gesund!«

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