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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 44
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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VII

Gegen Mittag des folgenden Tages saß Ifinger allein im Laboratorium, an seinem Arbeitstisch; Waldsee war nicht gekommen. Der kleine Hans klopfte an die Tür; Ifinger kannte sein Pochen. Auf das laute »Herein« trat Christel in die Tür, den Buben an der Hand, Gretchen am Kleid. »Entschuldigen Sie die Störung, Herr Doktor,« sagte das Mädchen; »ich muß nur was fragen. Der Herr Erhart kommt doch wieder zu Tisch?«

»Freilich«, antwortete Hermann. »Warum nicht? Alles ist ja gut. Er hat mir gestern nachmittag geschrieben, ich bin dann zu ihm hinaufgegangen. Nun ist's – wie es war. Natürlich kommt er zu Tisch!«

»Ich danke«, sagte Christel, scheinbar bereit, zu gehn. Nach einer halben Wendung stand sie aber still. »Verzeihen Sie, Herr Doktor ... ›Alles ist ja gut‹, sagen Sie doch selbst. Warum sind Sie dann doch noch so ernst? so – finster?«

Hermann sah sie schweigend an. Er zögerte offenbar; dann stand er auf, und mit etwas schwerem, schleppendem Gang kam er bis zu ihr. Nicht weit von ihrem Ohr sagte er tonlos, als wär' es etwas Geschäftliches, aber die Stimme fing unversehens an zu beben: »Warum waren Sie gestern wieder beim Herrn Erhart? – Gestern nachmittag. Ich hab's gesehn!«

Christel erschrak heftig, über die Frage wie über den Ton. Sie ward blaß vor Kränkung. Der kleine Hans schaute verwundert an ihr hinauf, da die Hand, in der sie sein Händchen hielt, sich so zitternd bewegte. Sie bemerkte das. Mit dem Kopf und dem Blick hinabdeutend, sagte sie ebenso tonlos und leise wie Hermann: »Erlauben Sie, Herr Doktor! Vor den Kleinen sollten wir doch lieber nicht von so was reden ... Hänschen wird schon so klug. Ich – – ich sag's Ihnen ein andermal!«

Ohne abzuwarten, ob er noch etwas zu erwidern habe, wandte sie sich vollends und ging mit den Kindern aus der Tür. Ihre Haltung war aufrecht und stolz; über ihre Schultern aber, wie es schien, lief ein leichtes Zittern.

Ifinger sah ihr nach, noch finsterer als vorhin. Er schloß die Augen vor Unmut und Verstimmung; Verstimmung gegen das Mädchen, Unmut gegen sich selbst. Wohin kam er denn, wenn er sich selber nicht mehr in der Hand hatte, wenn er die Ruhe, die Fassung, die Würde, wenn er die allernotwendigste Haltung als Mann und Hausherr verlor? Gestern gegen Erhart, heute gegen sie ... Er lehnte sich gegen die Tür. Vor seiner Seele ward es dunkler als vor seinen Augen: denn durch die geschlossenen Lider kam doch immer noch eine rötliche Dämmerung herein, in seinem Innern war tiefe Nacht. Was half ihm die Versöhnung mit Erhart, und Erharts verbesserte Meinung von der Donna Clara. Das Andre, das Ungestehbare, das Unsinnige blieb; ihm war nicht zu helfen ...

Es klopfte wieder jemand; er beachtete es nicht, oder vernahm's auch nicht. Nun schob ihn etwas ziemlich unsanft von der Tür hinweg. Er öffnete die Augen und sah, sie war aufgemacht. Erhart trat herein; das braunrote Fes auf dem Kopf, das er sonst, wenn er herunterkam, mit dem Hut zu vertauschen pflegte. »Legst du dich denn jetzt selber gegen die Tür, um sie abzusperren?« fragte der Maler heiter, mit der Harmlosigkeit der alten Zeiten. »Das ist ein etwas umständliches Verfahren ... Störe ich dich sehr?«

Hermann schüttelte den Kopf. – »Was gibt's?«

»Ich muß dir durchaus etwas zeigen, Alter: und bei Tisch kann ich's nicht. Darum komm' ich jetzt! – Gestern abend, als du zu mir hinaufstiegst und wir dummen Kerle uns aussprachen, da hatt' ich einen komischen Tick: wollte nichts Drittes zwischen uns haben – oder wollte vielleicht auch ein bissel großtun, als hätt' ich mich ganz allein so zurechtgefunden – – na, item, ich weiß es nicht. Nun hab' ich hier aber einen Brief; den mußt du doch sehn. Das bin ich dir schuldig. Mann, du mußt doch mit deinen eigenen gelehrten Augen sehen und begreifen, was du unter deinem Dach hast ... Also dieser Brief! (Er zog ihn aus der Tasche.) Den hat sie noch gestern abend geschrieben, eh' sie schlafen ging; und durch das kleine Laufmädchen hat sie ihn mir heute morgen geschickt.«

»Wer? Wer?« fragte Ifinger.

»Wer? – Du bist noch naiv, Alter. – Nimm ihn doch und lies!«

Es war ein kleiner, dünner Briefbogen ohne Kuvert, von dem achtlosen Erhart in der Tasche zerfaltet und zerdrückt. Ifinger nahm ihn, strich ihn ein wenig glatt und las. Es war Christels Hand, er erkannte sie:

»Hochverehrter und lieber Herr Erhart! Sie verzeihen gewiß, wenn ich es wage, Ihnen in meiner großen Freude, ehe ich mich niederlege, diese Zeilen zu schreiben; es drängt mich so sehr, Ihnen heute noch zu sagen: tausend herzlichen Dank! Sie waren immer freundlich und gut zu mir, aber noch nie so wie heut': denn in all Ihrem Zorn und Unmut haben Sie mich sanft, geduldig, nachsichtig angehört, auch als ich Ihnen Ihr Unrecht zu beweisen wagte – und dann haben Sie nur genickt, als verstünde sich das alles von selbst, und noch in derselben Minute haben Sie gehandelt als der, der Sie sind, der allerbeste Freund! Sie haben meinen guten Herrn Doktor mit Ihrer Liebe und Freundschaft entwaffnet; und nachdem Sie ihm wehgetan hatten, haben Sie ihm doppelt wohlgetan. Das trifft mich alles mit, das wissen Sie, darum verstehen Sie auch meine Freude, meine Dankbarkeit; wenn ich auch nichts bin, als

in Verehrung und treuer Ergebenheit
die alte Christel.«

Ifinger wandte den Brief wohl ein halbdutzendmal hin und her – »Das hat sie an dich geschrieben?« fragte er, noch ganz aus der Fassung.

»Ich denke doch«, antwortete Erhart. »Oben steht mein Name.«

»Also in dieser Sache – um uns zu versöhnen – kam sie gestern zu dir?«

»Kerl, in welcher denn sonst? – Dein Erstaunen ist komisch, und beinah bedenklich. Auf die Gefahr, dich wieder zu ärgern, muß ich dir doch sagen: du scheinst dieses merkwürdige Geschöpf weniger gut zu kennen als deine Bazillen, die ja auch sehr interessant sein mögen; aber ich glaube, mit ihrer Entwicklung sind sie schneller fertig! Du scheinst noch nicht recht zu begreifen, was für eine Perle – – Was suchst du da in ihrem Brief?«

»Ich?« fragte Hermann zurück. »Ich wundere mich nur ... Eine hübsche Handschrift. Wie die sich entwickelt hat; – du sprachst ja wohl eben von Entwicklung. – Nur macht sie noch immer komische, kleine L's; sie zieht sie nicht ganz herunter ...«

»Ja, die L's sind komisch. – Nun weißt du also, altes Haus, wer unsre männliche Dummheit wieder gutgemacht hat; nun gib mir mein Schriftstück wieder, und dann will ich gehn!«

»Bitte! Halt!« sagte Ifinger, der den Brief noch festhielt. »›Als ich Ihnen Ihr Unrecht zu beweisen wagte‹, schreibt sie. Wie konnte sie denn das? Wie hat sie denn das gemacht?«

»Das erzähl' ich dir ein andermal«, erwiderte Erhart rasch. »Oder auch nicht – was liegt daran – kurz, ich hab's begriffen! – – Will dir nur geschwind noch sagen: es tut mir ganz kannibalisch wohl, daß wir wieder gut sind ... Mein Herz ist etwas eng, weißt du, und nicht sehr zahlreich bewohnt; aber wen es hat, den hat es. An dem vielhalsigen Publikum – Köpfe sind nicht viele da – liegt mir ziemlich wenig; ohne dich kann ich nicht gut leben, Alter. Du hast dem lieben Gott so redlich geholfen, was aus mir zu machen! – Na, den Teufel auch, wir haben dir auch nicht geschadet; daß du so viel mit uns Künstlern lebtest, hat dir doch gut getan. Schau, du bist nicht wie diese eingekapselten Gedankendenker, die sich ihre eigene Welt machen, weil sie die andre nicht sehn! Aber zum Glück auch nicht wie so manche Naturforscher, die vor lauter ›Sehn‹ nicht einen philosophischen Gedanken mitdenken können; die sich die Welt nur noch wie eine große Fabrik vorstellen, in der aus Molekülen zuletzt Geist gemacht wird, wie in der Papierfabrik aus Lumpen Papier! – Du kannst an der Erde herumkriechen, aber du kannst auch fliegen. Wirst mit deinem gräflichen Helfershelfer noch allerlei zustande bringen, worüber man sich wundern wird ... Soll mich freuen, Alter. Gib mir meinen Brief wieder von dieser sonderbaren Pflanze, die so emporgeschossen ist wie ein Eukalyptus. Die gehört auch mit dazu; wird uns noch allerlei ›Entwicklung‹ vorzaubern ... Bis zur Suppe, Addio!«

Er nahm ihm Christels Brief aus der Hand und ging aus dem Zimmer.

»Warum läßt er mir den nicht?« dachte Ifinger. »Was will er denn durchaus mit dem Brief?« – – Ein gewisses argwöhnisches Gefühl stieg wieder in ihm auf; er schämte sich aber, als er es entdeckte. Wie konnte er jetzt etwas andres sein, als zerknirscht, dankbar, glücklich ... Er sah alle Wände an, als wär' ihm hier etwas ganz Besonderes geschehn. Er drehte sich auf dem Absatz herum. Auf einmal schien es ihm ganz notwendig, Christel zu sehn und mit ihr zu sprechen. Er ging die Treppe hinunter, sie und die Kinder zu suchen.

Die Wohnzimmer zu ebener Erde waren aber leer; auch auf der Terrasse, im Garten war kein Mensch zu erblicken. Seine Ungeduld wuchs. Das Wetter war weich und mild; sollte sie die Kleinen auf der Landstraße oder an der Donau spazierenführen? Oder säßen sie in Christels Kammer mit ihr, wie sie es von Zeit zu Zeit, zur Veränderung, liebten? – Die Kammer stieß an das Kinderzimmer; er hatte sie fast noch nie betreten. Jetzt ging er hin, horchte eine Weile an der Tür. Er meinte Geflüster zu hören. Er klopfte. Niemand rief herein. Dennoch zog es ihn; ein unbestimmtes, weiches Verlangen in ihm legte seine Hand auf den Drücker, er öffnete und trat ein.

Die Kammer war wirklich leer. Durch das einzige Fenster sah er zum Bisamberg hinüber und auf die nun kahlen, durchlichteten Wälder diesseits der Donau; dort schien sich eine große Gestalt mit zwei kleinen zu bewegen; sein Blick war aber nicht scharf genug, um sie zu erkennen. Jedenfalls waren sie nicht hier ... Sollte er wieder gehn? Sollte er diesen Raum, der ihm jetzt merkwürdig und fast rührend war, so kaum gesehen verlassen? – Auf dem einfachen, braun gestrichenen Tisch lag ein dickes Schreibheft, in einem Umschlag von blauer Pappe, aus dem ein paar lose Blätter hervorguckten; ein Fläschchen mit flüssigem Leim stand daneben. »Sie wollte offenbar etwas buchbindern,« dachte er; »ward wohl unterbrochen. Was stehen denn da für Verse auf den losen Blättern?« – Er beugte den Kopf hinunter und las:

»Menschensohn, warum
Seufzest du doch so tief,
Wie nicht die Toten mehr tun?« – –

»Das versteh' ich nicht«, dachte er, die Hand in sein kurzes Haar legend, dann die Schläfe reibend. »Das sind ja Verse von mir. Wie kommen die hierher? – Abgeschrieben? – von Christel. – Wie kommen sie in dieses Buch? Was ist das für ein Buch?«

Er nahm die beiden Blätter heraus und öffnete das Schreibheft. Wieder ein Gedicht; wieder von ihm: das von den »Schächern« – das jüngste. Abgeschrieben von Christel ... Ein leiser Taumel stieg ihm ins Gehirn. Er nahm das Heft in die Hand, ließ sich die weißen Blätter durch die Finger laufen; jetzt sah er, die zweite Hälfte des Buchs war wieder beschrieben – und zwar Blatt für Blatt. Aber nicht mit Versen; diese Zeilen waren gleichmäßig gefüllt. Der Anfang eines Abschnitts fiel ihm in die Augen: »Gespräch mit dem Herrn Doktor am 15. September« ... Auf der nächsten Seite: »Heute sagte der Herr Doktor über die Leiden der Welt folgendes zu mir« ...

Er griff wieder an seinen Kopf. Er hielt das Buch, las mit den Augen weiter; zuerst fast ohne Verstand. Alles Gespräche mit ihm; oder Worte von ihm, wie in einem Tagebuch nach und nach gesammelt, mit wechselnder Feder – das bemerkte er – und mit blasser oder dunklerer Schrift. Allmählich kam ihm die Klarheit des Geistes wieder; die Augen flogen nicht mehr, er las ruhiger; nur in seiner Brust schlug es wie ein Hammer ... Das alles von Christels Hand! Jedes ernstere Gespräch, das er mit ihr geführt, seit zwei Jahren und mehr, von ihr aufgefangen; bald kurz, nur die auffallenden, die anregenden, die besondren Worte, bald in Rede und Gegenrede, mit ihren schüchternen Bemerkungen, ihren klugen Einwürfen, ihren tiefsinnigen Fragen. Er staunte, wie in ein tiefes Wasser hinein, in das die Sonne hinableuchtet: wohin hatten ihn so nach und nach ihre Fragen geführt; was hatte er so nach und nach an sie hingeredet, vor ihr ausgeschüttet! Alles, alles, schien ihm. Wie einst vor der Baronin ... Und wie hatte sie das alles eingesogen, dieses wunderliche Wesen; wie hatte sie es auf diesen Blättern festgehalten, als wären es die Blätter der geistigen Blume, die sich entfaltete; mit welcher lebendigen, wunderbaren, liebevollen Treue ...

Er konnte endlich nicht mehr lesen; seine Augen tropften. Aber seine Lippen lachten. Er war in der sonderbarsten, gerührtesten Bewegung seines ganzen Lebens. Wie man wohl im Traum auf einmal in einer Höhle steht, zwischen Haufen von gemünztem Gold und Schalen voll Juwelen, und zu wachen meint und sich sagt: »das hab' ich gefunden; und man denkt immer, so was kommt nicht vor, das gibt's nicht – und doch ist es möglich – und doch ist es möglich!« – so stand Ifinger da, das Buch in der Hand, das er in der Luft bewegte, damit er daran glauben müsse, und sprach vor sich hin: »Wie kann das sein. Das kann ja nicht sein. Und doch ist's! Da hab' ich's!«

Er trocknete sich die Augen, um noch mehr zu lesen; er hoffte jetzt, sie möchte noch draußen bleiben, noch nicht wiederkommen ... Auf dem Vorplatz hörte er seinen Namen rufen. Ungern, widerwillig legte er das Buch – dieses unscheinbare, in den ärmlichen Umschlag mit so grobem Faden eingenähte Buch – auf den Tisch zurück. Er antwortete mit lauter Stimme, ging und öffnete die Tür.

Draußen stand Sali, die Köchin. »Vom Herrn Erhart«, sagte sie und hielt ihm einen zusammengelegten, unverschlossenen Zettel hin. Er öffnete ihn und las:

»Soeben telegraphiert mir Schwalbe: Leo liegt im Sterben. Ich fahre nach Wien, kann nicht mit dir essen. Erhart.«

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