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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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V

Wunderbar, wie wenig den diese Hitze anficht, dachte Ifinger; eine afrikanische Konstitution. So war er auch in Spanien ... Wie frisch, wie elegant er hinausschwebte. – Wozu ich Hansnarr wohl diesem ›Kunstmäzen‹ meinen Vortrag über das Augenwasser und die Germanen hielt. – – Nun, nichts verachten: dem Nämlich bringt's hundert Mark!

Es klopfte wieder; auf sein »Herein« trat zu seiner Überraschung Lina Schellenberg ein. Sie blieb zuerst schüchtern an der Tür, mit einem komischen Lächeln; auf ihr üppiges, goldiges Lockenhaar hatte das eitle Mädel ein kleines rotes Käppchen gesetzt, das allerdings die Augen mit Gewalt zu ihren leuchtenden Farben, ihrem auffallenden Gesichtchen hinzog. Ein paar lebhaft rote Korallen, die sie sich an die Ohren gehängt hatte, steigerten die Wirkung. Übrigens glühten auch ihre runden Wangen, und offenbar nicht nur von Sommerwärme. Als ihr erzwungenes, närrisches Lächeln schwand, blieb eine Erregung übrig, die auch der kurzsichtige Ifinger bemerkte.

»Sie entschuldigen wohl, Herr Doktor«, sagte das Mädchen, indem sie die Erwachsene und Gebildete zu spielen suchte. »Ich bin so frei ... Ich steh' schon 'ne Weile draußen auf dem Vorplatz; hab' hier sprechen gehört, und hab' gewartet, bis der andre fortgeht. Sie entschuldigen!«

»Mit was kann ich Ihnen dienen, mein Fräulein?« nahm Ifinger gutmütig scherzend das Wort. »Kommen Sie zur Sache!«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Lina; »Sie sind immer höflich zu mir. Sie ganz allein. Von den Malern keiner. Darum hab' ich mir auch die Freiheit genommen ... Denn zu Haus sitzen, das konnt' ich nicht. Ich bin zu wütend, Herr Doktor. Ich bin in einer Wut ... Oh, wie ich ihn hasse. Ich hasse ihn! Ich hass' ihn!«

»Wen, Sie kleine Medea?«

»Wen? Ihn. Mit der Ohrfeige. Was bildet er sich ein? Wie konnt' er sich das herausnehmen? Ist das eine Manier? Was hatt' ich ihm denn getan? Das ist eine Gemeinheit – das ist eine Schande – und ich lass' es mir nicht gefallen – und ich bin kein Kind mehr – –«

Sie brach plötzlich in Tränen aus, und ein heftiges, zitterndes Schluchzen schüttelte sie. Bei allem gutherzigen Mitleid tat es Ifinger doch gewissermaßen wohl, daß sie nun schweigend weinte; denn so anziehend das sonderbare Mädchen für die Augen war, so wenig behagte den Ohren ihre schrille und in der Erregung doppelt unholde Stimme. »Wie beim Pfau!« dachte er ... Nachdem er sie eine Weile hatte weinen lassen, sagte er, halb murmelnd: »Ja, ja. Das mußte er nicht tun. So was tut man nicht. Sie hatten ihn aber schwer gereizt, meine gute Lina –«

»Ich hasse ihn! Ich hass' ihn!« brach es wieder heraus; als wäre das die Antwort auf seinen Einwand. Sie trat vor ihn hin, und in ihrer Erregung, ohne es zu wissen, knöpfte sie an ihrer Jacke einen Knopf nach dem andern auf und wieder zu, während sie weitersprach: »Ich bin sein Modell, aber nicht sein Hund! Er behandelt mich immer wie – – Wenn ich auch noch nicht geliebt werde, bin ich doch kein Kind mehr! Ich bin ebenso groß wie er ... Hahaha! So ein kleiner Mann! Und der nimmt seine große, braune, haarige Hand und haut gleich so zu! – Hätt' ich ihm nur die Augen ausgekratzt; dann könnt' er nicht mehr malen. Aber ich war feig. Aber ich werd' mich noch rächen, geben Sie nur acht! Ich tue ihm noch was an!«

»Was denn, zum Beispiel?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Vielleicht ihn einmal heiraten?«

Sie warf auf diese scherzhafte Frage den Kopf herum und ein rascher, wilder Blick fiel auf Ifinger; aber sie antwortete nicht. Sie starrte dann vor sich hin. »Nun, und warum sagen Sie das alles nicht dem Herrn Falk selbst?« fragte er endlich.

»Oh, das wollt' ich wohl; – aber er malt mich ja. Ich will ja doch auf das Bild!«

Auf dem Gesicht der wilden Katze mischte sich die berechnende Klugheit so drollig mit der Wut, daß Ifinger fast laut aufgelacht hätte. Es war aber auch etwas Unheimliches in dieser frühreifen Mischung, diesem eigentümlich lauernden, zurückhaltenden Ausdruck, der die Augäpfel ganz in die Winkel trieb. – »Ah!« sagte er mit etwas unsicherem Humor, »Sie wollen auf das Bild!«

»Ich will ja doch vorwärtskommen«, gab das Mädchen zur Antwort. »Man soll mich doch im Kunstverein auf dem ›Frühling‹ sehn.«

»Sie werden also dem Herrn Falk wieder Modell sitzen, wenn er will –«

»Nu, ich muß ja doch! Sonst nimmt er eine andre. Und ich will doch mit berühmt werden – daß man von mir spricht!«

»Das ist ein Ehrgeiz wie ein andrer, dagegen läßt sich nichts sagen. Aber, Sie komisches Mädel, wenn Sie dem Herrn Falk aus Vernunft und – Weisheit von Ihrem Haß nichts sagen, warum sagen Sie dann das alles mir?«

Sie blickte ihn zutraulich an, stellte sich so nahe, daß sie ihn fast berührte, und nahm nun statt ihrer Jackenknöpfe die Knöpfe seines offenen Sommerrocks in die Hand, einen nach dem andern. »Wem soll ich's denn sonst sagen als Ihnen?« fragte sie zurück. »Ich dachte: du gehst zum Herrn Doktor; – denn das Maul halten konnt' ich nicht. Dann wär' ich erstickt! – Sie nennen mich immer Sie; der Herr Falk nennt mich du; und die andern auch. Der Herr Falk sagt ›Kröte‹ zu mir und ›Krott‹. Und was der Herr Falk sagt, der doch ein Genie ist, das machen die andern ihm nach. Oh, ich möcht' sie alle – – Zum Lieben bin ich ja noch zu jung, aber nicht zum Hassen. Ich mag keinen leiden als Sie; Sie sind immer gut. Aber die andern, die sollen – – die sollen noch an mich denken. Wenn ich nur erst eine ›Dame‹ bin – oh, dann sollen sie sehen!«

»Was wollen Sie ihnen dann antun?« fragte Ifinger.

Sie antwortete nicht; nur ihre unruhigen Finger spielten an ihrer Jacke. Dann atmete sie einmal heftig auf, und ihre grünlich funkelnden Augen warfen einen schrägen Katzenblick unter den Tisch. »Na, dem wollt' ich's wünschen!« murmelte sie und lachte.

»Wem wollten Sie's wünschen, und was?«

»Nu, daß ich ihn heiratete – wie Sie vorhin sagten. Der sollt' sich freuen! Den wollt' ich –«

Sie wußte offenbar noch nicht, was sie wollen sollte, ihrer kindlichen Phantasie fiel nichts Rechtes ein. Plötzlich horchte sie auf, den Kopf wie ein junges Tier auf die Seite werfend. Dann legte sie einen Zeigefinger auf den Mund, öffnete die Lippen, wie um etwas zu sagen, sagte aber nichts, sondern ging auf den Zehen fast unhörbar zur Tür. Als sie dort einige Augenblicke am Schlüsselloch gelauscht hatte, wechselte sie die Farbe, ward blaß und dann rot; kam, so geschwind sie konnte, auf den Zehen zurück und legte ihre warmen Lippen an Ifingers Ohr.

Ist das auch Ihr Zimmer?« flüsterte sie hastig, auf das anstoßende Schlafzimmer deutend.

Ifinger nickte verwundert.

»Die sollen mich nicht sehen«, fuhr sie fort zu flüstern. »Schwören Sie mir, daß Sie mich nicht verraten! Es ist gar nichts Böses. Sie sollen mich nur nicht sehen. Schwören Sie mir das!«

»Ich schwöre nie, dummes Mädel; aber gehen Sie nur ...«

Es ward schon geklopft. Er schwieg noch und winkte ihr, in Gottes Namen ins andre Zimmer zu treten. »Sie verraten mich nicht!« flüsterte sie mit kindlich pfiffigem Lächeln und huschte durch die Seitentür wie ein Vogel hinaus.

Etwas mißvergnügt über die neue Störung rief Ifinger: »Herein!«

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