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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 38
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
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Viertes Buch

I

Um die Mitte des Mai – man schrieb damals 1876 – zog in das verlassene untere Haus unter dem Kasernenhügel neues Leben ein. Zuerst erschien das schwere Geschütz der Möbel und Geräte, dann Christel mit den Kindern; begleitet von Erhart, der, als »nicht edel, aber praktisch«, wie er sich selbst nannte, nach München gereist war, um bei der gesamten »Einschiffung« zu helfen. Etwa eine Woche später erschien Graf Waldsee, von nun an täglicher Gast: denn jeden Morgen kam er von Wien, um mit Ifinger in seinem Oberstock zu arbeiten. In München war er nur einige Tage geblieben, hatte dann seinem neuen Freund ausführlich berichtet, was das Telegramm nur angedeutet hatte: jede Unklarheit zwischen den Liebenden war hinweggeblasen, ihr Einverständnis sollte so lange tiefstes Geheimnis sein, bis die Baronin von ihrem Gatten die Scheidung erreicht hätte, was sie hoffen durfte. Der Graf war in Ifingers Augen verwandelt: in seiner Glückseligkeit jugendlich ausgelassen heiter, gegen den »Begründer seines Glücks« überschwenglich dankbar und zärtlich, liebenswürdig ohne Herablassung mit Christel, drollig, auch kindlich mit den Kindern; die alte Verehrung gegen Meister Erhart »artete bald in Freundschaft aus«, wie Erhart es ausdrückte. »Ich muß aber arbeiten, arbeiten«, sagte Waldsee zu Hermann gleich am ersten Tage; »schon um die Sehnsucht unterzukriegen, die mich stündlich nach München reißt! Helfen Sie mir, Doktor, Sie haben mir schon einmal geholfen; schaffen Sie mir irgendeine Tätigkeit, die mich zwingt, die mich fesselt, bei der ich mich abrackern muß!«

»Da hätt' ich einen gründlichen Vorschlag«, sagte Ifinger. »Sie haben sich bisher ›zersplittert‹, wie Sie einmal klagten; das halt' ich für kein Unglück, ich hab's auch getan; wenn man sich dann nur zur rechten Zeit konzentriert. Das ist, sozusagen, die solide Verheiratung mit dem Leben; – da Sie nun auch im gewöhnlichen Sinn heiraten wollen, tun Sie lieber beides! Sie haben keinen Dilettantenkopf, sondern ganz entschieden einen aristokratischen Gelehrtenkopf. Sie ›forschen Natur‹ wie ich; sogar auf demselben Gebiet wie ich. Grade auf diesem Gebiet arbeiten zwei besser als einer. Wenn es Ihnen recht ist, so tun wir uns zusammen! Ich kann Ihnen nicht versprechen, daß ich Ihnen durch meine Gesellschaft die Baronin ganz ersetzen werde; aber vielleicht bekomm' ich Ihnen doch noch besser als die Einsamkeit. Jedenfalls arbeiten Sie, und sägen hartes Holz, und haben das Gefühl dabei, daß wir zwei zusammen vielleicht doch einmal was Besonderes, was Großes, was – – nu, kurz, irgend etwas erreichen!«

Der Graf fiel ihm um den Hals, im Scherz und im Ernst; nannte ihn seinen »rettenden Engel«, nahm den Vorschlag mit liebenswürdiger Dankbarkeit an – und sobald das Haus leidlich eingerichtet und Ifinger bis zur Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt war (beides geschah fast zur selben Zeit), begann Waldsee am Morgen zu erscheinen, um am Abend zu gehn. Sie studierten »die ganz, ganz kleinen Lebewesen«, wie das nachplappernde Hänschen seiner Christel erzählte; es handelte sich um Ifingers Gedanken, die unsichtbar kleinen Feinde des Menschen zu erforschen, deren ungeheure Bedeutung und »Großmachtstellung« man damals zu erkennen anfing. Der Graf stürzte sich in diese Untersuchungen mit erstaunlicher Begabung und mit all seinem Feuer, das der andere zu mäßigen suchte, damit es nicht wieder, wie bei früheren Anfängen, vor der Zeit verrauche. Zugleich war und blieb Hermann der einzige Vertraute des Geheimnisses, das zwischen München und Wien beständig als Brieftaube hin und her flog. Ihm mußte die Arbeit noch gründlicher als dem Grafen helfen: ein Gefühl der Vereinsamung zu beschwichtigen, das keine Hoffnung verklärte.

Zwischen »Unterhaus« und »Oberhaus« begann sogleich ein Freundschaftsidyll, wie Erhart es geträumt hatte. Zum Mittagsmahl erschien täglich der »Lord« – als Bewohner des Oberhauses erhielt Erhart diesen Namen – und speiste mit Ifinger und Waldsee; Christel wartete auf, den Unterhaltungen zuhörend, mit einem Feuer des Anteils und der Lernbegierde, das ihr oft auf den Wangen brannte; oft zogen die Männer sie auch ins Gespräch hinein, mehr und mehr verstand sich das von selbst. An besonderen Tagen aßen die Kinder mit; Waldsee und Erhart wetteiferten dann, als sogenannte »Onkels« die Kleinen zu belustigen und zu »verderben«, wie der Vater im Angesicht des Himmels und aller Götter klagte. Wenn der Abend kam, wanderten die drei Freunde gewöhnlich auf weiten Spazierwegen umher, in den Donauauen, deren stimmungsvolle, wasserreiche Einsamkeit der Wiener so wenig kennt, oder in die lieblichen Seitentäler, oder ins Kahlengebirg hinauf. Blieb man auch zum Nachtmahl beisammen, dann verwandelte sich der »Lord«, wie er selber versicherte, aus einem mäßigen Talent in ein unmäßiges Genie, nämlich im Bowlenbrauen; und alle Monate der milden Jahreszeit wurden besteuert, um zu diesen Bowlen die Würze und den Duft zu geben. Man trank sie aber gewöhnlich nicht im Unterhaus, sondern auf der großen Altane, die vor Erharts Atelier über seinem unteren Balkon schwebte und am weitesten und freiesten in das Land hinaussah. Wenn in hellen und warmen Mondnächten die Sichel oder die Scheibe über den langen Bisamberg hinzog, oder der bleich übergoldeten Donau den Talweg nach Wien zeigte, wenn die Krone und der Herzogshut auf dem frommen Palast der Chorherren geisterhaft schimmerten, und der Kirchenbau auf dem steilen, dunklen Leopoldsberg wie eine weiße Friedensfahne glänzte, dann ward die Heiterkeit der Bowle oft still »vor lauter Schönheit«, das Gespräch schlief ein, die Magie der Nacht zog ihre stummen Kreise, und auf der Brücke, die das Mondlicht über den fahrenden Strom warf, zogen die wieder vereinsamten Gedanken in die unsichtbare Ferne.

So war schon ein Teil des Sommers vergangen; Erharts »mäßiges Talent« hatte mit vermehrter Lust und erstaunlicher Fruchtbarkeit gemalt, Wien hatte er selten betreten. Als er sich aber einmal gegen Abend – es war noch einer der langen Tage – in seinem Gärtchen erging, stieg Christel die Stufen herauf, die vom höher gelegenen Teil des am Abhang aufgebauten Unterhauses emporführten, und meldete ihm mit gedämpfter Stimme – wohl damit »ihr Doktor« sie nicht etwa höre –, daß Herr Leo Falk schon seit einiger Zeit ernstlich leidend sein solle; heut', in der Stadt, habe sie's gehört. Erhart wunderte sich; »Hab' ich so weltfremd gelebt,« dachte er, »daß ich von der das erfahre? – Schon seit einiger Zeit?« – – Er sah sich auf einmal nach München versetzt, in das »Haus der Freunde«; jene alten Tage standen ihm in der plötzlichen, brennenden Deutlichkeit vor Augen, mit der oft etwas lange Vergessenes in unserm so ganz anders beschäftigten Hirn erwacht. Es kam ihm vor, als habe er Leo seit Jahr und Tag nicht mehr gesehn ... »Ich dank' Ihnen; ich werd' einmal hinschauen!« sagte er zu Christel; ging in sein Häuschen zurück – und mit dem nächsten Zug fuhr er nach Wien hinab. Der Tag war noch hell. Er fuhr auf der Pferdebahn weiter, bis er mitten in der Stadt war; schlenderte dann zu Fuß durch die Straßen fort, vom »Wagen- und Menschenskandal« wenig beirrt: denn irgendeine besondere, auffallende Gestalt, die ihm begegnete, warf ihn sogleich wieder in seine malerischen Phantasien zurück, die eben aus Wirklichem und Märchenhaftem allerlei »schnurrig Neues« zu gestalten strebten. Als er den Opernring kreuzte – Falk wohnte damals in der Technikerstraße – weckte ihn aus seinem Halbtraum eine etwas dünne Stimme. Er sah auf und bemerkte zu seinem Erstaunen die kleine, rundliche Nase und das rötliche Gesicht des »Merkur«, wie sie in München den Doktor Schwalbe genannt hatten. Schwalbe stand vor ihm, den abgenommenen Hut in der Hand, und begrüßte ihn mit etwas unsicherer Vertraulichkeit und seinem bekannten, unpersönlichen Lächeln.

»Wie kommen Sie nach Wien, Doktor?« fragte Erhart, indem er ihm die Hand gab.

»Wissen Sie das noch nicht?« antwortete Schwalbe im Falsett einer leisen, gemütlichen Empörung. »Sie sind der richtige Eremit, das muß man schon sagen. Seit vier Monaten leb' ich ganz in Wien: kuriere hier die Leute; wenn Ihnen mal was fehlt, wenden Sie sich an mich. Ich wäre ja längst zu Ihnen hinausgekommen; aber Leo – ich meine Leo Falk – sagte mir gleich: den stören Sie bloß, den lassen Sie nur in Frieden!«

»Sehr richtig!« dachte Erhart, mit einem flüchtigen Blick über Schwalbes unbedeutende, noch behaglicher gerundete, vor Zeiten so manchesmal »geprellte« Gestalt. »Doktor, Sie reden von Falk«, sagte er dann laut. »Ich geh' grade zu ihm. Ist es wahr, daß er ernstlich krank ist?«

Schwalbe lächelte: »Nein, das ist er wohl nicht; urteilen Sie selbst: dann hätt' er wohl einen andern Arzt als mich! – Ich will auch eben hin; ich begleite Sie ... Er hat sich überarbeitet, wahnsinnig, sag' ich Ihnen; dazu fidel gelebt. Er muß sich gründlich erholen, alle Säfte und Kräfte müssen Ruhe haben; sonst lebt er sich tot. Ich predige ihm täglich: Ruhe und Milch! Hoffentlich gehorcht er. Dann ist alles gut; denn Sie wissen ja, dieser kleine Leo hat eigentlich eine göttliche Konstitution!«

Erhart nickte. »Gewiß,« sagte er, »die hat er; – wenn er Ihnen gehorcht!« – – »Das ist ja alles sehr tröstlich,« dachte er dann, schon im Weitergehn; »bei alledem möcht' ich aber meine Meerweiberphantasie noch zu Ende denken. Ich frag' Schwalbe nach Leos neuesten Bildern, die ich noch nicht kenne; dann ist er gleich im Kunstschwatzen, wie immer; davon versteht er nichts, ich hör' natürlich nicht zu und denk' meine Sachen!« – Er fiel wieder in seinen behaglichsten, schlendernden Träumergang, denn nun hatte er keine Eile; und indem er auf die Steinfiguren der Elisabethbrücke sah, ohne sie recht zu sehn, fragte er verloren: »Sie kennen natürlich seine neuesten Schildereien?«

»Leos?« fragte Schwalbe fast entrüstet zurück. »Ich kenne ja jeden Pinselstrich, den er macht; ich bin ja alle Tage da; schreib' seine Briefe, seine Telegramme – kurz, besorg' ihm alles! – Das vorletzte Bild, das war mir das liebste: Diana und ihre Nymphen im Wald. Die Nymphen tanzen im Mondschein. Brenzel, der hier war, sagt ja, das ist ein Mondschein, wie es keinen gibt; aber es ist was Magisches drin, das der mit seinem kahlen Kopf nicht versteht. Reine Zauberei! Ich sag' Ihnen, man wird aus einem Doktor der Medizin selber eine Nymphe!«

»Auf dem abschüssigen, braunen Ufer – wie bei Sorrent, nur viel niedriger – liegen drei wilde Kerle«, dachte Erhart unterdessen, während Schwalbe sprach. »Es sind eigentlich ganz ordinäre Burschen; braune Haut, durch die Lumpen durch; aber mächtige Geierfedern auf den alten Hüten, und Athletenmuskeln. Die reine faulenzende Kraft ...«

»Übrigens, hatten Sie denn seine Zentauren schon gesehn, eh' sie nach München gingen?« fragte Schwalbe, der stehenblieb.

»Nein«, antwortete Erhart und ging langsam weiter.

»Oh, die mußten Sie sehn! Da war besonders eine junge Zentaurin – – ein kokettes Mädel. Die drehte ihre Büste so – und hatte so verflucht moderne, sinnliche, wunderbare Augen ...«

»Unten im Wasser die Meerweiber«, dachte der Maler unterdessen weiter. »Schlanke, göttliche Leiber; so antik griechisch schön, wie ich's nur irgend kann; aber weiß, bleich; haben keine Sonne. Dagegen die braunen Bursche da oben so recht in der Sonnenglut ...«

»Ei ja, das ist gut, daß wir darüber sprechen!« fuhr Schwalbe eifriger fort, neben Erhart hergehend. »Wenn das Bild zurückkommt, müssen Sie es sehn! – Diese junge Zentaurin, und ebenso eine von den Tänzerinnen – von den Nymphen, mein' ich – die erinnert von weitem an eine bestimmte, bekannte Person – ich glaube, Sie kennen sie auch. Noch aus alten Zeiten!«

»Zwei von den Meerweibern,« dachte Erhart im vollen Behagen seiner Einsamkeit, »sind nur so halb aus dem Wasser; die dritte sitzt auf einem braunen Felsblock; nur ihr langes Haar hängt zum Teil ins Meer. Sie haben keine Fischschwänze, sondern Menschenbeine. Die dritte ist die schönste; hat aber die traurigsten Augen, die man sehen kann; mit denen schaut sie zu den sonnigen Kerlen hinauf ...«

»Übrigens,« sprach Schwalbe weiter, »wir werden diese sonderbare Person wahrscheinlich bei Leo treffen; denn seit er krank ist, besucht ihn die gute Lina fast täglich –«

»Die Kerle aber auf dem Fels, die sehen und hören nicht; liegen da und würfeln ...«

Auf einmal schlug der Name »Lina« an des Malers Ohr; das erste Wort, das er mit Bewußtsein hörte. »Was reden Sie da von Lina?« fragte er unwillkürlich.

»Nu, so heißt sie ja eigentlich; Lina Schellenberg. Ja, die werden Sie wohl bei Leo sehn!«

»Die werd' ich wohl bei Leo sehn?« fragte Erhart, dem es einen Ruck gab. Er blieb stehn und drehte sich gegen Schwalbe, der dasselbe tat. – »Wieso und warum?«

»Nu, ich sag's ja eben. Früher war sie fabelhaft ablehnend gegen ihn – das heißt, bald so und bald so; man wurde nicht klug daraus – aber seit der Leo wegen dieser elenden Nervenschwäche, die ihn ganz melancholisch macht, meist zu Hause bleibt, seitdem spielt sie die barmherzige Schwester und kommt viel zu ihm. Vielleicht hat sie auch wirklich ein gutes Herz, – ich weiß nicht; vielleicht schmeichelt es ihr, daß man sich in Wien erzählt: der große Maler, der arme Falk, wird von der schönen Tänzerin so rührend gepflegt! – Etwas Rührendes hat es ... Aber erlauben Sie, was machen Sie denn eigentlich für ein bedenkliches Gesicht? – Gehen wir nicht weiter?«

»Lina wiedersehn!« dachte Erhart. »Wünschen tu' ich mir's nicht! – – Aber den Teufel auch, das fehlte noch: vor einem Frauenzimmer auszukneifen – und vor was für einem.« Er warf mit einer kräftigen Bewegung den Kopf zur Seite und zurück und ging in den Anlagen am Wienfluß vorwärts, jetzt mit großen Schritten. Dann kamen sie über den Platz auf das Eckhaus zu, in dem Leo wohnte. Mit den Meerweibern war es aus, Erhart dachte an die Salzburger Zeit, und wie ihn diese »Ausreißerin« begrüßen werde ... Sie stiegen die Treppe hinauf – er wohnte im ersten Stock – und traten bald in das Zimmer, in dem der Kranke sie empfing.

Leo lag im Lehnstuhl, träg und matt, wie Erhart ihn noch nie gesehn; die kleine Gestalt war sogar in einen seidenen Schlafrock gehüllt, und an den zierlichen Füßen hatte er weiche Schuhe. Er sah nicht krank, aber sonderbar leidend aus; die Brauen nach oben gespannt, die Haut welk und von einigen unjugendlichen Linien durchschnitten, die Augen ohne Feuer. Mit der Hand grüßend, ohne aufzustehn, rief er den Freunden mit schwacher, gleichsam eingerosteter Stimme ein paar Worte zu. Als Erhart hinzutrat und ihm die Hand gab, erstaunte er, wie kalt Leos Finger waren. »Ich höre, Sie sind nicht wohl«, sagte er, die Finger unwillkürlich loslassend. »Friert Sie, alter Freund?«

Leo blickte auf seine Hand, mit einem müden, schwerfälligen Lächeln, das aber doch ein paar neue, scharfe Falten zeigte. »Weil die Pratzen kalt sind?« erwiderte er. »Das ist ein ganz natürlicher Vorgang: ich sterbe allmählich ab. Bei den Fingern fängt's an'.«

»Machen Sie doch nicht solche Scherze«, sagte Erhart. »Sie haben zuviel gemalt, sagt der Doktor. Das ist die ganze Geschichte!«

»Die ganze Geschichte ist, daß es mit dem Malen aus ist. Ich werd' nie mehr malen. Ein Mensch, der nicht mehr malen kann, ist ja doch ein Leichnam. Man könnt' mich ja auch jetzt schon beerdigen, es läg' nichts mehr dran; aber die Leute warten gewöhnlich, bis der Kerl wirklich tot ist!«

»Schämen Sie sich!« sagte jetzt aus der Ecke eine helle, etwas scharfe Stimme. Erhart sah hin; er war fast erschrocken. Beim Eintritt gleich von Leos Anblick ergriffen, hatte er nicht bemerkt, daß noch jemand da war. Im halbdunklen Winkel, in einem Armsessel, saß oder lag die Lina, als wäre sie hier zu Hause; sie trug ein einfaches, braunes, hochgeschlossenes Kleid, das aber, wie angegossen, ihre vollen Schultern und die außerordentliche Schönheit ihres Wuchses zeigte. Erhart starrte sie mit den weit offenen Maleraugen an; gegen damals war sie um zwei Jahre älter und um zehn Jahre schöner, bei diesem ersten Blick wenigstens kam es ihm so vor. Die wunderliche Person ließ sich übrigens ruhig betrachten, ohne sich zu rühren; sie lächelte ihn nur zutraulich an. Zutraulich? Es schien so; es konnte auch eine in der Geschwindigkeit angelegte Maske sein, um eine gewisse Verlegenheit dahinter zu verbergen. Zuletzt stieg doch noch, wie nachträglich, eine leichte Röte in das helle, leuchtende Gesicht. Sie war aber schnell wieder fort.

»Nu, geben Sie mir nicht eine ›schöne Hand‹?« sagte Lina endlich, die noch immer still lag. »Wir kennen uns ja doch, sind ja alte Freunde.«

»Ah ja!« murmelte Leos müde Stimme. »Aus der Münchner Zeit!«

»O nein: noch viel später«, antwortete das Mädchen, stand auf, da Erhart ihr nicht näher trat, ging auf ihn zu und nahm seine niederhängende Hand. »Wir waren ja in Salzburg lustig miteinander. Gelt? Damals war ich noch ›fesch‹, ›alleweil fidöl‹; ein ›dolles Mädchen‹, wie sie in Berlin sagen. Jetzt bin ich solid! schauderhaft solid. Fragen Sie den Herrn Falk, ob ich nicht solid bin!«

Leos Antwort war nur ein Seufzer. Die große, schöne Gestalt, von der aber ein etwas betäubender Wohlgeruch ausströmte, trat neben Leos Lehnstuhl, dehnte sich mit drollig pathetischem Ernst und machte darauf ein Gesicht, als würden sie beide photographiert. »Nicht wahr, wir sind eine melodramatische Gruppe«, sagte sie zu Erhart. »Der edle kranke Maler und seine barmherzige Schwester. Wie rührend. – Ich bin nur noch barmherzige Schwester, weiter nichts!«

»Nein, weiter nichts«, murmelte Leo wieder. Er sah zu ihr hinauf; in die Augen kam wieder ein Falksches Feuer, aber ein nicht gesundes, schmachtendes, langsam verglühendes. Sie tauchte ihren Blick in den seinen; es nahm sich sonderbar aus, als sauge sie dieses Feuer ein, wie man sonst etwa den Duft einer Blume einsaugt. Dabei flog etwas wie ein Lächeln um ihre üppigen, vorgewölbten Lippen. Erhart betrachtete sie jetzt mit weniger Wohlgefallen; sie schien ihm nicht mehr verschönert, dagegen unheimlicher. Aus ihren »Katzenaugen« sahen ihn, als sie wieder aufblickte, gleichsam zwei Wesen auf einmal an: ein verlangendes, sinnliches und ein lauerndes, verschlagenes ...

»Ich muß ja aber noch sehr zufrieden und sehr dankbar sein«, fing Leo Falk wieder an und nahm ihre freie linke Hand, die neben ihm herabhing. »Eine barmherzige Schwester – es gibt ja keine zweite wie die. Alle Tage kommt sie. Wenn sie nichts zu tun hat, kommt sie jeden Abend, wie heut'. Ich möcht' nur wissen, was in dem Mädel vorgeht, daß sie so gut zu mir ist; – früher war sie's nicht!«

»Das ist alles nur die Eitelkeit«, sagte Lina lachend. »Weil Sie der große Maler sind, den alle Welt so bedauert. Darum lauf' ich alle Tage her, wie närrisch, und mach' mir nichts daraus, ob Sie mich kompromittieren – oder ich Sie – ich weiß nicht, was richtiger ist. Kommt auch nicht drauf an!«

Leo schüttelte den Kopf und strich mit allen Fingern langsam über ihre Hand. »Nein«, sagte er weich; »nein, Mädel, du bist gut –«

»Sagen Sie noch einmal du,« unterbrach sie ihn, »so geh' ich aus der Tür!«

Er zuckte gegen Erhart die Achseln. »Ja, so ist dieses Mädel«, sagte er langsam, mit einem leidigen Lächeln. »Wir sollen wie zwei Hofräte miteinander sein; wahrhaftig. – Aber bei alledem ist sie gar so gut!«

»Sie leisten ihm also wirklich Gesellschaft?« fragte Erhart, der das üppige Mädchen mehr und mehr wie ein Rätsel ansah. »Ordentlich? Stundenlang?«

»Ganze Nachmittage! ganze Abende!« antwortete Leo für sie, da Lina nur lächelte und nickte. »Sie gibt mir zu essen, zu trinken; sie spielt Karten mit mir – dabei benehm ich mich schauderhaft dumm! – und sie liest mir vor. Sie liest mir ganze Stücke vor, das ist ihre Leidenschaft; ich sage Ihnen, ausgezeichnet – wie auf dem Theater. Jeder in seinem Charakter; wahrhaftig ...«

»Sie liest schauderhaft«, flüsterte Schwalbe hinter Erharts Rücken. »Sie hat keine Stimme.«

»Kurz,« nahm nun Lina das Wort, die immer noch, wie eine theatralische Mutter oder Schwester, neben ihrem Kranken stand, – »kurz, ich bin eine außerordentliche, wunderbare, rührende Person!«

»Ja, das sind Sie auch«, sagte Leo, der wieder über ihre weiße Hand strich, bis sie sie wegzog und ihn leise damit schlug. Seine Augen glitten an ihr hinauf und irrten dann umher ... »Schwalbe!« sagte er plötzlich, »hat Erhart, als Sie eben kamen, im Speisezimmer den bemalten Tisch gesehn?«

Erhart schüttelte den Kopf. »Ich hab' nichts gesehn.«

»Den sollten Sie doch einmal anschauen; meine letzte Arbeit – als ich noch malen konnte. Vielleicht eine Dummheit ... Schauen Sie's doch an, und sagen Sie mir, wie es ist!«

»Man kann nicht viel mehr sehn, es wird Nacht«, warf Schwalbe ein. Leo richtete aber seinen Oberkörper nervös ungeduldig auf: »Quatschen Sie doch nicht, Schwalbe. Erhart kann noch sehn, der hat andre Augen als Sie. Führen Sie ihn nur hin und zeigen Sie ihm den Tisch!«

Der gutmütige Merkur gehorchte seinem ungnädigen Jupiter und ging achselzuckend voran. Erhart folgte ihm. Die Tür blieb offen. Im angrenzenden Speisezimmer, dessen hohe, schwarze Stühle Leo alle selbst in zierlichster Renaissance mit weißen und grauen Ornamenten aller Art bemalt hatte – seine Tätigkeit in diesen letzten Jahren war fast unbegreiflich – stand ein Anrichttisch, dessen Tafel wie eine eingelegte Arbeit aus edlen Steinen aussah; es war aber alles mit dem Pinsel gemacht. Ein Hauptbild in der Mitte stellte dar, wie antikgekleidete Fischer im Meer, am Ufer, mit Angeln und Netzen fangen und mit Dreizacken harpunieren; mächtige erbeutete Fische glitzerten silbern aus dem Bild hervor. In einem breiten Rand, der außen herumlief, hingen Fruchtgewinde und allerlei Wildbret, wie es zu Lande für die Küche erjagt wird; auch Gold- und Silberfasane, Pfaue und andre farbenprächtige Geschöpfe leuchteten dem Beschauer entgegen. Alles war aber mit Absicht und Kunst etwas naturlos stilisiert gemacht, als wär' es eben aus farbigen Steinen, in größeren und kleineren Stücken, geschickt zusammengesetzt. Schwalbe hatte übrigens recht: der Tisch stand von den Fenstern entfernt und der Tag verschwand schon.

»Ich kann allerdings wenig mehr sehn«, flüsterte Erhart. Er sprach so leise, weil er hören wollte: denn er hatte das Gefühl, daß Leo sie beide geflissentlich entfernt hatte. Ihm lag aber dumpf auf der Seele: was hat denn diese Tänzerin mit dem Mann im Sinn? – Nebenan hörte er nur ein unverständliches, doch erregtes Flüstern. Die Augen auf den Tisch geheftet, horchte er gespannt. » No, no, no!« hörte er auf einmal Linas gedämpfte und darum heiser klingende Stimme, und ein Kleiderrauschen. »Wenn Sie keine Ruh' geben, komme ich nicht wieder!«

Er konnte dann vernehmen, wie sie durch das Zimmer ging. Langsam kehrte er um und trat in die offene Tür. Das Mädchen stand am Fenster. Die Augen Leos, in denen er wieder dieses leise brennende Glimmen sah – der letzte Tag fiel darauf –, hingen an ihrer schlanken, in der Fülle noch immer mädchenhaften Gestalt. Zurückgedrängte unerwiderte Zärtlichkeit schien ihn zu verzehren ... »Ein andermal, mein Alter«, sagte Erhart ruhig. »Jetzt kann ich wirklich nichts mehr sehn!«

Lina wandte sich. »Wie nett er das sagt: ›mein Alter‹!« rief sie drollig aus. »Als ich das eben hörte, fiel mir ein, Herr Erhart: das haben Sie auch mir einmal gesagt; ja, ja, ja, in Salzburg. Da waren Sie kreuzlustig ...« Sie kam zurück und blickte ihren armen Patienten übermütig, gleichsam herausfordernd an, indem ihr Lockenkopf auf den andern zeigte: »Ja, mein lieber Meister Leo, dem war ich auch einmal gut. Sehr gut.« In einer Art von Singsang setzte sie hinzu, vor Leo in ihrer ganzen Pracht sich aufpflanzend: »Ihnen bin ich nicht gut – bin ich nicht gut – bin ich nicht gut!«

Sie lächelte dann närrisch und rauschte wieder von ihm hinweg. »Ifinger hat recht«, dachte Erhart: »eine Pfauenstimme!« Leo Falk schien aber keine Stimme zu hören, nur eine Gestalt zu sehn. Er ging ihr mit den Augen nach, suchte auch zu lächeln; es war aber mehr ein unruhiges Auf und Nieder des dichten schwarzen Bartes über den verzogenen Lippen.

»Und nun gehn wir alle!« rief das Mädchen aus, nahm ihren weißen Überwurf vom Tisch und deckte ihn über ihre runden Schultern. »Bitte, meine Herren, Sie auch. Der Meister hat genug geschwatzt und gehört, er muß Ruh' haben; nicht wahr Doktor? nicht wahr?« – Schwalbe verneigte sich, er wagte nicht zu widersprechen. – »Morgen komm' ich wieder; wenn Sie brav sind, heißt es. Ich les' Ihnen auch wieder vor; dramatisch; eine zweite Wolter. Jetzt geh' ich in meine einsame Höhle – will von Ihnen träumen. Meister Falk, gute Nacht!«

Sie gab ihm eine letzte Hand, die er dankbar küßte. Dann wartete sie noch, bis die Männer gingen; eher ging sie nicht. Nun hüpfte sie die Treppe hinab, wie ein junges Ding; erst in der Haustür gewann sie ihre Würde einer »Dame« wieder. Ein elegantes Coupé hielt jetzt auf der Straße; ein Diener öffnete ihr den Schlag. Sie sprang hinein, ihr lachendes Gesicht erschien dann noch am Fenster. Sie winkte den beiden Männern mit der Hand; »Servus!« rief sie noch. Der Wagen rollte davon.

»Sagten Sie nicht, Sie wären Leos Arzt?« fragte Erhart, nachdem er dem raschen Coupé eine Weile nachgesehen hatte.

»Nun ja«, sagte Schwalbe.

»Glauben Sie, daß diese Dame für ihn eine rechte Medizin ist? – Glauben Sie das, Doktor?«

Schwalbe hob und senkte die Achseln. »Was soll ich dabei machen – sagen Sie doch selbst!« antwortete er etwas verlegen. »Der Leo wirft mich ja aus der Tür, wenn ich mich da einmische. Das sind so Sachen – bekanntlich!«

»Ja, das sind so Sachen. – Und die ›einsame Höhle‹?«

»Das will ich Ihnen sagen: in der ›einsamen Höhle‹ erwartet sie jetzt der dicke Ansbach, mit einem liebevoll und talentvoll ausgedachten Souper.«

»Nun, und was glauben Sie denn, Sie alter Merkur, was das Mädel vom Leo will?«

Schwalbe bewegte resigniert den Kopf und die rechte Schulter. »Wer weiß, was ein Mädel will!«

»Glauben Sie, daß sie ihn sehr unterhaltend findet? – Sie kennen ihn ja doch. Unterhaltend mit dem Pinsel, ja; aber doch nicht mit der Zunge!«

»Nun, was das betrifft,« entgegnete der Doktor, »da beansprucht Lina Schellenberg aus Hallein nicht viel. Sie braucht nur Gesellschaft; auf Geist und Witz kommt es nicht sehr an. Im Gegenteil, sie hat eher plebejische Bedürfnisse: so hat sie da ein verhutzeltes Persönchen aus ihrer Gegend, eine Schneiderin oder Näherin – Lieschen Goldperl heißt sie –, mit der sitzt sie stundenlang, hat man mir erzählt, und sie schwatzen Löcher in die Wand, bis sie nicht mehr können. Eine Staël oder George Sand ist die Lina ja nicht!«

»Aber zum Teufel, Herr, damit erfahr' ich nicht, was sie von ihm will?«

»Eine Laune, hoff' ich. Sie wissen ja, Launen sterben einen natürlichen Tod. Na, wenn diese tot ist, dann schlepp' ich den Leo irgendwohin, zur Luftkur – wogegen er sich jetzt noch wehrt. Gesund wollen wir ihn wohl kriegen; das ist keine Frage ... Ich muß noch in die Vorstadt. Fahren Sie nach Ihrem Wolkenkuckucksheim zurück?«

»Ja, Doktor, ich kehre in die Natur zurück.«

»Nun, dann gute Nacht!«

Schwalbe ging der Karlskirche zu, und dort um die Ecke.

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