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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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VI

Zwei Frauenzimmer traten langsam und zögernd in das Zimmer; voran eine Alte, der eine Junge folgte, beide kleinbürgerlich einfach, aber sauber gekleidet. Die Alte, eine ungewöhnlich kleine Gestalt, hatte trotz der Hitze ein Tuch über die Schultern geworfen, vermutlich weil sie es für schicklich hielt; das schlichte Haar war hinten in ein Netz gepackt, übrigens fast völlig ergraut. Aus dem großen Kopf mit breitem Kinn und ausdrucksvoller Nase leuchteten lebhafte, jugendliche Augen, die den »Zimmerherrn« sogleich um Entschuldigung zu bitten schienen, daß man so dreist sei, sich hereinzuwagen. Hinter ihr ragte die Junge in stattlicher Größe auf; ein nicht schönes, aber gutes Gesicht mit klugen braunen Augen, die bescheiden ruhig über die Alte hinwegblickten.

»Ich hab' wohl die Ehre, nicht wahr,« fing die Kleine mit vielen achtungsvollen Verbeugungen an, »mit Herrn Doktor Ifinger. Es steht ja auch an der Tür, auf der kleinen Karte, wir haben uns die Freiheit genommen, es zu lesen. Mein Name ist Anna Veit, wenn Sie erlauben; Witwe ... Nu, das ist kein Wunder bei meinen Jahren – vierundsechzig voll.« – Sie deutete auf die Junge zurück: »Meine Bruderstochter, Christel Schellenberg. Kommt jetzt auch aus dem Salzburgschen – wie ich. Euer Gnaden entschuldigen ganz ergebenst, daß wir Sie bemühen!«

Ifinger horchte erstaunt: die Alte sprach ungefähr ebenso hurtig wie er selbst; sie begleitete aber ihre unaufhaltsame Rede mit vielen und ausdrucksvollen Gebärden, was seine Sache nicht war. Nachdem sie ausgesprochen hatte, begann sie ihren kleinen Körper von neuem zu verneigen, so dramatisch lebhaft, daß das große Mädchen hinter ihr heimlich lächeln mußte.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte Ifinger höflich. »›Christel Schellenberg‹, sagten Sie! Ich kenne ein Mädel, das auch –«

»Lina Schellenberg, ja, ja«, fiel ihm die Alte ins Wort. »Von wegen der Lina sind wir ja so frei, Euer Gnaden ... Auch eine Bruderstochter, die zwei sind Cousinen. Und weil die Mutter tot ist, hab' ich zum Vetter gesagt, muß sich die Tante drum annehmen, und so hat der Vetter gesagt: so red' mit dem Doktor Ifinger; von dem schwärmt die Lina, das ist ein feiner, ein lieber Mensch ... Verzeihen Euer Gnaden: ›Mensch‹ hat er gesagt, als wie wenn sie's gesagt hätt'; sonst müßt' ich ja ›Herr‹ sagen. Ja, und so sind wir hier, mit Euer Gnaden gütiger Erlaubnis!«

Sie holte tief Atem, als hätte sie sich das während dieser raschen Rede nicht vergönnt. Mit treuherzigen, vertrauenden Blicken auf ihn verneigte sie sich von neuem.

»Ich verstehe noch nicht ganz, oder so ziemlich gar nicht«, erwiderte Ifinger auf das freundlichste. Jetzt sah er wieder das kluge, schlichte Lächeln der Großen, die einen Schritt näher trat. Mit einer sehr angenehmen Stimme sagte sie: »Der ›Vetter‹, das ist nämlich nur so ein entfernter Verwandter; bei dem wohnt hier die Lina. Er war wohl auch einmal ein bissel was von einem Künstler, jetzt ist er Photograph und zuweilen Modell. Dem hat die Lina erzählt, daß Sie gar so lieb sind –«

Die Alte trat wieder lebhaft vor und ergriff das Wort: »Und das ist nicht gelogen, das sieht man! So schreckbar viel als sie lügt, die Lina, Gott vergeb' ihr's, das ist nicht gelogen; man muß ja Euer Gnaden nur anschauen – so ein liebes Gesicht. Bitte um Vergebung! Und dann, daß Sie kein Maler sind, sondern ein Doktor, oder ein Gelehrter. Darum sind wir so frei ... Ob's nämlich gut ist für die Lina, Euer Gnaden, oder ob der Vetter unrecht hat, und es hohe Zeit ist!«

Hermann Ifinger folgte lächelnd den Armen der kleinen Alten, die, während sie sprach, fast wie Windmühlenflügel auf und nieder gingen. Er deutete nur durch ein leichtes Achselzucken an, daß er wieder nicht ganz verstand; ebenso leicht nickte darauf die Große und sagte über Frau Veit hinweg: »Die Tante meint, ob es für meine kleine Cousine, die Lina, nicht – gefährlich ist, daß sie so Modell steht. Und daß Sie uns das besser sagen werden als die Herren Maler, weil Sie's doch gewiß auch verstehen, aber nicht selber im Spiel sind –«

»Weil Sie halt nicht selber malen, will die Christel sagen!« – Die Alte, indem sie so einfiel, rückte in ihrem Eifer dem Ifinger hart auf den Leib und lächelte ihn herzlich an; als wollte sie Gott dafür danken, daß er kein Maler sei. Dann legte sich ihr Kautschukgesicht wieder in den wichtigsten Ernst zusammen, und sie fuhr hurtig fort: »Der Vetter aber, der sagt, es tut nichts; es haben's viele getan, und es ist kein Unglück. Natürlich nur mit dem Kopf, weiter nicht ... Aber Euer Gnaden, wer weiß das? Und es sind auch nicht alle so wilde Hummeln wie die Lina – von wem hat sie's, von meinem Bruder nicht, Gott hab' ihn selig. Also da stehen wir vor dem Berg wie die Ochsen – nichts für ungut, man sagt halt so – und wenden uns an Euer Gnaden, nehmen uns die Freiheit: hat er recht oder nicht?«

»Die Tante meint den Vetter,« ergänzte wieder die Junge; »und ob's ihr wirklich nicht schaden wird, Modell zu stehen – oder was Sie dazu sagen. ›Nur mit dem Kopf‹ – damit meint sie (das Mädchen ward rot), daß manche ja nur ihren Kopf abmalen lassen, oder auch noch die Hand; – aber so ein dreizehnjähriges Ding – mein Gott! Und dazu die Lina ... Es wird uns sehr schwer, gnädiger Herr, wie kommen wir dazu, mit einem Herrn wie Sie, über so was zu sprechen; aber weil es der Tante keine Ruhe läßt –«

»Und die Mutter ist tot, Gott hab' sie selig«, warf die Alte ein.

»Und weil wir uns anders nicht zu helfen wissen,« fuhr die Junge fort, die schönen samtbraunen Augen schüchtern auf die seinen richtend, »so haben wir uns halt ein Herz gefaßt – und so ein Herr wie Sie weiß ja, wie wir's meinen!«

Ifinger nickte herzlich; zugleich horchte er; denn es schien, als knarre ganz leise eine Tür – offenbar die zum Schlafzimmer. Er wagte nicht hineinzublicken, ob sie sich bewege, da er fürchtete, die beiden Frauen darauf aufmerksam zu machen. Was soll ich übrigens sagen? dachte er verlegen. Für die kleine Lina ist's vielleicht einerlei: der wäre wohl auch anderswo keine ›Gefahr‹ zu klein, um darin unterzugehn ... So was sagt man aber der Tante nicht; auch nicht der Cousine ...

Sich gegen seinen Schreibtisch lehnend und die Arme kreuzend, entgegnete er nach diesem flüchtigen Bedenken: »Haben Sie, vor allem, Gewalt über Ihre Nichte? Haben Sie zu bestimmen?«

Frau Veit schüttelte tiefbetrübt ihren großen Kopf. »Bin ja nicht der Vormund, Euer Gnaden«, sagte sie niedergeschlagen. »Das ist's ja. Dazu haben sie den Vetter gemacht, den Windbeutel – bloß, weil er ein Mannsbild ist! – – Nichts für ungut, das klingt so despektierlich, hab's nicht so gemeint«, setzte sie rasch hinzu.

»Dann gilt ja, was der Vetter will?«

»Nu ja freilich, freilich. Aber weil ich ihm so zu Leib' gegangen bin, hat der Vetter gesagt: frag' den Doktor Ifinger, soll ein lieber Mensch sein, ein gescheiter Mensch, hören wir, was er sagt!«

»Nun, meine Meinung will ich Ihnen wohl sagen,« antwortete Ifinger; »aber wenn Sie besonders klug daraus werden, liebe Frau, dann will ich Sie bewundern!« – Er hob ein wenig die Stimme, damit auch die Lauscherin im Nebenzimmer seine Meinung höre, und fuhr etwas langsamer fort: »Als Frauenzimmer Modell stehen ist eine Gefahr, gewiß; so gut wie zu See gehen, reiten, fahren, mit Soldaten spazierengehen – wenn man Kindsmädchen ist –, Sonntag abends tanzen, Montag morgens träumen. Es kommt aber bei jeder Gefahr auf den Menschen an; hier auf Lina Schellenberg. Die Lina hat, soweit ich sie kenne, mit ihren dreizehn Jahren schon ihr Köpferl für sich. Will sie durchaus ein tugendhafter Mensch werden, dann tun ihr die Maler nichts, so wenig wie die Herren Soldaten, seien Sie getrost. Will sie aber durchaus auf die ›leichte Seiten‹, dann trifft sie's auch ohne Modellsitzen; wie all die andern herzigen Schnecken es getroffen haben, die nicht einmal wissen, was Modellsitzen heißt. Wir wollen aber doch hoffen, Frau Veit, denn schlecht ist das Mädel nicht – wir wollen hoffen, die kluge Lina folgt denen, die ihr gut sind, und setzt ihr Köpferl drauf, daß sie bei der Tugend bleibt; dann sind wir geborgen!«

»Also – da wär' weiter nichts?« fragte die Alte kleinlaut, indem sie wie ein angeschnittener Auflauf in sich zusammensank. »Nur so abwarten, was sie tut? Sie beim Malen lassen?«

»Sie ist aus Ehrgeiz dabei. Ehrgeiz ist immer noch eine gute Sache«, antwortete Ifinger.

Die kleine Frau sah auf den Boden, sah auf ihren Berater; atmete wieder tief, und kam langsam aus sich hervor, das welke Körperchen aufrichtend. »Und da haben Euer Gnaden auch wohl recht,« sagte sie nachdenklich, »dank schön, Euer Gnaden; – wenn man Ehrgeiz hat, ja, dann geht's. Ich war ja auch einmal jung – müssen nicht lachen, Euer Gnaden, weil ich jetzt so eine alte verhutzelte Urschel bin – und bin nur so aus einer Gefahr in die andre gepurzelt; wirklich komisch war's; damals gar nicht komisch, o mein; nur wenn man jetzt davon spricht. Aber ich hab' den Ehrgeiz gehabt – recht haben Euer Gnaden –, der hat mir geholfen! – – Auch die Christel da – nichts zu sagen – ein sehr braves Mädel –«

»Jetzt hör' endlich einmal auf!« fiel ihr die Christel ins Wort, mit ihrem Ellbogen, aber nicht unzart, gegen die Schulter der Alten stoßend.

»Nu, was wahr ist, darf man doch sagen. Euer Gnaden verzeihen in Güte, daß wir so belästigt haben – – ich soll nichts mehr sagen, schon gut, sag' auch gar nichts mehr; ganz wie Sie befehlen. Ergebenste Dienerin; wenn Sie einmal ins Salzburgsche kommen und uns beehren wollten – eine große Ehre –, in Hallein, oben bei der Hauptkirche, am Friedhof, Euer Gnaden; neben dem Herrn Dechanten. Sie werden aber wohl nicht kommen; können's auch nicht verlangen, o mein; ich wollt' nur nicht unterlassen, meinen Wohnort respektvoll zu vermelden. Also nichts für ungut, und leben Euer Gnaden recht wohl!«

Sie machte ihre allerschönste Verbeugung, und da Ifinger ihr die Hand gab, neigte sie sich so tief, daß es aussah, als wollte sie sie küssen. Die kleine Gestalt bewegte sich dann geschwind und fast jugendlich elastisch hinaus; etwas langsamer folgte die Große, nachdem sie mit auffallender bescheidener Anmut Abschied genommen hatte.

Ifinger hatte sie bis zur Tür begleitet; er stand noch eine Weile und hörte, wie sie in gedämpftem Gespräch die Treppe hinuntergingen. Von rückwärts fühlte er sich jetzt am Rock gezupft. Er wendete sich und sah in das mutwillige Gesicht der Lina, deren Nähe er zuletzt ganz vergessen hatte. Das Mädchen, in diesem Augenblick unter seinem Rotkäppchen überraschend hübsch, lachte leise, ohne ein Wort zu sagen. Sie schien noch zu horchen, plötzlich lief sie ans Fenster; Ifinger ging ihr nach. Auf der Straße erschienen Frau Veit und ihre Nichte; ohne heraufzublicken, entfernten sie sich nach links, gegen die Propyläen. Lina streckte ihnen die Zunge heraus, so lang wie sie konnte.

Bei diesem Anblick fühlte Ifinger doch dasselbe Gelüst, dem vorhin im Atelier Leo Falk nicht widerstanden hatte; es zuckte ihm in der Hand. »Schämen Sie sich nicht?« sagte er grob. »Sie wollen kein Kind mehr sein? Sie sind ein unartiges, und wie mir scheint, auch sehr unverständiges Kind. Die beiden da meinen es Ihnen sehr gut; mehr als Sie's verdienen!«

Das dreiste Geschöpf lächelte nur spöttisch. »Ach,« sagte sie dann mit demselben Gesicht, »ich muß Ihnen ja auch noch danken, daß Sie mir so schön Tugend gepredigt haben; ich hatt' die Tür nur so angelehnt und hab' alles gehört. Gott wie sie alle mich langweilen mit ihren Sorgen um mich und mit der ewigen Tugend. Und ob es auch ›nicht gefährlich ist, daß sie so Modell steht‹; und ›die wilde Hummel‹ – und wie die Christel dann so vom Petersturm herunter sagte: ›aber so ein dreizehnjähriges Ding‹! – Das ›Ding‹ ist gar nicht so dumm, wird sich schon selber durchschlagen; wird die dummen Mannsleut' noch an der Nas' herumführen, und wie. Aber so, wie ich's will! Daß ich vom Leben was hab'! Nicht wie die Philister!«

Die Worte kamen aus ihrem Kindermund zum Lachen altklug hervor; Ifinger erschrak aber fast über den Ausdruck ihres Gesichts, er schien die unheimlich »Lasterhafte« auf dem Frühlingsbild noch zu überbieten. Sie nahm diese Wirkung wahr, und durch ein eitles Lächeln verriet sie, daß sie sich daran weide. »Ich kann nun auch gehn,« sagte sie langsam, die übermütigen Augen immer auf Ifinger geheftet, »die beiden Philister sind fort. Also ich dank' Ihnen schön für die Predigt und alles. Gott, wie sind Sie lieb. Wie die Frau Tant' sagt: ›Man muß ja Euer Gnaden nur anschauen – so ein liebes Gesicht‹. So ein liebes Gesicht!«

Sie lachte kurz und hellauf, nicht laut, und mit einer überraschend dreisten Bewegung schlug sie ihm mit der rechten Hand, wie liebkosend, hinten auf die Rockschöße. Dann lief sie davon, und eh' er sich faßte, war sie schon verschwunden.

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